16. November 2016 / 10:30 Uhr

„Die größte Verarschung aller Zeiten“

„Die größte Verarschung aller Zeiten“

Ronny Müller
Die MAZ vom 18. November 1991 thematisierte das Skandalspiel auf ihrer Titelseite.
Die MAZ vom 18. November 1991 thematisierte das Skandalspiel auf ihrer Titelseite. © Repro: MAZ
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Vor 25 Jahren verlor der damalige Fußball-Zweitligist Stahl Brandenburg mit nur fünf Feldspielern 0:3 gegen Tabellenführer Bayer Uerdingen.

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Am Ende musste sogar die Polizei einschreiten. Beamte gaben dem Schiedsrichter Geleitschutz, um Brandenburg/Havel sicher zu verlassen. Die 0:3-Niederlage des damaligen Fußball-Zweitligisten Stahl Brandenburg gegen Bayer Uerdingen am 16. November 1991 ist als eine der skurrilsten Partien in die Zweitligageschichte eingegangen. Stahl beendete die Partie heute vor 25 Jahren mit nur fünf Feldspielern.

Christian Beeck: "Eine gewisse Grundaggressivität war da"

Die Havelstädter waren ganz ordentlich in ihre erste Saison in der 2. Bundesliga gestartet. Doch eine Negativserie kostete Trainer Eckhard Düwiger den Job. „Der Umbruch im Sommer war zu groß“, erinnert sich der damalige Kapitän Eberhard Janotta. „Viele gute Leute sind weggegangen.“ Steffen Freund (Schalke), Uwe Schulz (Erfurt) und Timo Lange (Halle) gehörten zu den Abgängen, die nicht kompensiert werden konnten. Brandenburg war nur noch Vorletzter und empfing am 18. Spieltag den Tabellenführer Bayer Uerdingen mit Manager Felix Magath. Ein wichtiges Spiel für den neuen Trainer Günther Reinke. „Eine gewisse Grundaggressivität war da. Aber wir haben nicht alle mit Schaum vor dem Mund in der Kabine gesessen“, erinnert sich der damals 19-jährige Christian Beeck.

Es war keine Treterei, doch der Gastgeber wollte Uerdingen mit Aggressivität den Schneid abkaufen. 2400 Zuschauer im Stadion am Quenz sahen ein ruppiges Spiel. Schiedsrichter Michael Schulz aus Berlin brauchte die Pfeife gar nicht aus dem Mund zu nehmen. Die Situation eskalierte erstmals, als Falk Zschiedrich in der 43. Minute beim Stand von 0:1 wegen Meckerns Rot sah. „Es geht um die Existenz. Da kann es einem schon mal passieren, dass die Nerven durchgehen“, entschuldigte sich Zschiedrich. Mit dem Halbzeitpfiff stürmte TV-Reporter Dirk Thiele auf den Rasen und fuchtelte dem Referee mit dem Mikro unter der Nase herum. Thiele: „Herr Schulz, sind Sie der Auffassung, dass Sie das Spiel noch im Griff haben?“ Keine Antwort.

Sylvio Demuth sowie Roy Präger verletzten sich

In der zweiten Halbzeit flogen Torhüter Wolfgang Wiesner nach einer Tätlichkeit und Jan Voß mit Gelb-Rot vom Platz. „Die größte Verarschung aller Zeiten“, schnaubte Wiesner noch während des Spiels in die Fernseh-Kamera. „Die Entscheidungen waren irgendwie berechtigt, aber der Schiedsrichter pfiff sehr einseitig, Uerdingen ging leer aus“, erzählt Janotta. Der heutige Trainer von Blau-Weiß Leegebruch (Kreisoberliga Oberhavel/Barnim) musste machtlos mit ansehen, wie Bayer auf 3:0 erhöhte und Sylvio Demuth sowie Roy Präger verletzt ausschieden. Da Stahl nicht mehr wechseln konnte, war Janotta in den Schlussminuten nur noch von vier weiteren Feldspielern umgeben. „Das war eigenartig, man hatte viel Auslauf. Aber wir haben uns gut aus der Affäre gezogen, haben uns nicht abschlachten lassen.“ Christian Beeck habe sich in dieser Situation die Sinnfrage gestellt: „Was soll das noch hier? Es wird ein bisschen albern. Man wartet nur noch auf den Abpfiff.“ Der Skandal hatte ein Nachspiel vor dem Sportgericht. „Aber da haben wir uns schlecht behandelt gefühlt“, sagt Janotta. „Das Spiel ist in die Annalen eingegangen. Aber wir mussten es schnell abschütteln, es ging um die Existenz.“

Um die 2. Bundesliga zu halten, wechselte Stahl erneut den Trainer – und ergänzte die eigene Zweitligageschichte um eine weitere Skurrilität. Für Reinke kam im Januar 1992 Helmut Kosmehl. Der frühere Handball- und Fußballspieler hatte zuvor als Trainer auf Mauritius gearbeitet. „Das war ein lustiger Wandersmann, ich habe nie wieder so etwas erlebt“, kichert Christian Beeck. Die Profis sollten im Training zu afrikanischer Musik tanzen. „Das war eine putzige Anekdote, der Typ hatte mit Fußball nichts am Hut.“

Dirk Thiele: "Die Spieler sollten kein Fleisch mehr essen"

TV-Reporter Thiele hatte bei der Verpflichtung von Kosmehl seine Finger im Spiel. Der Potsdamer war bei Stahl eine Art Berater. Er hatte sich von dem redegewandten Kosmehl einlullen lassen und ihn empfohlen. Thiele: „Nach einer Woche war das Chaos ausgebrochen. Die Spieler sollten kein Fleisch mehr essen. Nur noch Körner. Sie waren alle sauer auf mich.“ Nur wenig später kehrte Düwiger zurück, konnte den Abstieg aber nicht verhindern.

Auch Schiedsrichter Schulz konnte das Spiel nicht abschütteln. Er hatte auf eine Beförderung in die Bundesliga gehofft, wurde aber bald degradiert und dürfte sich heute mit Grausen an den Tag vor 25 Jahren erinnern. Immerhin hatte er Brandenburg heile verlassen.

Anfang des Niedergangs

  • Stahl Brandenburg setzte sich im Sommer 1991 gegen Union Berlin, den BFC Dynamo und den 1. FC Magdeburg in der Relegation zur 2. Bundesliga durch.
  • In der Saison 1991/92 schaffte Stahl den Klassenerhalt nicht und stieg in die NOFV-Oberliga ab. Mittlerweile spielt Stahl in der Brandenburgliga.
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