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Der Mann, der im Maracanã traf: Eintracht Braunschweig trauert um Klaus Gerwien

Alex Leppert
Eintracht Braunschweig trauert um Klaus Gerwien © imago/Horstmüller

Eintracht-Legende Gerwien ist tot. Der Mann, der für Eintracht Braunschweig das allererste Bundesliga-Tor erzielte und im Maracanã-Stadion für Deutschland gegen Pelé und Brasilien per Fallrückzieher traf, verstarb am Montag, den 3. September.

Klaus Gewien ist tot. Eine Bestmarke, die wird ihm niemals mehr jemand nehmen: Gerwien war derjenige, der für Eintracht Braunschweig das allererste Tor in der Bundesliga geschossen hat. Sein schönstes hat er aber in einem Länderspiel gemacht. Und das sogar in einem ganz besonderen.Es war am 14. Dezember 1968 im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro, 65.000 Zuschauer, Brasilien gegen Deutschland – das einzige Länderspiel, in dem Pelé und Franz Beckenbauer jemals zusammen auf dem Feld standen. Und nach dem Seitenwechsel mischte im Team von Helmut Schön auch Klaus Gerwien als Stürmer mit. In der 70. Minute traf der Braunschweiger dann zum Ausgleich – mit einem herrlichen Fallrückzieher. Dabei war der Rechtsaußen doch eigentlich eher ein Vorbereiter.

Begonnen hatte die Fußballer-Karriere in Wolfsburg. Vater Gerwien war gegen Kriegsende als Front-Urlauber mit Frau und Kind vor der Sowjetarmee aus Ostpreußen nach Dachtmissen bei Burgdorf geflüchtet. Die Arbeit führte ihn später zu VW – und Sohn Klaus machte seine ersten Schritte beim FC Wolfsburg. Nachbarsjunge Gerhard „Fichte“ Schrader nahm ihn dann mal mit zum SSV Vorsfelde.

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Das sind die Rekordspieler von Eintracht Braunschweig:

