26. Januar 2018 / 20:42 Uhr

"Früher hat man sich quasi lebenslang an einen Verein gebunden": Sportminister Boris Pistorius im Interview (Teil 2)

"Früher hat man sich quasi lebenslang an einen Verein gebunden": Sportminister Boris Pistorius im Interview (Teil 2)

Carsten Bergmann und Tobias Manzke
Sportminister Boris Pistorius im XXL-Interview.
Sportminister Boris Pistorius im XXL-Interview. © Petrow
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Im zweiten Teil vom XXL-Sportbuzzer-Interview spricht Sportminister Boris Pistorius über die Bedeutung des Ehrenamtes, die Absage des Länderspiels in Hannover im November 2015 und seine Ziele als Sportminister.

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Gehen wir mal in einen anderen Bereich des Spitzensports, da sieht es etwas mau aus. Wie wollen Sie dafür sorgen, dass der Spitzensport in Niedersachsen zukünftig mehr Gewicht bekommt?

Spitzensport ist erst einmal Bundessache. Die Länder sind für den Nachwuchsleistungssport zuständig. Wir sind gerade dabei, den Leistungssport zu reformieren. Das ist sehr zäh, kann ich Ihnen sagen. Es wurden viele Vorschläge gemacht, etwa zur Konzentration und Neustrukturierung der Bundesstützpunkte. Das ist alles nicht unumstritten. Wir sind für den Breitensport und die Nachwuchsförderung da, aber wir sind nicht diejenigen, die im Spitzensport den Hut auf haben.

Aber Sie haben ja zumindest den direkten Draht zum Bundesminister. Sind Sie mit der Art und Weise, wie der Spitzensport in Niedersachsen funktioniert, zufrieden?

Es wird immer Kritikpunkte geben. Am Ende kommt es auf die Perspektive an. Entscheidend ist doch die Frage: Was wollen wir in der Bundesrepublik Deutschland im Spitzensport mit welchen Mitteln erreichen? Um in allen Sportarten gut abzuschneiden, sind die aktuell vorhandenen Mittel nicht ausreichend. Deshalb muss man sich fragen, welche Ziele wir erreichen wollen und können und welche Mittel hierfür erforderlich sind.

Und man braucht Ehrenamtler: Wie möchten Sie die Bedeutung des Ehrenamts in der Gesellschaft noch weiter verankern?

Ich glaube nicht, dass es an der fehlenden Bereitschaft liegt, ein Ehrenamt auszuführen. Es fehlen die Möglichkeiten. Unsere Welt ist in den letzten Jahren wesentlich mobiler und anspruchsvoller geworden. Wir arbeiten oft nicht mehr da, wo wir drei Jahre vorher gearbeitet haben. Außerdem gibt es eine Entwicklung zur Re-Individualisierung. Früher hat man sich quasi lebenslang an einen Verein gebunden und diese Bereitschaft nimmt inzwischen ab.

Wie wollen Sie neue Anreize setzen?

Ehrenämter erfahren in unserer Gesellschaft immer noch eine hohe Anerkennung. Der größte Wunsch der meisten ist weniger Belastung etwa durch bürokratische Vorgaben oder Haftungsfragen. Hier müssen wir die Rahmenbedingungen verbessern und den Ehrenamtlichen erleichtern, sich wieder vor allem auf die eigentliche ehrenamtliche Arbeit konzentrieren zu können. Und, was mich schon lange stört: Wenn sich ein Ehrenamtlicher für einen Job bewirbt, sollten bei dem Arbeitgeber keine roten Ampeln angehen. Im Gegenteil: Es ist doch begrüßenswert, wenn man jemanden einstellen kann, der sich für andere engagiert und auch über den Tellerrand schaut. Das ist doch dann auch ein Gewinn für das Team.

Wie kann man es denn schaffen, die Ehrenamtlichen zu entlasten und weniger Bürokratie in das Ehrenamt zu bringen?

Da gibt es mindestens zwei Wege. Der erste: Man muss sich die Vorschriften anschauen, die zu Problemen führen. Müssen alle Regeln auch im Ehrenamt gelten oder gibt es andere Möglichkeiten? Und der andere Weg: Es muss hauptamtliches Personal geben, das beratend tätig wird und den Ehrenamtlichen diese bürokratischen Aufgaben abnimmt. Gerade die kleinen Vereine haben oftmals keine Kapazitäten dafür.

Teil 1: Boris Pistorius im XXL-Interview

Es liegt eine Weile zurück, bewegt uns aber noch immer. Was ist bei dem Länderspiel damals Deutschland gegen Niederlande genau passiert? Wie kam es zu der Entscheidung, das Spiel abzusagen?

Im Laufe des Tages hatten sich die Hinweise zugespitzt, dass es einen Anschlagsplan geben könnte. Die Hinweise waren schließlich so konkret, wie sie sein mussten, um das Spiel abzusagen. Ich würde auch heute, nach jetzigem Wissenstand, immer noch genauso handeln. Wir wissen ja nicht, ob wirklich etwas passiert wäre. Man kann seiner Aufgabe nur gerecht werden, wenn man auch bereit dazu ist, solche Entscheidungen zu treffen. Dadurch haben wir auch noch einmal gelernt, wie gut wir uns auf unsere Polizei verlassen konnten und wie unglaublich besonnen die Menschen darauf reagiert haben.

