04. September 2018 / 17:40 Uhr

Der Mann, der im Maracanã traf: Eintracht Braunschweig trauert um Klaus Gerwien

Der Mann, der im Maracanã traf: Eintracht Braunschweig trauert um Klaus Gerwien

Alex Leppert
Eintracht Braunschweig trauert um Klaus Gerwien
Eintracht Braunschweig trauert um Klaus Gerwien © imago/Horstmüller
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Eintracht-Legende Gerwien ist tot. Der Mann, der für Eintracht Braunschweig das allererste Bundesliga-Tor erzielte und im Maracanã-Stadion für Deutschland gegen Pelé und Brasilien per Fallrückzieher traf, verstarb am Montag, den 3. September.

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Klaus Gewien ist tot. Eine Bestmarke, die wird ihm niemals mehr jemand nehmen: Gerwien war derjenige, der für Eintracht Braunschweig das allererste Tor in der Bundesliga geschossen hat. Sein schönstes hat er aber in einem Länderspiel gemacht. Und das sogar in einem ganz besonderen.Es war am 14. Dezember 1968 im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro, 65.000 Zuschauer, Brasilien gegen Deutschland – das einzige Länderspiel, in dem Pelé und Franz Beckenbauer jemals zusammen auf dem Feld standen. Und nach dem Seitenwechsel mischte im Team von Helmut Schön auch Klaus Gerwien als Stürmer mit. In der 70. Minute traf der Braunschweiger dann zum Ausgleich – mit einem herrlichen Fallrückzieher. Dabei war der Rechtsaußen doch eigentlich eher ein Vorbereiter.

Begonnen hatte die Fußballer-Karriere in Wolfsburg. Vater Gerwien war gegen Kriegsende als Front-Urlauber mit Frau und Kind vor der Sowjetarmee aus Ostpreußen nach Dachtmissen bei Burgdorf geflüchtet. Die Arbeit führte ihn später zu VW – und Sohn Klaus machte seine ersten Schritte beim FC Wolfsburg. Nachbarsjunge Gerhard „Fichte“ Schrader nahm ihn dann mal mit zum SSV Vorsfelde.

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„Ich war am Anfang ein wenig zu trickreich und verspielt“

Es sollte nicht der letzte Wechsel sein, an dem Schrader beteiligt war. Auch zum VfL Wolfsburg holte er seinen Kumpel nach, nachdem die Grün-Weißen 1958 in die Oberliga aufgestiegen waren. Gerwien bestritt seine ersten Einsätze in der höchsten deutschen Spielklasse, stieg mit dem VfL aber postwendend wieder ab. 1961 wechselten die beiden Angreifer dann zusammen zu Oberligist Eintracht Braunschweig.

„Ich musste mich erst mal an das neue Umfeld gewöhnen“, erinnerte sich Gerwien in einem seiner letzten Interviews. Als 21-Jähriger erkämpfte er sich in der jungen Truppe von Trainer Hannes Vogel damals aber sofort einen Stammplatz. Zwei Jahre später war er es, der nach einem Solo über den halben Platz dem ebenfalls vor Kurzem verstorbenen Manfred Wuttich das Tor auflegte, das den 1:0-Sieg bei Hannover 96 bedeutete, der mit ausschlaggebend für die Bundesliga-Qualifikation der Braunschweiger war. Doch manchmal misslang ein Alleingang auch: „Ich war am Anfang ein wenig zu trickreich und verspielt, musste das später abstellen.“

In Wolfsburg war er ausschließlich Rechtsaußen. „Als ich zur Eintracht wechselte, spielte Klaus Blumenberg auf dieser Position. Da ich beidfüßig war, stellte man mich auf Linksaußen“, sagte Gerwien. Doch 1963 war Blumenberg nicht mehr dabei – und Gerwien schoss am allerersten Bundesliga-Spieltag beim geradezu sensationellen 1:1 bei 1860 München das Ausgleichstor.

