11. Juli 2018 / 15:28 Uhr

Frank Mühlmann - Ein Ritterhuder im russischen Sommermärchen

Frank Mühlmann - Ein Ritterhuder im russischen Sommermärchen

Frank Mühlmann
Anna
Dank Anna im weltweiten Fernsehen: Frank Mühlmann (li) und seine Sitznachbarin beim Achtelfinalspiel in Moskau. © Frei
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Frank Mühlmann aus dem Team der Sportredaktion berichtet von seiner Reise zur Fußball-Weltmeisterschaft

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Russland stand zugegebenermaßen nicht weit oben auf meiner Reiseagenda. Doch je näher die Weltmeisterschaft rückte, umso mehr festigte sich der Wunsch, wieder einmal Fußball mit einem Städtetrip zu verbinden. Schließlich hatte ich damit bereits in Zürich, Genf und Wien (EM 2008) sowie Breslau (EM 2012) tolle Erfahrungen gemacht. Kulturell reizten mich Sankt Petersburg und Moskau. Die Wahl fiel schließlich auf die russische Hauptstadt, weil dort innerhalb von 48 Stunden gleich zwei Achtelfinalpartien stattfanden. Die jeweilige Paarung war zum Zeitpunkt meiner Buchung nicht absehbar, bei einem solchen Turnier steht jedoch ohnehin die Atmosphäre im Vordergrund. Fünf Tage Moskau also, An- und Abreise an einem WM-Ruhetag, wie sich das für einen echten Fußballfan gehört.

Bei der Ankunft am Flughafen Scheremetjewo bekomme ich erst einmal die enorme Hitze zu spüren. Fast 30 Grad, und die Sonne besitzt eine ungemeine Kraft. Während meiner Zeit in Moskau wird es einmal eine gute Stunde regnen. Die Russen erleben, auch was das Wetter angeht, ihr Sommermärchen. Meine erste Investition vor Ort wird sich am Ende als die beste herausstellen: ein Wochenticket für die Metro für gerade mal umgerechnet 14 Euro. In einer 12,5-Millionen-Einwohner-Metropole die beste Art, sich fortzubewegen. Meine Kenntnisse des kyrillischen Alphabets sind gelinde gesagt ausbaufähig, und so rate ich mich auf den ersten Fahrten zunächst ein bisschen zum Ziel. Da jede U-Bahn-Linie im90-Sekunden-Takt verkehrt, braucht man seine Route im Vorfeld zeitlich nicht zu planen. Einer meiner ersten Eindrücke ist zudem, wie sauber die Stadt ist; auch weit außerhalb des Zentrums. Ob dies die Normalität oder lediglich das Herausputzen zur WM-Zeit ist, kann ich nur vermuten.

Am Morgen meines ersten echten Urlaubstages führt mich der Weg am Ticketcenter der FIFA vorbei. Kurz vor der Öffnung um zehn Uhr suchen hier bereits etwa 300 Fans aus aller Welt ihre letzte Chance, noch eine Eintrittskarte zu erhaschen. Sie werden schnell enttäuscht. Denn während in der Gruppenphase in vielen Städten sichtbar Plätze frei blieben, sind die Begegnungen in Moskau allesamt ausverkauft und mehrfach überbucht. In unmittelbarer Nähe befindet sich auch die FAN ID-Organisationsstelle, wo die Besitzer eines Tickets eben diese FAN ID beantragen können und innerhalb von nur wenigen Minuten bekommen. Eine Neuheit bei Weltmeisterschaften, ohne die in Russland praktisch nichts funktioniert. Der Stadionbesucher erhält erst mit dieser Art Ausweispapier Einlass in die Arena. Außerdem gilt die FAN ID gleichzeitig als Visum und ermöglicht kostenloses Bahnfahren zwischen den Spielorten. Ein erster Besuch auf dem Roten Platz lässt mich schnell die Kräfteverhältnisse unter den Fans erkennen. Trotz der weiten Anreise prägen vor allem Mexikaner und Südamerikaner das Stadtbild. In diesem Teil unseres Globus hat eine WM noch einmal einen höheren Stellenwert als bei uns. Es ist keine Seltenheit, dass dort die Kündigung der Arbeitsstelle oder der Verkauf des eigenen Hauses dazu dienen, die WM-Reise erst zu ermöglichen. Die Europäer verhalten sich in Moskau weitaus unauffälliger, scheinen das Trikot ihres Teams aber in der Regel auch erst am Spieltag anzuziehen und verschmähen die gute, alte Handwäsche.

