16. Mai 2018 / 08:12 Uhr

Buchvorstellung: Sprüche und Gesänge – Stachel für die Funktionäre

Buchvorstellung: Sprüche und Gesänge – Stachel für die Funktionäre

LVZ
Twitter-Profil
Die Sportjournalisten Frank Müller (l.) und Winfried Wächter mit einer druckfrischen Ausgabe ihres Buches „Die im Osten spielten“.
Die Sportjournalisten Frank Müller (l.) und Winfried Wächter mit einer druckfrischen Ausgabe ihres Buches „Die im Osten spielten“. © Dirk Knofe
Anzeige

Die Autoren Frank Müller und Winfried Wächter über ihr im Verlagshaus der LVZ erschienenes Fußball-Buch „Die im Osten spielten“

Buzzer deine Meinung!
  • Fail
    -
    Fail
  • Läuft
    -
    Läuft
  • Krass
    -
    Krass
  • WTF
    -
    WTF
  • Kopf Hoch
    -
    Kopf Hoch
  • Peinlich
    -
    Peinlich
Anzeige

Leipzig. Seit zwei Wochen ist ihr Buch „Die im Osten spielten“ auf dem Markt, eine Sammlung von Legenden, Geschichten und Kuriositäten des DDR-Fußballs. Diese kurzweilige Zeitreise durch 40 Jahre Fußball im Osten mit zahlreichen Fotos und Illustrationen erschien im Verlagshaus der Leipziger Volkszeitung. Wir sprachen mit den Autoren Frank Müller (60), seit Jahrzehnten Mitarbeiter der LVZ-Sportredaktion, und Winfried Wächter (64), langjähriger LVZ-Sportchef.

Wie entstand die Idee für das Buch?

Frank Müller: Viele Geschichten kennt man in Andeutungen, doch zu DDR-Zeiten wurden fast alle nicht veröffentlicht oder sollten nicht veröffentlicht werden. Die meisten Protagonisten leben noch. Wir dachten, dass wir die Geschichten sammeln und aufschreiben müssen.

Winfried Wächter: Es war Franks Idee. Er hat mich überzeugt. Wenn über die Historie des deutschen Fußballs berichtet wird, ist immer die Rede vom westdeutschen Fußball. Darüber habe ich mich immer geärgert. Das ist nicht verwerflich und wir werden das mit unserem Buch auch nicht ändern, aber wir wollten unbedingt zeigen: Hey, hier wurde auch Fußball gespielt – und sogar ziemlich gut.

Am bekanntesten ist sicher Jürgen Sparwassers Tor 1974 gegen die BRD?

Winfried Wächter: Ja klar, das ist eine schöne Sache, aber es ist schade, dass immer nur darüber gesprochen wird, wenn es um Ostfußball geht. Es gibt viel mehr. Das erste Tor eines deutschen Torhüters, das aus dem Spiel heraus erzielt worden ist, fiel in der DDR. Normalerweise fällt sofort der Name Jens Lehmann, doch zehn Jahre vorher traf bereits Keeper Jörg Weißflog für Wismut Aue gegen Jena. Das Problem: Es gibt keine bildliche Dokumentation.

Frank Müller: Wir wollen den Ostfußball gar nicht heroisieren, aber die Erinnerungen wachhalten und die positiven sowie negativen Aspekte von damals aufzeigen – insbesondere die skurrilen und originellen Seiten beleuchten.

Wie viele der im Buch auftauchenden Legenden haben Sie persönlich aufgesucht?

Frank Müller: Fast alle! Das war natürlich ein gutes Stück Arbeit, doch es hat sich gelohnt. Außer Ede Geyer, der hatte zu viel zu tun. Da mussten wir es telefonisch machen.

Winfried Wächter: Die Spieler sind das eine. Doch wir haben auch mit vielen engagierten Offiziellen, Trainern und den enthusiastischen Fans gesprochen. Der Fußball in der DDR war ein riesiger Magnet.

Das größte Stadion Deutschlands stand in Leipzig – das Zentralstadion.

Winfried Wächter: Das zeigt, was hier für tolle Zeiten erlebt worden sind, besonders wegen der Fans. Die Stadien waren voll, nicht nur das Zentralstadion. Im Bruno-Plache-Stadion waren teilweise bis zu 60 000 Zuschauer.

Frank Müller: Das ist unvorstellbar heute. Aber damals waren die Sicherheitsvorkehrungen noch nicht so streng.

War der Fußball auch ein politisches Sprachrohr für die Fans? Konnten die Anhänger mit Plakaten Kritik äußern?

Frank Müller: Plakate gab es, doch die waren meist unpolitisch. Ich erinnere mich an eines der Chemie-Fans über ihren Abwehrchef in der Meistersaison 1964: „Was für die Frau der Büstenhalter, ist für Chemie der Manfred Walter.“

Winfried Wächter: Dafür gab es viele Sprüche und Gesänge. Geschützt durch die Masse konnte man mehr sagen, die Anonymität wurde bewahrt. Nachdem BFC-Spieler Lutz Eigendorf in den Westen geflohen war, wurde bei Spielen gegen den BFC überall gesungen: „Wo ist denn der Eigendorf?“ Das saß und war für die Funktionäre ein großer Stachel.

Mit RB Leipzig geht die Geschichte des Ostfußballs ganz neu weiter. Wie stehen Sie zu den Roten Bullen?

Winfried Wächter: Das war die einzige Möglichkeit, hier wieder etwas auf die Beine zu stellen. Es musste etwas von außerhalb kommen, nachdem sich der Leipziger Fußball leider, dass muss man so hart sagen, selber zerlegt hat. Ich habe kein Problem damit.

Frank Müller: Mir geht es auch so. Ich freue mich für Leipzig. RB ist nicht mein absoluter Herzensverein, doch endlich sind wir als Stadt wieder auf der deutschlandweiten Fußball-Landkarte vertreten.

Gibt es eine Lieblingsanekdote im Buch?

Frank Müller: Mir gefällt wahnsinnig gut, wie es Steinach, ein kleines Städtchen mit knapp 8000 Einwohnern, in die Oberliga geschafft hat – also in die damals höchste Spielklasse. Dann waren da bis zu 20 000 Leute dabei. Doch nicht nur auf den Rängen, sondern auf den Hängen neben dem Platz. Und das war nicht weit von der Westgrenze, was auch nicht allen gefallen hat. Eine unglaubliche Geschichte.

Winfried Wächter: Ich finde die Story des früheren Chemie-Keepers Ralf Heine klasse. Die ist so DDR-typisch, damit meine ich die positiven und negativen Begleiterscheinungen. Heine wurde gesperrt, weil seine Schwester in den Westen geflohen ist. Kurz darauf hat er eine Sondergenehmigung bekommen: Aber er durfte nur einmal am Tag und nicht wie üblich zweimal trainieren. Damit er jedoch jede Trainingseinheit mitmachen konnte, haben sie ihn kurzerhand in einen Schlosseranzug gesteckt. Falls eine Kontrolle durchgeführt worden wäre, hätte man gesagt: „Der Heine muss hier gerade was am Zaun reparieren.“ So etwas wäre heute undenkbar.

Anton Kämpf, Lucien-Cornell Trapp

Die aktuellen TOP-THEMEN

Mehr Fußball aus der Region

Mehr Fußball vom Sportbuzzer

Anzeige
Sport aus Leipzig
Sport aus aller Welt