Gerwien wird zum Nationalspieler

Er machte sich schnell einen Namen. Der Lohn war die Berufung zu einer Nordafrika-Reise der Nationalmannschaft unter Sepp Herberger. Gerwien: „In Marokko waren wir im Königspalast eingeladen. Das war sagenhaft, wie ein Märchen aus 1001 Nacht.“ Zum Jahreswechsel 1963/64 bestritt Gerwien als erster Braunschweiger seit Albert Sukop 1935 wieder ein Länderspiel.

Eine DFB-Reise mit schweren Folgen

Es waren sogar zwei, doch die Reise nach Marokko und Algerien hatte Folgen: „Ich habe mir dort eine leichte Erkältung zugezogen, die sich zu Hause zu einer schweren Halsentzündung ausweitete. Meine Hand- und Fußgelenke schwollen an – und ich musste ins Krankenhaus, wo ich acht Monate gelegen habe.“

Ab Oktober 1964 war der Rechtsaußen wieder jahrelang in fast allen Spielen dabei, ausgerechnet in der Meistersaison hatte er jedoch erst Verletzungs- und dann Formprobleme. Unvergessen bleibt aber sein 1:0 als hinkender Verletzter in Frankfurt und sein Traum-Comeback beim 2:0 gegen den HSV. Auch das Video vom 1:0-Hammer beim 5:2 gegen die Bayern kann man sich gar nicht oft genug ansehen.

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„Das war ein Traum. Später haben wir noch Fotos mit Pelé gemacht“

Ein Jahr später folgte – nach fast fünf Jahren – das Comeback in der Nationalelf. Unter anderem mit dem legendären Tor in Rio. „Das war ein Traum. Später haben wir noch Fotos mit Pelé gemacht“, erinnerte sich Gerwien an die Partie in Brasilien. Doch in der Bundesliga bekam er immer weniger Einsatzzeit. Nach dem Abstieg 1973 hängte er trotzdem noch ein Jahr in der Regionalliga dran, bestritt sein letztes Spiel für die Braunschweiger aber bereits am 13. Spieltag beim 2:0 gegen Barmbek-Uhlenhorst.

Nach dem Wiederaufstieg wechselte der knapp 34-Jährige, der mittlerweile mit seiner Frau eine Schnellreinigung in der Braunschweiger Innenstadt führte, zum VfB Peine in die Landesliga. Dort spielte er mit den Fuhsestädtern mehrfach um den Aufstieg in die Oberliga mit. Später ginges zu Teutonia Uelzen und weiter zum TSV Wendezelle, für den er noch bis 1985 kickte. Erst mit deutlich über 40 ging der frühere Nationalspieler in die verdiente Fußball-Rente.

Gerwien zitterte stets auf der Tribüne mit

Wenn es die Gesundheit zuließ, verfolgte der berteits seit Jahren schwer kranke Gerwien die Spiele seiner Eintracht im Stadion – der Meister-Rechtsaußen zählte zu denen, die seit Jahrzehnten auf der Tribüne mitfieberten.

Er ist übrigens nicht nur der erste Bundesliga-Torschütze der Eintracht und der einzige Braunschweiger in der „Jahrhundert-Elf des Nordens“, die der Norddeutsche Fußballverband anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahr 2005 aufgestellt hat. Der frühere Rechtsaußen ist auch einer der Spieler, die im Musical „Unser Eintracht“ 2009 als Mitglied einer ewigen Eintracht-Elf besungen wurden: 

„Klaus Gerwien war immer ’n großer Vorbereiter – nicht nur 67 war er ’n wackerer Streiter – sein Fallrückziehertor gegen Pelé und Brasilien – machte Deutschland stolz auf die Eintracht-Familie.“  

Gerwien starb am Montag, 3. September, in einem Heim für betreutes Wohnen am Elm, in dem er schon länger gelebt hatte.

Die Grundlage des Textes stammt aus dem Buch „Der Weg zum Titel“, das 2016 von Alex Leppert verfasst wurde und vom Verlag Madsack Medien Ostniedersachsen (MMO) herausgegeben wurde. Erhältlich ist das Buch in der Geschäftsstellen der AZ, WAZ und PAZ sowie auch online im Eintracht-Fanshop.

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