Gut investiert: ein schöner Kaffee ist günstiger als eine teure Taxifahrt © Bovender SV (Daniel Vollbrecht)

"Da sind ja noch viele Tore gefallen..."

Wie Göttinger am Morgen nach dem Halbfinaleinzug über das Spiel denken. Eine Feldstudie aus der Bäckerei Küster

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„Wenn man wissen möchte, wie das Volk denkt, sollte man einfach nur den ganzen Tag lang Taxi fahren“. Dieses Zitat eines anonymen Urhebers ist nicht nur Leitmotiv vieler Politiker, sondern auch Ausgangspunkt diverser Feldstudien, die aufwendige statistische Erhebungen der Meinungsforschungsinstitute in nur wenigen Gesprächssequenzen ad absurdum führen können.

Falls kein Taxi zur startbereit zur Verfügung steht, hilft alternativ ein morgendlicher Besuch des nächstgelegenen Cafés. Bei einer Tasse koffeinhaltigen Heißgetränks kann ganz nebenbei eruiert werden, wie „das Volk“ über den gestrigen Viertelfinalsieg gegen Angstgegner Italien so denkt: hat die höhere individuelle Klasse über mannschaftliche Geschlossenheit obsiegt? Hat Jogi Löw mit den Umstellungen in der Startelf alles richtig gemacht? Oder war am Ende ohnehin alles nur „Glück“?

An der Theke der „Bäckerei Küster“ sitzt ein grauhaariger Herr, dessen gebückte, leicht dezentrierte Körperhaltung suggeriert, er habe statt einer kräftigen Tasse Kaffee eher andere bewusstseinsverändernde Getränke konsumiert. Doch seinen fußballerischen Sachverstand kann er nicht bei sich halten. „Also so von den Spielern her war Deutschland schon besser“, grummelt er der gestressten Bäckereifachverkäuferin zu, die einem anderen Kunden gerade das Croissant mit Marmelade bestreicht. „Ich sach ja, die Italiener sind schon….wie gesagt…ich sach ja.“ „Mh“, murmelt seine nur körperlich präsente Gesprächspartnerin. „Ich sach ja, also vor dem Elfmeterschießen dachte ich…. puh…das glaube ich geht schief.“ „Ja, stimmt“, versucht die Dame fachkundig zu bestätigen. Es gibt Menschen, die merken einfach nicht, dass sie anderen permanent auf den Geist gehen. Hauptsache, sie hören sich selbst reden. „Sehe ich genauso“, merkt der Kaffee-schlürfende Quälgeist an, ohne zu wissen, dass die Bedienung rein „gar nichts“ vom Spiel mitbekommen hat, wie sie mir später - sichtlich erleichtert nach der finalen Verabschiedung des Schwadronisten - mitteilt. „Fußball interessiert mich komplett null, aber als Verkäuferin muss ich zumindest wissen, wie es ausgegangen ist, damit ich mich nicht vor den Kunden blamiere.“ 

Auf der gemütlichen Terrasse der Bäckerei parliert ein Experte, der gar Erstaunliches zu verkünden weiß. „Ich finde es immer blöd, wenn man so gewinnt“, beantwortet er die Frage seiner Sitznachbarin, ob er denn das komplette Spiel gesehen habe. Zweifel kommen auf, als er den Grund seiner Unzufriedenheit erörtert: „So ein Foul in Strafraum entscheidet das ganze Spiel“. „Häääh, welches Foul?“, kann die mit Deutschland-Trikot bekleidete Frau nicht ganz folgen. „Na, das da mit der Hand.“ - „Bist du sicher, das ganze Spiel gesehen zu haben?“ - „Ja klar, so richtig gemütlich, schön mit Beamer in der Küche.“ Der kritische Leser möge jetzt einwerfen, wie man denn zwischen Pürierstab, Mixer, Kühlschrank und Bio-Kompost „gemütlich“ ein Fußballspiel gucken könne, aber dieser Widerspruch soll fortan das geringste Probleme bleiben.

„Ehm, wie ist es denn ausgegangen?“, bringt die stutzig gewordene Frühstücksfreundin ihren Kompagnon in die Bredouille. „Na, 1:1 glaube ich.“ - „Aber das ging doch bis kurz vor Zwölf!“ - „Ja. Stimmt.“ - „Da kam doch noch Elfmeterschießen am Ende.“ - „Neee, das habe ich nicht mehr gesehen. Mich regt das Gequatsche da immer auf, dann schalte ich ab.“ - „Du bist mir ja Einer“, merkt die höfliche Dame an, „das heißt, du weißt nicht, wer gewonnen hat?“ - „Nein.“ - „Hahahahahahaha.“ - „Ach, das ist nicht schlimm. Da vorne am Auto wehen 10 Deutschland-Fähnchen, da hat Deutschland bestimmt gewonnen.“ - „Korrekt.“ - „Wie ist es denn ausgegangen?“ - „6:5 nach Elfmeterschießen.“ - Oh, da sind ja dann doch noch viele Tore gefallen“, zieht der lebende Beweis der Phrase „Ein Spiel dauert nur 90 Minuten und keine Minute länger, verdammt nochmal!“ ein bewundernswert simples Fazit.

Das Fußballfieber in Deutschland hat viele Facetten und manchmal reichen zwanzig Minuten beiläufiges Zuhören aus, um den eigenen Enthusiasmus wieder auf ein erträgliches Maß zu erden. Noch nie waren zwei Euro in eine Tasse Kaffee so gut investiert wie am Morgen nach dem Italien-Spiel.

Region/Göttingen-Eichsfeld

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