01. September 2016 / 09:26 Uhr

1. FC Germania Egestorf/Langreder und der NFV: Wie nah ist zu nah?

1. FC Germania Egestorf/Langreder und der NFV: Wie nah ist zu nah?

Heiko Rehberg
Die Nummer eins am Deister: Fans des 1. FC Germania beim Pokalspiel gegen Hoffenheim.
Die Nummer eins am Deister: Fans des 1. FC Germania beim Pokalspiel gegen Hoffenheim. © Stefan Zwing
Anzeige

Bevorzugt der Niedersächsische Fußballverband den 1. FC Germania Egestorf/Langreder? Diese Frage beschäftigt mehrere Clubs in der Region. Ihr Anwalt spricht von einem „Klüngel vom Feinsten“, der NFV-Präsident wittert eine Kampagne. Spurensuche in einem komplizierten Fall.

Buzzer deine Meinung!
  • Fail
    -
    Fail
  • Läuft
    -
    Läuft
  • Krass
    -
    Krass
  • WTF
    -
    WTF
  • Kopf Hoch
    -
    Kopf Hoch
  • Peinlich
    -
    Peinlich
Anzeige

Ein Gesprächsthema im hannoverschen Amateurfußball ist es schon seit Jahren. Zumindest in dem Punkt sind sich alle einig. Kein Gesprächsthema für die Öffentlichkeit, sondern ein Tuschelthema. „Die Problematik besteht seit zehn Jahren“, sagt Rechtsanwalt Jürgen Scholz. „Das Thema beschäftigt mich in Etappen seit Jahren immer wieder“, sagt Karl Rothmund, Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV). Die „Problematik“ beziehungsweise das „Thema“: Bevorzugt der NFV einen von seinen 2600 Mitgliedsvereinen, nämlich den 1. FC Germania Egestorf/Langreder?

Hätte Scholz vor knapp zwei Wochen gegenüber Spiegel Online nicht einen sehr provokanten Vergleich gewählt, wäre es vermutlich ein Tuschelthema geblieben. Doch vor dem größten Spiel in der Vereinsgeschichte des 1. FC Germania, dem DFB-Pokalspiel gegen Bundesligist 1899 Hoffenheim (0:6), sagte Scholz, dass „Germania in dem Sinne Rothmunds Verein ist wie der BFC Dynamo Erich Mielkes Klub war“. Öffentlich hatte bis dahin niemand derart plakativ auf eine mögliche Nähe zwischen Verband und dem Verein in dessen Nachbarschaft hingewiesen. Zurücknehmen will Scholz den Satz auch heute nicht. Rothmund sprach von einer „Unverfrorenheit, vielleicht braucht Scholz Publicity“.

Seitdem rumort es gewaltig in Hannovers Amateurfußball. Der NFV will sich mit dem Thema am Donnerstag auf seiner turnusmäßigen Präsidiumssitzung beschäftigen. Fakten und Gerüchte purzeln teilweise wild durcheinander, die Sichtweisen der Beteiligten sind sehr unterschiedlich. Ist es eine „Kampagne“ gegen den NFV und 1. FC Germania, wie Rothmund vermutet, der von „Hinterfotzigkeit“ spricht? Steckt „Neid“ dahinter, wie es Germanias Vorsitzender Torsten Seebeck vermutet? Oder herrscht da in Barsinghausen ein „Klüngel vom Feinsten“, wie Scholz es sieht?

Brisante Fragen und ein ausgeschlagenes Gesprächsangebot

Um die komplizierte Geschichte besser verstehen zu können, ist ein kleiner Rückblick ins Frühjahr 2015 notwendig.
„Die Vereine im hannoverschen Amateurfußball“, sagt Frank Willig, Vorstand des Oberligisten Arminia Hannover, „kochen normalerweise alle ihr eigenes Süppchen.“ Umso erstaunlicher ist ein Treffen von vier Clubs vor anderthalb Jahren: Die Verantwortlichen des TSV Havelse, des HSC, des 1. FC Wunstorf und des SV Arminia setzten sich zusammen und baten den hannoverschen Rechtsanwalt Scholz, sich in ihrem Namen mit dem Niedersächsischen Fußballverband (NFV) in Verbindung zu setzen.

