11. Oktober 2018 / 06:00 Uhr

Ex-DFB-Trainerausbilder Peter Hyballa: Das läuft bei der Förderung deutscher Talente schief

Ex-DFB-Trainerausbilder Peter Hyballa: Das läuft bei der Förderung deutscher Talente schief

Hans-Günther Klemm
Peter Hyballa äußert sich im Interview zur Lage im Jugendfußball.
Peter Hyballa äußert sich im Interview zur Lage im Jugendfußball. © imago
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Warum Jugendspieler heute jede taktische Grundformel beherrschen, aber mit keinem Trick mehr am Gegenspieler vorbeikommen, erklärt der langjährige Nachwuchstrainer Peter Hyballa im Interview mit dem SPORTBUZZER.

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Peter Hyballa scheut sich seit jeher nicht, unbequeme, auch unpopuläre Aussagen zu treffen. Lange hat der eigenwillige Trainer im Nachwuchsbereich gearbeitet – anfangs in Bielefeld und Münster, danach in Wolfsburg, Dortmund und Leverkusen. Profiteams betreute der 42-jährige „Halb-Holländer“, wie er sich selbst wegen seiner holländischen Mutter bezeichnet, in Aachen, Graz und Nijmegen. In diesem Sommer heuerte er beim slowakischen Erstligisten FK DA Dunajska Streda. Zuvor hatte er beim DFB als Trainerausbilder gearbeitet. Der SPORTBUZZER spricht mit dem Mann, der nur selten ein Blatt vor den Mund nimmt, über die Pro­bleme in der deutschen Nachwuchsförderung und Trainerausbildung.

SPORTBUZZER: Herr Hyballa, das blamable Aus der Nationalelf bei der Fußball-WM in Russland dokumentierte, dass vieles schiefgelaufen ist im deutschen Fußball. Ist ein Umdenken erforderlich, was Trainerausbildung und Nachwuchsförderung betrifft?

Peter Hyballa (42): Viele Kinder und Jugendliche dürfen und können nicht mehr spielen. Wir müssen ihnen im Training die Freiheit gestatten, dass sie sich auf dem Fußballfeld ausleben können. Die Jungen müssen spielen, so spielend lernen, ohne dass sie mit Inhalten überfrachtet werden.

„Trainer, wann spielen wir?“ heißt Ihr neuestes Buch über moderne Spielformen im Jugendtraining.

Die Liebe zum Ball muss im Vordergrund stehen und gepflegt werden. Ich halte es da mit Pep Guardiola, der gesagt hat, das Wichtigste sei der Ball. Zitat: „Meine Spieler haben das Glück, täglich im Training spielen zu dürfen.“

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Die Renaissance des Straßenfußballs?

Ich glaube schon. Irgendwann holt sich die Straße den Fußball zurück. Es muss wieder eine Umkehrung der Verhältnisse stattfinden: Kunst ist nicht die Taktik, wie es heute so schön heißt. Kunst ist die Technik, die Ballfertigkeit. Der Ball ist wichtiger als die Excel-Tabelle.

Was kritisieren Sie konkret?

Heutzutage ist es zu der schlimmen Entwicklung gekommen, dass die Zuarbeiter wie beispielsweise der Videoanalyst die wichtigsten Leute sind. Sie haben zu viel Macht erhalten. Das ist der falsche Ansatz. Der wichtigste Mann ist immer noch der Trainer. Der Feldtrainer, wie ich ihn bezeichne.

Bedeutet das, dass Sie die sogenannten Laptop-Trainer ablehnen?

Auf keinen Fall, moderne Methoden müssen sein, sind hilfreich, dürfen jedoch nicht überhöht werden. Zuletzt ist jeder auf einen neuen Trend aufgesprungen: hier Ernährungslehre, dort Psychologie, da Statistiken zu Laufwegen und Passfolgen. Doch es darf sich nicht verselbstständigen. Ich gehöre der Generation der Jugendtrainer wie Christian Streich, Thomas Tuchel und Norbert Elgert an, die nach der Jahrtausendwende innovativ gearbeitet hat und von den gestandenen Coaches, meist namhaften Ex-Profis, nicht für voll genommen worden ist. Jugendtrainer war zu jener Zeit häufig noch ein Schimpfwort. Dabei haben wir mehr geleistet für das Umdenken im deutschen Fußball, das durch den Gewinn des WM-Titels 2014 gekrönt worden ist, als andere.

