05. Juni 2018 / 20:49 Uhr

Braunschweigs Trainer Pedersen im großen Sportbuzzer-Antrittsinterview

Braunschweigs Trainer Pedersen im großen Sportbuzzer-Antrittsinterview

Alex Leppert
Braunschweigs neuer Trainer Henrik Pedersen über seinen Start bei der Eintracht, den Menschen hinter dem Spieler und taktische Analyse bei der Weltmeisterschaft.
Braunschweigs neuer Trainer Henrik Pedersen über seinen Start bei der Eintracht, den Menschen hinter dem Spieler und taktische Analyse bei der Weltmeisterschaft. © imago/Hübner
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"Da bin ich vielleicht ein kleiner Fachnerd": Eintracht-Coach Henrik Pedersen über sein frühes Karriereende, taktische Analyse und den Start in Braunschweig.

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Er hat bisher noch keine deutsche Wikipedia-Seite: Henrik Pedersen, neuer Trainer von Fußball-Drittligist Eintracht Braunschweig. Als er vor knapp einer Woche präsentiert wurde, kannte ihn in der Löwenstadt kaum einer. Im sehr persönlichen Interview mit dem Sportbuzzer gibt der 40-jährige Däne Einblicke in seine Karriere, Kaderplanungen und Konzepte.

Sie waren noch ein Kind, als die dänische Nationalelf in den 1980ern mit „Danish Dynamite“ begeisterte. Hat Sie das trotzdem schon geprägt?

Die 1984er-Mannschaft war die erste, an die ich mich so richtig erinnern kann. Und am meisten, dass das alles Persönlichkeiten waren – so wie Preben Elkjaer Larsen.

Begann da auch Ihre Leidenschaft für den Fußball?

Das hat schon 1982, als ich vier Jahre alt war, angefangen. Mein großer Traum war es, Profifußballer zu werden. Ich hatte aber mit 14 Jahren bereits meine erste Meniskusverletzung und musste mich danach sieben Operationen unterziehen, auch an beiden Achillessehnen. Deshalb habe ich schon mit 20 Jahren aufhören müssen.

Was für ein Spielertyp waren Sie denn?

Klug und langsam (lacht).

So äußerte sich der neue Eintracht-Coach Henrik Pedersen auf seiner ersten Pressekonferenz

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Also wechselten Sie schon früh auf die Trainerbank...

Ich hatte relativ schnell herausgefunden, wie weit ich als Trainer kommen kann. Nach dem Gymnasium habe ich dann aber parallel das Lehramtsstudium mit den Fächern Sport, Mathematik, Wirtschaft und Ethik abgeschlossen und zuvor auch Pädagogik, Psychologie und Sportwissenschaft studiert.

Und wie kamen Sie dann 2008 als eher unbekannter dänischer Nachwuchstrainer zu Red Bull und dessen groß angelegter Fußball-Jugendakademie?

Wir hatten bei GF Aarhus innerhalb von zweieinhalb Jahren elf Spieler aus der U19, die ich trainiert hatte, in die erste Mannschaft gebracht. Dann wurde bei RB Salzburg ein Däne neuer Leiter der Jugendakademie, der hat mich gefragt. Für mich war es schon immer ein Traum gewesen, im Ausland zu arbeiten.

Warum?

Ich war die ganzen Jahre über als Jugendtrainer immer schon jeweils mehrere Wochen im Ausland – bei Chelsea, Liverpool, Real, Barcelona, Eindhoven und so weiter. Ich hatte ja keinen Namen, also musste ich von den Besten lernen und aus den unterschiedlichen Herangehensweisen meine eigene Philosophie finden.

Kann man aus der RB-Akademie etwas für die Eintracht mitnehmen, die ja finanziell viel weniger Möglichkeiten hat?

Na klar kann man das. Es ist immer eine Kombination aus den materiellen Sachen und dem Umgang mit Menschen. Von der Spielphilosophie werde ich Sachen integrieren, die zu uns und unserem Konzept passen– denn die ist ja auch ein Teil von mir.

Gibt es denn ein bestimmtes System, das wir jetzt immer sehen werden?

Selbst wenn wir eins gefunden haben, passt das nicht für alle Gegner. Ein 4-3-3 ist ein guter Ausgangspunkt für unsere Mannschaft. Aber es wäre schlecht, nur eine Sommerjacke für das ganze Jahr zu haben.

Sie haben bei Ihrer Vorstellung auf die Frage nach Vorbildern gesagt, Sie hätten keine, seien aber inspiriert durch den indischen Yogi Sadhguru und den US-Forscher Bruce Lipton. Was hat es damit auf sich?

Beide haben Ansätze, die ich spannend finde. Sie sprechen – grob gesagt – über den Zusammenhang zwischen unseren Gefühlen und unserer Biologie. Als ich die sieben OPs hatte, haben alle gesagt: Schade, dass du einen so schlechten Körper hast. Nach meiner Erfahrung von heute hatte das aber nichts mit meinem Körper zu tun, sondern mit meinen Gefühlen.

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Was heißt das auf den Fußball bezogen?

