10. März 2018 / 13:39 Uhr

Bernd Stange: RB Leipzig „bereitet unheimlich vielen Menschen Freude“

Bernd Stange: RB Leipzig „bereitet unheimlich vielen Menschen Freude“

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Bernd Stange feiert am kommenden Mittwoch seinen 70. Geburtstag. 
Bernd Stange feiert am kommenden Mittwoch seinen 70. Geburtstag.  © Imago
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Ex-DDR-Nationalcoach Bernd Stange hat schon viele Mannschaften betreut. Der aktuelle syrische Auswahltrainer stand auch an der Seitenlinie des VfB Leipzig. Vor seinem 70. Geburtstag nahm er sich Zeit für ein ausführliches Gespräch.

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Jena/Dresden. Am kommenden Mittwoch wird Bernd Stange 70 Jahre alt. Der frühere DDR-Auswahltrainer hat aber keine Zeit, seinen Geburtstag groß zu feiern, denn er ist im Mittleren Osten unterwegs. Der gebürtige Lausitzer, der kurz vor einem Engagement als Nationaltrainer Syriens steht, beobachtet Spiele am Persischen Golf. Vorab stand der Fußball-Weltenbummler den DNN ausgiebig Rede und Antwort. Lesen Sie heute den zweiten Teil des großen Interviews.

Sie haben Mannschaften auf der ganzen Welt trainiert. Wo war es am schönsten?

In Australien bei Perth Glory. Eine ganze Region in Westaustralien in Fußballeuphorie zu versetzen. Eine Mannschaft zu übernehmen, die 6000 bis 7000 Zuschauer hatte, und innerhalb von zwei, drei Jahren kommen dann bis zu 44 000. Die Menschen haben vor dem Ticketschalter geschlafen. Das alles war ein riesiger Erfolg in dieser isolierten Gegend. Nach wie vor habe ich viele Freunde dort. Ich war jetzt erst wieder in der Hall of Fame des Vereins und bin da aufgenommen wurden. Im Glockenturm von Perth, dem Wahrzeichen der Stadt, ist zudem auf einer Glocke mein Name verewigt.

Was war denn Ihre bisher schwierigste Aufgabe in der Karriere als Fußballtrainer?

Die schwierigste war die Aufgabe im Irak. Mit dem Verlassen des Landes und dem Zurücklassen aller Dinge, die ich noch in der Fußball-Föderation hatte – einen Tag, bevor alles zerbombt wurde. Fast alle Gebäude wurden systematisch von den Amerikanern zerbombt. Einzig und allein das Ölministerium hat man verschont. Den Fußball dann wieder von null wieder aufzubauen. war schwer. Es war nichts mehr da – weder Bälle, noch Jerseys. Ich habe dann Briefe geschrieben an Bush, an Berlusconi, an Tony Blair und an den spanischen Ministerpräsidenten Aznar. Dass ich einer von denen bin, die auch Angst haben, dort zu sein. Sie möchten uns doch bitte helfen. Die Hilfe, die dann kam, hat mir dann auch unglaublich geholfen, eine erfolgreiche Mannschaft aufzubauen.

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2004 hat der Irak die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen geschafft. Warum waren Sie da nicht mehr Nationaltrainer?

Ich war zwar bei den Olympischen Spielen dabei, hatte aber vorher die Verantwortung an meinen Co-Trainer Adnan Hamad übergeben. Die haben das ganz toll gemacht, sogar die Gruppenphase überstanden. Am Ende sind sie Vierter geworden.

Bedauern Sie sehr, dass Sie mit der DDR an keinem großen Turnier teilnehmen durften?

Ja. Am meisten bedauere ich, dass in der Endphase eine Mannschaft zusammen hatte, die die WM in Italien 1990 mit Sicherheit erreicht hätte. Die war so was von stabil mit herausragenden Spielern besetzt. Mit René Müller, Matthias Sammer, Andreas Thom, Ulf Kirsten, Thomas Doll, Ralf Minge, Frank Rohde, Rainer Ernst – alles Spieler, die international bewiesen haben, was sie konnten. Aber leider hat mich die Sportführung nach der ersten Niederlage in der Qualifikation in der Türkei völlig überraschend gefeuert.

1984 wurde Ihnen die Teilnahme bei den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles aufgrund einer Boykotterklärung der Ostblockstaaten verwehrt. Wie sauer sind Sie noch über diese Entscheidung?

Richtig sauer. Kapitaler Fehler der Sportführung, so etwas Sinnloses zu entscheiden und den Amerikanern dann alle Medaillen zu überlassen. Und die Sportler mussten darunter leiden.

