14. Januar 2019 / 11:07 Uhr

"Du musst ehemalige Weltklasse-Spieler mit ins Boot holen": Nicolas Kiefer im Interview

"Du musst ehemalige Weltklasse-Spieler mit ins Boot holen": Nicolas Kiefer im Interview

Jonas Freier
Ehemaliger Weltranglistenvierter und WM-Halbfinalist: Nicolas Kiefer.
Ehemaliger Weltranglistenvierter und WM-Halbfinalist: Nicolas Kiefer. © Tim Schaarschmidt
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Der ehemalige Weltrangenlistenvierte Nicolas Kiefer aus Hannover spricht im Interview über die Chancen der Deutschen bei den Australian Open. Außerdem erklärt er die Wichtigkeit von ehemaligen Spitzenspielern im Profi- und Nachwuchsbereich.

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Am Montag beginnen die Australian Open. Deutschland hat mit Angelique Kerber und Alexander Zverev Weltklassespieler am Start, die auch für den Turniersieg in Frage kommen. Hannovers Ass Nicolas Kiefer (41) kennt sich als ehemaliger Weltranglistenvierter und WM-Halbfinalist bestens aus in der Tennis-Szene.

Er sagt, was in Melbourne möglich ist. Kiefer findet ehemalige Spitzenspieler als Tennis-Trainer wichtig – nicht nur bei den Profis, sondern auch im Nachwuchsbereich.

Herr Kiefer, ist Deutschland schon wieder eine Tennis-Weltklasse-Nation?

Zumindest hat Tennis wieder eine unheimliche Aufmerksamkeit in Deutschland er­langt. Kerber hat Wimbledon gewonnen und ist Sportlerin des Jahres geworden, Zverev hat das Jahr als Weltmeister beendet – das ist eine Kampfansage an die Konkurrenz für 2019.

Angelique Kerber: Ihre Karriere in Bildern

Angelique Kerber ist die vielleicht beste deutsche Tennis-Spielerin. Die Kielerin gewann bereits mehrere Grand Slams und hält sich seit Jahren in der Weltspitze des Tennis. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeichnet die Stationen ihrer Karriere nach. Zur Galerie
Angelique Kerber ist die vielleicht beste deutsche Tennis-Spielerin. Die Kielerin gewann bereits mehrere Grand Slams und hält sich seit Jahren in der Weltspitze des Tennis. Der SPORTBUZZER zeichnet die Stationen ihrer Karriere nach. ©
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Danach kommt dann aber nicht mehr so viel – Julia Görges bei den Frauen noch und der unverwüstliche Philipp Kohlschreiber bei den Männern. In der Breite ist Deutschland nicht Spitze ...

Ja, da ist eine Lücke. Aber danach kommt eine ganz schöne Masse. Es gibt viele gute talentierte Spieler und Spielerinnen, die sehr viele Möglichkeiten haben. Die Frage ist nur: Wer ist bereit, alles zu geben, sich zu quälen? Und das Ergebnis spiegelt sich dann unter anderem auch in der Weltrangliste wi­der.

Also sind Kerber und Zverev nicht nur Tennis-Verrückte, sondern auch Arbeitstiere ...

Natürlich, und so ein Älterer wie Philipp Kohlschreiber hat mit seinen 35 Jahren auch noch eine unglaubliche Erfahrung. Die gehört selbstverständlich auch dazu. Du musst dem Tennis alles unterordnen, wenn du nach oben kommen willst. Das habe ich auch immer an der Tennis- Base in Hannover so weitergegeben und gepredigt. Wenn das nicht der Fall ist, dann schaffst du es nicht.

Was können wir aus deutscher Sicht bei den Australian Open erwarten?

Angelique Kerbers Hauptaugenmerk, das behauptete ich einfach mal, sind 2019 die French Open, da sie alle anderen Grand-Slam-Turniere schon einmal gewonnen hat. Sascha kommt natürlich mit unheimlich viel Selbstvertrauen nach Australien.

Alle er­warten jetzt einen Grand-Slam-Titel von ihm. Aber man darf nicht vergessen: Weltmeisterschaft ist eine Woche mit zwei Gewinnsätzen, ein Grand-Slam-Turnier geht über zwei Wochen mit drei Gewinnsätzen. Ich denke, bei Zverev war es der erste große Schritt in die richtige Richtung. Man sieht, dass die Arbeit mit Trainer Ivan Lendl fruchtet.

Das sind die Sieger und Siegerinnen der Australian Open seit 2014

<b>Stan Wawrinka(2014)</b> gewann die Australian Open gegen den Spanier Rafael Nadal mit 6/3 6/2 3/6 6/3. Seitdem hat der Schweitzer weitere Grand Slam-Titel geholt, 2015 gewann er die French Open, im darauffolgenden Jahr siegte er in Wimbeldon. Zur Galerie
Stan Wawrinka(2014) gewann die Australian Open gegen den Spanier Rafael Nadal mit 6/3 6/2 3/6 6/3. Seitdem hat der Schweitzer weitere Grand Slam-Titel geholt, 2015 gewann er die French Open, im darauffolgenden Jahr siegte er in Wimbeldon. ©

Dass Zverev Spieler wie Novak Djokovic und Roger Federer schlagen kann, hat er ja bei der WM bewiesen ...

