11. Januar 2018 / 16:55 Uhr

Bayer-Boss Rudi Völler im Interview: "Wir leben in einer Traumwelt"

Bayer-Boss Rudi Völler im Interview: "Wir leben in einer Traumwelt"

Frank Hellmann
Rudi Völler bleibt Sportchef bei Bayer Leverkusen.
Rudi Völler gehört zu den dienstältesten Sportchefs der Bundesliga. © imago
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Bayer 04 Leverkusen empfängt den FC Bayern zum Auftakt der Rückrunde. Beide Vereine spielen in einer Liga, und doch sagt Bayers Sportdirektor: "Zwischen uns und Bayern liegen Welten."

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Meinungsstark, mitunter jähzornig – doch irgendwie mögen ihn fast alle. Rudi Völler ist einer der dienstältesten Repräsentanten der Bundesliga. Am Freitagabend empfängt der frühere Nationaltrainer und heutige Sportchef von Bayer Leverkusen Rekordmeister Bayern München (20.30 Uhr, ZDF und Eurosport) im Auftaktspiel zur Rückrunde der Bundesliga. Das Interview über Bayers Perspektiven, die Dominanz der Bayern und die Lage der Liga.

SPORTBUZZER: Herr Völler, müssen Sie schlucken, welche Summe Sie mittlerweile aufrufen müssen, um einen Spieler anzulocken oder zu halten?

Natürlich sind diese hohen Ablösesummen und Gehälter nur noch schwer zu verstehen, und jeder fragt sich, wo das alles noch hinführen soll. Andererseits spiegelt es den Markt wider, weil durch Sponsoren oder Fernsehrechte immer mehr eingenommen wird.

Es reicht ein Spaziergang durch Leverkusen, um zu bemerken, dass auch dieser Standort trotz der Potenz der Bayer AG nicht nur auf Rosen gebettet ist. Besteht nicht die Gefahr, dass sich der Werksarbeiter von diesen Summen erschreckt abwendet?

Natürlich leben wir in einer Traumwelt, natürlich ist das alles viel zu viel und hat Formen angenommen, die vor fünf oder zehn Jahren nicht vorstellbar schienen. Man kannte diese Dimensionen nur von Michael Jordan aus der NBA oder Tiger Woods vom Golf. Jetzt ist der europäische Fußball damit konfrontiert. Trotzdem sorgen die Lizenzierungsbestimmungen der Bundesliga dafür, dass die Vereine nur das ausgeben, was sie einnehmen.

​"MAN MUSS DIESES GESCHÄFT MITSPIELEN"

Es ist also normal, dass Bayer Leverkusen für den argentinischen Stürmer Lucas Alario und den griechischen Verteidiger Panagiotis Retsos knapp 37 Millionen Euro ausgibt und im Gegenzug für Kevin Kampl und Hakan Calhanoglu dieselbe Summe einnimmt?

Wir leiden manchmal unter dieser Entwicklung, aber mitunter profitieren wir davon. Man muss dieses Geschäft mitspielen. Wir haben im Sommer vier Spieler für knapp 80 Millionen verkauft und für rund 50 Millionen Euro eingekauft. Das Transferplus zeigt, dass wir bei Nichterreichen unserer Ziele wie in der vergangenen Saison den Gürtel enger schnallen können.

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Leverkusen startet von Platz vier in die Rückrunde. Über allem thront erneut der Gegner FC Bayern. Ist der fehlende Meisterschaftskampf eine Gefahr für die Liga?

Das hängt mit der wirtschaftlichen Dominanz der Bayern zusammen – zur Jahrtausendwende haben wir hier wahrscheinlich noch die beste Leverkusener Mannschaft aller Zeiten beschäftigen können. Mit Lucio, Dimitar Berbatov oder einem Michael Ballack waren wir am Gehaltsgefüge der Bayern nahe dran. Mittlerweile liegen Welten dazwischen. Die Münchner sind die Einzigen, die keinen Spieler verkaufen müssen, wenn sie nicht wollen. Aber schauen wir in die Topligen Europas: In Spanien ist der FC Barcelona enteilt, in Frankreich liegt Paris Saint-Germain weit vorn und in England Manchester City. So ungewöhnlich ist unsere Tabelle nicht.

