09. Juli 2018 / 20:41 Uhr

Geheimtipp St. Petersburg: Spaziergang auf den Dächern der Altstadt

Geheimtipp St. Petersburg: Spaziergang auf den Dächern der Altstadt

Alexander Salenko
Diesen Blick auf die Skyline von St. Petersburg gibt es nur vom Dach aus.
Diesen Blick auf die Skyline von St. Petersburg gibt es nur vom Dach aus.
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Dima zeigt seine Heimatstadt von der schönsten Seite – von oben. Es ist illegal, ein wenig gefährlich und doch so verlockend.

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Der Weg nach oben beginnt an einer unscheinbaren Tür eines historischen Wohnhauses am Sennaja-Platz im Herzen St. Petersburgs. Unser Guide Dima hält in seiner Hand ein Dutzend Schlüssel, mit denen er sich Zugang zu fast allen Gebäuden der Stadt verschaffen kann. Diese Tür jedoch ist eine Ausnahme, aber auch kein Problem für Dima. Er klingelt und tritt aus dem Sichtfeld der Kamera. Nach kurzem Surren löst sich das Türschloss und wir stehen im Innenhof. „Die Klingel gehört zu einem kleinen Hotel, die machen jedem auf“, erklärt er.

Dima ist Mitte 30, seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. Der schmächtige Mann in Jeansjacke und ausgelatschten Turnschuhen ist eigentlich Hochzeitsfotograf, aber seine Leidenschaft sind die Dächer. Seit Anfang der 2000er-Jahre gehört er zur sogenannten Roofer-Szene und erforscht St. Petersburg von oben. Das ist illegal, und doch kann Dima mit den Dachspaziergängen Geld verdienen. Für unsere Führung nimmt er 700 Rubel (fast 10 Euro). Es seien vor allem Einheimische, die ihre Stadt von oben sehen wollen, sagt der St. Petersburger. Doch während der WM steigen vermehrt ausländische Touristen aufs Dach.

Auf den Dächern von St. Petersburg unterwegs

Uns will Dima heute Nacht an den höchstmöglichen Punkt in der Altstadt bringen. Nach einer Fahrt im engen Fahrstuhl und zwei geöffneten Holztüren stehen wir auf dem Dachboden des siebenstöckigen Gebäudes. Es ist dunkel, überall liegt Bauschutt. In geduckter Haltung bahnen wir uns mit dem Licht unserer Smartphones den Weg. Angelangt an einer Dachlucke fragt Dima, ob wir weiter den Dachboden entlanggehen oder schon jetzt aufs Dach steigen wollen. „Der Weg am Dach ist ein wenig gefährlicher, dafür spannender“, sagt er. Doch wofür sind wir hier? Wir steigen aufs Dach und müssen zunächst einige Augenblicke innehalten.

Wir stehen auf der Schräge eines Satteldachs, unter den Füßen ist rutschiges Blech. Vom Abgrund trennt uns ein wackeliges Geländer. Dahinter sehen wir den Gribojedow-Kanal, parkende Autos und Gruppen von Fußballanhängern, die feiernd durch die Straßen ziehen. Hier oben ist es ruhig. „An den Fugen ist das Blech geteert, da ist es weniger rutschig“, gibt uns Dima einen wichtigen Tipp. Hier und da sind Kabel gespannt. „Sie sind ungefährlich“, erklärt der Roofer und greift eins sofort mit seiner Hand. Man könne sich an den Kabeln sogar festhalten.

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Wir müssen höher hinaus. Mit großem Krach bewegen wir uns auf dem Dach entlang. Bei jedem Schritt gibt das Blech kurz nach, um dann in die Ursprungslage zurückzupoltern. „Den meisten Ärger haben wir mit den Anwohnern“, sagt unser Guide. Vor allem, wenn zehn Leute gleichzeitig auf dem Dach spazierten. Dima führe nur kleine Gruppen, so sagt er. Und auch mit den Anwohnern könne man einen Kompromiss finden. „Manchmal reicht es, sich mit den Leuten anzufreunden und ihnen eine Flasche Weinbrand oder Geld anzubieten.“

Auf ähnliche Weise kam Dima auch zu seiner Schlüsselsammlung. Die elektronischen Türöffner seien gar kein Problem, man könne sie in einen Geschäft am Sennaja-Platz kaufen. „Es gibt nur wenige Schlosstypen. Mit einem Set von acht bis neun Schlüsseln, kannst du die ganze Stadt öffnen.“ Schwieriger wird es mit den Vorhängeschlössern an den Dachböden. Um an die zu kommen, verbringt Dima einige Abende mit Hausmeistern oder Technikern in einer Kneipe. „So geht das in Russland“, sagt er und schmunzelt.

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Beim Jubeln in der ersten Reihe. ©
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Viele historische Gebäude in St. Petersburg sind miteinander verbunden, sodass wir nach einer Viertelstunde auf den Dächern gar nicht mehr genau wissen, in welcher Straße wir uns befinden. Dima zeigt uns, wie wir viel zu steile Dachschrägen runterklettern. Er setzt sich in die Hocke und rutscht kontrolliert das Blechdach runter. Der Po bleibt in der Luft, denn an den Kanten kann das Blech scharf sein. Wieder einige Meter hoch und wir erreichen den höchsten Punkt. „Mit 23,5 Metern ist das Gebäude das höchste historische Wohnhaus der Stadt, denn früher durfte niemand höher als die Kuppel der Eremitage bauen“, erklärt Dima.

Die historische Skyline wird beherrscht von Kirchen und Kathedralen. Nur der Fernsehturm und ein einsamer, fast fertiger Wolkenkratzer im Nordosten tanzen aus der Reihe. Es ist Mitternacht und dennoch so hell wie während der Dämmerung: weiße Nächte in St. Petersburg. Die Wolken hängen tief und verschwimmen am Horizont mit Dächern und Schornsteinen der Millionenstadt. Dima setzt sich hin, zündet sich eine Zigarre an und blickt über die Stadt. Hier ist er zu Hause.

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