Fußball Oberliga, Saison 2016/17, SVG Göttingen - FC Eintracht Northeim, 19.03.2017, Stadion am Sandweg, Göttingen: Göttingens Florian Evers liegt am Boden. Foto: Swen Pförtner Bild mit Symbolkraft: Florian Evers, Kapitän des Oberligisten SVG Göttingen, liegt im Derby mit dem ambitionierten FC Eintracht Northeim am Boden. © Pförtner
Fußball Oberliga, Saison 2016/17, SVG Göttingen - FC Eintracht Northeim, 19.03.2017, Stadion am Sandweg, Göttingen: Göttingens Florian Evers liegt am Boden. Foto: Swen Pförtner

Göttinger Fußball am Boden?

Einst war die zweite Liga in Göttingen zu Hause, aktuell droht der Abstieg aus der fünften Liga: Kaum einmal ist es dem Fußball in Göttingen so schlecht gegangen, wie auch der Vergleich mit zwei früheren Spieljahren zeigt – eine Bestandsaufnahme.

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1985/86: SVG Göttingen zieht mit 05 gleich

Eine bedeutende Saison in der Göttinger Fußball-Geschichte stellt die Spielzeit 1985/86 dar – an deren Ende ein Happy-End auf die SVG wartete. Vor der Saison waren die bei 05 in Ungnade gefallenen Publikumslieblinge Delle Wolter und Calle Dybowski an den Sandweg gewechselt. Demgegenüber ging SVG-Stürmer Porde zu 05. Wie Hardy Grüne in seinem Buch „Zwischen Hochburg und Provinz – 100 Jahre Fußball in Göttingen“ berichtet, brachte das vor allem SVG-Ligaobmann Thiele auf die Palme („Die SVG ist doch kein Selbstbedienungsladen“), der kurzerhand auch noch Torjäger Uwe Rogowski aus dem Maschpark loseiste. Erst nach unzähligen Verhandlungen wurden sich die Klub-Führungen einig. Doch grün war man sich deswegen noch lange nicht.

Für 05 und seine Fans war es ein eher langweiliges Jahr. Der Klub tummelte sich im Mittelfeld der Oberliga, die damals aus acht Staffeln und damit aus entschieden mehr Mannschaften bestand als die damit heute vergleichbare 3. Liga. Trainer Mrosko brachte Ruhe in den Klub: Zum Trainingslager ging es nicht mehr ins Nobelhotel, sondern in die Jugendherberge. Und bei den Neuzugängen wurde mehr auf den Einsatzwillen geachtet. Auch die Ziele wurden vorsichtiger formuliert: Spätestens in drei Jahren wollte man wieder im bezahlten Fußball spielen. Ereignisreich verlief die Saison hingegen für die SVG in der Verbandsliga (diese ist zwar mit der heutigen Regionalliga gleichzusetzen, damals spielten dort aber ausschließlich niedersächsische Teams): In einem dramatischen Schlussspurt setzte sich die SVG in der Aufstiegsrunde zur Oberliga durch. Am 17. Juni 1986 kam es zum Showdown am Sandweg. Vor der Göttinger Saisonrekordkulisse von 1400 Zuschauern jagte die Heimelf die HSV-Amateure mit 4:1 vom Platz. Als der Stadionsprecher zwei Minuten nach Spielschluss verkündete, dass der Bremer SV gegen Heide nur 2:2 gespielt hatte, brachen alle Dämme, denn damit war die SVG aufgestiegen – und nach mehr als 20 Jahren wieder sportlich mit 05 gleichgezogen.

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2001/02: Maßloses Göttingen 05, SC Weende im Pech

Turbulente Zeiten vor allem für den 1. SC Göttingen 05 in der Saison 2001/2002. Es ist die Saison nach dem erneuten Gewinn der Oberliga-Meisterschaft, der zu zwei Relegationsspielen um den Aufstieg in die Regionalliga berechtigte. Sportlich erfüllte die Mannschaft ihre Pflicht und sicherte sich nach einer 0:2-Niederlage bei Holstein Kiel mit einem fulminanten 3:0-Erfolg im Rückspiel den Aufstieg. Doch bereits einen Tag nach dem Gewinn der Oberliga-Meisterschaft, am 28. Mai 2001, hatte der 1. SC Göttingen 05 Insolvenzantrag gestellt. Drei Tage nach dem Triumph über die Kieler Störche wurde 05 die Lizenz für die Regionalliga verweigert. In der Saison 2001/2002 setzten die Verantwortlichen trotz leerer Kassen weiter auf Aufstieg und vergrößerten den Schuldenberg bei laufender Insolvenz. Die Mannschaft spielte ungeachtet der Querelen im Hintergrund mitreißenden Fußball, doch nach Ende der Halbserie verließen einige Stammspieler aus finanziellen Gründen den Klub, der am Ende Neunter wurde. 2002/2003 wurde es noch schlimmer: Ein nicht enden wollendes Chaos auf Funktionärsebene führte, während das Insolvenzverfahren weiterlief, zum Absturz in die 5. Liga. Auch andere Göttinger Teams mussten 2001/2002 Rückschläge verkraften. In der Landesliga konnte die SVG Göttingen noch so eben die Klasse halten, der SC Weende landete hingegen immerhin punktgleich mit Meister Eintracht Northeim auf Platz zwei. Das Relegationsspiel zur Niedersachsenliga verloren die Weender allerdings auf neutralem Platz gegen den VfL Stade nach Verlängerung mit 2:4. Besonders bitter: Zwei individuelle Fehler und ein erschreckend schwacher Schiedsrichter begünstigten die Niederlage. Das Göttinger Tageblatt titelte damals: „Aufstiegskrimi wird erst in der Verlängerung entschieden“. Immerhin stieg Sparta Göttingen in die Landesliga auf. Der SC Hainberg wurde in der Bezirksliga Letzter und stieg ab.