​"LEIPZIG MERKT, WIE DÜNN DIE LUFT OBEN WIRD"

Wer hätte das Potenzial, den Bayern echte Konkurrenz zu machen?

Bis vor ein paar Monaten sah es ja so aus, als könne Borussia Dortmund diese Rolle bekleiden. Sie sind für mich der gefühlte Zweite. RB Leipzig hat es schneller geschafft, als viele dachten, aber auch sie merken, wie dünn die Luft oben wird.

Nur die Bayern repräsentieren die Bundesliga in der Champions League. Machen Sie sich Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit?

Ich bin davon überzeugt, dass sich nächstes Jahr die Bundesliga wieder besser präsentiert. Die Engländer mit ihren großen Möglichkeiten haben das auch durchgemacht.

Jupp Heynckes ist zurück bei den Bayern. Beweist hier gerade ein 72-Jähriger, dass der Hype um die neue Trainergeneration verfrüht ist?

Ich möchte der jungen Trainergeneration die Qualitäten in der Menschenführung nicht absprechen, aber Jupp und sein Co-Trainer Peter Hermann, der auch lange bei uns gearbeitet hat, wissen genau, was sie zu tun haben.

​"HEIKO HERRLICH IST DIE GIER NACH ERFOLGEN ANZUMERKEN"

Heiko Herrlich übernimmt als Trainer von Bayer Leverkusen.
Herrlich ist seit Sommer 2017 Trainer der Werkself. © Getty
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Wo steht Ihr Trainer? Altersmäßig liegt Heiko Herrlich mit seinen 46 Jahren zwischen einem Julian Nagelsmann und Jupp Heynckes.

Er hat großen Anteil daran, dass wir stabiler geworden sind. Die Gier nach Erfolgen ist ihm anzumerken. Mein wichtigstes Kriterium ist immer, dass das gesamte Team einzelne Spieler besser macht. Mir kommt das bei den vielen Diskussionen über Doppelsechs, Gegenpressing usw. oft zu kurz.

Was erwarten Sie Freitagabend von Ihrer Mannschaft?

Ich bin überzeugt, dass wir den Bayern einen offenen Schlagabtausch liefern werden. Wenn sie nicht alles abrufen, haben wir eine Chance, aber auch eine Niederlage würde uns nicht umwerfen. Ich gehe ohnehin davon aus, dass die Abstände zwischen Platz zwei und sieben oder acht bis zum Schluss gering bleiben.

Wenn Ihr Senkrechtstarter Leon Bailey an seine Leistungen der Hinrunde anknüpft, könnte er der Nächste sein, der den Verlockungen größerer Vereine erliegt.

Im Grunde gilt das für alle unsere Spieler, und selbst Borussia Dortmund ist davor nicht mehr gefeit. Sollten irgendwann Summen aufgerufen werden, die eigentlich nicht mehr zu verstehen sind, wird man sich zusammensetzen. Bei Bayer Leverkusen wird deswegen niemand nervös – es ist ja sogar ein Grund, dass solche Spieler zu uns kommen, um den nächsten Karriereschritt zu machen.


"WENN DER VIDEOASSISTENT ETWAS NICHT SIEHT, IST DAS NUR SCHWER ZU VERZEIHEN"​

Wie viele graue Haare hat Ihnen der Videobeweis gemacht?

Schauen Sie mich an! (zeigt auf seine Haare und lacht) Spaß beiseite: Ich war am Anfang positiv neugierig. Problematisch ist, dass ungerechte Entscheidungen noch ungerechter werden, wenn der Videoassistent in Köln falsch entscheidet. Das bedingt Kopfschütteln. Vorher konnten wir uns damit trösten: Das Spiel ist so schnell. Wenn aber der Videoassistent etwas nicht sieht, ist das nur schwer zu verzeihen. Bei Handspiel oder Foulspiel werden die Entscheidungen weiter maßgeblich davon abhängen, wer gerade als Videoassistent in Köln sitzt.

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