Im Gespräch: Michael Thiele (47, Vereinsmitglied, Fanclub-Gründer, seit 33 Jahren Fan und seit 25 Jahren Dauerkartenbesitzer) Benjamin Wirtz (32, Fanclub-Mitglied, Dauerkartenbesitzer, Vereinsmitglied). Im Gespräch: Michael Thiele (47, Vereinsmitglied, Fanclub-Gründer, seit 33 Jahren Fan und seit 25 Jahren Dauerkartenbesitzer) Benjamin Wirtz (32, Fanclub-Mitglied, Dauerkartenbesitzer, Vereinsmitglied). © imago/Thomas Bielefeld
Im Gespräch: Michael Thiele (47, Vereinsmitglied, Fanclub-Gründer, seit 33 Jahren Fan und seit 25 Jahren Dauerkartenbesitzer) Benjamin Wirtz (32, Fanclub-Mitglied, Dauerkartenbesitzer, Vereinsmitglied).

Hannover 96: Hier spricht die Kind-Opposition – "Mir fehlt einfach das Vertrauen"

Nach dem großen Interview mit 96-Chef Martin Kind spricht ein Fan und ein Vereins-Oppositioneller vor der Jahreshauptsammlung mit dem Sportbuzzer. In Teil eins äußern sich die Fans zu dem Themen 50+1, Fan-Ängste, Markenrechte und das Hannover-Modell.

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Am Donnerstag werden wichtige Weichen für die Zukunft von Hannover 96 gestellt. Bei der Jahreshauptsammlung wird die Opposition versuchen, die Macht des 96-Vorstands mit Martin Kind an der Spitze einzuschränken. Nach dem Interview mit Kind in der vergangenen Woche reden nun die Gegner von Kinds Übernahme-Plänen. Der Sportbuzzer sprach mit Benjamin Wirtz und Michael Thiele.

Das sind die Gesprächspartner: Benjamin Wirtz (32) ist aus Hannover, Fanclub-Mitglied, Dauerkartenbesitzer, Vereinsmitglied und engagiert bei diversen Fanthemen. Michael Thiele (47) kommt aus Hameln, ist Vereinsmitglied, Fanclub-Gründer, seit 33 Jahren Fan und seit 25 Jahren Dauerkartenbesitzer. Die Redakteure Carsten Bergmann, Tobias Manzke, Dirk Tietenberg und Felix Harbart führten das Gespräch mit den beiden Fans.

Thema: "50+1" und Ängste der Fans

Darum geht’s: Seit Jahren kämpft die aktive Fanszene von 96 gegen den Plan von Clubchef Martin Kind, die sogenannte 50+1-Regel zu kippen. Der Konflikt um 50+1 ist der Kern des Streits zwischen 96 und vielen seiner Fans. Die 50+1-Regel unterscheidet die Bundesliga von vielen anderen europäischen Ligen. Sie verhindert die Stimmenmehrheit der Kapitalanleger an den Kapitalgesellschaften. Kurz gesagt: Die Muttervereine sollen das letzte Wort, die Mehrheit haben. In der Bundesliga gibt es Ausnahmen: Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim. Martin Kind hat für Hannover 96 im September eine Ausnahme beantragt. Aktuell ruht der Antrag.

Thiele:
Bei der Podiumsdikussion wurde deutlich, dass die Zukunft nach Martin Kind im Gesellschafterkreis nicht klar geregelt ist. Er hat gesagt, dass es keinen festen Plan gibt. Uns geht es nicht darum, dass wir als Mitglieder jeden Transfer abnicken. Es geht darum, dass Martin Kind sich der Mitgliederversammlung jedes Jahr stellen muss und auch die Mitglieder ein Mitspracherecht haben, wenn es um die Zukunft von Hannover 96 geht.

Und negative Beispiele wenn 50+1 fällt gibt es derzeit in europäischen Ligen ja genug. Aktuell der AC Mailand. Hier ist der chinesische Eigentümer insolvent und ein Hedgefonds steht zur Übernahme bereit. Beim FC Lausanne ist das Logo geändert worden. In den Konzenfarben des neuen Investors. Aus Austria Salzburg wurde RB Salzburg. Und jetzt noch RB Leipzig. Aber was würde denn passieren, wenn heute Coca-Cola RB übernehmen würde? Logoänderung? Oder wird der Bullenkopf weiterhin Teil des Logos sein? Vereinsfarben ändern? Da kann alles passieren.