Auf dem Izmailovo-Markt wollen auch die Verkäufer von der Weltmeisterschaft profitieren. Die weltberühmten Matrjoschka-Holzpuppen werden hier auch in einer Länder-Version angeboten. Bei Argentinien steckt beispielsweise im großen Messi ein Agüero, der wiederum di Maria in seinem Inneren beheimatet usw. Ich frage nach einer deutschen Variante und erhalte ein Kopfschütteln. „Ausverkauft“ will mir der Mann hinterm Tresen scheinbar sagen. Oder doch eher: „Ausrangiert“? Einweiterer Händler möchte mich in seinen Laden locken und fragt mich, woher ich denn komme. Auf meine Antwort entgegnet er ein trauriges „Sorry“ und ergänzt: „Früher mit Lineker war bei euch alles noch besser.“ Ich entscheide mich, hier nichts kaufen zu wollen. Viele Bars und Restaurants bieten dem WM-Touristen die Möglichkeit, die Spiele unter freiem Himmel am Fernseher zu verfolgen. Während sich jedoch Supermärkte und Fast-Food-Ketten (halber Preis gegenüber Deutschland) als echte Schnäppchen erweisen, muss man als Restaurantgast mit einer Rechnung auf westlichem Niveau rechnen.

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Verbrüderung mit den Anhängern des "Ersatzteams": Mexiko-Fan Mühlmann (li). © Frei
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Am nächsten Morgen signalisiert mir die Eintrittskarte neben meinem Bett, dass endlich der erste Spieltag erreicht ist. Gastgeber Russland gegen Spanien im Luschniki-Stadion, mit einem Fassungsvermögen von 81 000 Zuschauern die größte aller WM-Arenen und Austragungsstätte der Olympischen Sommerspiele von 1980. Nach einem Besuch des Kremls und der Erkenntnis, dass sich ein Fabergé-Ei prinzipiell auch gut in meinem Wohnzimmer machen würde, begebe ich mich in Richtung Stadion. Wer noch keine Karte hat, muss spontan tief in die Tasche greifen. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff werden stattliche 700 Euro auf dem Schwarzmarkt aufgerufen.Schnell wird deutlich, dass um das Stadion herum alles sehr gut organisiert ist. „Volunteers“, die auf einer Art Tennis-Schiedsrichterstuhl sitzen, weisen den Fans mit überdimensionalen Handschuhen den Weg zu den jeweiligen Blöcken. Beim Einlass werden die Eintrittskarte und die FAN ID elektronisch auf ihre Echtheit überprüft, jedoch nicht, ob der Name auf dem Ticket mit dem auf der FAN ID übereinstimmt. Dennoch hat die FAN ID sicher großen Anteil daran, dass gewaltbereite Schlachtenbummler an der Einreise nach Russland gehindert wurden.

Mit meinem Platz in Reihe neun im Unterrang habe ich großes Glück in diesem riesigen Kessel. Die Atmosphäre wirkt in den ersten Minuten sehr verhalten, beinahe demütig. Nahezu kein Anhänger der „Sbornaja“ rechnet mit einem Erfolg gegen Spanien. Man bekommt den Eindruck, die Zuschauer hofften lediglich darauf, sich ordentlich verabschieden zu können. Die frühe Führung der Iberer ist daher kein emotionaler Schock für die Russen. Nach etwa 30 Minuten stellen die Spanier jedoch mehr oder weniger ihr Spiel ein, und parallel auch ihr wohl berühmtester Fan Manolo das Trommeln im Rang über mir. Mit dem 1:1 kurz vor der Pause kehrt der Glaube an eine Überraschung auf den Rängen zurück.

