05. Dezember 2018 / 18:02 Uhr

"Müssen auf den Worst Case vorbereitet sein": Eintracht-Präsident Sebastian Ebel im XXL-Interview

"Müssen auf den Worst Case vorbereitet sein": Eintracht-Präsident Sebastian Ebel im XXL-Interview

Redaktion Sportbuzzer
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Braunschweigs Präsident Sebastian Ebel spricht im großen SPORTBUZZER-Interview.
Braunschweigs Präsident Sebastian Ebel spricht im großen SPORTBUZZER-Interview. © imago/Hübner
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Vor der Jahreshauptversammlung von Eintracht Braunschweig am Donnerstag spricht Präsident Sebastian Ebel im XXL-Interview mit dem SPORTBUZZER über die prekäre Lage des Drittligisten, die finanzielle Situation und das Rücktrittsangebot von Torsten Lieberknecht.

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Am Donnerstag um 19 Uhr steht die Jahreshauptversammlung von Eintracht Braunschweig an. Selbst Präsident Sebastian Ebel rechnet mit einer turbulenten Veranstaltung. Ein mutmaßlich großer Streitpunkt entfällt jedoch. Denn am Mittwoch gab der Drittligist bekannt, sich im Frühjahr vorzeitig vom umstrittenen Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt zu trennen. Der soll, so der Plan, noch bis Ende Januar die Geschäfte führen und anschließend beim Lizenzierungsverfahren helfen.

Außerdem steht fest, dass der vorgeschlagene Fan-Vertreter Robin Koppelmann nicht in den Aufsichtsrat gewählt wird. Für die nicht wieder antretenden Christian Krentel und Ulrich Markurth (Oberbürgermeister) wurden vom Wahlausschuss stattdessen Ex-Profi Tobias Rau und Frauenfußball-Trainerin Katja Wittfoth nominiert.

Im Vorfeld der JHV bezieht Präsident Ebel in einem großen SPORTBUZZER-Interview Stellung zu Fragen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Vor gut einem Jahr durfte man noch Richtung Bundesliga-Aufstieg schielen, jetzt droht der Abstieg in die Viertklassigkeit. Wie konnte es so schnell so weit kommen?

Der sportliche Fall in den vergangenen 18 Monaten ist dramatisch. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Wir sind mit dem teuersten Kader der Vereinsgeschichte aus der 2. Bundesliga abgestiegen und das mit 39 Punkten, die in den vergangenen Jahren immer zum Klassenerhalt gereicht haben. Aber wenn man lediglich zwei Punkte aus dem letzten sieben Spielen holt, ist das einfach zu wenig.

"Unser Spieleretat gehört zu den höchsten der 3. Liga"

Nach dem Abstieg und der sportlichen Neuausrichtung haben wir auch in erheblichem Maße in die Mannschaft investiert, um direkt wieder anzugreifen. Unser Spieleretat gehört auch in dieser Spielzeit zu den höchsten der 3. Liga. Aber es waren auch viele junge Spieler dabei und wir hatten nicht die Zeit, uns zu finden. Dazu kam, dass es von Beginn an eigentlich nur Negativerlebnisse gab. Spiele, die man durchaus hätte gewinnen können oder müssen, wie beispielsweise gegen Zwickau oder in Wiesbaden, gab man aus der Hand. Das erhöhte den Druck zusätzlich zu der ohnehin vorherrschenden Erwartungshaltung. Und so konnte die Mannschaft ihr Potenzial, von dem wir überzeugt sind, nicht abrufen.

Krise
Eintracht Braunschweig droht in die Regionalliga durchgereicht zu werden. Foto: Peter Steffen © Peter Steffen
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Der frühere Trainer Torsten Lieberknecht hat kürzlich gesagt, er habe nach dem Aue-Spiel Ende Januar angeboten, seinen Stuhl zu räumen. Warum kam es nicht dazu?

Wir haben die Aussagen von Torsten in den vergangenen Wochen durchaus zur Kenntnis genommen. Dazu gibt es durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen. Torsten und ich waren der festen Überzeugung, dass wir gemeinsam den Klassenerhalt schaffen würden. Und die Unterstützung vieler Fans von Torsten war sehr hoch.

Ich glaube, es hilft uns in der aktuellen Situation nicht, zurück zu schauen auf das, was gewesen ist. Wir müssen nach vorne blicken und gemeinsam alles daran setzen, das Ziel Klassenerhalt zu schaffen. Das ist das, worum es in unserer aktuellen Situation geht.

Das ist die Einzelkritik für die Spieler von Eintracht Braunschweig nach dem Heimspiel gegen den VfR Aalen

Lukas Kruse. Zur Galerie
Lukas Kruse. ©

Gibt es seit einiger Zeit bei den Entscheidungsträgern mehrere Fraktionen? Bzw. sind Sie sich sicher, dass alle wichtigen Entscheidungsträger gemeinsam an einem Strang ziehen?

