13. September 2018 / 11:59 Uhr

Druck und Depressionen im Profifußball: "Geld schützt auch vor Krankheit nicht"

Druck und Depressionen im Profifußball: "Geld schützt auch vor Krankheit nicht"

LVZ
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FC Erzgebirge Aue - Karlsruher SC. Der Karlsruher Florent Muslija liegt nach dem Spiel auf dem Rasen. Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Der Karlsruher Florent Muslija nach dem Aus in der Relegation. © Sebastian Kahnert/dpa
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Die Sportpsychologin Prof. Dr. Anne-Marie Elbe erforscht die psychischen Auswirkungen durch hervorgerufenen Leistungsdruck bei Fußballprofis. Für den SPORTBUZZER hat sie sich Zeit für ein ausführliches Interview genommen.

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Fußball-Weltmeister Per Mertesacker hatte vor vielen Spielen mit Übelkeit zu kämpfen. Mit dem Druck kämpfte nicht nur er, sagt Prof. Dr. Anne-Marie Elbe. Die Professorin für Sportpsychologie an der Universität Leipzig hat in einer Studie herausgefunden, „dass die Prävalenz im Leistungssport genauso hoch ist wie in der normalen Population, wenn nicht sogar etwas höher.“ Gemeint sind Ängste und Depressionen, wie sie im Interview erläutert.

Prof. Dr. Anne-Marie Elbe war zehn Jahre an der Universität Kopenhagen als Professorin für Sportpsychologie beschäftigt und hat eng mit dem Sportpsychologen des FC Kopenhagen zusammengearbeitet. Als eine Studentin ihr Interesse am Thema Profifußball und seine psychischen Auswirkungen äußerte, was klar: Eine Studie muss her. 323 Spieler der schwedischen und dänischen Erstligisten und U19-Spieler machten bei der zwei Jahre währenden Datenerhebung mit. Eines der Ergebnisse: Fast 17 Prozent der Teilnehmer zeigten Symptome einer Depression.

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Frage: Druck ist ein in der Profifußballszene fast schon inflationär benutzter Begriff, der für den Fan mitunter vorgeschoben wirkt. Wie konkret ist dieser Druck wirklich?

Prof. Dr. Anne-Marie Elbe: In der Studie haben wir nicht den Druck untersucht, weil Druck etwas ist, was ich in einer ganz bestimmten Situation erlebe. Druck ist ein Zustand, den ich in dem Moment erlebe, in dem ich auf den Platz gehe, wenn das Spiel beginnt oder in den Tagen davor. Was wir untersucht haben sind stabile Persönlichkeitseigenschaften, die länger andauernd sind und die nicht schnell veränderbar sind. Man muss differenzieren zwischen dem Druck jetzt in einem Augenblick und den Persönlichkeitseigenschaften, die ich in mir habe und die sich auch nicht schnell verändern.

Das heißt, Druck ist nicht objektiv zu definieren, sondern eher eine Sache der Wahrnehmung des Einzelnen?

Ja, Druck ist etwas, was in der Situation entsteht. Natürlich kann ich Persönlichkeitseigenschaften haben, die mir helfen, Druck als etwas nicht Belastendes zu empfinden, vielleicht sogar als etwas Aktivierendes. Oder ich habe Persönlichkeitseigenschaften, die dazu führen, dass ich Druck als etwas Belastendes empfinde.

Können Fußballprofis diesen positiven Druck besser spüren als wir Normasterblichen?

Das ist ganz individuell unterschiedlich. Wir haben Spieler, die gehen richtig auf in diesem Druck, die empfinden das als Herausforderung, sie brauchen das. Und wir haben andere – das hat zum Beispiel Per Mertesacker in seinen Erzählungen geschildert – die den Druck als etwas sehr Belastendes empfinden.

Oliver Kahn betont immer wieder, wie wichtig Erfahrungen in der Profikarriere seien, um mit Druck umgehen zu können. Hat er damit Recht?

Es dauert eine ganze Weile, bis man lernt, mit Druck umzugehen. Mir wäre es lieber, wenn man im jungen Alter Unterstützung bekommt und Fertigkeiten erlernt, die helfen, mit diesem Druck umzugehen. Leute immer wieder in Drucksituationen zu stecken, ohne ihnen Hilfsmittel an die Hand zu geben, wie sie damit umgehen können, finde ich nicht besonders förderlich.

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Sind eher junge Spieler für Druck empfänglich, oder macht der keinen Halt vorm Alter?

