Bernd Heynemann und Matthias Sammer Bernd Heynemann musste so manches Mal hart durchgreifen. Hier war der damalige Dortmund-Coach Matthias Sammer dran. © Archiv
Bernd Heynemann und Matthias Sammer

Bernd Heynemann im Interview: „Wir brauchen kein Big Brother“

Schiri-Legende Bernd Heynemann über den Videobeweis, seine Weltklasse-Karriere, Rudi Glöckner, Ede Geyer und RB Leipzig.

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Magdeburg/Leipzig. Termin mit Schiedsrichter-Ikone Bernd Heynemann. Der 63-jährige Magdeburger hat im Osten, Westen und international auf höchstem Niveau gepfiffen. 98 Mal in der DDR-Oberliga, 151 Mal in der Bundesliga, dazu kommen 14 Länderspiele und 42 Europapokalspiele. Der Höhepunkt seiner Karriere war die WM 1998 in Frankreich. Heynemann hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, hat alles und das Gegenteil von allem erlebt. Er zeigte Michael Ballack Gelb-Rot, wies „Motzki“ Matthias Sammer an der Seitenlinie in die Schranken. So ein Mann langweilt sich schnell, also muss eine lebensbejahende Maßnahme her. Diesmal: Ein 90-sekündiges Video mit gerichtsverwertbaren Fouls des ehemaligen Zweitliga-Holzhackers Guido Schäfer, dem Autoren des LVZ-Interviews. Der streitbare Sport1-Experte traute seinen Augen nicht.

Wie gefallen dem Experten die Grätschen?

Fouls gehören zum Fußball, aber Ihre gehörten zu einer anderen Sportart. Der Vorteil für den Schiedsrichter ist, dass man da nur einmal hingucken muss und keinen Videobeweis braucht, um Rot zu zücken.

Sie pflegten ein inniges Verhältnis zu den Spielern, waren auch deshalb beliebter als viele Ihrer Kollegen. Was hätten Sie dem Blutgrätscher vom Mainzer Bruchweg gesagt?

Geh kalt duschen und denk über Dein Leben nach.

Wurde früher härter gespielt?

Ja, das auch. Und es wurde anders gespielt. Heute schleppt keiner mehr ewig den Ball und macht sich für Grätschen angreifbar. Heute ist Tiki-Taka oder wie man das nennt. Außerdem sind die Spieler so fix und athletisch, dass sie über heranrauschende Gegenspieler hüpfen. Haudegen wie Uli Borowka oder Berti Vogts würden ins Leere grätschen.

Der Videobeweis ist in aller Munde.

Ja, und er ist in seiner aktuellen Darreichungsform ungenießbar. Die Hoheit der Entscheidungsgewalt muss beim Schiedsrichter bleiben, sonst können die aus dem Videostudio in Köln gleich alles machen. Wir brauchen kein Big Brother. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das Ganze auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Ex-Schiris ist. Es sollte nur bei glasklaren Fehlentscheidungen eingegriffen werden, jetzt meldet sich bei Foul XY ein Mann im Ohr und sagt: Wir sehen das etwas anders als du. Der Ermessensspielraum des Schiedsrichters wird beschnitten.

Was schlagen Sie vor?

Dass am Spielfeldrand ein Monitor für den Schiedsrichter steht, finde ich gut. Ich würde die Clubs mit in die Verantwortung ziehen. Jeder Verein könnte beispielsweise zweimal pro Spiel den Videobeweis anstrengen. Ansonsten sollten sich die Video-Assistenten so weit es geht raushalten aus dem Spiel. Laut Uefa und Fifa ist der Videobeweis alternativlos. Wir müssen uns also damit abfinden und das Beste daraus machen.

Auf dem Weg dahin könnte ein Mann Ihres Renommees helfen. Weshalb sind Sie in keinem Schiedsrichter-Gremium?

Wenn zwei auf der Bühne stehen, steht einer im Schatten. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Wie sind Sie mit schwierigen Situationen auf dem Rasen umgegangen?