Sie waren inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit. Wie bewerten Sie diesen Abschnitt Ihres Lebens heute?

Nicht mehr. Da gibt es keine Leiche im Keller. Jeder kann das nachlesen. Ich habe dazu gestanden, es veröffentlicht und damit ist der Fall für mich erledigt.

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Sie sind ab und zu noch in Ihrer Heimatstadt Jena. Wie verfolgen Sie dort die Entwicklung von Carl Zeiss Jena?

Ich habe eine Ehrenkarte, und wenn es meine Zeit zulässt, dann bin ich auch Gast auf der Tribüne. Ich bedauere eigentlich, dass sie immer noch keinen Weg gefunden haben, in die zweite Liga vorzustoßen. In einer Stadt mit mehreren börsenorientierten Unternehmen. Es gibt immer noch kein neues Stadion. Dort hat man die Entwicklung verschlafen.

Geboren sind Sie aber in der Oberlausitz. Fühlen Sie sich noch als Sachse?

Ich bin regelmäßig in Bautzen, wo mein Bruder wohnt und auch meine 92-jährige Mutter, die noch gut beisammen ist. So halte ich den Kontakt nach Sachsen. Ebenso telefoniere ich ab und zu mit Dixie Dörner und Ralf Minge. Der Kontakt ist also sehr, sehr gut.

Nach der Wende dachte noch niemand an RB Leipzig. Was halten Sie von diesem Projekt?

Ich halte davon sehr viel, weil man dort den richtigen Platz gefunden hat. Leipzig ist eine fußballbegeisterte Stadt, die schon ein Europacupfinale und viele große Länderspiele gesehen hat. RB Leipzig ist nun ein synthetisches Gebilde, mit dem man sich erstmal schwer anfreundet. Aber was man letztendlich akzeptieren muss, weil es unheimlich vielen Menschen Freude bereitet. Aus diesem Grund ist es für mich ein rundum gelungenes Projekt. Die Kinder, die jetzt groß werden, vergessen sicher Chemie und Lok. Die werden jetzt praktisch überrollt von der Kraft und der Power eines solch potenten Vereins. Dort bündeln sich eben Geld und Kompetenz und das bringt am Ende Erfolg.

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Ihr Trainerkollege Hans Meyer sagte nach dem DFB-Pokalsieg 2007 auf die Frage, ob er jetzt aufhöre: „Meine Enkelkinder brauchen auch noch ein bisschen Geld.“ Da war er gerade einmal 64 Jahre alt. Was ist Ihre Motivation, weiter zu arbeiten?

Der Hans sagt das natürlich lustig. Mein Geld ist auch für die Enkelkinder. Über die vielen Jahre bin ich immer sehr sparsam damit umgegangen. Ich bin finanziell abgesichert bis ich 95 bin, dann wird es ein bisschen knapp. Spaß beiseite. Geld ist auf jeden Fall nicht meine Motivation. Ich freue mich, mit jungen Menschen zu arbeiten.

Machen Sie sich denn mit 70 Jahren keine Gedanken ums Aufhören?

Mein Plan ist es, nach dem Asien-Cup 2019 aufzuhören. Die Syrer haben mir einen Zweijahresvertrag angeboten. Ich habe das aber zurückgewiesen und gesagt, nur bis Januar 2019, bis Ende des Turniers. Mal sehen wie sich das entwickelt. Wenn sie dann sagen, dass ich im nächsten Jahr die Olympische Spiele übernehmen soll, dann wäre ich nach zwei erfolgreichen Qualifikationen und Nichtteilnahmen noch einmal in der Lage, an Olympia teilzunehmen. Aber das sind alles Träume. Es ist die schwerste Qualifikation, da nur 16 Mannschaften an dem Turnier teilnehmen dürfen.

Was sprechen Sie in Syrien für eine Sprache?

Die meisten sprechen Englisch. Viele sprechen Russisch.

Wo feiern Sie Ihren Geburtstag?

Ich hatte die Einladungen für meinen Freundeskreis schon fertig gedruckt. Wir wollten im Scala, dem Hochhaus von Jena, feiern. Das hatte ich für meinen Geburtstag schon gebucht. Petra Zieger, die Rocklady, die mich schon viele Jahre kennt und mich auf der ganzen Welt besucht hat, sollte für mich spielen. Doch das ist jetzt alles abgesagt worden, weil ich da in Mittelost bin. Die Einladungen lasse ich auf den 80. Geburtstag umschreiben.

Timotheus Eimert

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