30. Januar 2018 / 21:54 Uhr

Diego Demmes Berater: „Ich putze den Spielern natürlich nicht den Hintern ab“

Diego Demmes Berater: „Ich putze den Spielern natürlich nicht den Hintern ab“

Anne Grimm
Berater Ipek Cüneyt und sein Schützling Diego Demme
Berater Ipek Cüneyt und sein "Schützling" Diego Demme © Dirk Knofe
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Ipek Cüneyt, der Berater des RB Leipzig-Profis, spricht über das Vertrauen im Haifischbecken Profifußball, Ausstiegsklauseln bei RB Leipzig, das schwierige Image seines Berufs und zerstörte Lebenserwartungen junger Spieler.

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Leipzig. Ipek Cüneyt hat Diego Demme als Spielerberater von der A-Jugendbundesliga bis zur A-Nationalmannschaft über acht Jahre lang begleitet. An die Kritik beim Wechsel zu RB Leipzig kann sich der 35-Jährige gut erinnern. Im Interview mit dem Sportbuzzer spricht der seit zwölf Jahren in dem Business arbeitenden Cüneyt über das Vertrauen im Haifischbecken Profifußball, Ausstiegsklauseln bei RB Leipzig, das schwierige Image seines Berufs und zerstörte Lebenserwartungen junger Spieler.

Aktuell ist Transferperiode – eine der schönsten oder schlimmsten Zeiten im Jahr für einen Spielerberater?

„Natürlich die anspruchsvollere Zeit. Im Winter ist es die schwierigere Transferperiode, da alle Spieler gültige Verträge mit ihren Vereinen haben und somit nicht ablösefrei sind. In der Sommertransferperiode ist es mit auslaufenden und eventuellen Ausstiegsklauseln ausgestatteten Verträgen einfacher. Im Winter muss man natürlich immer auf Überraschungen vorbereitet sein, wenn ein Verein ungeplant dann doch einen Spieler abgibt und sofort nach Ersatz sucht. Im Sommer kann man das schon besser vorbereiten.“

Diego Demme (@ GEPA Pictures)
Diego Demme (@ GEPA Pictures) ©
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Welche Unterschiede gibt es bei der Arbeit als Berater zwischen der Bundesliga und Ligen im Ausland?

„In Deutschland werden die Spieler von Scouts, Trainern und eventuell Sportdirektoren sowie Managern beobachtet und die Berater kontaktiert. In einigen Ländern ist es so, dass ein enger Verbündeter des Geldgebers noch einmal mit drauf schaut oder ein Bekannter sich einmischt. Außerdem werden derzeit im Ausland Unsummen an Gehältern sowie Ablösen für Durchschnittsspieler ausgegeben. Dagegen ist die Bundesliga ein Waisenkind. Bedeutet aber nicht, dass es auch hier dazu kommen könnte. Ich gehe davon aus, dass die Bundesliga größtenteils ihre Linie beibehält. Jedoch muss vereinzelt bei dem einen oder anderen Transfer mitgezogen werden, um international auf Augenhöhe zu bleiben. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Bundesliga weiter auf eigene junge Spieler setzt und talentierte junge Fußballer aus dem Ausland erkennt und früh verpflichtet.“

Diego Demme köpft das 4:0 gegen Freiburg und verliert einen Zahn
Diego Demme köpft das 4:0 gegen Freiburg und verliert einen Zahn © Imago

Sie sind gelernter Installateur, da liegt der Beruf des Spielerberaters nicht gerade nah.

„Vor meiner Spielerberaterkarriere war ich Nachwuchstrainer beim VfL Osnabrück bis zur A-Jugend-Bundesliga. Ich wollte dann unbedingt hauptberuflich etwas im Bereich des Fußballs machen. Als ich mich als Berater selbstständig gemacht habe, war das im ersten Jahr in diesem Haifischbecken natürlich schwierig. Deshalb bin ich in die Agentur „Sports Total“ eingetreten, wo auch Rainer Calmund saß. Hier konnte ich auf allen Ebenen Erfahrungen sammeln.“

Wie kann man sich den Alltag eines Spielerberaters vorstellen? Ein 24-Stunden-Job, in dem ständig das Handy klingelt?