Mit 100-prozentiger Überzeugung auch bei 1000-prozentiger Ahnungslosigkeit auftreten. Wer zaudert und unsicher an der Pfeife fummelt, hat schon verloren. Die schlechteste Entscheidung ist die, die man nicht trifft. Einige Entscheidungen muss man aus dem Bauch heraus treffen. Da hilft dir natürlich die Erfahrung.

Sie haben selbst gekickt.

Ich kicke immer noch. Immer freitags frühmorgens um sechs in einer Magdeburger Sporthalle. Um 7 müssen wir raus, dann kommen die Schüler vom Sportgymnasium. Außerdem spiele ich bei den Alten Herren vom Polizeisportverein Magdeburg. Die Knochen machen noch mit. Als Schiedsrichter hilft es, wenn man selbst mal gegen den Ball getreten hat.

Sie ernteten für Ihr spielernahes Auftreten auch Kritik.

Ja, beim DFB hat man das nicht so gerne gesehen. Ich habe das aber beibehalten. Man kann auf dem Feld keine minutenlangen Dialoge führen, aber trotzdem einen guten Draht zu den Spielern haben. Ich bin kein Feldherr, ich bin im besten Fall ein Mitspieler, der nicht weiter auffällt.

Wer ist der ideale Schiedsrichter?

Die Ruhe von Rudi Glöckner war beeindruckend. Die Gestik von Robert Wurtz ebenfalls. Robert hat sich eine halbe Stunde vorm Spiel warm gemacht – vorm Spiegel. Der hat Grimassen geübt. Glöckner/Wurz und ein bisschen Bernd Heynemann – das wär´s.

Mit welchen Stars kamen Sie besonders gut aus?

Thomas Helmer, Lothar Matthäus. Wenn mich ein junger Bayern-Spieler angemacht hat, hab ich dem Lothar gesagt, dass er seiner Fürsorgepflicht nachkommen muss. Wenig später hat sich der Jüngling bei mir entschuldigt.

Bernd Heynemann und Stefan Effenberg Auch wenn nicht immer alle während des Spiels einer Meinung waren: Bernd Heynemann war bei den Spielern anerkannt und beliebt (hier mit Stefan Effenberg vom FC Bayern). © Archiv

Wie war der Austausch mit Matthias Sammer?

Den gab es nicht. Sammer war im Spiel nicht ansprechbar, 90 Minuten im Tunnel. Das hat er selbst mal so gesagt.

Sie haben nicht viele Trainer auf die Tribüne geschickt. Einer davon hieß Eduard Geyer. Was hat er getan, der Ede?

Cottbus hat in Unterhaching gespielt und Ede hat ununterbrochen Zirkus gemacht. In Dortmund hätte ich vor 80 000 Fans nix davon mitbekommen, aber bei 5000 im Unterhachinger Sportpark habe ich jedes Wort gehört. Irgendwann war es dann genug. Ede ist außerhalb des Platzes übrigens wie ein Deckchen.

Was war für Sie als Schiri der gravierendste Unterschied zwischen DDR-Oberliga und Bundesliga?

Spielerisch hat sich das nicht viel genommen. In meinem ersten Bundesliga-Jahr habe ich den halben Ost-Fußball wiedergesehen, da haben fast in jeder Mannschaft zwei, drei Ossis gespielt. Die mediale Begleitung war eine andere. Bei der Fußball-Woche (fuwo, Ost-Kicker; Red.) gab es pro Spiel einen Drei-Zeiler, beim Kicker oder bei der Sport Bild wird in epischer Breite berichtet. Auch wir Schiedsrichter werden benotet.

Der BFC Dynamo litt selten unter Fehlentscheidungen. Haben Sie sich damals nur gewundert oder für Ihre Kollegen geschämt?

Der BFC ist nicht x-mal Meister geworden, weil die Schiris nur für Dynamo gepfiffen haben. Die waren schon bärenstark. Aber wenn es kurz vorm Abpfiff 1:1 oder 2:2 stand, wurde schon mal sechs Minuten nachgespielt. Wenn sie mehr wissen wollen und Zeit haben: Es gibt darüber ein 600-seitiges Buch („Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder“; Red.).

