Dieter Hecking trainiert seit Dezember 2016 Borussia Mönchengladbach. Dieter Hecking trainiert seit Dezember 2016 Borussia Mönchengladbach. © Getty
Dieter Hecking trainiert seit Dezember 2016 Borussia Mönchengladbach.

Dieter Hecking exklusiv: "Die Videobeweis-Debatte ist typisch deutsch"

Der Trainer von Borussia Mönchengladbach hat sich vor dem Bundesliga-Spiel gegen Hannover 96 im SPORTBUZZER-Interview über seinen Ex-Verein, den Videobeweis und die Schwierigkeiten bei den Borussen geäußert.

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SPORTBUZZER: Herr Hecking, Ihr Ex-Klub Hannover 96 liegt nach sechs Spieltagen auf Platz 4. Kommen die Roten am Samstag plötzlich als Favorit zu Ihnen nach Gladbach?

Dieter Hecking (53): Nein, das nicht. Aber sie kommen natürlich mit sehr viel Selbstvertrauen zu uns, das haben sie sich erarbeitet. Ich habe sie gegen Schalke gesehen, wo sie verdient gewonnen haben. Sie hatten schon in der 2. Liga eine hohe Stabilität, die sie nach dem Aufstieg mit in die neue Saison genommen haben. Aber man sieht auch, dass sie beispielsweise ein Spiel wie gegen Köln nicht gewinnen, obwohl sie klar überlegen waren – auch das ist Bundesliga.

Sind Sie überrascht ob der Entwicklung?

Hecking: Nun, man wusste ja, dass sowohl 96 als auch Stuttgart keine Aufsteiger sind wie Darmstadt oder Ingolstadt, sondern gestandene Bundesligisten mit großem Potenzial. Dass nun beide aber so gut gestartet sind, ist schon ein wenig überraschend. 96 hat zwölf Punkte, das sind zwei im Schnitt – die holst du nicht mal eben so.

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Was zeichnet die Mannschaft aus?

Man merkte schon letztes Jahr, dass in der Kaderzusammenstellung vieles richtig gemacht wurde. Ich lebe ja noch in der Nähe von Hannover (Bad Nenndorf, d. Red.) und da bekommt man ja auch immer wieder mal mit, wie sich die Jungs in der Stadt bewegen und dass sie meist mit vielen gemeinsam unterwegs sind. Da ist ein unglaublicher Zusammenhalt da. Auch davon profitieren sie. Und wenn du dann gleich Mainz und Schalke schlägst, merkst du plötzlich: Mensch, da geht ja was.

Heckings Bilanz gegen André Breitenreiter: Zwei Siege, ein Remis, zwei Niederlagen. Heckings Bilanz gegen André Breitenreiter: Zwei Siege, ein Remis, zwei Niederlagen. © Getty

Dennoch kommt keine richtige Euphorie auf, weil es Zoff mit den Ultras gibt, die ihren Stimmungsboykott durchziehen.

Die Situation ist in der Tat speziell. Ich finde, dass am Spieltag im Stadion grundsätzlich immer die Mannschaft im Vordergrund stehen sollte. Und dass die sich nach Unterstützung sehnt – gerade jetzt, wo es so gut läuft - kann ich komplett verstehen.

Wie beurteilen Sie als Ex-96-Trainer die Situation?

Ich bin da zwiegespalten. Ich habe zu Martin Kind noch immer ein freundschaftliches Verhältnis. Er ist ein Typ mit Ecken und Kanten. Aber ich kann jedem Fan versichern, dass er immer nur das Beste für den Klub wollte und will. Dennoch kann ich nachvollziehen, dass es auch Interessenskonflikte gibt. Aber wissen Sie, was ich nicht verstehe?

"AUCH IN DER ULTRA-SZENE GIBT ES VERNÜNFTIGE MENSCHEN"

Erzählen Sie es uns, bitte.

Das sind doch alles erwachsene Leute. Und auch in der Ultra-Szene gibt es vernünftige Menschen, mit denen man sich unterhalten kann. Dennoch scheint – soweit ich das überhaupt beurteilen kann – keine Kommunikation stattzufinden, und das ist natürlich problematisch. Ich würde mir für alle Beteiligten wünschen, dass man bald wieder aufeinander zugeht.

Auch in Gladbach gab es Konflikte mit den Ultras. Wie wurde die Situation geklärt?

Da ging es um andere Dinge und es betraf auch nicht die Mannschaft. Die Probleme wurden im Austausch zwischen Verein und Fans geklärt.

Borussia hat bislang zwei Gesichter gezeigt – welches ist das wahre?