„Auf jeden Fall ein sehr aufwändiger Job, als ich 30 bis 32 Spieler betreut habe, war das wirklich so. Zurzeit suche ich mir vor allem Spieler aus, die seriös denken und ihre eigene Qualität gut einschätzen können. Ich möchte meinen Spielern nicht das Blaue vom Himmel versprechen und ihnen Märchen erzählen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist die Voraussetzung für das gemeinsame Weiterkommen. Ein Berater kann sich unendlich viele Spieler an Land ziehen, aber jeder dieser Fußballer selbst hat nur eine einzige Karriere. Wenn damit falsch umgegangen wird, werden Lebenserwartungen zerstört. Das passiert leider zu häufig auf dem Markt.“

Fotogalerie: Diego Demme bei RB Leipzig

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Ein Spieler, den Sie schon sehr lange begleiten, ist Diego Demme. Wie kam es dazu?

„Diego hat damals bei der Jugend von Arminia Bielefeld gespielt. Ich kannte seinen Vater durch den Fußball, weil ich selbst A-Jugend-Trainer war und wir in verschiedenen Jahrgängen immer wieder gegeneinander gespielt haben. Es gab zwischen mir und der Familie eine Freundschaft, aber es war nicht abzusehen, dass ich ihn betreue. Diego hatte damals einen anderen Berater. Am Ende ist es so gekommen, dass er ein Angebot von Arminia vorliegen hatte, dass meines Erachtens nicht gut für seine Karriere war. Der andere Berater wollte unbedingt, dass er unterschreibt. Die Familie hat auf meinen Rat gehört und mich gefragt, ob ich die Betreuung übernehmen würde. Für mich stand aber immer die Freundschaft im Vordergrund. Das sehe ich heute noch genauso. Wenn er der Meinung sein würde, dass ein anderer Berater ihm eine bessere Rundum-Betreuung anbieten kann, würde ich ihn nie versuchen aufzuhalten.“

Können Sie sich noch an den Transfer im Winter vor vier Jahren erinnern, als Diego aus Paderborn nach Leipzig gekommen ist?

„Paderborn war in der 2. Bundesliga an zweiter Stelle und Leipzig in der 3. Liga auch weit vorne. Es war eine schwierige Situation und wir, also Diego und ich, wurden für den Wechsel viel kritisiert. Wie konnte es sein, dass er vor einem möglichen Aufstieg in die Bundesliga zu einem Drittligisten wechselt? Aber für uns war es eine weitsichtige Entscheidung. Ralf Rangnick hatte schon in Hoffenheim bewiesen, was möglich ist. Glücklicherweise zeigt Diegos Entwicklung mit Leipzig, dass es funktioniert hat.“

Hätten Sie gedacht, dass sich Diego trotz der Konkurrenz bei RB Leipzig immer wieder behaupten kann?

„Ich weiß, dass er ein Stehaufmännchen und eine Kämpfernatur ist. Ich denke, der Wunsch vieler Trainer ist es, so einen Spieler in den eigenen Reihen zu haben. Durch seine Tugenden Fleiß, Disziplin und den Fokus auf den Erfolg sowie die stetige Weiterentwicklung ist er auch zum Nationalspieler und zu einem international gefragten Spieler geworden. Es war sehr wichtig, dass der Verein ihm stetig vertraut hat und ebenso immens, dass er dieses immer wieder zurückgeben konnte.“

Diego hat noch bis 2021 einen Vertrag…

„Bei Diego haben wir vor 15 Monaten verlängert. Zu gegebener Zeit werden wir wieder Gespräche führen. Anfragen sind natürlich immer wieder da, aus dem In- und Ausland. Diego ist ein attraktiver Spieler. Der Verein ist für ihn aber genauso attraktiv. Es gibt derzeit keinen Grund für einen Wechsel.“

Durchklicken: So lange sind die RB-Spieler noch unter Vertrag

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Muss man als Berater eines Spielers von RB Leipzig die Konditionen häufiger als bei anderen Vereinen verhandeln? Schließlich geht es stetig nur nach oben.