Unsere Forschung zeigt, dass zum Beispiel Wettkampfangst bei jüngeren Spielern stärker ausgeprägt ist als bei älteren Spielern. Aber wir wissen nicht, ob es nicht so ist, dass die Jüngeren, die mit der Wettkampfangst nicht zurechtkommen, einfach aussteigen und dann nur noch die weitermachen, die damit umgehen können. Man bräuchte längerfristige Studien, in denen man diese Persönlichkeitseigenschaften über zehn Jahre untersucht. Davon gibt es nur ganz wenige. Was man aber weiß: Wenn man sportpsychologisches Training mit jüngeren Spielern durchführt, kann man damit eine Veränderung hervorrufen.

Frage: Sie haben U19-Spieler und gestandene schwedische und dänische Profis untersucht. Gab es da gar keine signifikanten Unterschiede?

Doch, es gab einen signifikanten Unterschied. Die Depressionswerte und die Werte zur Wettkampfangst waren bei den U19-Spielern deutlich höher waren als bei den langjährigen Erstligaspielern. Aber auch da können wir nicht sagen, dass diese U19-Spieler nicht die nächste Hürde schaffen.

Wie äußert sich Druck bei Profifußballern?

Prof. Dr. Anne-Marie Elbe: Wir haben keine Interviews mit Spielern gemacht, wir haben Fragebögen ausgefüllt. Wir haben sie nach ihrer depressiven Verstimmung und den Symptomen befragt. Das sind Fragen zur Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, negative Gedanken. Das haben wir in Zusammenhang mit Persönlichkeitseigenschaften gebracht, nämlich dem gesunden und ungesunden Perfektionismus, Wettkampfangst und soziale Angst.

Was genau ist mit sozialer Angst gemeint?

Soziale Angst ist die Angst davor, sich vor anderen zu blamieren. In einer Situation, in der ich durch andere beobachtet werde, die Leistung nicht zu erbringen, zu versagen.

Ist das im Zeitalter sozialer Netzwerke noch schwieriger geworden?

Es ist nicht die Angst, sich auf Facebook zu zeigen, sondern davor, sich in einer Spielsituation zu blamieren und dann von den Zuschauern ausgebuht zu werden. Oder von den anderen Spielern ausgelacht zu werden.

Haben Sie auch gefragt, ob in einer Mannschaft eine Dynamik entstehen kann, in der man zum Sündenbock für Fehler wird?

Das hätten wir gerne gemacht, aber bisher gibt es für die Erfassung sozialer Angst kein sportspezifisches Instrument. Da muss die Forschung noch ein Instrument entwickeln.

Burnout Sebastian Deisler, Depression Robert Enke, Erschöpfungssyndrom Ralf Rangnick – sind dies tragische Einzelfälle oder ist es die Spitze des Eisbergs? Wie gefährdet sind Profis?

Profis sind genauso gefährdet, wenn nicht noch mehr gefährdet als die normale Bevölkerung. Wir sind in unserer Studie bei 17 Prozent, da kann man ungefähr sagen, wie gefährdet die Spieler sind. Wir wissen, dass es im Leistungssport ganz spezifische Faktoren gibt, die dazu beitragen: Zeitdruck, Druck durch die Zuschauer, Erwartungsdruck, bei den jungen Spielern der Druck, ob sie den Übergang schaffen in die erste Mannschaft, Verletzungen.

SV Darmstadt 98 - FC Erzgebirge Aue, Die Mannschaft von Erzgebirge Aue steht nach Spielende auf dem Spielfeld. Foto: Uwe Anspach/dpa
Die Mannschaft von Erzgebirge Aue nach einer Niederlage auf dem Rasen. © Uwe Anspach/dpa
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Jürgen Klopp hat einmal gesagt: Mich treibt die Lust an, zu gewinnen, nicht die Angst zu verlieren – ist das eine Methode, mit dem Fußballzirkus klarzukommen?

Das bezieht sich auf das Leistungsmotiv. Ich kann in eine Leistungssituation reingehen mit der Hoffnung, dass ich erfolgreich bin, oder ich kann Angst haben vorm Misserfolg. Er schildert, dass er in diese Situation eher reingeht mit Hoffnung auf Erfolg. Das ist für den Leistungssport eine sehr gute Voraussetzung. Man findet bei Leistungssportlern eher eine hohe Hoffnung auf Erfolg als eine hohe Furcht vor Misserfolg. Wir wissen auch, dass die Ausprägung des Leistungsmotivs Auswirkungen darauf hat, was ich zu mir sage nach einem Erfolg beziehungsweise nach einem Misserfolg. Und wir wissen, dass Personen, die Angst vorm Misserfolg haben und dann einen Misserfolg erleben, sich den selbst zuschreiben: „Ich kann’s einfach nicht, ich bin ein Loser“ – das macht das Ganze noch schlimmer. Das heißt, dass diese Herangehensweise von Jürgen Klopp eine sehr gesunde und sehr Selbstwert dienliche ist. Es ist auch eine Methode, bei den Spielern etwas zu verändern, daran zu arbeiten, dass sie mit sich reden, die Attribution nach einem Misserfolg positiv zu gestalten und daran arbeiten, das Negative umzuformulieren.

