Das ganze Stadion unter einem Stück Stoff: Mehr als zwei Jahre Vorbereitung machten sich bezahlt. Das ganze Stadion unter einem Stück Stoff: Mehr als zwei Jahre Vorbereitung machten sich bezahlt. © Imago/Robert Michael
Das ganze Stadion unter einem Stück Stoff: Mehr als zwei Jahre Vorbereitung machten sich bezahlt.

Dynamos legendäre Choreografie: Ein ganzes Stadion unter Stoff

Ein Buchprojekt erinnert an das Spiel Dynamo Dresden gegen 1. FC Magdeburg. Dynamo-Ultras verhüllt mit einer aufwendigen Aktion vor dem Anpfiff am 31. Oktober 2015 nahezu die kompletten Zuschauerränge.

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Choreo. Kunstwerke aus deutschen Fußball-Fankurven Choreo. Kunstwerke aus deutschen Fußball-Fankurven ©

Rechte Fans, Pyrotechnik, Randale: Dynamo Dresdens Anhänger haben einen miesen Ruf. Mit einer europaweit einzigartigen Choreografie machten sie Werbung für sich und ihren Klub. Die Aktion zeigte, was in Dresden möglich ist, wenn Fans und Verein zusammenarbeiten – und Risiken in Kauf genommen werden.

Wenn Ralf Minge, der Sportchef von Dynamo Dresden, über die Saison 2015/2016 spricht, dann spricht er in Bestmarken und Superlativen, und das zu Recht. "Ein Schnitt von fast 28.000 Zuschauern pro Spiel, die sportliche Dominanz, bester Torschütze, bester Spieler, bester Vorlagengeber, bester Trainer – wir haben alle Rekorde bedient. Und dann kommt so eine Geschichte noch on top. Das ist überragend ", sagt er.

So eine Geschichte. Damit meint Minge die Choreografie, die Dynamos Fans beim Heimspiel gegen den 1. FC Magdeburg zeigten. Es war eine Choreografie, wie es sie noch nicht gegeben hatte in Europa. Eine einzige, zusammenhängende Fahne über alle Ränge des Stadions, mit Ausnahme des Gästeblocks. 350 Meter lang und 35 Meter hoch, insgesamt 12.250 Quadratmeter groß. Größere Fahnen gab es bislang nur in Südamerika. "Die Legende aus Elbflorenz – der Verein mit den besten Fans", war auf dem Stoff zu lesen. Der Text eines beliebten Dresdener Fangesangs. Mehr als 25.000 Euro hat das Werk gekostet.

Diese Choreographie der Dynamo-Fans vom 31. Oktober 2015 (beim Drittliga-Spiel gegen den 1. FC Magdeburg) ist legendär:

Es war eine Choreografie, die zum Symbolbild für eine herausragende Drittliga-Saison für Dynamo wurde. Der Klub übernahm am dritten Spieltag die Tabellenführung, blieb bis zum Ende an der Spitze und stieg souverän in die zweite Liga auf. Und es war eine Choreografie, mit der die Fans Werbung machten. Für ihren Verein und für sich.

In Dynamos Fan-Szene hat sich vieles verbessert

Wenn der Klub überregional zum Thema wird, dann meistens aus Gründen, die ihm nicht gefallen. Wegen der Verbindung von Teilen des Publikums zur Pegida-Bewegung, wegen Pyrotechnik, randalierender Fans oder militärisch anmutender Aufmärsche wie zum Abschluss der Saison 2016/2017 beim Spiel in Karlsruhe. Dabei haben sich in der Dresdener Fan-Szene viele Dinge zum Besseren verändert in den vergangenen Jahren. Die Choreografie gegen Magdeburg zeigte, welche Kraft Dynamo Dresden entwickeln kann, wenn Fans und Verein zusammenarbeiten. Wenn man einander vertraut.

Medien aus der ganzen Republik waren voller Bewunderung für "das Giganten-Banner", wie 11Freunde formulierte. "Diese Choreo muss jeden Erstligisten beschämen", schrieb die Hamburger Morgenpost. Auch im Ausland fand die Choreografie Beachtung. Sportchef Minge berichtet, dass Kamerateams aus England und Zeitungen aus Japan in den Tagen und Wochen nach dem Spiel gegen Magdeburg zu Gast waren. "So eine Aktion strahlt international, das ist doch klar", sagt er.