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2017/18: SVG in der 5. Liga, 1. SC 05 in 7. Liga


Fußball in Göttingen im Jahr 2017: Die SVG Göttingen hält als höchstklassig spielender Verein die rote Laterne der Oberliga Niedersachsen. Die Schwarz-Weißen behaupten sich mit einem der kleinsten Etats der Spielklasse seit Jahren fast trotzig in der fünften Liga. Haben in der ersten Saison noch bis zu 1000 Zuschauer die Spiele verfolgt, hat sich der Schnitt wieder im unteren dreistelligen Bereich eingependelt. Finanziell ist die Spielklasse für den nach wie vor verschuldeten Klub kaum zu stemmen.

In der Landesliga tummeln sich mit dem SCW Göttingen, dem TSV Landolfshausen, dem FC Grone und dem SC Hainberg gleich vier südniedersächsische Vertreter – drei davon sind Göttinger Vereine. Gemein ist ihnen, dass sie nicht unbedingt Ambitionen auf die Oberliga haben, denn selbst die fünfte Liga ist teuer.

Jüngstes Beispiel sind die Weender, die als Titelaspirant der vergangenen Saison die Oberliga-Lizenz erst gar nicht beantragt haben. Der FC Grone wollte sogar im vergangenen Jahr als Aufsteiger auf das Landesliga-Ticket verzichten, und die Heimspiele von SCW, Landolfshausen und Grone besuchen im Normalfall zusammen rund 300 Zuschauer. Der SC Hainberg wiederum spielt in der Landesliga so hoch wie noch nie – und verschwendet wahrscheinlich keinen Gedanken an einen Aufstieg in die fünfthöchste Spielklasse.

Und 05? Nach der Neugründung von Schwarz-Gelb folgten Jahre des sportlichen Niedergangs, aus denen selbst die hartgesottenen und notorisch optimistischen Fans ernüchtert hervorgingen: Vor Bezirksliga-Saisonbeginn kündigten die Anhänger an, zukünftig auf Choreografien zu verzichten. Der Maschpark war da schon längst leergespielt, die letzten Landesligaspiele sahen weniger als 200 Zuschauer. Immerhin ist der „I. SC Göttingen 05“, wie er heute korrekt heißt, aktuell Bezirksliga-Tabellenführer, und alles andere als der Landesliga-Aufstieg wäre eine Enttäuschung. Aber auch für 05 gilt: Der große Wurf zeichnet sich noch nicht mal am Horizont ab.

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Leitartikel: Alles auf Anfang

Andreas Fuhrmann Andreas Fuhrmann © Hinzmann

Quo vadis, Göttinger Fußball? Diese Frage stellt sich derzeit dringlicher denn je. Denn mit der SVG taumelt die höchstklassig spielende Mannschaft der Stadt dem Abstieg entgegen – in der 5. Liga. Zum Vergleich: In der Saison 1985/86 spielten in der 5. Liga (damals Landesliga) die zweite Mannschaft des 1. SC Göttingen 05 und der FC Grone. In der 4. Liga (Verbandsliga) war die SVG am Start, in der 3. Liga (Oberliga) die Erste von 05. Die Fußballbegeisterten hätten damals über ein derartiges Horror-Szenario, das dem Göttinger Fußball droht, wohl nur müde gelächelt und mit den Schultern gezuckt. Nach dem Motto: „Na und, was ist schon die 5. Liga?“

