22. Februar 2018 / 07:51 Uhr

Als der 1. FC Lok Leipzig auf Neapel traf: Zimmerling, die Stasi und eine Uhr von Maradona

Als der 1. FC Lok Leipzig auf Neapel traf: Zimmerling, die Stasi und eine Uhr von Maradona

Guido Schäfer
Twitter-Profil
Per Kopf trifft Matthias Zimmerling 1988 zur 1:0-Führung gegen den SSC Neapel.
Per Kopf trifft Matthias Zimmerling 1988 zur 1:0-Führung gegen den SSC Neapel. © Archiv Lok Leipzig / Frank Dallü
Anzeige

Vor 29 Jahren, am 26. Oktober 1988, stieg das letzte KO-Spiel im Europapokal in Leipzig. Der Gegner hörte damals wie heute im Duell gegen RB Leipzig auf denselben Namen: SSC Neapel. Das Duell mit den Italienern war für einen Leipziger besonders bitter.

Buzzer deine Meinung!
  • Fail
    -
    Fail
  • Läuft
    -
    Läuft
  • Krass
    -
    Krass
  • WTF
    -
    WTF
  • Kopf Hoch
    -
    Kopf Hoch
  • Peinlich
    -
    Peinlich
Anzeige

Leipzig. Jeden Donnerstag, 8.30 Uhr, treffen sich Leipziger Fußball-Helden wie Uwe Ferl (59), Hansi Leitzke (57), Heiko Scholz (52) und Matthias Zimmerling (50) in der Soccerworld zum Kicken. Ferl kann sich wegen zweier Titan-Hüften die Schuhe nicht mehr selbst binden, Leitzke sucht nach Franzbranntwein, Scholz nach seiner Form.

Nur Zimmerling kann es noch richtig gut und ohne Hilfsmittel. Ein jung gebliebener 50-Jähriger, der einst in der U21 der DDR und im Oberliga-Team des 1. FC Lok glänzte, aber aus überbordendem Talent wenig gemacht hat. Beziehungsweise an neuralgischer Stelle wenig machen durfte...

Scholz ist heute Cheftrainer des 1. FC Lok, Zimmerling sein Spielbeobachter und Talentescout. Beide tragen am 26. Oktober 1988 beim Gastspiel des SSC Neapel, der auch SSC Maradona genannt wird, das Lok-Trikot.

DURCHKLICKEN: Neapel mit Maradona zu Gast in Leipzig

Zur Galerie
Anzeige

In der 69. Minute flankt Uwe Bredow, Zimmerling köpft das 1:0. Offiziell sehen 80.100 Fans das wichtigste Tor im größten Spiel des 20-jährigen Linksaußen. Zimmerling: „Das waren 100.000, man sah keine Aufgänge mehr, alles war voller Menschen.“

Das Spiel endet 1:1 und Zimmerling fährt mit der Straßenbahn nach Hause Richtung Wahren. Mit der Sporttasche unterm Arm, Sonne im Herzen und Freude aufs Rückspiel in Diego Maradonas Wohnzimmer, dem Stadio San Paolo.

Dicke Stasi-Akte

Als der Lok-Flieger am 8. November 1988 Richtung Neapel abhebt, fehlt Zimmerling. Und, nein, er wird auch nicht am Spieltag eingeflogen. Lok verliert am 9. November 1988 0:2 und ist raus aus dem Cup der Cupsieger. Fragen zum Hinspiel-Torschützen gibt es in Leipzig und Neapel viele. Die verbreitete Antwort: Zimmerling ist verletzt. Erst nach der Wende wird ein Teil der Wahrheit öffentlich: Zimmerling ist zwischen dem 1:1 und dem 0:2 der Status „Reisekader ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet“ flöten gegangen.

Die ganze Wahrheit lüftet der verhinderte Italien-Reisende knappe 30 Jahre später gegenüber dem Sportbuzzer: Die Staatssicherheit verfolgt Zimmerling seit 1985, Befürchtungen vor einer Flucht führen 1988 zu einem Nein zu Zimbo und Neapel.

Mehr zum Duell RB - Neapel

Zimmerlings Stasi-Akte ist 400 Seiten dick, der „Übersichtsbogen zur operativen Personenkontrolle“ trägt die Nummer XIII/782/88 und das Datum 7. März 1988. Zimmerlings Stasi-Deckname: „Talent“. Ja, Talent hat er jede Menge. Aber er ist auch renitent, geht nicht in die Partei, aber gerne aus, mag Mädels. Also heftet sich die Stasi an ihn. Laut Akten horchen und gucken von 1985 an neun Stasi-Zuträger in Sachen „Talent“. Sie spähen Z. Lieblingskneipen aus, wissen von Z. wechselnden Herzdamen und lassen auch nicht unerwähnt, dass er selten bis nie quarzt.