Meine russische Sitznachbarin Anna hat sich zusammen mit ihrem Mann für das Fußballmatch ihres Lebens ordentlich in Schale geworfen. In festlichen, traditionellen russischen Trachten, die schon zur Zarenzeit getragen wurden, sind sie ein beliebter Blickfang für die Kamerateams. So ermöglicht Anna mir an ihrer Seite in Spielminute 111 auch einmal groß auf die Anzeigetafel zu geraten und damit sekundenlang ins Bild der TV-Weltöffentlichkeit. Danke Anna, mein Handy muss ich jetzt erst mal aufgrund der zahlreichen Reaktionen aus der Heimat ausschalten. In der Schlussphase kreischt Anna, als würde sie auf dem Freimarkt in einer Achterbahn rückwärts fahren. Bei jedem Elfmeter direkt vor unserer Nase bekreuzigt sie sich und wird scheinbar von ganz oben erhört. Nach dem Erreichen des Viertelfinals wirkt das Stadion wie ein Tollhaus. Selbst die Stadionmoderatorin, eine russische Antwort auf Barbara Schöneberger, kann ihr Glück kaum fassen und tanzt wild am Spielfeldrand. Endlich ertönt auch „Kalinka“ durch die Lautsprecher, das hatte irgendwie noch gefehlt.

Luschniki-Stadion
Frank Mühlmann vor dem Luschniki-Stadion in Moskau. © Frei

Beim Verlassen des Stadions wird mir bewusst, dass nahezu die halbe Welt bei dieser Partie vor Ort vertreten war, deutsche Fans aber kaum noch in Russland anzutreffen sind. Lediglich zwei fallen mir auf. Ralph, der aber auch nur aufgrund seiner hübschen russischen Freundin zugeschaut hat und momentan offensichtlich ein größerer Glückspilz ist als Marcus, der eine Fahne des 1. FC Köln um die Hüften trägt. In der Metro zurück ins Zentrum blicke ich überall in strahlende Gesichter. Durch die Sensation hat die WM nun spürbar auch den letzten in ihren Bann gezogen. Als in der Folgebegegnung, die in der U-Bahn live übertragen wird, ein Tor fällt, fahren die Menschen lieber noch eine Station weiter als wie geplant auszusteigen. Ich überlege, wie es wohl gewesen wäre, das Elfmeterschießen in der Metro zu verfolgen, bin dann aber doch zufrieden mit meinem tatsächlichen Tagesablauf. Aus meinem Hotelzimmer höre ich bis in die frühen Morgenstunden das Hupen des Autokorsos. Wenige Stunden später bin ich im Gorki Park, dem weitläufigen Erholungsgebiet Moskaus, wo Menschen auf gigantischen Kissen womöglich noch ihren WM-Rausch ausschlafen. Die Begegnungen mit den Einheimischen fallen insgesamt gemischt aus. Während sich viele durchaus Mühe geben, ihr Land von der besten Seite zu präsentieren, lässt bei anderen schon einenglisches Wort aus meinem Mund die Hilfsbereitschaft auf ein Minimum sinken. Durch die Sprachbarriere entpuppt sich beispielsweise die Bestellung einer „Coke Zero“ mehrfach als ein minutenlanger Akt, obwohl die Flasche doch direkt hinter dem Verkäufer im Regal steht.

Ausschließlich positiv fällt mein Fazit bezüglich der Sicherheitslage aus. Ich fühle mich stets wohl auf den Straßen dieser fremden, riesigen Stadt. Nicht nur vor dem Stadion werden die Taschen durchleuchtet und man selbst kontrolliert, sondern auch beim Betreten hochfrequentierter Plätze oder den U-Bahn-Stationen. Diese Prozeduren wirken auf mich keineswegs lästig; sie beruhigen. Nach dem WM-Aus von Müller, Kroos & Co. braucht man als Deutscher ja irgendwie für den weiteren Turnierverlauf eine Ersatzmannschaft. Aufgrund meiner mexikanischen Schwägerin und mehreren Urlauben imLand der Azteken fällt mir die Entscheidung leicht. Das Achtelfinale gegen Brasilien verfolge ich in der FIFA-Fanzone, die etwas außerhalb der Stadt auf dem Gelände der Universität liegt. Etwa 15 000 Fußballbegeisterte hatten denselben Gedanken wie ich. Die Brasilianer sind weniger mit Mexiko als mit dem Ausscheiden der Argentinier beschäftigt. „Messi ciao, Messi ciao“, hallt es durch die Massen und wird mich als Ohrwurm vermutlich ewig verfolgen. Stadionatmosphäre will nicht so richtig aufkommen. In der Sonne brütend, ist jeder ein bisschen auch mit sich selbst beschäftigt. Nach 90 Minuten ist klar, dass ich mich auf die Suche nach einem Ersatz der Ersatzmannschaft machen muss.

