19. Juli 2018 / 18:01 Uhr

Brych-Assistent Lupp: "Kriegsverbrecher-Vergleich war unsäglich"

Brych-Assistent Lupp: "Kriegsverbrecher-Vergleich war unsäglich"

Stephan Henke
Das Schiedsrichter-Team beim Spiel Schweiz gegen Serbien (v.l.): Stefan Lupp, Nawaf Shukralla (vierter Offizieller), Felix Brych und Mark Borsch.
Das Schiedsrichter-Team beim Spiel Schweiz gegen Serbien (v.l.): Stefan Lupp, Nawaf Shukralla (vierter Offizieller), Felix Brych und Mark Borsch. © imago/Sven Simon
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Weltmeisterschaft: Stefan Lupp, Assistent von Weltschiedsrichter Felix Brych, spricht erstmals nach der WM in Russland über die harsche Kritik von Serbien-Trainer Mladen Krstajic, die Gründe für das WM-Aus und die Lehren für den Videoschiedsrichter.

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Es war der Schiedsrichter-Aufreger der Fußball-WM in Russland: Weltschiedsrichter Felix Brych musste nach nur einem Spiel mit seinem Gespann die Heimreise antreten. Sein Assistent Stefan Lupp aus Zossen (Teltow-Fläming) spricht exklusiv im SPORTBUZZER über die Enttäuschung, Lehren für die Bundesliga und falsche Abseitslinien bei Fernsehübertragungen.

Wie groß ist noch die Enttäuschung darüber, dass Sie nach nur einem Spiel aus Russland abreisen mussten?
Stefan Lupp: Nach knapp zwei Wochen zu Hause geht es mir schon besser. Die Enttäuschung ist aber nach wie vor da.

Welche Erklärung gab es von der Fifa für das vorzeitige Aus?
Es gab keine Begründung.

Wie wurde Ihnen das mitgeteilt?
In Brasilien wurde vor allen Schiedsrichtern verkündet, wer nach Hause muss. Man bekam eine Medaille und konnte sich von allen Kollegen verabschieden, da sind ja auch Freundschaften entstanden. Dieses Mal haben die Schiedsrichter, die nach Hause mussten, eine Mail bekommen, dass wir zu einer Sitzung spät nachts kommen sollten. Dort wurde es uns dann persönlich mitgeteilt.

"Haben uns nichts vorzuwerfen"

Es gab viel Kritik aus Serbien für den nichtgegebenen Elfmeter gegen die Schweiz. Wie sehen Sie die Entscheidung im Nachhinein?
Wir haben die Szene analysiert und sind zu dem Schluss gekommen: Wir haben uns nichts vorzuwerfen! Hätten wir die Entscheidung andersherum getroffen, hätte es aus der Schweiz Kritik gegeben. Die Entscheidung ist aus unserer Sicht immer noch 50:50, es gab kein Schwarz-Weiß. Deshalb gab es auch keinen Grund für den Videoschiri, einzugreifen. Felix Brych hat  über Mikro gesagt, dass er ein Stürmerfoul gesehen hat, der Videoschiri hat das genauso gesehen und musste sich deshalb nicht melden.

Die umstrittene Szene: Der Serbe Aleksandar Mitrovic (M.) wird im Zweikampf von Stephan Lichtsteiner (l.) und Fabian Schär festgehalten, hat den Ellbogen aber im Gesicht des Gegners.
Die umstrittene Szene: Der Serbe Aleksandar Mitrovic (M.) wird im Zweikampf von Stephan Lichtsteiner (l.) und Fabian Schär festgehalten, hat den Ellbogen aber im Gesicht des Gegners. © AP
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Ex-Schiedsrichter Babak Rafati hat gemutmaßt, dass Brych die Videoschiedsrichter um Felix Zwayer ignoriert haben könnte und deshalb nach Hause geschickt wurde.
Das war nicht so, es fand in dieser Situation keine Kommunikation seitens des Videoschiris statt. Hätten wir tatsächlich einen Hinweis des Videoschiris ignoriert, hätten wir mit der Abreise leben müssen.

War die Ansetzung eines deutschen Schiedsrichters bei einem Schweiz-Spiel unglücklich?
Es wurde auch schon im Vorfeld thematisiert, weil die Schweizer und wir Deutsch sprechen. Direkt nach dem Spiel sagte Serbien-Trainer Mladen Krstajic, er äußert sich zu der Schiedsrichter-Leistung nicht, erst am Tag danach kam die volle Breitseite.

Krstajic sagte über Felix Brych: „Ich würde ihn nach Den Haag schicken.“ Dort ist der Sitz des UN-Kriegsverbrechertribunals.
Das war unsäglich und habe ich so noch nicht erlebt, das ist unfassbar. Wir wurden schon viel kritisiert, haben viel erlebt. Aber das war die wohl übelste Beschimpfung, die wir über uns ergehen lassen mussten.

