Clemens Fandrich und Yussuf Poulsen RB Leipzig DFB-Pokal Paderborn Clemens Fandrich bejubelt im August 2014 mit Yussuf Poulsen sein Tor im DFB-Pokal gegen Paderborn. © dpa
Clemens Fandrich und Yussuf Poulsen RB Leipzig DFB-Pokal Paderborn

Ex-RB-Leipzig-Kicker Fandrich: "Man sollte den Traum nie aufgeben"

Clemens Fandrich spricht im Interview über seinen Ex-Verein, den Abstiegskampf in Aue und seine Liebe zu Hürdensprinterin Amina Ferguen.

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Leipzig. Er ist mit RB Leipzig zwei Mal aufgestiegen – von der vierten in die zweite Liga. Nach einem Gastspiel beim FC Luzern kämpft Mittelfeldprofi Clemens Fandrich (26) aktuell mit Erzgebirge Aue um den Zweitliga-Klassenerhalt. In Aue hat er ein Zimmer, doch der gebürtige Berliner wohnt mit Freundin Amina Ferguen in Leipzig, wo die 27-jährige Hürdensprinterin mit algerischen Wurzeln nach einem Achillessehnenriss 2014 wieder um den Anschluss an die Spitze kämpft. Wir haben das Paar zum Interview getroffen.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Fandrich: Als ich nach Leipzig gewechselt bin, hat mich Benny Bellot mit in die Uni-Mensa genommen. Dabei kam mir Amina entgegen, sie hat mich gar nicht wahrgenommen. Ich habe ihr bei Facebook eine Nachricht geschrieben.

Wieso haben Sie ihn so zappeln lassen?

Ferguen: Erstens ist die Variante über Facebook nichts für mich. Ich denke mir da immer: Das kann ja nichts Ernstes sein. Als Clemens es immer und immer wieder versucht hat und ich wusste, dass er keine andere Kontaktmöglichkeit hat, habe ich ihm eine Chance gegeben.

Sie kannten den Fußballer also nicht?

Ich wusste nicht mal, dass es hier eine Mannschaft gibt, hatte mit Fußball nichts am Hut. Jetzt habe ich etwas Ahnung und fiebere mit.

Clemens, Sie haben ein halbes Jahr mit RB zweite Liga gespielt. Hat sich damals schon rauskristallisiert, wer mal das Zeug für die Bundesliga haben würde?

Fandrich: Dies vorauszusehen ist schwierig. Oft entscheiden Kleinigkeiten, ob der Durchbruch gelingt. Vor allem bei Youssuf Poulsen war die Entwicklung krass. Die Grundtugenden hatte er, aber er hat sich technisch extrem weiterentwickelt. Dass Kimmich eine komplette EM spielt, damit habe ich nicht gerechnet. Das ist auch verrückt. Aber er hat das ja gut gemacht. Diego Demme hat jetzt endlich mal getroffen, ich wüsste nicht, dass er schon mal im Training getroffen hätte. Das freut mich. Das sind Leute, mit denen ich sehr gut klargekommen bin.

Clemens Fandrich und Amina Ferguen Clemens Fandrich mit seiner Freundin Amina Ferguen. © Fabian Held

Überrascht Sie die Leistung von RB?

Damit hätte ich dieses Jahr noch nicht gerechnet. Ich habe am Anfang der Saison die Niederlage im Pokal gegen Dresden gesehen. Ich glaube, dass RB sich in der 2. Liga, als es um andere Tugenden ging, schwerer getan hat als gegen spielerische Mannschaften. Das kommt ihnen jetzt zugute. Sie spielen einen schönen Ball und stehen zu Recht da oben. Sie haben auf jeder Position körperlich und spielerisch Top-Leute, ohne die ganz großen Namen geholt zu haben. Das ist halt RB! Das ist top! Dafür hat Ralf Rangnick einfach ein Auge.

Freut ihr euch, nächstes Jahr RB in der Champions League zu sehen?

Ich hoffe, der Kaiser kann mir ein paar Karten besorgen. Dass wir mal Real Madrid im Stadion sehen können.

Gibt es noch engen Kontakt?

Mit Dominik Kaiser treffen wir uns schon fast jeden Tag. Er ist ein sehr guter Freund. Wir sind Nachbarn von Ralph Hasenhüttl, haben aber noch nicht viel gesprochen.

Haben Sie noch den Traum von der 1. Liga?

Möglich ist alles. Ich habe in Cottbus mit Nils Petersen zusammengespielt. Er hatte diese eine Saison, in der er 25 Tore schießt, aus zwei Ballkontakten quasi drei Treffer gemacht hat. Darauf ist er zu den Bayern gewechselt. Dann ist dein Weg anders geschrieben. Man sollte den Traumnie aufgeben. Mit 26 sage ich mir: Schauen wir mal, was noch geht.