Der Grund: Die Clubs – ein Regionalligist und drei Oberligisten – seien in „großer Sorge hinsichtlich der Unparteilichkeit des NFV als ihr Dachverband“. So steht es in der Anfrage, die Scholz am 11. Februar vor einem Jahr an den NFV mit Sitz in der Schillerstraße in Barsinghausen schickte. Die „Annahme“ der Vereine: Die Unparteilichkeit habe „seit geraumer Zeit eine Schieflage“ zugunsten eines Vereins erlitten: des 1. FC Germania Egestorf/Langreder, damals Oberligist, heute Regionalligist. Mit anderen Worten: Germania werde bevorteilt vom Verband.

„Wir haben uns damals gesagt: Ich formuliere mal die Verdachtsmomente, die Auffälligkeiten, die Ungereimtheiten“, sagt Scholz, der dem Verband „brisante Fragen“ schickte. Zum Beispiel die Frage, ob der NFV den 1. FC Germania „direkt oder indirekt“ gesponsert habe? Ob beim Verband Stellen geschaffen wurden, um Spieler zu einem Wechsel zum 1. FC Germania zu bewegen? Oder ob Angestellte des NFV ihre Dienstzeit nutzen, um für Egestorf zu arbeiten?

Fragen, mit jeder Menge Zündstoff, wenn es tatsächlich so wäre. Fragen, zu denen der NFV sieben Tage nach Eingang des Schreibens ausführlich Stellung nahm und auf vier Seiten alle Vorwürfe von sich wies, verbunden mit dem Angebot von Präsident Rothmund an Scholz und die vier Clubvertreter zu einem persönlichen Gespräch, inklusive dreier Terminvorschläge.

Rothmund sagt, der Verband habe „mühselig alles beantwortet“, er selbst habe sogar drei-, viermal nachgefragt nach einem Gespräch, aber von Scholz die Antwort bekommen, dass die von ihm vertretenen Clubs keinen Wert mehr darauf legen. Scholz bestätigt das, kann aber die Vereinsvertreter verstehen. „In dem Antwortschreiben wurde alles abgebügelt“, sagt Scholz, der beim Verband „kein Deut Unrechtsbewusstsein“ erkennt. Deshalb habe es auch keine Gesprächsgrundlage gegeben.

Vereine stellen sich öffentlich hinter Scholz

Anderthalb Jahre und einen Online-Artikel später wird wieder gesprochen, allerdings übereinander. „Das Thema ist weiter aktuell, es hat sich ja nichts daran geändert“, sagt Arminias Willig. Es seien auch viel mehr Vereine, die sich Fragen nach der Beziehung zwischen NFV und Germania stellen würden. Arminia, der HSC, Havelse und Wunstorf haben vergangene Woche jeweils auf ihrer Homepage einen Bericht platziert, in dem sie darauf hinweisen, dass „Rechtsanwalt Jürgen Scholz nicht nur eine Einzelmeinung, sondern vielmehr die offizielle Meinung von vier größeren Vereinen sowie weiteren darüber hinaus vertritt“.

Viele Vereine, sagt Scholz, „haben Schiss, aus der Deckung zu kommen“. Aber ihnen ginge es mittlerweile wie ihm selbst: „Sie haben keine Lust mehr, sich das anzuschauen. Wenn man Egestorf nennt oder den von Egestorf dominierten Jugendverein Calenberger Land, dann sagen die Leute: Ach ja, der NFV-Verein. Das ist Allgemeinwissen in der Region und in Niedersachsen.“

Statt Geburtstagsgeschenke eine Spende für das Germania-Sportheim

Es gehört zu den Kuriositäten der Geschichte, dass es der verstorbene Engelbert Nelle war, Rothmunds Vorgänger als NFV-Präsident, der Egestorf/Langreder mal launig „meine Betriebsmannschaft“ genannt hat. Auch Rothmund muss sich nicht wundern, dass mit Argwohn auf den NFV und Germania geschaut wird. Vor drei Jahren, anlässlich seines 70. Geburtstages, hieß es in der Einladung: „Wenn Sie dem Jubilar eine Freude bereiten möchten, helfen Sie dem 1. FC Germania Egestorf/Langreder bei der Sanierung und dem Umbau des Sportheimes mit einer Spende.“

Unterzeichnet war die Einladung vom damaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, und dem heutigen DFB-Präsidenten und damaligen NFV-Vize Reinhard Grindel. „Es ist doch nicht illegetim, keine Geburtstagsgeschenke haben zu wollen“, sagt Rothmund. „Wenn ich ein Problem darin gesehen hätte, dann hätte ich für eine Fußballstiftung gespendet.“ Als Verband, sagt Scholz, könne man einen derartigen Aufruf für einen einzigen Verein nicht machen.

