Mit Borussia Dortmund gewann Jürgen Klopp zweimal die deutsche Meisterschaft. © dpa/Montage

"Die Entscheidung für Liverpool war superleicht": Das große Klopp-Interview!

Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland berichtet Jürgen Klopp von großen Sekunden und außergewöhnlichen Momenten in seiner Karriere.

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Diese eine Sekunde, in der sich alles löst, in der man seinen Frust oder seine Freude rausschreit, weil man weiß: Jetzt ist alles klar. Entweder hat man verloren oder gewonnen, alles oder nichts. Solche Sekunden hat Jürgen Klopp in seiner langen Karriere als Spieler und Trainer vielfach erlebt.

Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland berichtet der Liverpool-Coach über die Highlights, aber auch über die Tiefpunkte seiner langen Laufbahn.

RedaktionsNetzwerk Deutschland:*"Herr Klopp, ziehen Sie als Trainer besondere Momente an?"*

Jürgen Klopp: "Wir haben es schon ausgereizt, das kann man so sagen. (lacht) Freunde meinen immer: 'Du kannst nicht ohne Drama'"

*"Lassen Sie uns einsteigen mit dem Beginn Ihrer Trainerkarriere im Jahr 2001. Mainz-Manager Christian Heidel hatte Ihnen als Spieler gesagt: 'Du bist der Bestverdiener in der Mannschaft.'" *

"'Mehr geht nicht, Kloppo, mehr geht wirklich nicht. Du bist der Bestverdiener, mehr können wir dir nicht geben.' Christian Heidel war damals und ist heute einer meiner besten Freunde. Nachdem ich als Trainer einen Einblick in die Spielergehälter bekommen hatte, musste ich ihm allerdings sagen: 'Du bist ein schönes Arschloch.'" (lacht)

"Als Sie 2008 zum BVB gingen, wollte Ihnen niemand ein Haus vermieten."

(lacht laut) "Weil die Trainer in Dortmund so oft gewechselt hatten. Das stimmt tatsächlich. Gemietet haben wir dann bei jemandem, der von Fußball null Komma null Ahnung hat. Der auch nicht wusste, wer wir sind. Wir haben uns vorgestellt als Ulla, die Kinderbuchautorin – und Jürgen, der Sportlehrer."

"Auch der HSV dachte darüber nach, den Sportlehrer Klopp als Trainer zu verpflichten – und nahm Abstand, weil Sie zerrissene Jeans getragen hatten. Hat Sie das getroffen?"

"Ja, das kann ich so sagen. Ich wollte als Trainer wahrgenommen werden. Der HSV hat so eine Art Casting gemacht: flapsiger Umgang mit der Presse, Unpünktlichkeit, Löcher in den Jeans, Raucher. Rauchen stimmt leider. Unpünktlich ist eine absolute Unwahrheit. Ich war in meinem Leben nie unpünktlich, wenn ich es irgendwie verhindern konnte. Und was war das Letzte? Flapsig im Umgang mit der Presse. Ja, was soll das? Und dann noch der Spitzname Kloppo, verbunden mit der Frage nach Autorität. Ich habe damals gesagt: 'So, Freunde, falls noch Interesse besteht, wollte ich nur mal sagen: no way. Ruft nie wieder an, das mache ich nicht. Ich bin Fußballtrainer und wenn euch solche Sachen wichtig sind, seid ihr die Falschen. Dann können wir nicht zusammenarbeiten.'"

"In Dortmund haben Sie mal gesagt: 'Ein gutes Pferd springt nicht so hoch, wie es muss. Ein gutes Pferd springt verdammt noch mal so hoch, wie es kann.' War das die Philosophie, die diese erfolgreiche Ära geprägt hat?"