Welches war das Top-Spiel Ihres Schiri-Lebens?

Es waren zwei. Meine beiden Spiele bei der WM 1998 in Frankreich waren Höhepunkte. Kolumbien gegen Tunesien und Norwegen gegen Italien. Zur WM fährt nur der beste deutsche Schiedsrichter. Es lief gut für mich. Ich musste dann abreisen, weil sich Deutschland fürs Achtelfinale qualifiziert hatte. Gleich dahinter rangiert das DFB-Pokalendspiel zwischen Gladbach und Hannover 1992 in Berlin. Man darf nur einmal im Schiedsrichter-Leben ein Pokal-Finale pfeifen – und diese Ehre wurde mir schon nach meiner ersten Bundesliga-Saison zuteil. Ein unvergessener Tag mit einem Sieg des Underdogs. Hannover hat den Pott geholt. Mein erstes Europapokalspiel als Linienrichter ist natürlich auch haften geblieben. Bilbao gegen Liverpool.

Bernd Heynemann und Carlos Valderrama Einsatz während der WM 1998 in Frankreich: Heynemann und Kolumbien-Ikone Carlos Valderrama im Spiel gegen Tunesien. © Archiv

Sie mussten mit 47 Jahren aufhören. Ist diese Altersgrenze noch zeitgemäß?

Nein, sie war es nie. Ich war mit 47 topfit, habe bei den jährlichen Cooper-Tests (Zwölf-Minuten-Lauf; Red.) immer meine 3000 Meter geschafft. Manche können mit 35 nicht laufen und andere können es noch mit 60. Wenn ich das mit der Altersgrenze zu Ostzeiten gewusst hätte, hätte ich mir in Polen einen anderen Ausweis besorgt und mich ein paar Jahre jünger gemacht. Ich hätte sehr gerne weitergemacht.

Sie sind nicht mehr mittendrin, aber immerhin als Sport1-Experte dabei. Was vermissen Sie?

Die tollen Stadien, all die Erlebnisse, das war das pure Glück für mich. Ab und zu pfeife ich ja noch. Bei Abschiedsspielen, Jubiläen und so weiter. Das macht mir immer noch viel Freude.

Wie eng ist die Bande zum 1. FC Magdeburg?

Ich bin oft im Stadion, freue mich über die Entwicklung. Nach der Wende hatten wir 24 Trainer und sechs, sieben verschiedene Präsidien, zig Umbrüche und mehrere Fast-Zusammenbrüche. Jetzt ist Stabilität da, jetzt müssen sie es in die zweite Liga schaffen.

Energie Cottbus stellt sich gerade in der vierten Liga neu auf.

Energie und Regionalliga, daran kann man sich nur schwer gewöhnen. Dabei war das bei Energie Cottbus früher ein Vorzeigemodell mit drei starken Leuten und kurzen Entscheidungswegen. Eduard Geyer, Dieter Krien und Klaus Stabach. Bei Werder Bremen gab es früher mit Franz Böhmer, Willi Lemke und Otto Rehhagel auch so eine Konstellation. Wenn alles erst durch Gremien, Aufsichtsräte und Trallala muss, wird vieles totgequatscht, kommt nichts raus.

Die Entscheidung von Dietrich Mateschitz für Leipzig war ...

...klug. Hier ist Nachhaltiges entstanden, das war kein Schnellschuss wie bei 1860 München mit Hasan Ismaik. Für mich ist das Red Bull Leipzig. Rasenball ist albern. Keine Tradition, keine Stimmung? Ich war in Leipzig beim Spiel gegen Frankfurt. Die Bude war voll, die Stimmung top. Da gibt es keine Unterschiede zu Spielen in Hamburg oder Köln.

Ihre ersten Roten und Gelben Karten waren Marke Eigenbau. Wo lagern die Teile?

Im Fußball-Museum in Dortmund.

Region/Leipzig RB Leipzig

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