14. Januar 2016 / 14:43 Uhr

Henning Frenzel: Geithains lebende Legende

Henning Frenzel: Geithains lebende Legende

Haig Latchinian
Henning Frenzel (li.) erzielt im Länderspiel DDR vs. Chile (Endstand 5:2) im Leipziger Zentralstadion das zweite Tor.
Henning Frenzel (li.) erzielt im Länderspiel DDR vs. Chile (Endstand 5:2) im Leipziger Zentralstadion das zweite Tor. © LVZ-Archiv
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Der 1. FC Lok Leipzig feiert in diesem Monat 50. Geburtstag. Einer, der wie kaum ein Zweiter für die Erfolge des Vereins steht, ist der Ex-Geithainer Henning Frenzel - vor 50 Jahren Torschützenkönig der Oberliga. (mit Fotos)

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Leipzig/Geithain. Ab und zu macht sich Henning Frenzel (73) noch immer auf den Weg in seine alte Heimat - nach Geithain, wo einst seine fußballerische Laufbahn begann und das Stadion inzwischen sogar seinen Namen trägt. Dabei ist es eher ungewöhnlich, Persönlichkeiten eine solche Ehre bereits zu Lebzeiten zukommen zu lassen. Aber die Geithainer waren schon immer etwas fixer. So verstanden sie es, ihren großen Sohn bereits zu sozialistischen Zeiten zu „vermarkten“. Es war die ortsansässige Firma Lederwaren Stein, die sogenannte Stein-Fußbälle produzierte und Henning Frenzel dafür werben ließ: Ob im Laden oder im Programmheft - wo auch immer der wetterfeste Kunststoffball auftauchte, war der mit Köpfchen danach hechtende Frenzel nicht weit. „Niemand hatte je gefragt, ob ich das überhaupt will. Aber was soll’s. Es kam ja Geithain zugute. Es waren ganz andere Zeiten.“

Wenn der inzwischen in Engelsdorf bei Leipzig wohnende 56-fache Nationalspieler in Geithain über früher fachsimpelt, darf ein Name nie fehlen: Kurt Schulze. Er war Frenzels erster Trainer. Unvergessen das 28:0 unterhalb der Burg Gnandstein, als Henning allein 14 Tore für seine gelb-schwarzen Geithainer schoss. Schon mit 16 ackerte und rackerte der torhungrige Stürmer für Geithains A-Jugend. Schnell wurde Lok-Trainer Armin Werner auf ihn aufmerksam. Eines Tages besuchte er Frenzel, den gelernten Maurer, als der gerade unterhalb vom Kino Ziegel setzte. Ob er nicht Lust hätte, für Leipzig zu spielen? „Schon, aber da müssen Sie meine Eltern fragen“, druckste Henning. Darauf Werner: „Haben wir schon.“ Wenn auch nur zögerlich, so ließen Papa Walter, Gerber, und Mama Hedwig, Verkäuferin, ihren Jungen doch ziehen, nach Leipzig, in die weite Welt.

Henning Frenzel hält zwei Einladungen in den Händen: die eine für den Stehempfang im historischen Speisesaal des Leipziger Hauptbahnhofes, die andere für die Gala im Felsenkeller. Sein 1. FC Lok, dessen Ehrenmitglied er ist, feiert in diesem Monat 50-jähriges Jubiläum. Überhaupt ist das Jahr 2016 für den Ex-Geithainer ein besonderes: Vor 50 Jahren wurde Frenzel mit 22 Treffern Torschützenkönig der DDR-Oberliga, vor 40 Jahren holte er den FDGB-Pokal: Beim 3:0 über Vorwärts Frankfurt schoss der zentrale Mittelfeldspieler im Finale zwei Tore. Er, der mit 420 Spielen nach Eberhard Vogel (440) und Alois Glaubitz (429) die meisten DDR-Erstligaeinsätze zu Buche stehen hat, erlebte 1978 einen eher unrühmlichen Abschied: „Trainer Heinz Joerk fragte mich, was ich für eine Motivation hätte, weiter zu machen. Na, wenn du das nicht weißt, tust du mir leid, antwortete ich. Ich spielte darauf an, die Bestmarke von Matz Vogel zu überbieten...“ Doch dazu kam Frenzel nicht mehr. Mit 36 Jahren musste er zur Armee, stand in der Küche und wurde zur Flag abkommandiert. Fünf Monate später kehrte er zur Loksche zurück, arbeitete fortan als Trainer. Es waren Spieler wie Frank Edmond, Matthias Lindner, Olaf Marschall und Torsten Kracht, die durch seine Hände gingen und 1987 in Athen im Europacupfinale auf Ajax Amsterdam trafen. War Frenzel am bisher größten Erfolg des Clubs zumindest indirekt beteiligt, so war er in der Saison 1973/74 selbst der Held: Im Uefa-Cup schaltete Lok nacheinander AC Turin, Wolverhampton Wanderers, Fortuna Düsseldorf sowie Ipswich Town aus und scheiterte erst an Tottenham Hotspur. Der Daily Telegraph titelte: „Lok Leipzig ist zum Alptraum für den englischen Fußball geworden.“  England - für Frenzel eine ganz neue Erfahrung. „Es waren echte Fußballstadien, ganz ohne Aschenbahn. Die Fans sangen schon anderthalb Stunden vor dem Anpfiff.“ Der Ex-Geithainer bestritt alle zehn Spiele. Sein Tor gegen Düsseldorf war eines für die Ewigkeit - volley, mit viel Effet, in den Dreiangel.