„Der Verein ist nicht nur sportlich, sondern auch von der Infrastruktur auf internationalem Niveau. Natürlich muss man die Entwicklung beobachten und mit dem Markt mitgehen. Es ist immer eine Partnerschaft, ein Geben und Nehmen. Wenn ein Berater meint, dass er alle drei Monate hinterher sein muss, um den Vertrag neu auszuhandeln, dann ist das auch keine Wertschätzung dem Verein gegenüber. Ein Berater oder Spieler geht ja auch nicht zum Verein und möchte die Konditionen „down-graden“, weil er derzeit nicht die dementsprechende Leistung bringt beziehungsweise leistungsbedingt auf der Bank sitzt.“

Bei RB Leipzig gibt es kaum Spieler mit Ausstiegsklauseln. Ist das für einen Berater weniger attraktiv?

„Wenn sich einer bei RB zu einem Topspieler entwickelt und von Topvereinen umworben wird, dann muss sich das auch für RB Leipzig lohnen. Denn ohne den Verein würde der Spieler es nicht hinbekommen. Wenn da eine festgeschrieben Ablöse fixiert wäre, wäre dies immer ein großes Risiko für RB Leipzig. Wenn sich aber ein Spieler nicht so entwickelt hat, wie von allen gewünscht und er nicht spielt, wären ja auch alle Beteiligten bereit den Spieler günstiger abzugeben. RB Leipzig möchte sich natürlich für den günstigsten Fall absichern. Das ist nachvollziehbar.“

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Trainer Ralph Hasenhüttl meint, die Haltung in der Causa Keita um einen vorzeitigen Wechsel nach Liverpool habe das Profil des Vereins geschärft. Wie schätzen Sie das ein?

„Natürlich hat RB Leipzig auch sportliche Ziele mit der Mannschaft, gute Spieler wachsen nicht auf dem Baum. Bei Keita hat es auch seine Zeit, Arbeit und Geduld gekostet. Jetzt ist er auf einem Niveau, wo er immens wichtig ist und weiterhin wäre, aber durch die Ausstiegsklausel nicht mehr in der Hand von RB Leipzig. So war der Wechsel nicht mehr vermeidbar.“

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Die Summen auf dem Markt werden immer galaktischer. Hinzu kommen streikende Superstars.

„Es ist eine Frechheit, wenn ein Spieler einen Wechsel durch Streiken erzwingen möchte. Sowas gehört sich in keiner Weise. Da ist auch der Anstand der aufnehmenden Vereine gefragt. Auf der anderen Seite wollen die Spieler ebenso ihr Geld haben, wenn sie nicht spielen. Es ist nie eine Einbahnstraße. Die Ablösesummen haben eine gewaltige Entwicklung gemacht und ich glaube nicht, dass dies langfristig gesund ist. Bestes Beispiel ist der Transfer von Neymar zu Barcelona. Seit Jahren beschäftigen sich die Behörden mit dem Transfer.“

Wie sehr hat sich das Geschäft in den vergangenen Jahren verändert?

„2006, als ich angefangen habe, hatten Spieler, die schon in den unterschiedlichen Jugend- Nationalmannschaften waren, bis in den Herren-Bundesligabereich hinein noch keinen eigenen Berater. Benedikt Höwedes zum Beispiel hatte damals bei Schalke 04 in der Bundesliga keinen Berater. Heute hat fast jeder Spieler bereits in der C Jugend teilweise sogar Spieler in der D Jugend einen Berater.“

Diego Demme beim Autogramme schreiben in Meuselwitz.
Diego Demme beim Autogramme schreiben in Meuselwitz. © Mario Jahn

Ab welchem Alter sollten Fußballer einen Berater haben?

„16 oder 17 sollten sie mindestens sein. Wenn ich höre, dass in der C-Jugend fast der ganze Kader schon Berater hat, finde ich das zu gefährlich. Es gibt viele Spielerberater, die das schnelle Geld machen wollen. Ich hatte auch schon viele Angebote für junge Spieler aus Spanien und England. Bei einem Transfer von Jugendspielern in Deutschland hat man vielleicht ein Zehntel der Provision im Vergleich zum Ausland oder gar nichts bekommen. Dagegen habe ich mich, außer bei einem einzigen Spieler, der es unbedingt wollte, gewehrt. Den Weg schaffen einfach zu viele Fußballer in dem Alter im Ausland noch nicht.“

Haben die Spielerberater großen Einfluss auf das Benehmen ihrer Klienten?