14. Dietmar Erler (307 Spiele): Kam als Linksaußen 1970 von Borussia Dortmund. Der frühere Jugend-Nationalspieler beendete während seiner Zeit bei der Eintracht sein Studium und war später unter anderem auch für den NDR-Hörfunk tätig. Auf dem Fußballplatz schulte ihn Branko Zebec zum Mittelfeldspieler um, schwere Verletzungen warfen ihn jedoch immer wieder zurück. Mit 33 Jahren beendete nach dem Abstieg 1980 seine Profi-Karriere. Der Sport-, Mathematik- und Erdkunde-Lehrer ist auch nach seiner Karriere in Braunschweig geblieben und galt dort als einer der wenigen Spieler, mit denen Paul Breitner gut auskam. © imago
13. Jürgen Moll (311 Spiele): Sein Unfalltod am 16. Dezember 1968 schockierte ganz Fußball-Deutschland. Mit seiner Frau Sigrid war das der Blondschopf auf der A7 zwischen Hamburg und Hannover verunglückt. Bei einem Doppel-Benefizspiel kam anschließend zum ersten und einzigen Mal die Weltmeister-Elf von 1954 wieder auf einem Fußballplatz zusammen. Moll war 1957 zur Eintracht gekommen und sorgte erstmals bei der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft 1958 für Furore. Trainer Helmuth Johannsen schulte ihn später zum Verteidiger um. Allerdings war Moll anders als die meisten anderen Abwehrspieler dieser Zeit mit viel Offensivdrang ausgestattet. © imago
12. Mirko Boland (315 Spiele): Der Dauerrenner im Mittelfeld wechselte Anfang 2009 vom MSV Duisburg II zur drittklassigen Eintracht. Ursprünglich für die Außenbahn geholt, wurde „Bole“ über die Jahre zum Sechser, der auch im einzigen Bundesliga-Jahr mithalten konnte. © dpa
11. Friedhelm Haebermann (318 Spiele): Der Duisburger kam zwar bereits 1969 zur Eintracht, Profi wurde er (offiziell) aber erst 1972. Der Grund: Haebermann hätte sonst nicht an den Olympischen Spielen in München teilnehmen dürfen. In Braunschweig spielte der Libero bis 1979 (in der letzten Saison jedoch ohne Einsatz). Der damals 32-Jährige wurde im Anschluss Nachwuchstrainer bei der Eintracht und war später in Berlin sowohl Verbands- als auch Vereinscoach. © imago
9. Ken Reichel (322 Spiele): Als der Berliner 2007 vom Hamburger SV II kam, war nicht absehbar, dass der Linksfuß mal zu den Spielern mit den meisten Einsätzen in der Klubgeschichte hören würde. Erst 2009 schaffte er den Durchbruch, fehlte fast nie und wurde sogar zum torgefährlichsten Verteidiger der 2. Bundesliga. © imago/Zink
9. Werner Thamm (322 Spiele): Er (links) kam 1950 als Nachwuchsspieler vom TSV Goslar und war in den 1950er Jahren einer der wichtigsten Akteure im Eintracht-Dress: Der Allrounder stand sogar einmal 90 Minuten lang im Tor. Der sprunggewaltige und kopfballstarke Torjäger war Garant beim sofortigen Wiederaufstieg 1953 und trug war auch 1958 bei der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft einer der Leistungsträger. 1962 beendete Thamm seine Laufbahn und wurde Spielertrainer bei den Freien Turnern. Er starb 1987.
8. Walter Schmidt (328 Spiele): Ein Bundesliga-Rekord kann Walter Schmidt (rechts) niemals mehr genommen werden, denn er war der erste und einzige Spieler, der nach dem Start 1963 die 100 ersten Partien der neuen Liga alle mitgemacht hatte. Der in Westfalen aufgewachsene drahtige Defensivmann war vor seiner Fußball-Karriere auch Turner und Kunstspringer gewesen, 1959 kam der Westfale zur Eintracht. Und war dort eine der Stützen der Meisterelf. Nach einer Verletzung im Test gegen Slovan Bratislava verletzte sich der damals 32-Jährige 1969 so schwer, dass er seine Karriere beenden musste. Schmidt ist auch heute noch regelmäßiger Stadionbesucher. © imago
7. Klaus Gerwien (331 Spiele): Der trickreiche Außenstürmer wurde 1961 auf Anhieb zum Stammspieler und feierte in der ersten Bundesliga-Spielzeit sogar sein Nationalelf-Debüt. Vier Jahre später kam Gerwien, inzwischen ein Deutscher Meister, wieder für das DFB-Team zum Einsatz. Unter anderem traf er gegen Brasilien mit Pelé im Maracana-Stadion per Fallrückzieher. Wenn es die Gesundheit zulässt, ist er auch heute noch im Stadion. © imago
6. Peter Kaack (339 Spiele): Schon äußerlich war der Holsteiner (rechts) der Prototyp des kompromisslosen Vorstoppers, dessen Aufgabe nach der Balleroberung beendet ist und der besser nicht die Mittellinie überquert. 1963 kam er vom VfR Neumünster und war bis zum Abstieg 1973 Leistungsträger. Kaack (rechts) gelang im Europapokal-Viertelfinale das Kunststück, beim 3:2-Hinspielsieg gegen Juventus Turin nicht nur einen Treffer für die Braunschweiger zu erzielen, sondern auch zwei Eigentore. Er lebt heute in Kiel. © imago
5. Reiner Hollmann (345 Spiele): Mit Oberhausen hatte Hollmann (links) bereits Bundesliga-Luft geschnuppert, zudem war er als Amateur bei Olympia 1972 dabei. Der Vorstopper mit der stets aufrechten Körperhaltung kam 1973 nach Braunschweig,.war später auch Libero, Elfmeter- sowie Freistoßspezialist. Nach dem Karrriere-Ende 1984 ging er als Trainer zunächst zum MTV Gifhorn, kam dann aber als Assistent von Kalli Feldkamp und auch als Chefcoach reichlich in der Welt herum, vor allem im arabischen Bereich. © imago
4. Joachim Bäse (361 Spiele): Der unumstrittene Kapitän und Kopf der Meistermannschaft 1967 kam von FC Wenden zur Eintracht. Der Außenläufer übernahm im Sommer 1966 eine ganz neue Rolle. Bei einem Intertoto-Spiel in Polen wurde er als Libero getestet – den es bei der Eintracht so vorher nicht gegeben hatte. Bäse (links) spielte sich sogar ins Blickfeld der Nationalmannschaft, für die er 1968 einmal auflaufen durfte. Nach dem Abstieg 1973 beendet der mittlerweile 33-Jährige seine Karriere und half anschließend nur noch beim FC Wenden aus. Der gelernte Koch arbeitete später beim Veterinäramt der Stadt und lebt in Thune. © imago
3. Wolfgang Grzyb (408 Spiele): Erst mit 26 Jahren wurde „Schippi” 1966 als Profi-Fußballer entdeckt. Der gelernte Schmied, ein echtes Kraftpaket, kam in der Meistersaison als Stürmer zum Einsatz, wurde danach zum Außenverteidiger umgeschult, war als Energiebündel ein echter Dauerbrenner und galt auch im hohen Fußballer-Alter noch als äußerst sprintstark. Als er Paul Breitner nahelegte, Braunschweig zu verlassen, wenn es ihm dort nicht gefalle, wurde er 1977 aussortiert. Grzyb starb 2004 mit 64 Jahren. © imago
2. Bernd Franke (492 Spiele): Der „Adler“ war nicht nur der König der Lüfte (2. v. h. l.), sondern zugleich auch ein echter Pechvogel. Zwischen 1971 und 1985 zählte er jahrelang zu den besten deutschen Torhütern, verpasste aber gleich mehrere Turniere. Bei der WM 1982 saß er dann aber sogar im Finale auf der Bank, später nahm er auch noch am Fußballturner von Olympia 1984 in Los Angeles teil . Er lebt heute wieder in seiner saarländischen Heimat. © imago
1. Franz Merkhoffer (574 Spiele): Der „Pferde-Franz“ wird wahrscheinlich auf ewig Eintrachts Rekordspieler bleiben. Nach dem Unfalltod von Jürgen Moll nahm er 1969 dessen Platz als linker Verteidiger ein und verpasste in den nächsten 14 Jahren gerade mal zehn Punktspiele. Während seiner Zeit als Fußballer hatte sich der unverwüstliche Linksfuß schon immer für Pferde sowie für den Reitsport interessiert. Neben seinem Haus in Rothemühle züchtete er Pferde. Vor den Toren der Stadt lebt er auch heute noch. © imago