Außerdem hat der Fußball eine soziale Verantwortung. In England sind die Ticketpreise enorm gestiegen. Fussballtourismus aus Asien. Die Stimmung ist in vielen Stadien nicht mehr präsent und somit auch keine gelebte Fankultur. Das macht doch auch die Atmosphäre in den Arenen aus.

Wirtz:
Die Befürchtung ist, dass alles gekappt wäre, finanziell könnte der Verein vor einem Schuldenberg stehen. Und hier muss man unbedingt unterscheiden zwischen Fußballkapitalgesellschaft und eingetragenem Verein. Auch Fans würden nicht mehr gefragt, wenn es um traditionelle Dinge wie Vereinsfarben oder Wappen geht.

Wir hatten schon mal ein Beispiel, als Tuifly es für eine gute Idee hielt, ein blau-gelbes Auswärtstrikot zu machen - da gab es Proteste im Stadion. Oder ich denke an Günter Papenburg, der Hannovers Eishockey einfach verkauft hat, weil er keine Lust mehr hatte. Hat ein Investor keine Lust, steht der Verein vor einem Scherbenhaufen. Sollte Kinds Ausnahmeantrag durchgehen, dann überweist die Profiabteilung dem Mutterverein jährlich 75.000 Euro.

Das ist lächerlich im Millionengeschäft Fußball. Wohlgemerkt haben im letzten Jahr fast alle Bundesligisten einen Gewinn erzielt, der sehr, sehr deutlich über dieser Summe lag

Choreos, Spruchbänder, Schweigen: Die Proteste bei Hannover 96 in Bildern.

Martin Kind hat viele Jahre darauf hingearbeitet, die Mehrheit an Hannover 96 zu übernehmen. Warum kommen die Einwände der Vereinsopposition und der aktiven Fanszene erst so spät?

Wirtz:
Selber war ich 1999, mit 13 Jahren, noch nicht bei der Mitgliederversammlung, aber durch persönliche Gespräche ist ja bekannt, dass Martin Kind damals gesagt hat, dass der Verein immer das Sagen haben wird. Dann kam 2011 das Schiedsgerichtsurteil der DFL, zu der Zeit hat sich dann langsam die Opposition formiert.

Die Fanszene ist richtig dann 2015 aufgewacht, als man von den heimlichen Verkäufen der letzten Vereinsanteile im Vorjahr erfahren hat. In dem Zeitraum sind dann auch viele Fans in den Verein eingetreten oder haben ihre ideelle Fördermitgliedschaft aufgewertet. Natürlich müssen wir uns ankreiden, dass wir zu spät angefangen haben.

Die Fan-Szene demonstriert bundesweit für Erhalt von 50+1-Regel

Martin Kind argumentiert, sein Konstrukt werde dem Fußball bei 96 helfen. Warum sind Sie dagegen?

Thiele:
Wir fühlten uns über die Art und Weise nicht richtig informiert. Das Erschreckende war doch der Verkauf der letzten Anteile im Jahr 2014, als Herr Kind den Verein vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Hertha BSC hat im selben Jahr Anteile von 9,7 Prozent verkauft und über 60 Millionen Euro bekommen.

Martin Kind hat für nur 15,66 Prozent der Anteile lediglich etwa 3,6 Millionen Euro gezahlt. Das stößt uns negativ auf. Beim Mutterverein ist hierbei unserer Meinung nach ein finanzieller Schaden entstanden.

Wirtz:
Vorstandsmitglied Uwe Krause hat das auch auf der Podiumsdiskussion zugegeben, dass es intransparent war und an den Vereinsmitgliedern vorbei. Mit der Erklärung, dass es damals angeblich niemanden interessiert hat. Das ist eine merkwürdige Auffassung von Demokratie.

Die Redakteure Carsten Bergmann, Tobias Manzke, Dirk Tietenberg und Felix Harbart (v.r.n.l.) führten das Gespräch mit den beiden Fans. Die Redakteure Carsten Bergmann, Tobias Manzke, Dirk Tietenberg und Felix Harbart (v.r.n.l.) führten das Gespräch mit den beiden Fans. © Philipp von Ditfurth

Sie kritisieren, dass der Verein für die Anteils-Übernahme durch Martin Kind nur 12.750 Euro erhält. Was denken Sie, warum lässt der 96-Vorstand das geschehen?