(lacht) Ich sehe das als Trainer etwas anders. Wir sind mit dem Derby-Sieg und dem Punkt in Augsburg gut in die Saison gekommen, haben dann zu Hause gegen Frankfurt verloren. In Leipzig haben wir uns bei einem Champions League-Teilnehmer einen Punkt wiedergeholt, gegen Stuttgart gewonnen und in Dortmund verloren. Über die Art und Weise dieser Niederlage müssen wir nicht reden, das war zu wenig – keine Frage. Aber insgesamt fehlen uns zwei Punkte.

Es wurde schon die Frage gestellt, ob Sie auch Krise können…

Das gehört zum Geschäft. Aber wenn nach einer englischen Woche mit zwei schweren Auswärtsspielen und einer Ausbeute von vier Punkten von einer Krise geredet wird, frage ich mich schon, was es dann ist, wenn wir mal keinen Punkt holen.

Was muss besser werden?

Erstmal möchte ich ein paar Dinge klarstellen: Wir haben seit Saisonbeginn zwischen sieben und neun Verletzte, darunter einige Stammspieler. Das erschwert schon mal einiges. Dennoch haben wir es in jedem Spiel geschafft, Chancen zu kreieren – selbst in Dortmund hatten wir sechs, sieben Möglichkeiten. Die muss man dann halt auch nutzen. Und defensiv müssen wir natürlich weniger zulassen. Was man aber nicht vergessen darf ist, dass die Liga unglaublich ausgeglichen ist und wir dahin wollen, wo mindestens zehn andere Teams auch hinwollen – an die internationalen Plätze.

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Gladbach spielt in dieser Saison nicht europäisch. Das Abschneiden der deutschen Klubs ist bisher überschaubar. Muss man sich Sorgen machen?

Du kannst in Paris verlieren und auch zu Hause gegen Real Madrid. Aber es ist schon ein Fingerzeig, dass auch die anderen Mannschaften Probleme haben. Dass es Hoffenheim nicht in die Champions League, Freiburg nicht in die Europa League geschafft hat und Köln, Hoffenheim und Hertha ihre Spiele dort verloren haben. Die Bundesliga muss sich wehren und in den nächsten Spielen die Antwort geben. Denn die Situation ist schon so, dass der deutsche Fußball aufpassen muss.

Wie meinen Sie das?

In den anderen Ländern ist viel passiert, da ist viel Geld investiert worden. Im letzten Jahr musste Borussia Dortmund drei Leistungsträger abgeben und ich schließe nicht aus, dass das sogar auch mal dem FC Bayern passieren kann. Auch die Bayern sind angreifbar, weil so viel Geld im Markt ist.

Hecking über Videobeweis: "Viel zu viel Kritik von allen Seiten"

Wie kann die Bundesliga gegensteuern?

Das ist nicht einfach, denn es ist hier nicht erwünscht, dass Investoren einen Klub übernehmen können. Aber wir haben beispielsweise einen Top-Nachwuchs. Nur ist es auch dort zuletzt immer häufiger der Fall gewesen, dass 17- oder 18-jährige ins Ausland gehen. Es ist eine gefährliche Situation und wir müssen verdammt aufpassen.

"ES GAB IN SACHEN VIDEOBEWEIS VIELE GUTE SZENEN, DIE MIR VIEL ZU KURZ KOMMEN"

Aufpassen muss man auch in der Dauer-Diskussion um den Video-Beweis – ist das Experiment bereits gescheitert?

Diese Debatte ist wieder mal typisch deutsch. Es gab schon viele gute Szenen, die mir viel zu kurz kommen. Wir haben uns für dieses Projekt, für eine Testphase entschieden – aber lassen diese gar nicht zu, sondern warten nahezu nur darauf, dass was Schlechtes passiert. Dass Köln sich aufregt, weil sie schon dreimal benachteiligt wurden, kann ich verstehen. Aber grundsätzlich würde ich mir etwas mehr Toleranz und Geduld wünschen. Es gibt Diskussionen, ja – aber die wird es immer geben, das war doch von vornerein klar.

Welchen Lösungsvorschlag haben Sie?

Es geht wie so oft auch darum, vernünftig zu kommunizieren. Die Regeln sind klar definiert, werden nur manchmal unterschiedlich ausgelegt – das muss besser werden. Aber wir waren alle begeistert, als die Entscheidung für die einjährige Testphase gefallen ist und jetzt wird nach sechs Spieltagen alles infrage gestellt? Das halte ich für zu früh. Wir sollten uns jetzt diese Zeit geben und danach muss entschieden werden, ob der Videobeweis Sinn macht oder nicht – aber nicht nach zwei Monaten.

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