Zwei Jahre Vorbereitung

Eine Choreografie braucht Helfer, viele Helfer. Oft sind Hunderte Fans eingebunden, Hunderte Maler und Bastler. Bei der Dresdener Riesenfahne war das anders. Den Großteil der Arbeit machten zwei Leute. Sie nähten mehr als zwei Jahre lang, verwendeten dabei 70 Kilometer Faden, verschlissen acht Nähmaschinen. Diese Zahlen veröffentlichte der Klub im Nachhinein, nicht ohne Stolz auf diesen Gigantismus. Den Stoff, besonders leichter Seidenstoff, besorgten die Fans in Polen, bei einem Lieferanten, mit dem Dynamos Ultras schon seit Jahren zusammengearbeitet hatten. Und sie mussten immer wieder Nachschub holen, weil sie sich immer wieder verschätzten bei der Dimension ihres Vorhabens. Vier, fünf Mal mussten sie nach Polen fahren.

Ultras sprechen nicht mit der Presse

So berichten es Stefan Lehmann, Vorsänger der Dresdener Ultras, und ein Initiator der Choreografie, der sich Maik nennt, bei welle1953, einer Sendung im Lokalradio, die es auch im Internet als Podcast gibt. Nach dem Spiel gegen Magdeburg gab es haufenweise Presseanfragen zu der Choreografie. Doch die Ultras versuchen, eine gewisse Distanz zum Mainstream zu wahren, wie sie sagen. Auch für dieses Buch waren sie nicht zu sprechen.

Nach zwei Jahren Nähzeit brauchten sie Platz. Sie mussten die riesigen Stoffbahnen auslegen und bemalen. Dazu suchten sie sich eine Freifläche außerhalb Dresdens und wurden fündig in einem Industriegebiet in Heidenau, südöstlich der Stadt. Sie rasterten die Fahne in Meterschritten und trugen die Schrift mehr oder weniger frei Hand mit Malerrollen auf, in schwarzer und weißer Farbe auf orangenem Grund. Auch bei der Farbe mussten die Ultras mehrfach Nachschub holen. Rund 50 Fans waren an den Malerarbeiten beteiligt. So langsam wuchs die Choreografie. Und die Zahl der beteiligten Personen.

Dynamo-Vorsänger Stefan Lehmann. Dynamo-Vorsänger Stefan Lehmann. © Imago/Picture Point

Generalprobe im Mondschein

Große Inszenierungen werden geprobt, so ist das im Theater, und so ist das oft auch bei Choreografien. An einem Sonntagabend, sechs Tage vor dem Spiel gegen Magdeburg, ließ der Verein rund 300 Fans ins Stadion, die bei minimaler Beleuchtung die Riesenfahne auslegten, anpassten und testeten, ob das wirklich geht: ein einziges Stück Stoff über alle Tribünen zu ziehen. In der Mitte des Rasens stand Vorsänger Lehmann, dirigierte die Probe mit einem Megaphon und konnte sehen, wie die Idee von der Verhüllung des ganzen Stadions konkret wurde.

Handyfoto? "Das gab ein paar auf die Zwölf"

Der Vorlauf hatte kleine Schönheitsfehler. An einer Stelle verhakte sich die Fahne auf der Tribüne und riss. Doch insgesamt klappte der Versuch gut. Die Choreografie wurde komplett aufgespannt, über dem Stadion stand der Mond, auf dem Rasen fielen sich einige der Organisatoren um den Hals. "Mensch, Schnauze! Feiert euch hier nicht. Sonst geht es am Spieltag schief", ermahnte Vorsänger Lehmann. Die Probe ist in einem sehenswerten Film über die Aufstiegssaison dokumentiert, den der Verein herausgebracht hat. Der Film zeigt nachträglich, was niemand mitbekommen durfte. Es ist Ultras grundsätzlich heilig, dass die Vorbereitungen einer Choreografie geheim bleiben. Es wäre ein Debakel gewesen, wenn Fans rivalisierender Vereine, vor allem Fans aus Magdeburg, schon vorher gewusst hätten, was die Dresdener planten. Dass bei der Generalprobe einer der Helfer ein Foto mit dem Handy machte, kam bei den Organisatoren schlecht an. "Da gab es ein paar auf die Zwölf. Das wird dann sehr unkompliziert geregelt", sagt Vorsänger Lehmann bei welle1953.