„Auf jeden Fall. Es gibt aber auch schwarze Schafe, wo der Berater unbedingt den Transfer machen will, weil es im Ausland ein paar Euro mehr gibt. Am Ende sucht sich aber jeder Spieler seinen eigenen Berater aus. Jeder bekommt das, was er verdient. Man sollte immer versuchen, im Guten auseinander zu gehen. Man sieht sich immer wieder, dafür ist die Fußballwelt zu klein. Ein Problem ist des Öfteren, dass Spieler Angst haben ihren Berater zu wechseln. Trotz großer Unzufriedenheit und Stagnation der Karriere ist die Angst vor möglicher Rache oder die Hemmung aufgrund von persönlichen Beziehungen zu groß, einen möglicherweise viel besseren und erfolgreicheren Weg mit einer neuen Person zu gehen.“

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Sie sind schon einige Jahre im Geschäft. Gab es mal eine richtig schräge Transfergeschichte?

„Nein, eigentlich nicht. Es gibt nur manchmal unverschämte Situationen. Zum Beispiel Transfers aus dem Ausland, bei denen es um Millionengeschäfte geht und die Familie dann noch um zwei Flugtickets feilscht.“

In Deutschland gibt es etwa 750 eingetragene Berater. Wie hart ist der Konkurrenzkampf?

„Wenn man seriös arbeitet und langfristig dabei ist, bekommt man die Spieler. Da muss sich jeder Spieler auch ein bisschen Zeit zum Nachforschen nehmen. Nur weil jemand Thomas Müller oder Toni Kroos betreut, heißt das noch lange nicht, dass er den nächsten Spieler genauso weit bringen kann. Das muss jedem und vor allem auch den Familien klar sein.“

Das Berater-Image ist, ähnlich wie bei Journalisten, in der Öffentlichkeit nicht gerade das Beste…

„So sieht es aus und ich kann das sogar ein bisschen verstehen. Aber da sind die Spieler teilweise selbst Schuld. Es ist immer besser, wenn ein Familienangehöriger dabei ist und mitbekommt, was hinter den Kulissen passiert. Denn nur dieser kennt den Spieler auch schon lange und richtig gut. Viele Berater denken nur an das schnelle Geld.“

Diego Demme
Diego Demme ©

Für etwa 500 Euro Gebühr kann jeder in diesem Land registrierter Spielerberater werden. Sollte der Beruf besser geschützt sein?

„Wenn Sie irgendwo Lionel Messi bei einem Verein anbieten, fragt keiner nach ihrer Lizenz. Es gab früher die Spielerberaterlizenz vom DFB und der Fifa. Diese wurde dann aufgehoben, weil es einfach zu viele Schlupflöcher gab und gibt. Es gibt natürlich schwarze Schafe, aber man kann auch keine Liste von sauberen Beratern erstellen. Da müssen sich Spieler wirklich langfristig Gedanken machen, nachforschen und die richtigen Fragen stellen.“

Laut Deutscher Fußball Liga sind von März 2016 bis März 2017 in der Bundesliga Provisionen in Höhe von 146,8 Millionen Euro an Berater geflossen. Es scheint ein lukrativer Beruf zu sein…

„Man kann heute nicht einfach das Business des Spielerberaters starten und denken, man verdient vier Millionen Euro im Jahr. 40 bis 50 Berater in Deutschland werden einen Großteil dieser Summe in Rechnung gestellt haben. Viele andere gehen aber leer aus.“

Sind Sie als Spielerberater so etwas wie ein Mädchen für alles?

„Ich biete ein Rundum-Sorglos-Paket an. Alles was anfällt, ob Versicherungen, Sponsorenverträge, Immobilienkäufe oder die Organisation von alltäglichen Dingen. Ich putze den Spielern natürlich nicht den Hintern ab, aber ich möchte ihnen eine qualifizierte Entscheidungshilfe bieten. Ich muss vor allem da sein, wenn es einem nicht gut geht oder er verletzt ist. Es ist leider in diesem Job so, dass zu viele Berater herumlaufen, die nur in erfolgreichen Zeiten da sind. Für mich ist das Entscheidende, dass man in schweren Situationen häufig Kontakt hat. Bei Erfolg lobt dich sowieso jeder mehr als genug, da muss ich den Spieler eher am Boden halten. Darüber hinaus sehe ich es als mein Ziel an, den Spieler für die Zukunft nach dem Fußball fit zu machen. Dazu gehören die Erhaltung eines stabilen Umfeldes und die finanzielle Absicherung für die Zukunft.“

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