"Ja. Wir hatten unglaubliches Glück. Okay, wir waren nicht unbeteiligt an der Zusammenstellung des Kaders und am Training. Aber wir hatten unglaubliches Glück mit den Charakteren. Diese Jungs hatten das perfekte Alter für die Geschichte, die wir schreiben wollten. Diese Jungs waren bis in die Nasenspitze voller Talent und voller Einstellung. Wir haben ihnen das maximale Vertrauen entgegengebracht. Daraus ist eine unfassbar schöne Geschichte entstanden. Das habe ich zuletzt wieder gemerkt, als ich ein paar Ex-Spieler getroffen habe und wir noch mal über die alten Zeiten gequatscht haben. Das ist cool, sich zu erinnern, wie geil das war – und es war überragend geil."

"Die Sekunde des Abpfiffs an jenem 32. Spieltag beim 2:0 zur vorzeitigen ersten Meisterschaft gegen Nürnberg?"

"Einfach nur pure Freude und Fassungslosigkeit, absolut außergewöhnlich. Die Feier war so ursprünglich. Die Wahrheit ist: Deutscher Meister wollten wir schon sehr früh werden – etwa ab Oktober. Gesagt haben wir es nicht."

"Haben die Meisterschaft 2011 und das Double 2012 dazu beigetragen, dass Bayern so stark wurde?"

"Sagen wir mal so: Du kannst in Deutschland ja immer mal wieder Meister werden, das haben andere Mannschaften auch schon geschafft. Dann machst du Bayern wach und dann schlagen die so zurück, dass du im nächsten Jahr gar nicht mehr weißt, dass du ein Jahr vorher Meister geworden bist. Dass wir im zweiten Jahr noch mal Meister geworden sind, sogar mit Punkterekord, obwohl wir die Bayern ja schon wach gemacht hatten, war eine unglaubliche Leistung. Die Jungs haben das sensationell hingekriegt, sind gierig geblieben, gallig geblieben, klar geblieben, haben sich weiterentwickelt. Das war die eigentliche Sensation: dass wir das noch mal geschafft haben."

"Mit einem weiteren Höhepunkt, der 5:2-Demonstration gegen Bayern im Pokalfinale, vor dem Sie Ihrer Mannschaft einen Film über die Mondlandung gezeigt haben sollen."

(lacht laut) "Das stimmt. Aber nicht nur über die Mondlandung. Wir haben besondere Momente in der Geschichte der Menschheit zusammengesucht. Boris Becker gewinnt Wimbledon, Armstrong auf dem Mond, die John-F.-Kennedy-Rede 'Ick bin ein Berliner' und solche Sachen. Wir haben den Jungs gesagt: 'Unser eigener Film ist noch nicht fertig. Wenn wir morgen das Pokalfinale gewinnen, wird diese Episode in unserem Film hundertprozentig auftauchen.' Darum ging es. Aber ganz ehrlich? Ich habe noch viel bessere Sachen gemacht vor Spielen – und die haben wir dann verloren." (schmunzelt)

"Ihre letzte Saison beim BVB …"

"… war eine der skurrilsten in der Geschichte des Fußballs. Es ist Fakt, dass wir in dieser Saison in allen relevanten statistischen Werten – Laufleistung, Ballbesitz, Torchancen, Abschlüsse, wenigste Torchancen zugelassen – Zweiter waren. Und in der Tabelle waren wir zwischendurch Letzter."

"Am 15. April 2015 haben Sie verkündet, dass Sie Schluss machen. Wie schwer fiel Ihnen der Moment, diese Sekunde, in der Sie realisiert haben: Das war es jetzt."

"Ich persönlich nehme mich nicht so wichtig, das mögen vielleicht viele andere anders sehen. Ich bin nicht so, dass ich denke: Nach mir die Sintflut – ich bleibe mal da, wir schieben mal irgendwie 25 Leute woandershin und bauen das Ding noch mal von vorn auf. Das wäre ja Quatsch. Das Gefühl, dass es richtig ist zu gehen, wurde immer stärker. Für mich war klar: Diese Mannschaft ist immer noch gut. Doch wenn ich jetzt dableibe, könnte das zäh werden. Es können hingegen alle dableiben, wenn ich weg bin. Ein bisschen frischer Wind, eine andere Ansprache, ein anderes Training – dann kann das richtig überragend werden. Und so ist es ja dann auch gekommen. Alles gut. Die Aussicht auf ein Jahr Pause hat der ganzen Sache auch keinen Abbruch getan. (lacht) Aber es sind ja dann nur vier Monate geworden."