Wenn ich einen Spieler sehe, der als Mensch gut funktioniert, dann ist der auch weniger verletzt. Das Bewusstsein ist entscheidend für unsere Entwicklung. Und was die Menschen am meisten behindert, ist unser altes Muster. Dieses wird vom Unterbewusstsein gesteuert. Wenn wir also nicht unser Bewusstsein entwickeln, werden wir immer wieder in diese alten Muster verfallen. Deswegen ist eines meiner Ziele, dass die Spieler als Menschen auch bewusster werden. Dann nämlich können sie sich auch besser kontrollieren und noch bessere Leistung bringen.

Gerade im Fußball wird die Arbeit mit dem Faktor Psyche auch gern mal auf Motivationsreden in der Kabine reduziert. Haben Sie Sorge, dass Ihr Ansatz belächelt werden könnte?

Nein, ich spreche nur über das, was ich erlebt habe und was mir geholfen hat, meine eigenen Erlebnisse zu verstehen.

Auf was müssen sich Ihre Spieler diesbezüglich einstellen?

Nichts Besonderes. Ich interessiere mich für den Mensch hinter dem Spieler und dass es ihm gut geht. Dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass er eine gute Leistung bringt. Ich habe enormes Interesse am Fußball, aber ich liebe auch die menschliche Entwicklung.

Zurzeit sind viele Menschen, mit denen Sie arbeiten werden, noch gar nicht da. Stehen denn auch Dänen auf der Liste der potenziellen Neuzugänge?

Vielleicht ja (schmunzelt).

Und ehemalige Jugendspieler von RB Salzburg?

Vielleicht auch (schmunzelt wieder).

Nötig sind mindestens ein Dutzend Neuzugänge. Wann kommen die denn alle?

Ich denke, wir sind in der natürlichsten Phase nach einem Abstieg in die 3. Liga. Wir können nicht erwarten, dass wir zum ersten Trainingstag den gesamten Kader zusammenhaben. Wir alle, auch ich, müssen da Geduld haben.

Rechnen Sie überhaupt ernsthaft damit, die Stars Christoffer Nyman, Gustav Valsvik und Suleiman Abdullahi noch im Kader zu haben?

Klar, wir müssen auch Spieler verkaufen. Aber wir bemühen uns, so viele von den guten Spielern wie möglich hierzubehalten.

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Wieso kommt – anders als zum Beispiel Mirko Boland – Ken Reichel für einen neuen Vertrag in Frage?

Ich weiß um die Bedeutung von Mirko Boland für die Eintracht und dass er in den vergangenen Jahren Herausragendes für die Eintracht geleistet hat. Dennoch möchte ich nicht über die einzelnen Spieler sprechen. Nur so viel: Ich habe mit denen, die wir halten möchten, super Gespräche geführt.

Am Ende wird eine fast komplett neue Mannschaft auf dem Platz stehen. Ab wann kann man Ihre Handschrift sehen?

Ich hoffe, ab dem ersten Freundschaftsspiel (lacht). Aber klar, es kann nicht von Beginn an perfekt sein. Dazu ist die Vorbereitung da, in der wir die neue Spielweise integrieren und die Jungs darauf vorbereiten. Die Spieler werden sich an unser aggressives Pressing und Gegenpressing sowie die neuen Anforderungen gewöhnen. Das ist auch eine riesige Möglichkeit, um etwas Neues zu erschaffen.

Sie sind erst seit ein paar Tagen in Braunschweig. Sind Sie schon angekommen?

Die Leute hier im Verein helfen mir unglaublich viel. Man hat mich mit offenen Armen empfangen. Ich fühle mich gar nicht allein, sondern in einem super Team und total wohl. Ich habe auch schon mit Fans gesprochen, die ich in der Stadt getroffen habe. Das war sehr unkompliziert und schön.

Und wann ziehen Sie nach Braunschweig?

Lieber morgen als übermorgen. Ich hoffe, es klappt zum 1. Juli.

Bis dahin hat ja die WM in Russland begonnen. Schauen Sie sich im Fernsehen Spiele an?

Ich werde sicher was sehen, aber eher auf die taktischen Sachen achten. Da bin ich vielleicht ein kleiner Fachnerd (lacht). Ich glaube, ich habe seit Januar allein 500 Spiele von Pep Guardiola gesehen. Ich liebe die Analyse, bin mir aber auch bewusst, dass ich dafür jetzt nicht mehr so viel Zeit habe. Deshalb ist es auch wichtig, bis zum Trainingsstart ein gutes Trainerteam zu haben.

Mit den Fans über Fußball reden, am Fernseher Spiele analysieren oder an der Seitenlinie coachen – was mögen Sie am meisten?

Ich liebe Fußball und ich liebe das Fachliche. Aber ich liebe es auch, mit Menschen zu arbeiten. Und genau diese Kombination macht meinen Job zu einem Traumjob. Dazu kommt das Glück, dass sich so viele Menschen dafür interessieren.

Zum Abschluss noch eine Testfrage: War Ihr neuer Verein, die Eintracht, schon mal Deutscher Meister?

Ja! Genau einmal – und zwar 1967. Ich finde es wichtig, sich auch mit der Geschichte des Vereins zu beschäftigen, um die Menschen besser zu verstehen. Aber jetzt müssen wir erst mal eine Mannschaft für die Gegenwart zusammenstellen.

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