Einen neuen Klub findet Kuranyi anschließend nicht mehr. Am 24. März 2017 beendet der Stürmer schließlich seine tolle Karriere mit den selbstironischen Worten: „Der Blinde hört endlich auf.“ Mit den Worten "Der Blinde hört endlich auf" beendete Kuranyi im März 2017 seine Karriere. © imago
Einen neuen Klub findet Kuranyi anschließend nicht mehr. Am 24. März 2017 beendet der Stürmer schließlich seine tolle Karriere mit den selbstironischen Worten: „Der Blinde hört endlich auf.“

Exklusiv: Kevin Kuranyi über sein DFB-Aus, seine Laufbahn und sein Karriereende

Im Interview spricht der einstige Nationalspieler über das bittere Aus in der Nationalmannschaft 2008. Und: Sein Leben nach dem Profi-Fußball.

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"Der Blinde hört auf." Als Kevin Kuranyi mit diesem Satz vor einer Woche seine Karriere als Profifußballer beendete, war auch etwas Ironie dabei. Denn obwohl er Anfang des Jahrtausends einer der besten deutschen Stürmer war, erst bei den  "Jungen Wilden" beim VfB Stuttgart (40 Tore in 99 Spielen), später beim FC Schalke 04 (162 Spiele, 71 Tore) und Dinamo Moskau (151 Spiele, 56 Tore), blieb der gebürtige Brasilianer stets ein streitbarer Typ. Was auch an einem tragischen Abgang in der Nationalmannschaft (52 Spiele, 19 Tore) lag.

Herr Kuranyi, Sie haben Ihre Karriere mit 35 Jahren beendet. Jetzt wollen Sie jüngeren Spielern Tipps geben. Zum Beispiel?
Dass man ein Spiel besser nicht vorzeitig verlassen sollte. (lacht)

Sie meinen die Sekunde, als Sie es im Oktober 2008 bei einem Länderspiel gegen Russland nicht in den 18er-Kader geschafft hatten und die Tribüne im Dortmunder Stadion in der Halbzeit einfach verließen, ohne Bundestrainer Joachim Löw zu verständigen?
Genau. Das war eine Extremsituation für mich als Schalker auf der Dortmunder Tribüne. Dennoch war meine Reaktion auf die Beschimpfungen der Fans falsch. Diese Stadionflucht ist das, was den Leuten scheinbar über mich im Kopf hängen geblieben ist. Und das ist schade, weil es ja doch noch ein bisschen mehr gab in meiner Karriere.

Sie wurden danach nie wieder für Deutschland nominiert. Bereuen Sie diese Aktion?
Mein Verhalten ja, mit den Folgen habe ich mich aber arrangiert. Jeder Mensch macht Fehler. Es war eine Entscheidung, die ich aus der Emotion getroffen habe, ohne viel nachzudenken. Aber daraus kann man nur lernen. Ich sehe es jedenfalls positiv.

Wie meinen Sie das?
Einerseits hätte ich vielleicht woanders unterschreiben können, wenn ich noch Nationalspieler gewesen wäre. Andererseits bin ich zufrieden, wie meine Karriere danach verlaufen ist. Und ich habe aus dem Fehler gelernt und im Laufe meiner weiteren Laufbahn keinen entscheidenden Fehler mehr gemacht.

Max Kruse erging es ähnlich wie Ihnen, er hat nach einigen Eskapaden kein Länderspiel mehr gemacht. Ist man nach einem Fehltritt bei Löw unten durch?
Herr Löw hat seine Art zu entscheiden und die muss man akzeptieren. Er hat genügend Topspieler zur Verfügung, die auf ihre Chance warten. Und bis auf zwei, drei Spieler kann er jeden ersetzen. Man muss dann eben zusehen, dass man bei seinem Verein weiterkommt.

Wie passt es dann zusammen, dass Kevin Großkreutz in die Hotellobby pinkelte und trotzdem mit zur WM nach Brasilien fuhr?
Es wird immer Spieler geben, die sich im Laufe ihrer Karriere solche Ausrutscher leisten. Bei einigen wird ein Auge zugedrückt, bei anderen nicht.

Hätte es für Sie irgendeinen Weg zurück gegeben?
Ich habe mich entschuldigt, mehr konnte ich von meiner Seite nicht tun. Vielleicht 50 Tore in einer Saison schießen. Aber ich glaube, auch das hätte nichts mehr geändert. (lacht) Aber im Ernst: Wahrscheinlich muss man die Frage eher an den Bundestrainer stellen.

Hand aufs Herz: Hat es für Sie nicht mehr für den Profifußball gereicht?
Nein. Aber ich wollte einfach nicht jedes Angebot annehmen und war zuletzt dann ja auch eine Zeit lang raus. Und ich habe mich mit der Zeit an mein neues Leben gewöhnt, mich als Nicht-Profi gut eingelebt und war total im Reinen mit mir, um einen Schlussstrich zu ziehen.