Mehr als eine Aktennotiz: Die Spitzel stammen nicht aus Zimmerlings Lok-Mannschaft.

Die Stasi schließt auf einen „unmoralischen Lebenswandel, der keineswegs den Normen eines DDR-Leistungssportlers entspricht.“ Und: „Kontakt zu Übersiedlungsersuchenden ist Ausdruck seiner politischen Labilität und Gleichgültigkeit.“ Außerdem sei er „stark materiell interessiert“, pflege Westkontakte und empfange Westpakete.

"Feste Hand und kollektive Erziehung"

„Das mit dem Westkontakt stimmt“, sagt Zimmerling, der bei der  Leipzig-Rückkehr des SSC Neapel am Donnerstag im Stadion sein wird. „Ich habe 1987 beim Flug zur U21-WM nach Chile Berti Vogts und einen DFB-Arzt kennengelernt. Wir haben uns unterhalten. Ja, das war verboten.“ Aber er war jung und braucht Gespräche mit einer ihm neuen Welt. Das Gespräch mit dem späteren Bundesberti wird ihm nicht zum Verhängnis. Dafür ein Treffen mit erwähntem Arzt im April 1988 im Ost-Berliner Grand Hotel. Zimmerling: „Wir haben uns getroffen, weil wir uns sympathisch waren. Ich wollte wissen, wie er lebt, er wollte wissen, wie es bei uns ist. Es ging nie um eine Flucht in den Westen. Ich wäre nie aus Leipzig abgehauen. Ich war Fußballer, mir ging es gut.“

Matthias Zimmerling mit seiner Stasi-Akte.
Matthias Zimmerling mit seiner Stasi-Akte. © Privat

Die Stasi findet das weniger gut und intensiviert vor der Italien-Reise des 1. FC Lok die Observierung. Ein Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit (GMS) legt sich für Zimmerling in Sachen Neapel-Reise ins Zeug, bezeichnet Z. nach einem persönlichen Gespräch „zugänglicher, freundlicher und aufgeschlossener“ als zuvor und führt ins Feld, dass dieser bei Lok in der Oberliga Fuß gefasst und seinen Kontakt zum West-Arzt nachweislich beendet hat. Eine „feste Hand und kollektive Erziehung“ sei dennoch notwendig. Der GMS: „Zimmerling wird uns nicht verraten.“

Ändert nichts am Urteil, Zimmerling muss daheim bleiben. „Wir spielen in Neapel gegen Maradona - und ich saß in Wahren und habe geheult.“

Es kommt noch schlimmer. Im Frühjahr 1989 folgt Zimmerlings „Herauslösung aus dem Oberligakollektiv des 1. FC Lok“. Kommt einer lebenslangen Sperre für die höchste Spielklasse der DDR gleich. Zimmerling ist „am Ende“, trainiert in Riesa und Grimma, hofft auf bessere Zeiten.

Mehr zum Duell RB - Neapel

Am 3. August 1989 wird die Akte „Talent“ geschlossen. Fünf Tage später stellt Zimmerling einen Ausreiseantrag. Der wird nicht mehr bearbeitet.

Nach dem Mauerfall wechselt das „Talent“ auf Vermittlung des West-Arztes aus dem Chile-Jet zum Zweitligisten Hannover 96. Seinen einzigen Treffer für 96 erzielte Zimmerling am 35. Spieltag beim 2:0 gegen Blau-Weiß 90 Berlin. Fortan wechselt Zimmerling im Jahrestakt die Clubs und hängt 38-jährig im österreichischen Wölfnitz seine Schuhe an den Nagel. „Ich habe nicht alles richtig gemacht in meiner Karriere“, sagt Zimmerling. „Aber man hat mir auch Steine in den Weg gelegt.“

Übrigens: Seine Lok-Kollegen haben ihm im November 1988 eine Armbanduhr aus Maradonas eigener Kollektion mitgebracht. Künstlerpech: Das Teil fand sich nach einem Umzug nicht wieder. Heiko Scholz hat seine noch.

Die aktuellen TOP-THEMEN

Mehr Fußball aus der Region

Mehr Fußball vom Sportbuzzer

Anzeige
Sport aus Leipzig
Sport aus aller Welt