Wie sehen Sie die Entwicklung in Ihrem Jugendverein Energie Cottbus?

Da blutet mir das Herz. Das ist fies. Die Abstiege taten mir sehr weh.

Welche Trainer haben Sie geprägt?

Was Alex Zorniger einem bei RB gesagt hat, vergisst man nie. „Wer sprintet, der spielt“, war so ein Satz, der täglich aufgerufen wurde. In der Jugend sagte mein Vater: „Wenn du es schaffst, den Ball 20 Mal zu jonglieren, bekommst du ein Eis“. Damit hat er mich total in die Technikschule gebracht. Später hatte ich Glück, dass Pele Wollitz in Cottbus auf junge, deutsche Spieler stand. Er hat mich mit 17 direkt hochgezogen. Tommy Stipic hat in Aue Gefühle rausgeholt, die waren krass, intensiv und gut. Seine Ansprachen waren der Wahnsinn. Er ist im positiven Sinne ein Verrückter.

Wie waren beziehungsweise sind die Trainer in Aue in dieser Saison?

Mit Pavel Dotchev bin ich erst am Ende warm geworden. Er hatte seine Aufstiegshelden. Als ich meine Chance bekam, hat er gesehen: Der Fandrich ist ja doch nicht so schlecht. Bei Domenico Tedesco sind wir froh, dass wir ihn bekommen haben. So viel Fußball-Kompetenz hatte ich noch nicht. Was er aus Gegnern rausfiltert, ist nicht normal. Da könnte ich mir das Spiel acht Mal anschauen und würde es nicht erkennen. Aber wenn er es erklärt, ist es super einfach und verständlich. Er arbeitet viel mit „Wenn, dann …“-Situationen. Wenn der Gegner von da kommt, musst du so spielen. Für alles gibt es eine Lösung. Wie bei Alex Zorniger habe ich das Gefühl, dass er das Spielfeld als Schachbrett sieht, auf dem er die Spielfiguren verstellt.

Wie haben Sie 2015 in Aue den Moment des Abstiegs erlebt?

Das war mit das Schlimmste, was ich im Fußball erlebt habe. Vorher bin ich zwei Jahre aufgestiegen und dann auf einmal das. Ich dachte, die Fans kommen aufs Spielfeld gerannt und ich bekomme eine Faust ab. Aber die haben mich in den Arm genommen, mit Tränen in den Augen und haben sich bedankt, dass wir alles probiert haben, um die Klasse zu halten. Das hat mich krass beeindruckt und ist mit ein Grund, warum ich nach Aue gewechselt bin und nicht woanders hin.

Clemens Fandrich Erzgebirge Aue Torjubel Clemens Fandrich will mit dem FC Erzgebirge Aue die Klasse halten. © Picture Point

Ihnen bedeutet der Verein also etwas?

Ja. Das weiß Präsident Helge Leonhardt auch. Das ist auch der Grund, warum ich als einziger Spieler zurückgeholt wurde.

Wieso sind Sie 2015 nicht mit in die 3. Liga gegangen?

Damals waren zwei Spieler da – und kein Trainer. Das war schwierig. Ich wollte probieren, höherklassig zu spielen. Mit Luzern kam ein Verein mit Markus Babbel als Trainer, der das Potenzial hatte, Euro-League zu spielen. Das war schon etwas anderes. Ich musste die Gefühle ausschalten und an die Karriere denken.

Wie wohl haben Sie sich in Luzern gefühlt?

Ferguen: Die Natur ist wunderschön. Wenn ein Wochenende frei war, konnten wir schnell nach Italien fahren. Im Großen und Ganzen bin ich da aber nie so richtig angekommen. Leichtathletik steht dort auch nicht an erster Stelle.

Woran merkt man das?

Der Trainer war nicht so professionell. Er wollte, dass ich ihm Sachen sage, die man im Training machen kann. Mein Trainer hier aus Leipzig hat mich dann per E-Mail aus der Ferne betreut. Das war für meine Weiterentwicklung nicht gut. Ich habe mich gefreut, als wir zurück nach Leipzig gezogen sind.

Wie geht es Ihnen mittlerweile nach der schweren Achillessehnen-Verletzung?

Ich bin elf Monate danach wieder einen Wettkampf gelaufen, was keiner für möglich gehalten hat. Als es danach aber schlechter lief, habe ich angefangen zu zweifeln: Wie geht es weiter? Kann ich jemals wieder so gut werden wie früher? Mein Trainer sagte mir, dass ich dranbleiben muss, die Hoffnung nicht verlieren darf. Das gelingt mir auch, aber die Zweifel kommen immer mal wieder durch. Diejenigen, die mal auf meinem Level waren, sind mir davongelaufen. Das Ziel sind jetzt die Deutschen Meisterschaften in Erfurt. Ich habe hohe Ansprüche an mich, ich muss aber lernen, kleine Brötchen zu backen.