„Ich war am Anfang ein wenig zu trickreich und verspielt“

Es sollte nicht der letzte Wechsel sein, an dem Schrader beteiligt war. Auch zum VfL Wolfsburg holte er seinen Kumpel nach, nachdem die Grün-Weißen 1958 in die Oberliga aufgestiegen waren. Gerwien bestritt seine ersten Einsätze in der höchsten deutschen Spielklasse, stieg mit dem VfL aber postwendend wieder ab. 1961 wechselten die beiden Angreifer dann zusammen zu Oberligist Eintracht Braunschweig.

„Ich musste mich erst mal an das neue Umfeld gewöhnen“, erinnerte sich Gerwien in einem seiner letzten Interviews. Als 21-Jähriger erkämpfte er sich in der jungen Truppe von Trainer Hannes Vogel damals aber sofort einen Stammplatz. Zwei Jahre später war er es, der nach einem Solo über den halben Platz dem ebenfalls vor Kurzem verstorbenen Manfred Wuttich das Tor auflegte, das den 1:0-Sieg bei Hannover 96 bedeutete, der mit ausschlaggebend für die Bundesliga-Qualifikation der Braunschweiger war. Doch manchmal misslang ein Alleingang auch: „Ich war am Anfang ein wenig zu trickreich und verspielt, musste das später abstellen.“

In Wolfsburg war er ausschließlich Rechtsaußen. „Als ich zur Eintracht wechselte, spielte Klaus Blumenberg auf dieser Position. Da ich beidfüßig war, stellte man mich auf Linksaußen“, sagte Gerwien. Doch 1963 war Blumenberg nicht mehr dabei – und Gerwien schoss am allerersten Bundesliga-Spieltag beim geradezu sensationellen 1:1 bei 1860 München das Ausgleichstor.