Der Rechtsanwalt hat beim NFV früher als oberster Verbandssportrichter gearbeitet. Als der SV Arminia, dessen Präsident Scholz früher war, 2003 mit der Aufschrift „Kanzlerstadt“ auf der Hose auflief und der NFV das untersagte, klagte er sich durch vier Instanzen, bis das Landgericht die Hosenwerbung erlaubte. Man kennt sich also. Den Vorwurf, den Fall NFV/Egestorf für Publicity nutzen zu wollen, weist Scholz von sich. „Mir geht es nicht um Öffentlichkeit für mich, sondern für die Sache. Ich habe so ein Unbehagen, wenn ich an den Verband denke. Das verzwickt und verzahnt sich auf eine Art und Weise, dass es so unglaublich unschön ist. Die haben beim NFV jede Schamgrenze hinter sich gelassen.“

Scholz meint damit vor allem die „Personalunion“, die es zwischen Verbands- und Vereinsmitarbeitern gebe. In zweistelliger Anzahl arbeiten aktuelle oder ehemalige Spieler von Germania beim NFV, einer seiner Tochterfirmen oder beim DFB, bei dem Rothmund von 2007 bis 2013 Vizepräsident war. Der stellvertretende NFV-Direktor Jan Baßler beispielsweise spielt für Germania und „kümmert sich dort um die erste Mannschaft“ (Rothmund). Manfred Finger aus der NFV-Pressestelle fungiert als Germania-Pressesprecher und Stadionsprecher.

Rothmund, der übrigens nicht Mitglied bei Egestorf/Langreder ist und dort auch keine Funktion ausübt, sagt, dass beim NFV mit seinen 120 Mitarbeitern niemand mit der Maßgabe eingestellt wurde, dass er bei Germania spielen muss. Der Verband habe „Top-Leute“ eingestellt und keine einzige zusätzliche Stelle geschaffen, um Germania-Spieler unterzubringen. Final werde über jede Personalstelle durch das aus 13 stimmberechtigten Mitgliedern bestehende NFV-Präsidium entschieden unter Einbeziehung des Betriebsrates. Entscheidend seien dafür ausschließlich sachliche und persönliche Qualifikation. Und ein „exzellenter Mann“ wie Baßler, der bereits sechs Jahre vor der Einstellung beim Verband bei Germania als Spieler angeheuert habe, hätte einen Job beim NFV „sicherlich nicht gebraucht“.

Künftig ein bisschen mehr Zurückhaltung

Scholz hält das Personalgebaren des NFV „unabhängig von strafrechtlicher Relevanz für moralisch verwerflich“. Um das Problem, das er und die von ihm vertretenen Vereine haben, redet Scholz nicht herum. „Viele Leute erzählen was, aber du findest nie jemand, der sagt, ich packe jetzt mal Butter bei die Fische und gebe eine eidesstattliche Versicherung ab. Wenn die Staatsanwaltschaft irgendwann mal aus einem Anlass die Muße findet zu ermitteln, bin ich überzeugt, dass der eine oder andere seinen Hut nehmen muss“, sagt Scholz.

Rothmund sagt, er habe von den Vorwürfen „langsam die Nase voll. Mir ist das alles völlig unverständlich. Arminia beispielsweise hat mir und Bastian Hellberg (Direktor des NFV, d. Red.) viel zu verdanken, wir haben dem Verein bei seinen finanziellen Schwierigkeiten über das normale Maß geholfen. In keinster Weise wurden Vereine benachteiligt.“

Wie aber will der NFV künftig dem Argwohn vieler Clubs begegnen? Er könne verstehen, dass „man sich vielleicht ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl wünscht“, sagt Rothmund. Man werde überlegen, den Mitarbeitern bei ihren Tätigkeiten außerhalb des Verbands „ein bisschen Zurückhaltung aufzuerlegen“. Er selbst habe sich nichts vorzuwerfen. „Ich werde in einem Jahr erhobenen Hauptes beim NFV rausgehen. Meine Sorge ist, dass die Mitarbeiter, die für den Verband einen ausgezeichneten Job machen, beschädigt werden. Das werden wir mit allen Mitteln zu verhindern wissen. Sorgen und Kritik unserer Vereine nimmt nicht nur der Präsident ernst. Aber an der Personalityshow des Herrn Scholz werden wir uns nicht beteiligen.“

Wie der Verein auf die Vorwürfe reagiert, lest ihr hier.

Die aktuellen TOP-THEMEN

Mehr Fußball aus der Region

Mehr Fußball vom Sportbuzzer

Anzeige
Sport aus Göttingen/Eichsfeld
Sport aus aller Welt