Wie sehr hat Clemens Sie unterstützt?

Er hatte sehr viel Geduld mit mir. Als es passiert ist, war er mit RB im Trainingslager in Österreich. Es hat ihn sehr mitgenommen. Als ich mit meinem riesen Stiefel beim RB-Spiel war, sagte Alex Zorniger mir: „Du hast Clemens richtig fertig gemacht.“ Als ich zwei Monate zu Hause lag, hat er sehr viel für mich getan. Clemens hat mich ins Bad getragen, Essen gemacht, saubergemacht.

Wie wichtig war Amina bei der Entscheidung, von Luzern nach Aue zu wechseln?

Fandrich: Das hat eine Rolle gespielt. Leipzig ist uns beiden ans Herz gewachsen. Es war perfekt, dass es mit Aue und Helge Leonhardt so gut geklappt hat. Während meines Jahres in Luzern waren wir ständig in Kontakt.

Wie ist Helge Leonhardt zu Ihnen?

Er ist fast wie ein zweiter Vater. Ich mag ihn! Er ist eine beeindruckende Person.

Ferguen: Ich mag ihn auch!

Clemens Fandrich und Alexander Zorniger bei RB Leipzig Waren ein erfolgreiches Gespann bei RB Leipzig: Alexander Zorniger und Clemens Fandrich. © Christian Modla

Wer ist der ehrgeizigere Sportler?

Fandrich: Du!

Ferguen: Dich muss ich ja immer aufbauen, wenn es mal nicht so läuft.

Fandrich: Ich bin echt froh, einen Sportler an meiner Seite zu haben. Amina kann vieles nachvollziehen und ich kann mit ihr über alles reden.

Ferguen: Man hat als Sportler Mitgefühl, hat eine schwere Niederlage schon mal erlebt. Dann kann man mit seinen Erfahrungen helfen. Das können Außenstehende nicht.

Fandrich: Es hilft auch der Blickwinkel aus einer anderen Sportart.

Was sind Ihre Ziele für die Karriere?

Ferguen: Mein größtes Ziel war schon immer Olympia. Vor meiner Verletzung war das auch realistisch. Ich war zwei Zehntel von der Norm entfernt. Da war Rio echt greifbar. Klar, ein Traum wird es bleiben und er soll eigentlich auch Realität werden.

Wer fiebert im Abstiegskampf mehr mit?

Ferguen: Wir beide sind da gleich. Während des Spiels diskutiere ich in einer Whatsapp-Gruppe mit der Familie.

Fandrich: Wenn ich nach dem Spiel in den Bus komme und das Handy in die Hand nehme, dann wird die Tabelle runter gerattert. Und ich habe dann 300 Nachrichten auf dem Handy.

Hält Aue die Klasse?

Ja! Nicht nur, weil der neue Trainer da ist. Aber wir haben jetzt einen Plan. Ich bin sehr optimistisch, dass wir das schaffen. Vor allem, weil Mannschaften wie Würzburg in der Winterpause dachten, sie müssen das Stadion ausbauen, weil sie bald in der ersten Liga spielen. Da jetzt noch mal den Schalter auf Abstiegskampf umzulegen ist schwierig. Wir waren schon das ganze Jahr im Abstiegsstrudel.

Würden Sie mit in Liga drei gehen?

Ja. Es ist ja eine Mannschaft und ein Trainer da. Das ist für mich etwas anderes als damals, wo nur 20 Bälle da waren.

Amina, was muss Ihr Freund noch besser machen?

Ferguen: Er müsste noch an seiner Schnelligkeit arbeiten. Ich wünschte mir, dass er wieder seine frühere Spielweise an den Tag legen würde, mehr zaubern würde. Ich glaube, mentale Stärke und Selbstbewusstsein fehlen ihm ein bisschen.

Fandrich: Es kommt immer ein bisschen darauf an, wie viel Vertrauen du vom Trainer bekommst. Jedem Fußballer tut es gut, wenn man nach zwei nicht so guten Spielen nicht gleich aus der Startelf fliegt.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie aktuell weniger Spielanteile haben?

Das ist nicht immer einfach. Der Trainer hat sich für Mario Kvesic als „Haupt-Achter“ entschieden. Der Trainer hat bisher ja die richtigen Entscheidungen getroffen. Er ist ein super Trainer, in allen Aspekten. Persönliche Interessen müssen hinten anstehen. Es geht um den Abstiegskampf. In der Sommerpause wird dann richtig angegriffen.

Fabian Held / Frank Schober

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