Thiele:
Das haben wir uns auch gefragt. Wenn ich als Aktiver im Verein wüsste, dass Anteile, die Vereinseigentum darstellen, so billig verkauft werden, dann würde ich diesen Verkauf doch gerne einmal kritisch hinterfragt sehen. Da fehlt mir einfach das Vertrauen, dass alles mit rechten Dingen zugeht.

Das Vereinszentrum an der Stammestraße hätte deutlich größer und mit weniger Schulden gebaut werden können, wenn ein angemessener Preis erzielt worden wäre. Das gilt übrigens auch, wie bereits erwähnt, für die letzten 15,66 Prozent Vereinsanteile an der KGaA

Das waren die Choreos der Fans von Hannover 96 der letzten Jahre:

Thema: Markenrechte

Darum geht’s: Die Vereins-Opposition fordert ein Frankfurter Modell für Hannover 96. Dem Mutterverein Eintracht Frankfurt gehören die Markenrechte, von der Profiabteilung erhält der Verein eine jährliche Pacht für die Nutzung von etwa 1,1 Millionen Euro. Bei 96 besitzen die Gesellschafter die Markenrechte.

Warum sollte Kind dem Verein die Markenrechte verkaufen, wenn der Verein doch schon das Geld der Fördermitglieder bekommt?

Thiele:
Der Verein ist abhängig vom sportlichen Erfolg der Profimannschaft. Das kann schwanken. Somit auch die Fördermitgliedschaften. Die Frage ist doch: Warum sind die Leute Fördermitglieder? Es gibt sicherlich welche, die nur Karten fürs Bayernspiel kaufen wollen. Man denkt auch immer, wenn ich mir ein Trikot kaufe oder ein Shirt, dann geht das in den Profifußball und es geht 96 besser. Man darf aber nicht denken, das mit dem Geld der neue Salif Sané finanziert wird – denn in Hannover ist das mit den Markenrechten anders: Sie liegen bei der Sales & Service. Das heißt: Das Geld fließt in die Taschen der Gesellschafter.

Wirtz:
Die Aktiven können aktuell günstig Sport machen, das stimmt. Sie haben eine gute Infrastruktur, die durch die Fördermitglieder finanziert wird. Das Problem bei den Fördermitgliedern ist aber, dass ihre Zahl an den sportlichen Erfolg gekoppelt ist. Dümpelt 96 also in der zweiten Liga herum und spielt zum dritten Mal gegen Sandhausen, dann stellt sich doch die Frage: Was passiert mit den Fördermitgliedern?

In Frankfurt fließen übrigens die Beträge der Fördermitglieder, zusätzlich zu den Millionen für die Markenrechte, jährlich in den Verein. Das sogar gekoppelt an den Umsatz. Der Verein profitiert also doppelt. Es wäre töricht, den Stammverein vom Profifußball zu trennen. Aber das Geld ist das eine. Das andere ist: Wir wollen, dass die Markenrechte beim e.V. bleiben, damit die Marke im Insolvenzfall der Profiabteilung geschützt ist. Von emotionalen Werten traut man sich bei 96 ja schon kaum mehr zu sprechen.

Kind lässt Antrag ruhen, DFL will 50+1-Grundsatzdebatte: Pressestimmen zu den Entwicklungen vom 5. Februar

Thema: Hannover-Modell

Was halten Sie vom Hannover-Modell, das besagt, dass nur regionale Investoren dazustoßen dürfen?

Thiele:
Es gibt viele Zusagen auch von Gesellschaftern, die nicht an auswärtige Investoren verkaufen sollen. Aber wo gibt es das schriftlich? Es ist nichts festgelegt. Mal heißt es, Investoren sollen in Hannover fest verwurzelt sein, dann heißt es, Firmen sollen in Hannover angesiedelt sein, mal heißt es, Investoren sollen in Hannover wohnen. Keine klaren Aussagen und so viele mögliche Investoren dieser Art gibt es aber in Hannover nicht.

Wirtz:
Was passiert denn, wenn Martin Kind 51 Prozent der Anteile an der Management GmbH schon jetzt - wohlgemerkt für 12.750 Euro - kauft?
Falls 50+1 noch einmal abgeändert wird, werden die Anteile handelbar und haben dann einen deutlich höheren Wert als 12.750 Euro Dazu muss man sich nur einmal die Verkaufspreise für Mannschaften in England anschauen. Der Chinese, der Russe oder der Scheich, den interessieren nicht die Kommanditanteile, der will das Sagen haben und dazu benötigt er die Management GmbH als Komplementär.

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