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Die FAN-ID bringt Klarheit: So schreibt sich Frank Mühlmann also auf Kyrillisch. © Mühlmann

Mein letzter WM-Tag in Moskau hält das mit Spannung erwartete Duell zwischen Kolumbien und England für mich bereit. Seit Tagen tauchen Tausende Kolumbianer Moskau in ein „gelbes Meer“. Und sie scheinen Frühaufsteher zu sein. Als ich gegen 10 Uhr am Lenin-Mausoleum ankomme, muss ich mich etwa an 500. Stelle in die Schlange einreihen. Nach etwa einer Stunde Wartezeit kann ich rund 20 Sekunden auf den einbalsamierten Politiker werfen und bin mir anschließend unsicher, ob es das wirklich wert war. Im nahe gelegenen Kaufhaus „GUM“, quasi dem „Harrods des Ostens“, will ich die letzten Rubel verprassen. Schließlich hat mir die Bank meines Vertrauens deutlich zu verstehen gegeben, keine Rubel zurückzutauschen. Das GUM ist mit seinen Boutiquen so westlich wie Moskau imAllgemeinen. „Thunder-struck“ von AC/DC ertönt lautstark durch die Lautsprecher und soll Kaufreize setzen. Bei mir klappt die Strategie, einneues Poloshirt ist meins. Vor dem Abendspiel muss ich mich noch einmal stärken und suche ein georgisches Lokal auf. Was der „Grieche“ für den deutschen Fleischgourmet ist, ist der „Georgier“ für den Russen. Überhaupt sind Spezialitäten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kulinarisch hoch im Kurs.

Im wesentlich kleineren Spartak-Stadion bekomme ich die diskussionsbedürftige Ticketvergabe der FIFA am eigenen Leib zu spüren. Während vor der Arena hunderte Fans vergeblich auf ein „Last Minute“-Ticket hoffen, bleiben rechts neben mir vier Sitzplätze eines chinesischen Elektronikkonzerns und Hauptsponsoren frei. Es ist wie erwartet einHeimspiel der Kolumbianer, gegen deren Gesänge der englische Trompeter nicht ankommt. Es hat sich an diesem Abend in Moskau merklich abgekühlt. Wesentlich hitziger ist die Partie auf dem Rasen und die Atmosphäre auf den Rängen. Als den „Cafeteros“ in der Nachspielzeit tatsächlich noch der Ausgleich gelingt, klatsche ich selbst mit meinem Sitznachbarn, den ich zuvor als ziemlich unsympathisch erachtet hatte, ab. Mein WM-Abenteuer geht nämlich noch einmal in die Verlängerung – und die Stimmung kocht entsprechend über. Selbst eine 80-jährige Kolumbianerin vor mir, die mit ihren beiden Söhnen das Match verfolgt, gibt jetzt ihre Zurückhaltung auf. Vergeblich, um 23.52 Uhr Ortszeit ist die Weltmeisterschaft nicht nur für Kolumbien zu Ende, sondern auch für mich. Aus der Heimat kassiere ich nicht ganz ernst gemeinte Vorwürfe, dass ich als deutscher Zuschauer schuld daran sei, dass England erstmals ein Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft für sich entschieden hat. Wenige Stunden später sitze ich im Flugzeug und überlege, wie wohl alles in vier Jahren sein wird.

Auch Katar würde ich vermutlich ohne Fußball so schnell nicht bereisen, aber nun ist die Ausgangslage eine andere. Allerdings müsste ich wohl als Lehrer darauf hoffen, dass das Kultusministerium die Sommerferien ebenfalls in den Winter verlegt. Schließlich findet die WM 2022 zwischen dem 21. November und 18. Dezember statt. Das könnte nicht nur für mich ein Problem werden.

Kolumbianer
Moskau ist gelb: Die kolumbianischen Fans dominierten das Stadtbild. © Mühlmann
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