Triumphzug zum Stadion

Am Spieltag schien die Sonne, als die Dresdener Ultras einen Triumphzug veranstalteten. Mit 140 Leuten trugen sie die Fahne, verschnürt mit Kabelbindern, über die lang gezogene Lennéstraße zum Stadion. Viele Fans am Straßenrand applaudierten. Rund anderthalb Stunden vor Anpfiff brachten sie die Fahne ins Stadion, legten sie in der ersten Reihe der Tribünen aus – und waren ein massives Sicherheitsrisiko. Zumindest theoretisch.

Dresden gegen Magdeburg, das Duell der ostdeutschen Rivalen, fand zum ersten Mal seit sieben Jahren statt. Es war ein sogenanntes Risikospiel. Die Stimmung war angespannt, die Polizei in Alarmbereitschaft. Und dann gewährt der Verein 140 Ultras Zutritt zum Innenraum, zu einem geschützten Bereich, um eine Choreografie zu koordinieren. Einige von ihnen verrichteten ihre Arbeit in der Nähe des Gästeblocks, in dem ein paar der Magdeburger Anhänger schwarze Kapuzen und Sturmhauben aufgezogen hatten. Die Enden der Fahne waren mit Brandschutzpaste bearbeitet worden. Vorsichtshalber. Falls aus dem Gästeblock Fackeln geflogen wären. Anstatt einer denkwürdigen Choreografie wären auch denkwürdige Ausschreitungen möglich gewesen. Ausschreitungen, für die Dynamo die Verantwortung hätte tragen müssen. "Das war riskant, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber gegenseitiges Vertrauen und der Dialog mit unseren Fans ist uns sehr wichtig. Im Nachhinein können wir sagen, dass wir alles richtig gemacht haben", sagt Sportchef Minge.

Magdeburger gönnten Dresdnern ihren Moment

Denn alles blieb friedlich. Die Dresdener Ultras waren fokussiert, wie es im Fußballer-Deutsch heißt. Sie hatten keine Lust, die Arbeit von mehr als zwei Jahren zunichte zu machen wegen irgendwelcher Nebenkriegsschauplätze. Und die Magdeburger benahmen sich. Sie gönnten den Dresdenern ihren Moment. Alles klappte. Mehr als 55.000 Hände zogen die Fahne nach oben. Zum Einmarsch der Spieler waren alle Ränge verhüllt – und Michael Hefele wusste, dass an diesem Tag nichts schiefgehen konnte.

Kapitän Michael Hefele klatscht nach dem Spiel mit den Fans ab. Kapitän Michael Hefele klatscht nach dem Spiel mit den Fans ab. © Imago/Robert Michael

"Die Magdeburger haben sich eingeschissen"

Er war Dynamos Kapitän und hatte das Gefühl, beim Betreten des Rasens zu wachsen. "Du gehst raus ins Stadion, schaust dich um und wirst mit jedem Schritt größer. Das hat eine unglaubliche Kraft gegeben", sagt er. Eine Kraft, die alle Zweifel vertrieb: "Mir war klar, dass wir die Magdeburger auffressen. Die haben sich eingeschissen. Wir konnten gar nicht verlieren."

Als die Riesenfahne nach fünf Minuten heruntergelassen wurde, hatten einige der Organisatoren Tränen in den Augen. Vorsänger Lehmann stand mit dem Mikrofon am Spielfeldrand und sah aus, als hätte sich vor seinen Augen das Meer geteilt. "Sehr, sehr geil!", rief er.

Das Spiel endete 3:2 für Dynamo. Es war ein weiterer Sieg auf dem Weg zum Aufstieg. Ein weiterer Baustein einer Saison voller Bestmarken und Superlative. Die Choreografie war das passende Bild dazu.

Alles zum Thema Fan-Choreografien findet Ihr auf unserer Themenseite.

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