Walking Football Das Tor im Visier: Wilhelm Schiwy. Bei den Old Steerns spielt der 57-Jährige im Angriff. © Marvin Güngör
Walking Football

Fußball mal anders

Beim Walking Football wird auf Körperkontakt und Laufen verzichtet - das hört sich leichter an, als es ist

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Das muss für Fußball-Fans ein Horror-Szenario sein. Sämtliche Sprints, Zweikämpfe und hohen Bälle pfeift der Schiedsrichter ab. Beim Walking Football ist das anders: Körperkontakt und Grätschen sind verboten, der Ball darf eine Höhe von einem Meter nicht überschreiten. Auch wenn sie nicht am Ball sind, dürfen die Fußballer laut Regelwerk nur gehen. Ein Fuß muss stets den Boden berühren. Walking Football ist eine Variante des Fußballs, mit der auch diejenigen wieder aktiv am Ball sein sollen, die dachten, dass für sie der Sport nur noch vor der Fernseher möglich ist.

So wie für den 78-jährigen Eberhard Dronia. Er ist 60plus-Mitglied bei Werder Bremen. Seinen Vereinsmitgliedern im Seniorenalter bietet der Klub ein Programm aus gesellschaftlichen und sportlichen Aktivitäten an: vom Theaterbesuch bis zum Walking Football. In einem Gymnastik-Kursus machte ein Teilnehmer Dronia auf das Thema aufmerksam. „Er fragte mich, ob ich nicht wieder gegen den Ball treten wolle“, erinnert sich der Rentner. Unter Walking Football konnte sich Dronia anfangs nichts vorstellen. Ihn kam nur Nordic Walking in den Sinn. „Wie soll Fußball mit zwei Stöckern denn funktionieren?“, fragte er nach. Dronia überzeugte sich selbst, nahm an einem Probetraining teil. Seitdem ist der 78-Jährige Geh-Fußballer.

Dronia ist Kapitän der sogenannten Oold Steerns, dem Walking-Football-Team von Werder Bremen mit mehr als 20 Spielern. Er ist der Älteste der Mannschaft. Gegründet wurde das Team im Oktober 2016. Werder schloss sich dem Netzwerk „European Football for Development Network“, kurz EFDN, an, dem insgesamt 13 Klubs aus sieben verschiedenen Ländern angehören. Unter anderem vertreten: VfL Wolfsburg, Tottenham Hotspur, PSV Eindhoven, FC Fulham, Feyenoord Rotterdam und Benfica Lissabon. „EFDN ist ein Dachverband für Profiklubs, die ihr soziales Engagement bündeln, sich austauschen und gemeinsame Projekte wie Walking Football entwickeln“, erklärt Henrik Oesau. Er ist verantwortlich für den Geh-Fußball bei Werder.

Walking Football wird seit Januar 2016 von der EU unterstützt. Fördersumme: insgesamt 500 000 Euro. Über die Stiftung des EFDN wird das Geld an die Vereine verteilt. Die Klubs haben den Auftrag, auf Walking Football aufmerksam zu machen. Am Ende des laufenden Jahres endet die EU-Förderung. Ob die EU darüber hinaus das Projekt weiter begleiteten wird, kann Oesau nicht einschätzen. Ist das zugleich das Ende für die Oold Steerns? Oesau stellt klar: „Wir können garantieren, dass diese Gruppe weiter bestehen bleibt.“

Zu der Gruppe gehört auch Wilhelm Schiwy, mit 57 Jahren der Jüngste bei den Oold Steerns. Über soziale Medien hat er von Walking Football erfahren und Ende Januar dieses Jahres an einem Schnuppertag mitgemacht. An diesen Tag könne er sich noch genau erinnern, sagt er. „Da habe ich mir gleich einen Muskelfaserriss zugezogen. Ausgerechnet vor den Augen von Willi Lemke und Hubertus Hess-Grunewald.“ Er habe sich völlig überschätzt, weil er zehn Jahre zuvor nicht mehr gegen den Ball getreten habe. Walking Football passe zu ihm. „Als Fußballer war ich nie der Lauffreudigste“, sagt Schiwy. Jetzt sei er derjenige bei den Oold Steerns, der am meisten laufe. Allerdings: „Das wird auch permanent
abgepfiffen.“

Am vergangenen Sonnabend hatte Schiwy mehr Glück. In der Klaus-Dieter-Fischer-Halle richtete Werder Bremen ein Walking-Football-Turnier aus. Acht Teams, darunter der VfL Wolfsburg, FC Schalke 04, OSC Bremerhaven sowie aus den Niederlanden der FC Groningen und NEC Nijmegen, spielten um den Oold Steerns Cup. Von den Schiedsrichtern wurde Schiwy nie zurückgepfiffen. Ganz zur Verwunderung eines Wolfsburgers, der nach einem Gruppenspiel der Bremer auf Schiwy zuging und mit einem Lächeln sagte: „Du bist zwar der Jüngste, aber du bist ständig am Laufen.“

Als Außenstehender sowie als Unparteiischer ist es schwer zu unterscheiden, wann die Bewegung noch Gehen ist und nicht Laufen. „Es ist das Thema“, sagt Schiwy. „Jeder Schiedsrichter interpretiert das anders. Walking Football befindet sich noch in der Findungsphase.“ Der 57-Jährige sieht noch ein weiteres Problem: „Das Laufen wird gefühlt relativ selten geahndet, hohe Bälle dagegen sehr häufig.“

In der Findungsphase befinden sich die Engländer längst nicht mehr. Sie haben 2011 in Chesterfield Walking Football erfunden. Sie sind Deutschland weit voraus, spielen um Meisterschaften und haben eigene Ligen. Laut Susan Garthaus vom EFDN-Netzwerk gibt es in England mehr als 800 lokale Teams. Auch in den Niederlanden werde die Sportart immer populärer. Und hierzulande? Garthaus: „Die Bewegung aus England ist nie wirklich nach Deutschland übergeschwappt.“

Noch ist die Zahl der Vereine in Deutschland übersichtlich, ein Ligasystem ist noch nicht möglich. „Es gibt kaum Teams, an denen man sich orientieren kann“, klagt Oesau. Er hofft, dass sich weitere Vereine in Zukunft mit Walking Football auseinandersetzen werden. „Immer nur zu trainieren, ist dann auch langweilig.“

Umso größer war am Sonnabend die Vorfreude bei Schiwy und seinen Mannschaftskameraden auf das Heimturnier in Bremen, das der FC Schalke am Ende gewann. „Ich habe mich echt wie ein kleines Kind auf diesen Tag gefreut. Schon seit einem halben Jahr, seitdem es bekannt ist“, sagt Schiwy. „Ich habe die Nacht echt nicht schlafen können – keine Sekunde.“

Region/Bremen Bezirk Bremen

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