HHL-Professor Timo Meynhardt HHL-Professor Timo Meynhardt. © lvz
HHL-Professor Timo Meynhardt

HHL-Professor: „RB Leipzig spricht Ost-Identität an“

Auch HHL-Professor Timo Meynhardt beschäftigt sich mit dem Image des Bundesliga-Vizemeisters.

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Leipzig. Laut Horizont-Performance-Check 2017 ist RB Leipzig auch in Sachen Management, Marke, Stadion, Sponsoren, Fans, Serviceorientierung und Team Perspektive der Aufsteiger des Jahres und landet auf Platz 4. Gemäß der jüngst von HHL-Professor Henning Zülch publizierten Studie landet der RB Leipzig dagegen auf dem drittletzten Platz aller Erstligavereine. In die Analyse wurden dort der sportliche Erfolg, die finanzielle Leistung, die Fanorientierung und die Führung einbezogen. Alles eine Frage der Perspektive? Dazu äußert sich Timo Meynhardt, der sich an der Handelshochschule (HHL) mit Wirtschaftspsychologie und Gemeinwohl beschäftigt.

Wie erklären Sie sich, dass zwei inhaltlich gleich ausgerichtete Fußballstudien zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der Managementqualität des RB Leipzig kommen?

Ich gehe zunächst davon aus, dass in beiden veröffentlichten Studien sauber gearbeitet wurde. Man sollte auch die Studien nicht gegeneinander ausspielen. Es geht nicht um Rechthaberei. Im Moment werden wahrscheinlich alle Studien über RB von der einen oder anderen Seite kritisiert, eben weil RB einige liebgewonnene Einstellungen in Frage stellt und manchen Traditionalisten irritiert. Aber nur so findet Entwicklung statt und insofern ist fachlich solide Vielfalt zu begrüßen.

Also?

Ich denke, die Herausforderung liegt woanders: Es ist einseitig, einen Fußballklub aus der Managementperspektive nur als Wirtschaftsunternehmen oder nur als Sportverein zu betrachten und jeweils alles über einen Kamm zu scheren. Auch hier gilt: Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel. Gerade beim Thema Fußball braucht es komplexere Modelle, um die Wirklichkeit zu verstehen.

Was meinen Sie damit?

In unserer zu Jahresanfang veröffentlichten Studie zum Gemeinwohlbeitrag von RB Leipzig konnten wir zum Beispiel zeigen, dass die wirtschaftliche Komponente eine wichtige, aber keineswegs die entscheidende ist, um die Qualität, die Leistung und letztlich den „Wert“ des bisher Erreichten zu erfassen. Erst wenn man das Gesamtbild zeichnet, kann man fair bewerten.

Was ist dann das Entscheidende?

Die Pointe an RB ist ja gerade, dass er vieles anders macht als Traditionsklubs, einen starken Entwicklungsfokus hat – auf dem Platz und vor allem auch neben dem Spielfeld. In Leipzig wird ein Stück Fußballkultur neu definiert – von der familienfreundlichen, gewaltfreien Stadionatmosphäre, dem zurückhaltenden Auftritt in der Öffentlichkeit bis zur Nachhaltigkeitsorientierung in der Nachwuchsausbildung. Das ist Managementqualität, die sich auszahlt! Das ist auch notwendig, denn Geld allein schießt eben keine Tore. Es braucht fähige Menschen, hohe Professionalität und vor allem auch ein unterstützendes gesellschaftliches Umfeld. Die Frage ist eben, ob man das sehen will und sehen kann.

Immer wieder taucht auch der Vorwurf auf, der RB hätte keine eigene Identität und stehe für nichts anderes als das Profitstreben von Red Bull.

Woher wissen denn die Kritiker dies? Auch hier sollte man genauer hinsehen. Unsere Daten zeigen ein differenziertes Bild: Mit dem Klub wird ein ganzes Bündel an unterschiedlichen Identitätsangeboten verknüpft: Offenheit für alle, Entwicklungsfreude, unbedingte Erfolgsorientierung. Wenn das kein Identitätsangebot in einer nicht gerade erfolgsverwöhnten Region ist! Psychologisch gesehen spricht RB auch die kollektive Identität der Ostdeutschen an – im Übrigen ganz ähnlich wie der FC Bayern oder Borussia Dortmund dies in ihren Regionen für die Bevölkerung dort seit langem machen. Auch diese beiden Klubs profitieren von ihrer regionalen Verankerung und erfahren Rückhalt, wenn es einmal nicht so läuft auf dem Platz oder im Management.

Nur haben doch gerade diese beiden Klubs mit „Mia san Mia“ und „Echte Liebe“ ein klares Bekenntnis zur Region abgegeben, was beim RB bisher fehlt.

Das ist ein interessanter Punkt. Soweit ich dies überhaupt beurteilen kann, sind diese Identifikationsangebote über Jahrzehnte gewachsen und ganz wesentlich durch das Umfeld mitbestimmt worden. Dieses ist zudem immer stärker als der Klub selbst. Man kann nur mit und nie gegen die Region Spiele und Pokale gewinnen. Das weiß man in München und Dortmund sehr genau. RB Leipzig als Kind der Postmoderne zeigt auch an diesem Punkt etwas völlig Neues und macht multiple Identitätsangebote: Die Offenheit für alle lässt bisher Raum für ganz unterschiedliche emotionale Verbundenheiten. Es gibt eben nicht eine große, sondern mehrere Erzählungen, in denen sich – ganz postmodern – jeder wiederfinden kann. Damit symbolisiert RB genau die Vielfalt, die das weltoffene Leipzig über die Jahrhunderte auszeichnete. Eine einseitige Festlegung auf ein engeres Bekenntnis hätte da im Moment fast etwas Spießiges und Unzeitgemäßes.

Ist RB bei aller Euphorie in der Region nicht doch objektiv zu schnell nach oben gekommen?

In der Wissenschaft gibt es keine belastbare Theorie darüber, was eine optimale Wachstumsgeschwindigkeit für Start-ups ist. Heute dominieren Ideen, die Geschwindigkeit, Agilität und Experimentierfreude eher als Erfolgsfaktor herausstellen, um überhaupt eine Chance zu haben. Fragt jemand, ob Google zu schnell nach oben gekommen ist? In dieser Hinsicht ist RB Leipzig ein bisher extrem erfolgreiches Start-up, das sich ständig weiterentwickelt. Es gibt aber noch eine ganz andere Sichtweise auf das Thema Geschwindigkeit

Jetzt sind wir gespannt.

Beim Blick auf die langen Linien, die gerade in Leipzig in den verschiedensten Bereichen so kraftvoll sind, relativiert sich einiges: Der VfB Leipzig war 1903 der erste deutsche Meister, bis 1945 insgesamt dreimal. In der DDR hat die BSG Chemie Leipzig einen Meistertitel geholt und es spielten verschiedene Leipziger Mannschaften fast durchgängig oben mit. In der legendären Saison 1963/64 kamen sogar sowohl der Landesmeister als auch der Oberliga-Dritte aus Leipzig. Man kann es also auch so sagen: Es brauchte nach der deutschen Wiedervereinigung noch einmal ein Vierteljahrhundert, bis eine Leipziger Mannschaft wieder ganz oben mitspielt.

Interview: Ulrich Milde

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