"Der erste Kontakt mit Liverpool …"

"Marc Kosicke (Klopps Berater – d. Red.) hat mich angerufen und gesagt: 'Liverpool.' Ich wusste: Wenn Liverpool kommt, wird es schwer abzusagen. Ich mochte den Verein schon immer. Dann haben wir uns in New York getroffen, und die Entscheidung für Liverpool war superleicht. Es ist so ziemlich genau das, was ich mir unter Fußball vorstelle: extrem emotional. Man nimmt mich ja selbst auch als sehr emotional wahr. Aber das bin ich ausschließlich am Spielfeldrand und vielleicht beim Training mal. Ansonsten bin ich eher zurückgenommen und analytisch."

"Nach nicht mal einem Jahr haben Sie Ihren Vertrag verlängert. Warum?"

"Es ging darum, dass der Verein sowie mein Trainerteam und ich der Meinung waren: Das ist genau die richtige Konstellation, die wir brauchen. Es dauert zwar ein bisschen, das kann nicht alles über Nacht gehen. Vor allem in diesem Umfeld in dieser Liga mit dieser extremen Kraft. Da ist es natürlich äußerst schwer. Und trotzdem soll es darum gehen, irgendwann an die Spitze zu kommen, ganz klar. Ich denke überhaupt nicht über die Zeit nach Liverpool hinaus. Es geht jetzt darum, diesen Verein so zu entwickeln, dass er eine natürliche Berechtigung hat, Titel zu gewinnen. Nicht auf der älteren Geschichte basierend, sondern auf diesen sechs Jahren. Und alles, was wir in der Zeit mitnehmen können, nehmen wir mit. Das ist der Plan. Was in der Zeit danach kommt? Keine Ahnung."

"Können Sie sich eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen?"**

"Zum Leben auf jeden Fall. Als Trainer weiß ich es nicht. Es hängt ja auch von der Nachfrage ab. Ich werde ganz sicher nicht auf Teufel komm raus in meinen letzten Arbeitsjahren irgendwo andere Leute mit meiner Anwesenheit belästigen, die diese nicht wünschen. Der Tag wird kommen, an dem ich sage: 'Danke schön, hat Spaß gemacht.' Dass ich mit Mitte 60 noch auf der Trainerbank sitze, ist sehr, sehr unwahrscheinlich. Stattdessen kerngesund auf einer anderen Bank zu sitzen, das ist schon eher das Ziel. Und sollten es am Ende mit Mainz, Dortmund und Liverpool nur drei Vereine gewesen sein, waren es auf jeden Fall drei geile."

"Woher haben Sie dieses Streben nach dem Maximalen?"

"Zunächst muss man definieren, was das Maximale ist. Für mich war das Maximale, dass ich zweite Liga gespielt habe. Mit meinen Fähigkeiten 325-mal zweite Liga spielen zu können – damit war das Maximum rausgeholt. In der Schule habe ich nicht das Maximale rausgeholt. (lacht) Beim Studium schon wieder ein bisschen eher. Im Fußball fällt es mir extrem leicht, das Maximum anzustreben. Ich habe kein Problem damit, beim Skat zu verlieren oder beim Tennis. Ich habe aber große Probleme, ein Fußballspiel zu verlieren. Keine Ahnung, warum das so ist."

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie im Buch "Diese eine Sekunde", das im Oktober in den Handel kommt.

Fussball Bundesliga Region/National Borussia Dortmund (Herren)

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