Trotzdem ist Novak Djokovic für mich ganz klarer Favorit in Melbourne. Natürlich würden wir gerne Roger Federer siegen sehen – die magischen 100 Turniersiege mit einem Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier zu erreichen, mehr geht eigentlich gar nicht.

Aber das ist gerade die Herausforderung, der Luxus für Zverev: Er kann in dieser Kategorie mitspielen. Spätestens, wenn die ganz Großen abdanken, wird er, wenn alle Faktoren wie Gesundheit und Fitness stimmen, einige Grand-Slam-Turniere gewinnen. Dazu müssen aber alle Puzzleteile zusammenpassen.

Was spielt sein Trainer Ivan Lendl für eine Rolle?

Der mentale Bereich spielt beim Tennis eine ganz, ganz große Rolle, gerade bei den Big Points. Dies war damals schon bei der Zusammenarbeit mit Andy Murray gut zu beobachten. Er war relativ unruhig auf dem Platz, mit Lendl ist Andy viel ruhiger, viel souveräner geworden, hat dann sogar Wimbledon und Olympia gewonnen.

Und diese Entwicklung hat man bei Zverev auch gesehen. Sascha kann das Ding in Aus­tralien auch gewinnen. Und bei den Frauen würde ich gerne noch einmal Serena Williams siegen sehen. Natürlich gehört Angelique Kerber auch zum Favoritenkreis, sie hat mit meinem Olympia-Doppelpartner Rainer Schütt­ler ja auch einen guten Trainer. (lacht)

Wie wichtig ist Boris Becker als Head of German Tennis?

Ich habe eine Einheit miterlebt, als er in Hannover an der Base gearbeitet hat, Boris lebt nach wie vor Tennis. Die Frage ist nur: Kennt die ganz junge Generation noch einen Boris Becker? Es gibt kein besseres sportliches Vorbild als Boris Becker. Am Ende des Tages ist es wichtig, dass sich der Nachwuchs verbessert, sie Fortschritte machen und ihnen auf dem Weg an die Spitze geholfen wird ...

Deutschlands größtes Tennistalent: Die Karriere von Alexander Zverev in Bildern

Die großen Erfolge auf Grand-Slam-Ebene sind für Alexander Zverev (*20.04.1997) bislang noch ausgeblieben, auf der ATP-Tour hat der Deutsche aber schon für jede Menge Furore gesorgt. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt seine bisherige Karriere in Bildern. Zur Galerie
Die großen Erfolge auf Grand-Slam-Ebene sind für Alexander Zverev (*20.04.1997) bislang noch ausgeblieben, auf der ATP-Tour hat der Deutsche aber schon für jede Menge Furore gesorgt. Der SPORTBUZZER zeigt seine bisherige Karriere in Bildern. ©

Wie war das denn mit Ihnen und dem Nachwuchs in Hannover?

Zu meiner aktiven Zeit habe ich meinen Sport geliebt, gelebt und dem alles untergeordnet. Heute liebe ich den Sport immer noch. Von einem ehemaligen Profi werden Ratschläge, Spielzüge oder Taktiken eher angenommen, als wenn da einer auf dem Platz steht, der das ganze Tour-Leben noch nie wirklich aktiv miterlebt hat.

Was in der Praxis gelernt, was im Buch nachgelesen wurde – alles schön und gut. Aber die Erfahrung ist das Entscheidende. Du musst ehemalige Weltklasse-Spieler mit ins Boot holen.

Der Tennis-Base in Hannover fehlt ja jetzt ein ehemaliger Weltklassespieler ...

Der TNB sieht das jetzt sicherlich als Vorteil, sonst hätten sie mit mir doch weitergemacht. (lacht) Mein Anspruch an der Tennis- Bas­e war immer Spitzensport, kein Breitensport, dies habe ich auch oft genug thematisiert. Es ist keine Wohlfühloase, es geht um Leistung.

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Sind Sie trotzdem traurig, dass Ihr Vertrag beim Tennisverband Niedersachsen-Bremen (TNB) nicht verlängert wurde?

Ganz schade finde ich es für die Kinder, denn über die Jahre hinweg haben wir eine gewisse Bindung aufgebaut, ich habe viele Kinder heranwachsen gesehen. Das ist schon ein Stück weit traurig. Seit meinem 12. Lebensjahr, also seit fast 30 Jahren, bin ich dort ein- und ausgegangen, habe miterlebt, wie das Leistungszentrum aufgebaut wurde.

Aber ich will nicht jammern, mir geht es sehr gut, ich kann mich mehr um andere Projekte kümmern – unter anderem mein eigenes Mode-Label NK. Und man soll nie nie sagen. Wenn der TNB mich nicht will, vielleicht ja der Deutsche Tennis-Bund – an der Seite von Boris. (lacht)

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