Keine leichte Entscheidung für niemanden…

Es war auch für die Polizisten eine extreme Stresssituation. Aber außerdem war es Anlass, bestimmte Abläufe und die technische Ausstattung der Polizei nochmal nachzubessern. Das ist ein Tag, den werde ich niemals vergessen. Ich war gerade zweieinhalb Jahre im Amt, die Flüchtlingskrise war auf dem absoluten Höhepunkt, mit bis zu zweitausend Menschen pro Tag, die in Niedersachsen angekommen sind. Einige Wochen vorher waren meine Frau und meine Mutter verstorben. Und dann war dieses Länderspiel, bei dem ich von Anfang an ein schlechtes Gefühl hatte. Aber jeder hat gesagt, dass es stattfinden muss, dass wir wenige Tage nach dem Attentat in Paris nicht den Kopf einziehen dürfen, das habe ich genau so gesehen. Aber nach den Hinweisen, die wir bekommen hatten, mussten wir es einfach absagen.

Was hat diese Situation mit Ihnen als Mensch gemacht und was ging dabei in Ihnen vor?

In dieser Extremsituation habe ich mein Verhalten gar nicht selbst reflektieren können. Aber mir wurde danach gesagt, dass ich ruhig, fokussiert und konzentriert reagiert habe. Die Empfindsamkeit für alles, was um mich herum passiert, steigt in solchen Momenten. Am Ende des Tages war ich einfach froh, dass wir es irgendwie überstanden haben.

Man erlebt es momentan auch ganz oft, dass Sport zweckentfremdet wird für politische Dinge. Wie ordnen Sie das ein? Warum macht man das?

Sport und sportliche Großveranstaltungen haben nun einmal besondere Bedeutung für Politik. Das war noch nie wesentlich anders. 1972 bei den Olympischen Spielen in München wollte Deutschland sich als modernes, weltoffenes Land präsentieren. Eine politische Komponente gibt es auch bei der Fußball WM in Katar, den Winterspiele in Russland oder jetzt in Südkorea. Wenn diese Winterspiele nun aber tatsächlich dazu führen sollten, dass nord- und südkoreanische Sportler zusammen einlaufen, dann wäre das doch ein schönes Signal. Auch das kann Sport! Gleichzeitig darf Sport kein Vehikel für Politik sein und sollte sich dafür nicht missbrauchen lassen. Trotzdem kann Sport auch nicht vollkommen unpolitisch sein. Aber wenn wir nur noch Sportveranstaltungen in Ländern veranstalten, die unseren politischen Ansprüchen genügen, dann wird die Auswahl ziemlich klein. Die Frage ist, ob es unsere Welt besser macht, wenn diese Sportveranstaltungen in solchen Ländern nicht mehr stattfinden. Ich bin da zwiegespalten. Das muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden.

Sportbuzzer-Redakteur Tobias Manzke und Hannover Sportchef Carsten Bergmann im Gespräch mit Sportminister Boris Pistorius. 
Sportbuzzer-Redakteur Tobias Manzke und Hannover Sportchef Carsten Bergmann im Gespräch mit Sportminister Boris Pistorius.  © Petrow
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Was sind Ihre ganz persönlichen Ziele für die nächsten Jahre als Sportminister?

Ich habe das Ziel, dass wir die Sportförderung weiter stabilisieren können, dass wir es schaffen, in Sportstätten zu investieren.

Wie sehen da Ihre Vorstellungen konkret aus?

Wir haben vor, ein kommunales Sportstättensanierungsprogramm aufzulegen, in welcher Form wir das machen, ist allerdings noch unklar. Es ist leider so, dass einige Sportstätten auf kommunaler Ebene nicht mehr gepflegt werden können oder nicht mehr genutzt werden. Entweder weil das Geld fehlt oder weil die Mitglieder fehlen. Da müssen uns gemeinsam mit den Sportfachverbänden und den Kommunen hier Lösungen überlegen. Und ein wichtiges grundsätzliches Ziel als Sportminister ist es, dass der Sport in der Mitte der Gesellschaft und der Kommunen bleibt. Ich habe Sorge, dass der Sport an die Ränder der Städte verdrängt werden könnte als Folge von Lärmschutzverordnungen z.B., das würde dazu führen, dass unsere Kinder weite Wege zurücklegen müssen, um zum Sport zu kommen. Das wäre eine schlechte Entwicklung, die Kindern das Sporttreiben erschweren würde. Sport gehört in die Mitte der Städte. Daneben wünsche ich mir einen sauberen Sport ohne Bestechungen, Korruption und Doping. Gerade Doping ist ein Thema, das den Sport wirklich kaputt macht. Das hat mit Fairness nichts mehr zu tun.

In welcher Sportart finden Sie sich wieder?

Ich habe mit 4 Jahren mit dem Geräteturnen angefangen und bin mit 6 zum Fußball gewechselt und habe aktiv gespielt bis Mitte 20. Dann war ich ein paar Jahre Jugendtrainer einer D-Jugend und habe in der Zeit auch schon Squash gespielt und ein wenig Tennis. Und irgendwann mit Mitte/Ende 30 habe ich einen ganz üblen Muskelabriss am Oberschenkel beim Squash gehabt und habe danach aufgehört. Und nun seit 15/20 Jahren jogge ich regelmäßig.

Sie haben auch einen Spitznamen…

Ja, Kamikaze. Ich war wegen meiner limitierten technischen Möglichkeiten beim Fußball auf meine Athletik und meine Geschwindigkeit angewiesen. Und wenn sie mit der Technik der anderen nicht mithalten können, müssen sie einfach schneller sein. Ich hab meinen Gegner nie geschont, aber mich selber auch nicht. Und deshalb kam der Spitzname.

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