Ich wundere mich gerade: Wenn man denn diese Selbstzweifel hat und Angst vorm Versagen, wie kann man dann Profifußballer werden?

Weil dies auch eine Form des Motivs ist. Man kann sowohl hochmotiviert auf Erfolg sein, als auch hoch misserfolgsängstlich. Beides sind sehr hohe Antriebe, die hohe Leistungen zur Folge haben. Nur ist die eine Form gesünder als die andere, aber beide führen zu einer sehr hohen Motivation. Stabile Persönlichkeitseigenschaften zeigen sich darin, wenn man nicht immer beides hat, sondern entweder oder.

Mit Druck als Profifußballer nicht klarzukommen, galt bislang als Schwäche. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde WHO wird die Depressionen im Jahre 2020 aber die zweihäufigste Erkrankung weltweit sein. Müssen wir alle, vor allem wir Zuschauer, beim Profisport umdenken?

Ich denke schon. Es ist gut, dass die WHO und die nationalen Gesundheitsorganisationen die psychische Gesundheit als ein sehr großes Risiko eingestuft hat, vor allem im Jugendalter und jungen Erwachsenenalter. Umdenken heißt, dass wir es akzeptieren, dass es so etwas gibt, und dass wir offen damit umgehen. Es sollte allen bekannt sein, wo sie Hilfe dafür bekommen können. Es ist auch etwas ganz Wichtiges im Fußball, dass man offen darüber reden kann, dass es nicht mit einem Stigma verbunden ist. Es muss auch von Profis akzeptiert sein, dass wir uns alle verletzen können, mit einem Kreuzbandriss genauso wie mit einer psychischen Erkrankung.

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Werfen wir mal einen Blick in die Realität und gehen in die Ostkurve eines Stadions. Was würden Sie einem Fan entgegnen, der in Richtung Spielfeld motzt: „Die kriegen so viel Geld, die sollen sich nicht so anstellen!“

Geld schützt auch vor Krankheit nicht. Apple-Chef Steve Jobs konnte sich auch nicht freikaufen von seinem Krebsleiden. Es würden mehr Menschen wie Per Mertesacker helfen, Menschen die offen darüber reden, was es eigentlich bedeutet, Profifußballer zu sein. Welche Entbehrungen man durchmacht, wie hart man arbeitet, welche Einbußen man in seiner Jugendphase hat, die ja eine sehr wichtige Phase für die Persönlichkeitsentwicklung ist. Was es eigentlich bedeutet, in einem Leistungsnachwuchszentrum oder Fußballinternat aufzuwachsen. Mit dem Geld … ob Profis nun wirklich so viel verdienen müssen und das gerechtfertigt ist, ist allerdings eine andere Frage.

Am offensichtlichsten scheint der Druck bei einem Elfmeterschießen zu sein. Die Engländer haben jetzt zum ersten Mal ein Elfmeterschießen bei einer WM gewonnen. Ihr Trainer Gareth Southgate sagte, die Spieler hätten sogar den Weg vom Mittelkreis zum Elfmeterpunkt trainiert. Spinnt der, oder kann man solche Situationen wirklich trainieren?

Das hört sich für mich nach einer Routine an, und das wird tatsächlich trainiert. Dass man wirklich vom ersten Moment an eine Routine hat, damit man sicherstellt, dass der Bewegungsablauf automatisch funktioniert und keine Störungen kommen. Es wird auch trainiert, wo ich hinschaue, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, damit man trotz dieser widrigen Umstände und Einflüsse das abrufen kann, was man auch im Training abruft. Ja, sowas muss trainiert werden, sowas muss eingeübt werden, das finde ich ganz normal.

Christiano Ronaldo lässt vor wichtigen Spielsituationen wie einem Freistoß, der zu einem Tor führen soll, ein regelrechtes Ritual-Programm ablaufen, um den Druck loszuwerden und sich zu konzentrieren. Funktioniert so etwas bei jedem Spieler?