Umso größer das Entsetzen der Fußballfans, als Henning Frenzel 1974 nicht mit zur WM in die BRD durfte. Ausgerechnet er, der Kapitän, der die DDR im entscheidenden Qualifikationsspiel in Albanien zur Endrunde geschossen hatte. „Sowohl 1974 als auch 1976 vor der Olympiade in Montreal erfuhr ich genau zu meinem Geburtstag, dass ich nur der 23. Mann sei.“ Frenzel vermutet, dass die Nicht-Nominierung in Zusammenhang mit dem Scheitern seines Wechsels nach Jena stand. „Auswahltrainer Georg Buschner war ja zuvor Coach von Carl-Zeiss.“ Die offizielle Begründung, Frenzel sei kein Turnierspieler, widerlegte der Offensivmann schon 1964 bei Olympia in Tokio. Die DDR-Mannschaft kam ins kleine Finale, in dem Ägypten 3:1 geschlagen wurde. Es war Frenzel, der mit seinem 1:0 den Weg zu Bronze ebnete.

Der Vater dreier Töchter bekam immer wieder Angebote, im Westen zu bleiben. „Kein einziger Lokspieler ist in all den Jahren abgehauen.“ Frenzel hatte sich eingerichtet im Sozialismus der DDR. Mit etwas über 17 Jahren wohnte er zusammen mit einem Boxer im Leipziger Sportinternat. Vormittags ging er arbeiten - in der Hochbau-Meisterei der Reichsbahn: „Aber so wild war das nicht. Montags hatten wir uns über das Wochenendspiel unterhalten, mittags war schon wieder Training. Gut, am Stadion des Friedens hatten wir auch ein bisschen mitgebaut.“ Die ersten Jahre fuhr Frenzel nach den Spielen oft noch nach Hause. Unterwegs machte er in Frauendorf Station. Die Kapelle Stein spielte zum Tanz auf. Das war auch jener Abend, an dem er seine Gudrun kennen und lieben lernte. 1963 heiratete er die Bornaerin und bezog mit ihr eine Neubauwohnung in Lößnig. „Auf unseren Westreisen bekamen wir gar nicht so viel von Land und Leuten mit. Die Stadtrundfahrt war immer viel zu kurz. Vor allem mussten wir ja die paar Dollar Tagegeld für Mitbringsel umsetzen. Die Daheimgebliebenen freuten sich sehr darüber.“ Ehefrau Gudrun bezeichnet die drei Töchter Ines, Anke und Kerstin als Hennings größte Fans. „Na klar, die Stadien waren unsere zweite Heimat.“ Gudrun Frenzel schätzt an ihrem Mann besonders dessen Bescheidenheit: „Er ist immer auf dem Teppich geblieben.“ Ihr Henning lasse sich noch heute kein Spiel im Fernsehen entgehen, sagt die Ehefrau: „Sicher, anfangs bedauerte er, mit Blick auf die heute üblichen Millionengagen zu früh geboren worden zu sein. Aber er tröstet sich damit, dass er mich ja sonst nicht kennengelernt hätte.“

Nach der Wende wurde der Mann, der in seinen besten Jahren gegen Portugals Perle Eusebio spielte, kurzzeitig arbeitslos, ehe er über ABM wieder als Übungsleiter tätig war. Nacheinander trainierte er Schkeuditz, Grimma und Taucha. 2004 machte er noch einmal Schlagzeilen, als er mit 62(!) Jahren im Punktspiel des inzwischen neu gegründeten 1. FC Lok gegen die Paunsdorf Devils mitwirkte und beim 20:0 ein Tor machte. Seit 1997 wohnt er mit Gudrun in Engelsdorf und beantwortet täglich Autogrammpost aus aller Welt. Zwar hat er inzwischen einige altersbedingte Wehwehchen, doch fährt er weiter gern Rad, löst Kreuzworträtsel und spielt bei Loks Alten Herren. Jeden Dienstag kickt er mit seinen ehemaligen Mannschaftskameraden wie Manfred Geisler, Wolfram Löwe und Karl Drößler. An den Wochenenden besucht er die Lok-Spiele. Nein, RB sei nicht seine Sache.

Geithain war, ist und bleibt seine heimliche Liebe. Dort hatte Henning Frenzel das Licht der Welt erblickt. Das Licht sei anfangs mitunter etwas schummrig gewesen, erinnert er sich: „Klar, wir saßen während der Fliegerangriffe oft im Keller. So klein ich auch war, ich glaube, sogar einen Panzer gesehen zu haben.“ Sobald der Frieden ausgebrochen war, wurde nur noch auf dem Fußballplatz geschossen. „Unsere Schulklasse war besonders gut. Peter Schäfer war mein Freund. Er spielte später bei Stahl Riesa. Bis heute sind wir in Kontakt.“ Und die beiden Enkelsöhne, sind die Fußballer geworden? Der sechsfache Großvater: „Nein, zum Glück nicht, der Druck wäre viel zu groß.“

Henning Frenzel: Geithains lebende Legende

Henning Frenzel (hier mit Rainer Baumann und Manfred Walter, v.l.) ist Träger der Ehrennadel des Sächsischen Fußballverbandes. Zur Galerie
Henning Frenzel (hier mit Rainer Baumann und Manfred Walter, v.l.) ist Träger der Ehrennadel des Sächsischen Fußballverbandes. © LVZ-Sportbuzzer
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