Wir haben innerhalb des Aufsichtsrats hinter verschlossen Türen viele Themen intensiv diskutiert. Das ist völlig normal und nur so kann man auch konstruktiv arbeiten. Aber am Ende standen alle hinter den getroffenen Entscheidungen und das ist ausschlaggebend. Dass hier Fehler bei den sportlich Verantwortlichen gemacht wurden, ist klar, denn sonst würden wir uns nicht in dieser Situation befinden.

"Tobias Rau wird sich noch intensiver einbringen können"

Halten Sie zwei Geschäftsführer (Finanzen und Sport) grundsätzlich für sinnvoll?

Grundsätzlich ist der Ansatz sicherlich gut. Aber auch, wenn es sich bei uns im Organigramm anders darstellt, in der Praxis war es so, dass sportliche Entscheidungen immer von den sportlich Verantwortlichen – also vom Trainer und sportlichen Leiter – getroffen wurden. Marc Arnold war bei jeder Aufsichtsratssitzung mit dabei. Ich muss hier nochmal deutlich betonen, dass hier nie Spieler verpflichtet wurden, die der Trainer nicht haben wollte. Das galt übrigens auch für den vergangenen Winter, als wir nach dem Verkauf von Onel Hernandez noch die Möglichkeit hatten, auf dem Transfermarkt aktiv zu werden. Dies haben aber sowohl Marc als auch Torsten abgelehnt, da beide von der Qualität des Kaders überzeugt waren.

Was versprechen Sie sich von Ex-Profi Tobias Rau, wenn er in den Aufsichtsrat gewählt wird?

Tobias Rau verfügt durch seine jahrelange Erfahrung im Profifußball über das entsprechende Fachwissen, er stand dem Aufsichtsrat bereits in den vergangenen Monaten beratend zur Seite. Nach seiner Wahl wird er sich noch intensiver und fundierter einbringen können. Gemeinsam mit Katja Wittfoth, die aufgrund ihrer bisherigen Stationen und ihrer Ausbildung extrem qualifiziert ist, wird er die fußballerische Kompetenz erhöhen. Wir freuen uns sehr, dass wir beide für uns gewinnen konnten.

Bilder vom Spiel der 3. Liga zwischen Eintracht Braunschweig und dem VfR Aalen

Braunschweigs Christoffer Nyman scheitert an Aalens Torhüter Daniel Bernhardt. Zur Galerie
Braunschweigs Christoffer Nyman scheitert an Aalens Torhüter Daniel Bernhardt. ©

Wie steht es ganz allgemein um die Finanzen von Verein?

Der Verein hat das abgelaufene Geschäftsjahr erstmals seit vielen Jahren mit einem Fehlbetrag in Höhe von 64.000 Euro abgeschlossen. Dies hängt vor allem mit der ausbleibenden Gewinnausschüttung der Kapitalgesellschaft nach dem Abstieg zu tun. Das waren im Jahr zuvor 130.000 Euro, was am Ende zu einem knapp positiven Ergebnis geführt hat. Daran sieht man aber schon, wie gut sich der Verein in den vergangenen Monaten entwickelt und eigene Einnahmequellen und Sponsoren aufgebaut hat, denn sonst wäre das Defizit deutlich größer ausgefallen. Dennoch müssen wir daran arbeiten, dass sich der Verein noch mehr aus eigenen Mitteln finanzieren kann und weniger von den Ausschüttungen der GmbH abhängig ist.

Welches Ergebnis brachte das GmbH-Geschäftsjahr 2017/18?

Die vergangene Saison haben wir mit einem Überschuss in Höhe von 2,7 Millionen abgeschlossen. Man muss da ganz klar sagen, dass dies so nicht geplant war und wir nicht in Schönheit sterben und absteigen wollten. Wir hatten auch in der vergangenen Saison einen Etat unter den Top fünf der 2. Bundesliga und den höchsten in der Vereinsgeschichte. Bei der Budgetplanung waren wir von einem ganz anderen Saisonverlauf und somit auch von anderen Punktzahlen und Punktprämien ausgegangen. Aufgrund der Langzeitverletzungen von Spielern wie Christoffer Nyman, Mirko Boland und Domi Kumbela, die uns sportlich schwer getroffen haben, hatten wir auf der anderen Seite Entlastungen auf der Personalkostenseite und als bester Zweitligist in der Fünf-Jahres-Wertung bei den TV-Geldern konnten wir auch in diesem Bereich höhere Einnahmen verzeichnen.

"Überschuss aus dem vergangenen Jahr hilft uns sehr"

Welche Prognose gibt es für das laufende GmbH-Geschäftsjahr 2018/19?

