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Das versunkene Endspiel

Fußballskandal von 1919: Wie ein Funktionär eine Meisterschaft gegen die Dresdner entschied

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Halle/Saale. 22. Juni 1919. Sonntagnachmittag „½ 4“. Stadion am Angerweg 24 im Stadtteil Halle-Trotha. Dieses Stadion mit seinen Stehplatz- und überdachten Sitzplatztribünen in grüner Landschaft im Norden der Stadt Halle war 1910 zum ersten besitzeigenen Fußballplatz eines deutschen Fußballvereins geworden. Hier begegneten sich der Hallesche FC von 1896 und Dresden Ring 1902 erneut im Endspiel um die Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft. 1917 hatte das erste Endspiel an der Pfotenhauerstraße in Dresden stattgefunden (DNN, 7.  Juni).

In den vergangenen Jahrzehnten schien das Endspiel von 1919 wie in der Versenkung verschwunden. Geheimnisse, Geheimhaltungen und der größte Skandal des mitteldeutschen Fußballs vor 1933 ranken sich um dieses Endspiel. Als Hauptdarsteller traten neben den beiden Vereinen ein paar hundert Zuschauer und der Hallenser Fußball- und Sportfunktionär Johannes Hädicke auf. Hädicke war seit 1912 Vorsitzender des HFC, von 1917 bis 1933 Vorsitzender des Mitteldeutschen Fußballverbandes, danach Fachamtsleiter für Fußball und Gauführer Sport in Deutschlands Mitte. 1936 war er Olympiabotschafter.

Was war geschehen? Der Krieg war aus. In Familien fehlten Väter und Söhne. Mancher kam als „Krüppel“ aus dem Krieg zurück. Umso mehr entstand nun ein neues Lebensinteresse. Der Fußball gehörte dazu. Das Endspiel von 1919 würde man heute ein Event in der Stadt Halle nennen. 10 000 Zuschauer strömten in freudiger Erwartung ins Stadion. Dresden Ring 02 hatte die gleiche Stammelf beisammen wie zwei Jahre zuvor, während der HFC mit einer neuformierten Mannschaft antrat.

Das Spiel steigerte sich in eine nicht absehbare Dramatik. Zur Halbzeit führte der HFC 1:0. Danach köpfte Dresdens Mittelstürmer Klotzsche einen Freistoß von Camillo Ugi zum 1:1 ein. Es ging in die Verlängerung. Vor dem Krieg wurden Verlängerungen bis zum Siegtor gespielt. Damit konnten Verlängerungen fünf Minuten, aber auch 75 Minuten dauern. Wie 1912 im Finale zwischen dem VfB Leipzig und dem HFC Wacker 1900. Gekämpft bis zum Umfallen. Jetzt wurden Verlängerungen auf eine Spielzeit von 2  x  15 Minuten festgelegt.

Spielabbruch und Platzsturm nach umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen

Gegen Ende des Spiels ist der Teufel los. Auf dem Platz wie auf den Zuschauerrängen. In der 114. Minute gibt es einen umstrittenen Handelfmeter, den Körste zum 2:1 für Halle verwandelt. Einem Ring-Verteidiger war der Ball im Strafraum an den Oberarm geschossen worden. Seit hundert Jahren hält die Diskussion an, was denn ein Handelfmeter wirklich sei. Eine Minute später gibt der Schiedsrichter noch einen Foulelfmeter gegen Ring 02! Das Stadion tobt. Aber jetzt machen die Blau-Schwarzen aus Dresden nicht mehr mit. Die ganze Mannschaft „diggschd“. Ring-Torwart Frenzel weigert sich, weiterhin ins Tor zu gehen. Da auch kein Feldspieler als Torwart-Ersatz zu gewinnen ist, bricht der Schiedsrichter das Spiel ab. Das ist das Signal für mehrere hundert Zuschauer, den Platz zu stürmen. Der Schiedsrichter wird von einem Menschenknäuel überwältigt.

Alles Weitere wurde eine Sache am grünen Tisch. Sächsische und thüringische Fürsten und Könige hatten solche Tische schon im 17. Jahrhundert verwendet, wenn ihre Bürokraten Strittiges klären sollten. Sofern sie mal keine Lust auf Krieg hatten. Die Tische waren mit dunkelgrünem Leder oder Stoff bespannt. Tatsächlich stand im Vereinsgebäude am Angerweg 24 ein grüner Tisch. Ein Billardtisch. Laut Protokoll wurde er 1945 von der SMAD „abgeführt“. Ring 02 legte gegen das Spiel Protest ein. Wegen der unberechtigten Elfmeter und des Spielabbruchs. Und es gab noch einen Grund. Körste, der Torschütze, und Franz Riemann, ehemals FEA-Spieler beim HFC Wacker 1900, spielten im Endspiel unberechtigt beim HFC von 1896. Hädicke hatte die Beiden gelockt.

Neuansetzung der Partie durch den Mitteldeutschen Fußballverband

Der Mitteldeutsche Fußballverband gab dem Protest statt. Am nächsten Tag wurde das Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit wiederholt. 2:0 für Dresden Ring 02. Torschützen Fiebig und Klausnitzer. Prompt legte der HFC Protest ein. Weil das zweite Dresdner Tor Abseits gewesen sei. Mannomann! Jetzt fing auch das noch an. Nun übernahm Hädicke den Vorsitz der Schiedskommission. Diese erklärte das Ergebnis des ersten, abgebrochenen Spiels für gültig. Am grünen Tisch wurde der Hallesche FC von 1896 zum Mitteldeutschen Meister erklärt. Der mitteldeutsche Fußballskandal war vollendet.

Obwohl Johannes Hädicke Vorsitzender des Mitteldeutschen Fußballverbandes war, meldete er den HFC von 1896 als Fußballverein ab. Niemand unter den Zuschauern wusste, dass die Beendigung des HFC von 1896 bereits vor dem Endspiel beschlossene Sache war. Hädicke wurde der Initiator einer Fusion mit dem KTB Halle 1875, durch die ein Modellverein für Leibesübungen in der Weimarer Republik entstand. Der Sitz des Mitteldeutschen Fußballverbandes wurde an seinen Gründungsort zurückverlegt. Von Halle nach Leipzig. Aus dem Dresdner Ring 1902 gingen 1933 ebenfalls nach Fusionen die Dresdner Sportfreunde 01 hervor. Die Fusion von 1933 erklärt sich aus dem Verbot des DFB und der Einführung des „Fachamts“ für Fußball durch die Nazis. Einen Fußballskandal wie den von 1919 sollte die Weimarer Republik jedenfalls nicht mehr erleben.

Jürgen Hermann

Region/Dresden Kreis Dresden

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