Hannes Schindler starb im vergangenen Jahr. Sein Bruder Christoph (links) spricht nun im großen Interview über die Tragödie. Hannes Schindler starb im vergangenen Jahr. Sein Bruder Christoph (links) spricht nun im großen Interview über die Tragödie. © Imago-Montage
Hannes Schindler starb im vergangenen Jahr. Sein Bruder Christoph (links) spricht nun im großen Interview über die Tragödie.

Nach dem Tod von Fan Hannes spricht jetzt sein Bruder: „Es gibt zu viele Menschen, die den Fußball kaputt machen"

Vor einem Jahr trieben Ultras Fußballfan Hannes (†25) dazu, aus einem Zug in den Tod zu springen. Die Gewalttäter, die Woche für Woche den Fußball missbrauchen und andere Fans verletzen, sollten dieses bewegende Interview mit seinem Bruder lesen.

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Der 1. Oktober 2016.

Magdeburg-Fan Hannes Schindler ist nach einem Fußballspiel auf dem Heimweg, als er in der Bahn auf Ultras des verfeindeten Klubs Hallescher FC trifft. Was dann passiert, ist bis heute ungeklärt. Fakt ist: Hannes zieht wenig später die Notentriegelung des fahrenden Zuges – und springt in den Tod. Im Krankenhaus erliegt er Tage später seinen schweren Kopfverletzungen. Haben die Randalemacher den 25-Jährigen bedroht? Bedrängt? Angeblich sollen sie ihn gezwungen haben, sein Trikot auszuziehen.

Ihr Bruder Hannes sprang vor einem Jahr aus Angst vor gegnerischen Fans aus einem fahrenden Zug. Wie haben Sie davon erfahren?

Christoph Schindler: Morgens gegen sieben Uhr klingelte mein Telefon. Meine Mama sagte mir, dass sie gerade aus dem Krankenhaus kommen. Hannes liege mit schweren Kopfverletzungen im Koma. Ich saß im Bett. Ich weinte. Wie lange, weiß ich nicht.

Wie ging es weiter?

Es war der Tag, als wir in Plauen mit unserer Fußballmannschaft spielen sollten. Ich entschied mich, mit nach Plauen zu fahren, weil wir erst am kommenden Tag ins Krankenhaus durften. Nie zuvor war mir ein Fußballspiel meiner Mannschaft derart egal. Wir haben gewonnen. Der Gegner war uns auf dem Papier in allen Belangen überlegen. Der Sieg war für das Team und den Verein etwas ganz Besonderes. Für mich wird es immer einer der schlimmsten Tage meines Lebens sein.

Ein Plakat von Hannes hing im Oktober 2016 vor den Toren des Magdeburger Stadions, Kerzen wurden daneben gestellt, Rosen an das Foto gehängt. Ein Plakat von Hannes hing im Oktober 2016 vor den Toren des Magdeburger Stadions, Kerzen wurden daneben gestellt, Rosen an das Foto gehängt. © Imago

Was passierte vor dem Sprung?

Wissen Sie, was vor dem Sprung mit Ihrem Bruder passierte?

Der Fall konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Weder die Kamerabilder noch die Zeugenaussagen konnten Klarheit bringen. Die Täter schweigen und decken sich.

Hannes starb einige Zeit später im Krankenhaus.

Ich ging in dieses Zimmer und war hilflos wie nie zuvor. Ich wollte stark sein. Vielleicht hat er etwas von unserer Anwesenheit mitbekommen. Ich wollte normal sein. Aber es ging nicht. „Sei stark! Rede mit ihm!“, sagte ich mir immer wieder. Es war wie im Film. Schläuche, Kabel, Maschinen, überall Pieptöne. Er konnte nichts tun. Ich konnte nichts tun. Ich verließ das Zimmer und brach in Tränen aus. Ich heulte wie ein kleines Kind. Jedes verdammte Mal. Dann verließen wir das Krankenhaus und auf einmal standen dort viele Menschen, die uns helfen wollten. 300, 400, 500. Alle wollten für uns, alle wollten für Hannes da sein. Trotz der Tragik war es wohl das Schönste, was ich je erlebt habe.

Konnten Sie sich von Ihrem Bruder verabschieden?

Im Krankenhaus wurde uns irgendwann mitgeteilt, dass mein Bruder nicht mehr aufwachen wird. Diese Tage waren derart surreal. Ich bin allein ins Krankenhaus gefahren, um mich von ihm zu verabschieden.

Nach dem Tod von Hannes: Vor dem Stadion des 1. FC Magdeburg wurde eine Mahnwache abgehalten. Nach dem Tod von Hannes: Vor dem Stadion des 1. FC Magdeburg wurde eine Mahnwache abgehalten. © Imago

Wann war das?