Der Überschuss aus dem vergangenen Jahr und der Aufbau eines Eigenkapitals in Höhe von 7,3 Millionen, welches wir durch unser solides Arbeiten in den vergangenen Jahren aufbauen konnten, hilft uns in der laufenden Drittligasaison natürlich sehr und hat dafür gesorgt, dass wir für den laufenden Geschäftsbetrieb keine Finanzierungsdarlehen aufnehmen mussten. Eine genaue Prognose lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht geben, da noch einige Faktoren eine Rolle spielen, aber am Ende wird ein Verlust im mittleren einstelligen Millionenbereich, der aber deutlich unterhalb des aktuellen Eigenkapitalwertes liegt, zu Buche stehen.

Fußball 3. Liga 15. Spieltag Eintracht Braunschweig - KFC Uerdingen am 10.11.2018 im Eintracht-Stadion in Braunschweig Felix Burmeister ( Braunschweig ), unten - Andre Schubert ( Cheftrainer Braunschweig ), oben DFB regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video. *** Football 3 League 15 Matchday Eintracht Braunschweig KFC Uerdingen on 10 11 2018 at Eintracht Stadion in Braunschweig Felix Burmeister Braunschweig below Andre Schubert head coach Braunschweig above DFB regulations prohibit any use of photographs as image sequences and or quasi video xSBx
Trainer André Schubert konnte die Eintracht noch nicht aus ihrem Loch befreien. © imago/Revierfoto

Was bedeutet dies für die neue Saison? Könnte sich die Eintracht ein Regionalliga-Jahr überhaupt leisten?

Natürlich werden wir alles daran setzen, in der 3. Liga zu bleiben. Das muss unser oberstes Ziel sein und wir werden alles dafür tun! Aber natürlich können wir alle die Tabelle lesen und müssen seriös arbeiten und planen. Dazu gehört logischerweise auch, auf den Worst Case vorbereitet zu sein. Fakt ist, dass es ein weiter so auch beim Verbleib in der 3. Liga nicht geben kann und wir in unserer Situation alle Ausgaben auf den Prüfstand stellen müssen, denn das Polster der aktuellen Saison ist im nächsten Jahr in dem Umfang nicht mehr vorhanden.

Droht die Insolvenz? "Nein!"

Ein weiteres Jahr in der 3. Liga wird wirtschaftlich extrem anspruchsvoll, aber ist realisierbar, wenn unsere Sponsoren uns weiterhin die Treue halten. Es bedeutet aber auch, dass wenn wir keine neuen Ertragsquellen schaffen können, wir die Kostenstruktur massiv den Einnahmen anpassen werden. Ein Budget für den Fall des Abstiegs erstellen wir gerade, das wäre was den Spieleretat und einige andere Bereiche angeht eine Stunde Null und lässt sich von Grund auf anders planen.

Droht eine Insolvenz?

Nein! Aber dafür müssen wir die Rahmenbedingungen unserer Situation anpassen.

Haben Sie in letzter Zeit darüber nachgedacht, das Präsidenten-Amt abzugeben?

Wir befinden uns zweifellos in einer extrem schwierigen Lage, gerade das vergangene Jahr war sehr extrem. Aber ich war immer ein Mensch, der Verantwortung übernommen hat und nicht einfach aufgibt. Ich spreche für unser komplettes Präsidium, wenn ich sage, dass wir alle den Anspruch haben – auch an uns selbst – den Verein in der jetzigen Phase nicht im Stich zu lassen. Wir sehen uns in der Pflicht, den negativen Verlauf der vergangenen Monate, für den auch wir einen erheblichen Teil der Verantwortung tragen, wieder gerade zu rücken.

Und wenn jetzt alle Strukturen einreißen, ist das in dieser Situation sicherlich auch nicht hilfreich. Man muss aber auch sagen, dass wir nicht nur die Verantwortung für den Profifußball tragen, der natürlich im Fokus steht, sondern auch für den Gesamtverein mit seinen 13 Abteilungen und der hat sich in den vergangenen Jahren mit über 5.000 Mitgliedern sehr positiv entwickelt.

Was macht Ihnen Mut, dass der Abstieg in dieser Saison noch vermieden werden kann?

Man hat seit der Verpflichtung von André Schubert bereits Entwicklungen gesehen, leider hat es auch wieder Rückschritte wie beim Spiel in Münster gegeben. Ich bin davon überzeugt, dass er mit seiner ruhigen und bestimmten Art die richtige Ansprache an die Mannschaft hat und sie seine Vorstellungen zunehmend auch besser auf dem Platz umsetzen wird. Jetzt geht es erst einmal darum, bis zur Winterpause so viele Punkte wie irgend möglich zu holen. Das kann aber nur mit der eingeschränkten Unterstützung von uns allen gelingen. Dann werden wir schauen, in welchen Bereichen wir in der Transferperiode noch aktiv werden, um uns qualitativ und sinnvoll zu verstärken. Überlegungen gibt es da bereits.

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