"Es ging nicht gegen die Person Brych"

Serbien-Kapitän Aleksandar Kolarov kritisierte anschließend, dass Felix Brych mit den Schweizern Deutsch gesprochen hätte: „Ich hab sie dauernd gebeten, Englisch zu sprechen“, sagte er.
Das entspricht nicht den Tatsachen. Felix hat teilweise natürlich im Eifer des Spiels Deutsch gesprochen, aber er wurde nie aufgefordert, es zu lassen. Ich glaube aber grundsätzlich, das ging nicht gegen die Person Brych, sondern wurde gesagt, um medial möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Letztendlich waren wir dadurch so im Fokus, dass es schwer wurde, uns noch einmal einzusetzen.

Was hat der Spielbeobachter gesagt?
Man hat uns in der Auswertung nicht gesagt, dass es in dieser Szene hätte Elfmeter geben müssen. Demzufolge sind wir immer noch davon ausgegangen, dass die Entscheidung mitgetragen wird.

Pierluigi Collina, Chef der Fifa-Schiedsrichterkomitees, hat sich nach dem Spiel nicht vor sie gestellt.
Das war auch für ihn eine schwere Situation: Hätte er gesagt, es war eine Fehlentscheidung, wäre auch der Videoschiedsrichter in der Kritik. Hätte er gesagt, die Entscheidung war richtig, hätte es von Serbien weiter Kritik gegeben.

Nach dem frühen Ausscheiden Deutschlands wurden Sie als Weltschiedsrichter-Gespann schon als mögliche Final-Schiedsrichter gesehen. Hatten Sie Hoffnung darauf?
So weit denkt man nicht. Wir sind mit dem Anspruch hingefahren, dass wir ein Spiel in der K.o.-Runde wollen, das hatten wir 2014 nicht. Das war, denke ich, auch nicht vermessen. Aber nach dem Schweiz-Serbien-Spiel haben wir schon gespürt, dass das schwer wird.

Denken Sie, dass sich dieses Spiel auch langfristig auf ihre internationale Karriere auswirkt?
Sicherlich wird es schwer werden, in künftigen Länderspielen der Serben angesetzt zu werden, da muss man kein Prophet sein. Da wird man von Seiten der  Uefa oder Fifa sicherlich sensibel mit umgehen. Aber ansonsten glaube ich nicht, dass es weitere Auswirkungen hat.

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Sie hatten vor der WM gesagt, dass Sie gespannt sind, wie der Video-Schiedsrichter funktioniert, weil er in einigen Ländern vorher nicht praktiziert wurde. Sind Sie positiv überrascht?
Es ist viel besser gelaufen als erwartet, von daher kann man ein positives Fazit ziehen. Letztendlich geht es bei so einer WM darum, dass alle zufrieden sind: die Spieler, die Trainer, die Funktionäre, die Fans. Wenn der Schiri zum Bildschirm geht und anschließend sagt, habe ich genauso gesehen, dann führt das zu einer sehr großen Akzeptanz. Aber natürlich ist jede korrigierte Entscheidung durch den Videoschiedsrichter ein Fehler des Unparteiischen. Ich denke, dass ohne den Videoschiri der ein oder andere Unparteiische auch nicht mehr angesetzt worden wäre. So musste man später zum Glück nicht mehr über Fehlentscheidungen diskutieren.

Was kann man für die Bundesliga  daraus ableiten, wo der Videoschiri in der Kritik steht?
Die Fifa hatte mit Roberto Rosetti und Carlos Velasco Carballo zwei super Instruktoren, die den Vorteil hatten, dass sie aus Erfahrungswerten von einem Jahr seit der Einführung zurückgreifen konnten. Daraus konnte man unheimlich viel mitnehmen. Außerdem hatten wir sehr, sehr viele Lehrgänge dazu und es gab vier statt zwei Videoschiedsrichter, einer davon war nur fürs Abseits zuständig. Und die Technik ist der Wahnsinn. In der Bundesliga hatten  wir keine Abseitslinien, bei der WM hatten wir die sogar in 3D. Und da sieht man erst einmal, wie falsch viele Abseitslinien seitens des TV bislang gezogen wurden. Der Hauptkritikpunkt in der Bundesliga-Rückrunde war ja das Abseits. Ich hoffe, dass diese Sachen auch für die Bundesliga kommen und dem Videoschiri zu mehr Akzeptanz verhelfen.

Zur Person:


Stefan Lupp, geboren am 9. September 1978, spezialisierte sich vor zehn Jahren als Schiri-Assistent. Der gebürtige Zossener (Brandenburg) nahm als Assistent von Felix Brych an den Olympischen Spielen 2012, dem Confed Cup 2013, den Weltmeisterschaften 2014 und 2018, der EM 2016 und der Club-WM 2017 teil. 2017 stand er im Finale der Champions League an der Linie, 2014 im Europa-League-Endspiel und 2015 beim DFB-Pokal-Endspiel.

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