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Die Neuausrichtung wurde allerorten gelobt. Wie ist sie aus dem Ruder gelaufen?

Die Zentren sind wie eine große Studenten-WG. Es wird stromlinienförmig ausgebildet. Individualisten und Persönlichkeiten, mutige Spieler, die kreativ sind, oder gar Querdenker sind nicht gefragt.

Ein konkretes Beispiel bitte.

Jeder 16-Jährige weiß heute Bescheid über taktische Grundformen, spricht über Binden, Abklemmen und Isolieren, kann über die Räume auf dem Spielfeld referieren. Mit diesem Rüstzeug würde er jederzeit die Trainerprüfung zur B-Lizenz bestehen. Doch der so geschulte Nachwuchsspieler kann keine zehn Tricks vormachen, die ihm gestatten, sich im Dribbling durchzusetzen. Und er wird vor allen Dingen nicht dazu angehalten, in diese Duelle zu gehen. Dazu müsste er ermuntert und ermutigt werden, denn dazu ist Mut und Risikobereitschaft erforderlich.

Warum geschieht es nicht?

Der Hauptgrund: Die Jugendarbeit bei den Bundesligisten ist ergebnisorientiert, nicht ausbildungsorientiert. Es ist ein Mini-Profifußball, kein Jugendfußball mehr. Die Nachwuchstrainer stehen unter Strom und Stress. Wenn eine U19 eines Bundesligisten unten steht, wurde in den vergangenen Jahren der Trainer beurlaubt oder es wurde im Winter auf dem Transfermarkt im In- und Ausland noch mal zugeschlagen. Die Resultate müssen stimmen. Alles wie im Profifußball – irgendwie wahnsinnig und krank, jedenfalls gegen jede Entwicklungspädagogik. Auch die Trainer haben sich darauf eingestellt, wollen so schnell wie möglich nach oben, wittern ihre Chance, wenn sie Ergebnisse liefern.

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Wie könnte dieser Missstand geändert werden?

Es sollte nachgedacht werden, ob die hochgelobten Bundesligen im Nachwuchsbereich wirklich der Weisheit letzter Schluss sind. Vielleicht wäre es einen Versuch wert, mal einen Test ohne die Leistungsklassen zu wagen. Und Talenten gebe ich den Rat, möglichst lange bei ihren zumeist kleinen Heimatklubs zu bleiben, statt früh in ein Leistungszentrum eines Profiklubs zu wechseln, wo sie auf der Kaderliste möglicherweise die Nummer 20 oder 25 sind.

Was schlagen Sie vor im Hinblick auf die Trainerausbildung?

Die Philosophie der Ausbildung sollte wieder mehr auf Individualförderung gelegt werden und nicht so sehr auf das überbetonte Ballbesitzspiel, das Pass- und Kombinationsspiel. Dies ging zuletzt auf Kosten der Freiheiten der Spieler.

Was war der größte Fehler beim desaströsen Auftritt der Löw-Elf?

Wir haben eine Kopie versucht: Holland und Spanien im Quadrat. Immer nur nach vorn, brutales Offensivspiel, mitunter so extrem, dass nur zwei Mann verteidigt haben. Die schlechte Variante eines am Ballbesitz orientierten Fußballs ohne echten zentralen Stürmer, sodass der Ball ins Tor getragen werden sollte.

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Trotzdem gibt es bislang kaum personelle Veränderungen.

Man braucht auch Typen wie Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer, Oliver Kahn und Philipp Lahm, halt Querdenker, an denen man sich reiben kann. Konflikte können auch zum Erfolg beim Prozess der Erneuerung führen.

Hat Hyballa mit seiner Kritik recht? Stimmt ab!

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