Es war eine Woche nach dem Vorfall. Das sind Gefühle, die nur schwer zu beschreiben sind. Ich musste mich von meinem Bruder verabschieden. Ich wusste nicht, was ich sagen soll. Ich wusste nur, dass es das letzte Mal ist, dass ich ihn sehe. Das letzte Mal. Dieser Gedanke hat mich kaputt gemacht. Ich stand am Bett, hielt seine Hand und weinte. Irgendwann musste ich gehen. Aber ich wollte nicht. Ich konnte nicht. Ich wusste, dass ich Hannes danach nie wieder sehen werde …

Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie heute?

Es ist alles anders. Es ist eine Lücke im Leben. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Aber ich glaube nicht, dass es in diesem Fall Heilung geben kann. Kleinigkeiten können die Stimmung abstürzen lassen: bestimmte Lieder im Radio, Situationen im Alltag, Szenen im Fernsehen, gewisse Orte.

Hannes traf in der Bahn auf Ultras vom Verein Hallescher FC. Hatten Sie im Nachhinein Kontakt zu diesen Personen?

Nein.

Was würden Sie ihnen gerne sagen?

Sollte es jemals der Fall sein, dass ich diese Menschen zu Gesicht bekomme, weiß ich nicht, wie ich reagiere. Ich weiß nicht, ob diese Menschen es verdient hätten, dass ich mit ihnen rede. Es handelt sich nicht um einen Streich. Es hat ein Menschenleben gekostet. Es war mein Bruder.

Das Thema Ultras ist allgegenwärtig. Was würden Sie Ultra-Gruppierungen in Deutschland mitteilen wollen?

Wenn es um die Unterstützung der Teams geht, bin ich ein absoluter Befürworter der Ultras. Es ist großartig, was sie auf die Beine stellen können. Sie gehören unabdingbar dazu. Aber immer wieder von absolut unnötigen Vorfällen zu lesen, ist traurig. Es gibt zu viele Menschen, die den Fußball kaputt machen. Sie zerstören das Bild des Sports, das Bild der Ultras. Ich glaube nicht einmal, dass sie das bewusst tun. Sie sind in ihrer Denkweise schlicht und einfach zu begrenzt, um sich über die Ausmaße und Folgen bewusst zu sein. Sie sind einfach dumm. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Dummheit unseren Sport einnimmt.

Ebenfalls im Jahr 2016: Beim Magdeburger Spiel gegen den Verein Hallescher FC hielten Fans des FCM dieses Plakat in die Höhe. Ebenfalls im Jahr 2016: Beim Magdeburger Spiel gegen den Verein Hallescher FC hielten Fans des FCM dieses Plakat in die Höhe. © Imago

Fans verschiedener Vereine werden immer wieder von anderen Fanlagern attackiert. Bereitet Ihnen das Sorge?

Meiner Meinung nach geht es in jungen Jahren los. Kinder stehen mit zehn Jahren in der Kurve und nehmen dort allerhand auf. In dem Alter ist es schwierig, zu differenzieren, was gut und was weniger gut ist. Dazu kommt die unglaubliche Dynamik in der Kurve. Letztlich kannst du nicht anders, als bei den Gesängen mitzumachen. Dadurch wird auch die Denkweise geprägt.

Was genau meinen Sie?

Auch ich stand als Kind in der Kurve und habe Texte gesungen, für die ich mich heute schäme. Aber das kam erst später, als ich alt genug war, um darüber nachzudenken. Doch es gibt leider auch viele, die nicht darüber nachdenken. Solche Provokationen in Gesängen sind für mich der Anfang der Gewalt. Wer sich provoziert fühlt, möchte sich verteidigen. Zu Beginn noch mit Worten. Oftmals artet das aus und führt zu schlimmen Folgen.

Gehen Sie heute noch ins Stadion zum 1. FC Magdeburg?

Hin und wieder schauen wir uns ein Spiel im Stadion an. Meine Eltern waren bis vor einem Jahr noch nie bei einem höherklassigen Fußballspiel. Es ist jedes Mal ein schwieriger Schritt. Allein die Hymne zu hören, ist sehr schwer. Die Hymne lief auf dem Begräbnis.

Auch ein Fanmarsch für Hannes ging im letzten Jahr durch Magdeburg. Auch ein Fanmarsch für Hannes ging im letzten Jahr durch Magdeburg. © Imago
3. Liga Deutschland 3.Liga (Herren) 1.FC Magdeburg (Herren) Hallescher FC (Herren)

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