Gerwien wird zum Nationalspieler

Er machte sich schnell einen Namen. Der Lohn war die Berufung zu einer Nordafrika-Reise der Nationalmannschaft unter Sepp Herberger. Gerwien: „In Marokko waren wir im Königspalast eingeladen. Das war sagenhaft, wie ein Märchen aus 1001 Nacht.“ Zum Jahreswechsel 1963/64 bestritt Gerwien als erster Braunschweiger seit Albert Sukop 1935 wieder ein Länderspiel.

Eine DFB-Reise mit schweren Folgen

Es waren sogar zwei, doch die Reise nach Marokko und Algerien hatte Folgen: „Ich habe mir dort eine leichte Erkältung zugezogen, die sich zu Hause zu einer schweren Halsentzündung ausweitete. Meine Hand- und Fußgelenke schwollen an – und ich musste ins Krankenhaus, wo ich acht Monate gelegen habe.“

Ab Oktober 1964 war der Rechtsaußen wieder jahrelang in fast allen Spielen dabei, ausgerechnet in der Meistersaison hatte er jedoch erst Verletzungs- und dann Formprobleme. Unvergessen bleibt aber sein 1:0 als hinkender Verletzter in Frankfurt und sein Traum-Comeback beim 2:0 gegen den HSV. Auch das Video vom 1:0-Hammer beim 5:2 gegen die Bayern kann man sich gar nicht oft genug ansehen.

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„Das war ein Traum. Später haben wir noch Fotos mit Pelé gemacht“

Ein Jahr später folgte – nach fast fünf Jahren – das Comeback in der Nationalelf. Unter anderem mit dem legendären Tor in Rio. „Das war ein Traum. Später haben wir noch Fotos mit Pelé gemacht“, erinnerte sich Gerwien an die Partie in Brasilien. Doch in der Bundesliga bekam er immer weniger Einsatzzeit. Nach dem Abstieg 1973 hängte er trotzdem noch ein Jahr in der Regionalliga dran, bestritt sein letztes Spiel für die Braunschweiger aber bereits am 13. Spieltag beim 2:0 gegen Barmbek-Uhlenhorst.

Nach dem Wiederaufstieg wechselte der knapp 34-Jährige, der mittlerweile mit seiner Frau eine Schnellreinigung in der Braunschweiger Innenstadt führte, zum VfB Peine in die Landesliga. Dort spielte er mit den Fuhsestädtern mehrfach um den Aufstieg in die Oberliga mit. Später ginges zu Teutonia Uelzen und weiter zum TSV Wendezelle, für den er noch bis 1985 kickte. Erst mit deutlich über 40 ging der frühere Nationalspieler in die verdiente Fußball-Rente.

Gerwien zitterte stets auf der Tribüne mit

Wenn es die Gesundheit zuließ, verfolgte der berteits seit Jahren schwer kranke Gerwien die Spiele seiner Eintracht im Stadion – der Meister-Rechtsaußen zählte zu denen, die seit Jahrzehnten auf der Tribüne mitfieberten.

Er ist übrigens nicht nur der erste Bundesliga-Torschütze der Eintracht und der einzige Braunschweiger in der „Jahrhundert-Elf des Nordens“, die der Norddeutsche Fußballverband anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahr 2005 aufgestellt hat. Der frühere Rechtsaußen ist auch einer der Spieler, die im Musical „Unser Eintracht“ 2009 als Mitglied einer ewigen Eintracht-Elf besungen wurden: 

„Klaus Gerwien war immer ’n großer Vorbereiter – nicht nur 67 war er ’n wackerer Streiter – sein Fallrückziehertor gegen Pelé und Brasilien – machte Deutschland stolz auf die Eintracht-Familie.“  

Gerwien starb am Montag, 3. September, in einem Heim für betreutes Wohnen am Elm, in dem er schon länger gelebt hatte.

Die Grundlage des Textes stammt aus dem Buch „Der Weg zum Titel“, das 2016 von Alex Leppert verfasst wurde und vom Verlag Madsack Medien Ostniedersachsen (MMO) herausgegeben wurde. Erhältlich ist das Buch in der Geschäftsstellen der AZ, WAZ und PAZ sowie auch online im Eintracht-Fanshop.

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