Es wird sogar empfohlen als eine Methode, als eine Technik, um in diesen Drucksituationen die Leistung abzurufen, die man auch in einer Trainingssituation abrufen kann. Nicht nur körperliche Bewegungen, sondern man trainiert auch, was man mit der Aufmerksamkeit macht. Dass man sich nicht zum Beispiel sagt: „Jetzt muss ich meinen Fuß strecken“, dies muss ich machen, dort muss ich den Ball treffen. Diese Hinweise dürfen den Bewegungsablauf nicht stören, sondern der Spieler muss ein Bild davon haben, wie der Ball ins Tor fliegen soll.

Ist das das berühmte Fokussieren?

Man spricht davon, wo man seine Aufmerksamkeit hin richtet, damit es überhaupt gar keine Möglichkeit gibt, dass störende Gedanken kommen, die sagen: „Was ist, wenn ich jetzt danebenschieße? Und der da drüben lacht mich dann aus!“ Kopf und Körper sollen eine Einheit sein und das abrufen können, was ich mir vorgenommen habe.

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Was muss ein Verein tun, um seine Spieler mental optimal zu betreuen?

Die Fußball-Nationalmannschaft hat ja einen Sportpsychologen, den Hans-Dieter Herrmann. Ich weiß, dass fast alle Bundesligavereine einen Sportpsychologen haben. Meiner Meinung nach ist es aber in der ersten Liga schon zu spät. Mir ist es wichtig, dass die Spieler schon im Jugendalter frühzeitig diese Techniken bekommen. Soweit ich weiß, ist es jetzt verpflichtend, dass alle Nachwuchsleistungszentren eine Sportpsychologin oder einen Sportpsychologen haben. Das ist für mich die absolut richtige Entwicklung, dass einfach ein Zeichen gesetzt wird: Das gehört dazu. Das mentale Training ist gleichwertig mit dem physischen Training. Ich muss beides Hand in Hand trainieren, um optimale Leistungen zu erzielen.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen einem Mentaltrainer und einem Sportpsychologen?

Jeder darf sich Mentaltrainer nennen. Ich kann sagen: Du musst jetzt deine Schuhe ausziehen und über heiße Kohlen gehen, das ist auch ein Mentaltraining. Uns ist wichtig, dass die Personen die entsprechende Ausbildung haben. In Deutschland ist es so, dass man entweder mit einem Hintergrund in Psychologie oder Sportwissenschaft diese Ausbildung anfangen kann und dann eine Zusatzqualifikation in der Sportpsychologie erwirbt. Die wird dann zertifiziert durch die ASB, die Arbeitsgemeinschaft der Sportpsychologie. Es gibt dann über das Bundesinstitut für Sportwissenschaft ein Portal, in dem man schauen kann, wo ein zertifizierter Sportpsychologe in meiner Nähe ist. Dann kann man sicher sein, dass das Personen sind, die eine entsprechende Ausbildung haben, bei denen die Qualität auch stimmt und es keiner ist, der mit mir über heiße Kohlen geht.

Sie haben mit dänischen und schwedischen Erstliga-Kickern und U19-Spielern gearbeitet. Wäre dies auch in der Bundesliga so möglich, würden Sie so etwas gern mal machen?

Ja, Forschung jederzeit gern! Ich brauche natürlich Trainer und Vereine, die offen sind und die bereit sind, mir Zugang zu den Spielern zu geben. In Dänemark und Schweden ist dies selbstverständlich, das ist schon eine sehr offene Einstellung: „Wir haben nichts zu verbergen, wir wollen lernen, wir wollen uns verbessern.“ Die Bereitschaft, an der Studie teilzunehmen, war überwältigend. Deswegen war dies in diesen beiden Ländern möglich. In Deutschland weiß ich es noch nicht.

Aus Ihrer Sicht der Sportpsychologin: Wie sehen Sie die Entwicklung des Fußballs insgesamt?

Der Fußball ist weltweit die beliebteste Sportart und das sollte positiv genutzt werden. Zum Beispiel bin ich Teil eines Netzwerks das Fußballspielen als Medizin erforscht. Das hat für den Breitensport und auch für Patientinnen und Patienten sehr großes Gesundheitspotential. Im Hinblick auf die Fußballnationalmannschaft würde ich mir wünschen, dass sie wieder mehr den Kontakt zur Basis herstellt und sachlich mit der teils berechtigten Kritik umgeht.  

Interview: Stefan Michaelis

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