Momentan alles, lautet die ernüchternde Antwort. Denn so, wie es derzeit aussieht, wird in der kommenden Saison in Göttingen die Landesliga das Maß aller Dinge sein. Das muss man erst mal sacken lassen. Immerhin werde ich dann keine hämischen Nachrichten aus Delmenhorst mehr erhalten. Dort arbeitet ein ehemaliger Arbeitskollege für die örtliche Zeitung. Als die SVG kürzlich beim SV Atlas Delmenhorst mit 2:9 unterging, schrieb er: „Eure Oberliga-Mannschaft ist ein Highlight. Nach einer Stunde liegen die hier 1:5 hinten.“ Nun hat es solch ein Ergebnis auch schon mehrmals in der Bundesliga gegeben (zuletzt im Jahr 2013, als der FC Bayern den HSV mit 9:2 nach Hause schickte) – in einem solchen Moment wird einem aber brutal klar, dass der Göttinger Fußball derzeit nicht gerade auf einem Höhenflug unterwegs ist. Die Folge ist allenthalben Mitleid. Dabei weiß doch jeder Fußballfan: Mitleid ist echt das Schlimmste.

Nun sollen die SVG und ihre Spieler an dieser Stelle allerdings nicht als Prügelknaben herhalten für eine Abwärtsspirale im Göttinger Fußball, die bereits vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten eingesetzt hat, und für die der Verein nicht allein die Verantwortung trägt. Die notorisch klammen Schwarz-Weißen haben derzeit nur das Pech, als höchstklassig spielender Verein als Sinnbild der Göttinger Fußballmisere herhalten zu müssen.

Genauso gut steht 05 für den Niedergang des Göttinger Fußballs: Nach der Neugründung wurde die Spielklasse teilweise am grünen Tisch gehalten, trotzdem ging es abwärts – von der Oberliga, in die Landesliga und dann noch eins runter. So könnte man jetzt endlos weitermachen: Negativbeispiele finden sich genug. Man muss sich nur einmal die Entwicklung des Göttinger Fußballs anhand einiger Zahlen vergegenwärtigen, so wie wir es beispielhaft mit den Spieljahren 1985/86, 2001/02 und 2017/18 getan haben, um den gefühlten Trend zu belegen: Es geht ständig bergab.

Die logische Konsequenz daraus: alles auf Anfang. Die Zeit der Schuldzuweisungen und der Missgunst muss endlich vorbei sein. Dreimal sind in der Vergangenheit Projekte gescheitert, deren Ziel es war, einen Fusionsclub auf die Beine zu stellen und zum Angriff auf die vierte oder sogar die dritte Liga zu blasen. Stets hat einer der Beteiligten kalte Füße bekommen. Ein wesentlicher Grund war die Rivalität der städtischen Konkurrenten SVG Göttingen und 1. SC Göttingen 05 – ging es dem einen schlecht, war er zur Zusammenarbeit bereit, aber weil es dem anderen gerade etwas besser ging, winkte dieser ab. Dazu kamen die Vorbehalte der Fans und Mitglieder.

Dass es auch anders geht, bewies (zumindest kurzzeitig) das Fusionsprojekt RSV Göttingen 05: Ins Leben gerufen nach der Insolvenz des alten 1. SC Göttingen 05, hatte es sich in den 2000er-Jahren bis in die Oberliga hochgesiegt. Plötzlich kamen zum Teil mehr als 1500 Zuschauer ins Jahnstadion. Das Ende ist bekannt. Aber das Positivbeispiel zeigt: Wenn alle aufeinander zugehen, an einem Strang ziehen und die große Idee über provinzielle Eitelkeiten stellen, kann in Göttingen auch in Zukunft ein Fußballwunder gelingen – mit einer professionellen Führung, einer Mannschaft, einer zentralen Spielstätte und einer auf den gemeinsamen Erfolg ausgerichteten Jugendarbeit. Dann kommen auch die Fans zurück.

Und nur für ein Fusionsprojekt werden sich finanzstarke Sponsoren finden, die das Ganze unterstützen. Die müssen sich derzeit nämlich zwischen mindestens zwei Klubs entscheiden und direkt mit einpreisen, bei den Verantwortlichen des Vereins, für den sie sich nicht entschieden haben, in Missgunst zu fallen. Wer will unter solchen Voraussetzungen schon ordentlich Geld in die Hand nehmen? Im kleinen Northeim übrigens haben sie das schon vor Jahren erkannt – und erfolgreich umgesetzt.

Dabei ist eines klar: Göttingen ist im Fußball immer noch eine Marke, ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt, weit über die Stadtgrenzen hinaus. Selbst Verantwortliche des mexikanischen Verbandes haben damals aufgehorcht, als ihnen Göttingen als möglicher Standort ihres WM-Quartiers 2006 vorgestellt wurde. Auch deswegen entschieden sie sich letztlich für die Leinestadt. Göttingen war ihnen ein Begriff: wegen des Fußballs – nicht trotz des Fußballs.

Den Autor erreichen Sie per Mail an a.fuhrmann@goettinger-tageblatt.de oder auf Twitter: @elba79

Von Andreas Fuhrmann

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