2015 entschließt sich Kuranyi dann zur Rückkehr nach Deutschland. Die TSG Hoffenheim landet einen vermeintlichen Coup und holt den einstigen Nationalspieler ablösefrei. Im Kraichgau kommt der inzwischen 33-Jährige aber nie so recht an. Nach nur einem Jahr, 14 Spielen und keinem Tor ist Schluss in Hoffenheim. In Hoffenheim absolvierte Kuranyi nur 14 Spiele - nach nur einem Jahr war wieder Schluss. © imago

Wann war die Sekunde, als Sie sich zu diesem Schritt entschlossen haben?
Als meine Tochter zu mir kam und sagte: "Papa, ich freue mich so sehr, dass du so oft zu Hause bist und zu meiner Schulaufführung kommen kannst, wo ich singen werde."

Was fehlt Ihnen als Fußball-Rentner?
Ich muss sagen, dass ich nach meinem Aus bei Hoffenheim immer noch süchtig nach Fußball gewesen bin. Ich habe dann bei den Stuttgarter Kickers mittrainiert und mit Freunden gekickt. Aber seitdem ich meine Entscheidung getroffen habe, vermisse ich das Fußballspielen gar nicht mehr so sehr. Ich habe andere, wichtige Dinge im Leben gesehen, die ich als Fußballer nicht machen konnte und wo ich vieles verpasst habe.

Wie etwa?
Ich kann jetzt die Kinder in die Schule bringen. Meinem Sohn beim Training zuschauen. Mit meiner Frau spazieren gehen. Mich mit meinen Kumpels treffen. Am Wochenende auch mal ausgehen, ohne, dass jemand darauf achtet, ob ich etwas trinke. Das alles kann man jetzt bedenkenlos machen.

Was wird Ihnen nicht fehlen?
Als Profi hat man immer Druck, muss immer Leistung bringen. Jetzt habe ich einen anderen, angenehmeren Druck im Leben: dass man noch 30, 40, 50 Jahre zu leben hat und für die Familie da sein und sie beschäftigen muss.

Sie waren Teil der „Jungen Wilden“ beim VfB Stuttgart. Wo ist der Unterschied zu den Jungstars von heute?
Ich habe damals mal in einem Interview zu Sky-Reporter Jan Henkel gesagt: "Auf so eine Scheißfrage antworte ich nicht." Zu Zeiten von Social Media wäre mir das ganz anders um die Ohren geflogen. Ich war damals ja gar nicht professionell auf solche Fernsehinterviews vorbereitet. Die Jungs heute aber schon, die passen viel mehr auf.

An der Seite von VfB-Größen wie Zvonimir Soldo, Krasimir Balakov oder Aleksandr Hleb spielte Stuttgart in der Bundesliga groß auf und qualifizierte sich 2003 unter Erfolgstrainer Felix Magath als Vizemeister zum ersten Mal überhaupt für die Champions League. Unter Felix Magath wurde Kuranyi 2003 deutscher Vizemeister. © imago

Konnten Sie ungestörter um die Häuser ziehen?
Klar, es war viel gelockerter. Man hat und musste viel weniger aufpassen. Ich bin früher manchmal bis in die Morgenstunden feiern gegangen. Heute kannst du nicht mal um die Ecke einen Döner essen, ohne dass es am nächsten Tag überall im Internet steht.

Und wie war es damals auf dem Platz?
Wenn man früher als junger Spieler mal einen dummen Spruch gebracht hat oder etwas frecher gespielt hat, hat man das von den Älteren auch zu spüren bekommen. Da haben einem schon mal die Knochen wehgetan. Heutzutage muss man immer aufpassen, dass keiner dem anderen wehtut, weil irgendein großes Talent für die Zukunft dabei ist.

Werden junge Spieler heutzutage zu früh gehypt?
Wenn man ein 16- oder 17-jähriges Toptalent ist, verdient man sehr schnell sehr viel Geld, wird sofort nach oben, zum Star, gepusht. Das ist ganz gefährlich. Martin Ödegaard hat seiner Karriere mit seinem zu frühen Wechsel zu Real Madrid zum Beispiel sehr geschadet.

Mit dem jüngsten Trainer der Bundesliga, Julian Nagelsmann, lief es in Hoffenheim nicht mehr so gut.
Er ist ein sehr guter, talentierter Trainer. Und ich bin glaube ich ein ganz passabler Stürmer. Aber manchmal passt es eben nicht.

Fussball Bundesliga Deutschland (Herren) VfB Stuttgart (Herren) TSG 1899 Hoffenheim (Herren) FC Schalke 04 (Herren) Kevin Kuranyi (1899 Hoffenheim)

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