13. September 2018 / 07:14 Uhr

Holstein Kiel: KSV-Trainer Walter erklärt seine Taktik

Holstein Kiel: KSV-Trainer Walter erklärt seine Taktik

Redaktion Sportbuzzer
Dem Gegner immer einen Magneten voraus: KSV-Coach Tim Walter in seinem Büro an der Taktiktafel. Der 42-Jährige liebt den Angriffsfußball.
Dem Gegner immer einen Magneten voraus: KSV-Coach Tim Walter in seinem Büro an der Taktiktafel. Der 42-Jährige liebt den Angriffsfußball. © Soja Paar
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Der Coach der Störche hat den Fußball an der Förde taktisch umgekrempelt – Ideen eines Offensiv-Denkers.

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Neuer Trainer, altes Bild: Holstein Kiel spielt auch in dieser Zweitliga-Saison erfolgreich. Und doch ist alles anders. System, Taktik, Philosophie – Chefcoach Tim Walter hat seine ganz eigenen Vorstellungen vom Fußball. Von einem Spiel, dessen taktische Entwicklung unter modernen Strategen wie Pep Guardiola, José Mourinho oder Thomas Tuchel scheinbar einen natürlichen Endpunkt erreicht hat. Doch Walter geht seinen eigenen Weg. Einen innovativen wie radikalen. Eine Annäherung an Tim Walters perfektes Spiel.

Am Anfang war das Agieren

„Ich habe meine eigene Philosophie, mein eigenes Verständnis von Fußball und das versuche ich den Jungs beizubringen“, sagt Walter. Seine fußballerische Weltsicht baut auf einem zentralen Prinzip auf: Agieren ist alles. Walters Spieler sollen mit und gegen den Ball aktiv sein, hoch verteidigen, den Ball so schnell wie möglich wiedererobern. „Wir wollen uns nicht das Spiel des Gegners aufdrücken lassen, sondern unser eigenes Ding durchziehen.“ Ballbesitz ist tot? Mag sein, dass die Weltmeisterschaft diesen Eindruck erweckt hat. Für Walter kein Grund, dem Gegner das Feld zu überlassen. „Es bestärkt mich in meinem Ansatz, es noch besser zu machen, den Ballbesitz noch besser abzusichern“, sagt er. Und ergänzt: „Dafür muss ich noch mehr Spieler in die Zwischenräume bringen.“ Das bringt uns zum nächsten Punkt.

​Falsche Eins“, „Falsche Vier“, „Falsche Sechs“

Der Mann zwischen den Pfosten? Das war einmal. Mitspielende Torhüter sind heute gefragt. Stilbildend: Manuel Neuer, der als verkappter Libero den Raum hinter der Abwehr absichert und als Aufbauspieler fungiert, sogar Einwürfe ausführt. In der Zweiten Liga sticht das Torwartspiel bei zwei Teams besonders ins Auge: in Hamburg – und bei der KSV.

HSV-Trainer Christian Titz lässt seine Nummer eins, Julian Pollersbeck, bis zu 40 Meter vor dem eigenen Tor agieren. Dort füllt Pollersbeck die Dreierkette auf, nimmt am Spielaufbau teil. Bei Holstein ist ähnliches zu sehen mit Kenneth Kronholm – und doch ist es grundsätzlich anders. „Pollersbeck spielt den Libero, aber eher statisch. Er hat seine Position, auch die Innenverteidiger spielen aus der Position“, sagt Walter. Kronholm hingegen schiebt leicht zur rechten Seite vor und ist eher ein Innenverteidiger. Die Vakanz auf der Position entsteht durch das aggressive Herausrücken eines der beiden Innenverteidiger – bedingt durch das Mittel der Zwischenraumbesetzung, die bei Walter bereits in der Abwehr beginnt und damit auch Auswirkungen auf das Torwartspiel hat.

Das ist radikal – und zwar radikal offensiv. Tim Walters Spiel basiert auf totalem Angriff. „Ich denke nur offensiv. Es ist meine Art, wie ich lebe, meine Art, wie ich Fußball denke“, sagt er. Und so ist das Besetzen der Linien zwischen den Ketten der Gegner ein Werkzeug, das Walter nicht auf Sturm und Mittelfeld beschränkt. Sondern bereits beginnend mit dem Torhüter einsetzt. Walter: „Das ist machbar und möglich.“

Rückt der Innenverteidiger nun im Volltempo in den Raum zwischen Angriff und Mittelfeld des Gegners, positionieren sich die eigenen Sechser sofort höher und breiter, schaffen im Zentrum Raum, bilden Anspielstationen im Halbraum und können mit den hoch stehenden Außenspielern Überzahlsituationen auf dem Flügel schaffen. Ein selbst erdachtes Konzept aus bestehenden Bausteinen des Fußballs. Innovation auf Walter-Art.

Mut zum Risiko

Dass dieser Ansatz durchaus riskant ist, weiß auch der Schöpfer selbst. Sein Gegengift: Mut. „Es geht nur um die Überzeugung in die eigene Stärke“, sagt er. „Auch wenn ich sie manchmal hart angehe: Ich sage den Spielern jeden Tag, dass sie besser sind als alle anderen, dass sie immer gewinnen können, wenn sie alles dafür tun.“ Allein durch seine Spielphilosophie gebe er seinen Spielern schon mit auf den Weg, dass sie gut seien, betont Walter.Denn: Riskante Eins-gegen-eins-Situationen sind in seinem System einkalkuliert. Die fehlende Absicherung hat gegen den Ball ihren Preis. Die Spieler sind dann oft auf sich allein gestellt – für Walter wiederum etwas, aus dem Positives erwachsen kann: „Das ist mein Vertrauen in den Abwehrspieler. Er muss den Zweikampf gewinnen. Das Verantwortungsbewusstsein gegenüber seinen Mitspielern wird größer. Das stärkt die Gemeinschaft.“

Fußball beginnt im Kopf

„Ich will, dass alle rotieren“, sagt Tim Walter. Extreme Positionswechsel, verschieben, Lücken reißen, die Ordnung des Gegners sprengen. „Dadurch werde ich flexibler, variabler.“ Formationsbezeichnungen sind Schall und Rauch. Walters Elf ist im 4-2-3-1 angeordnet, aber mit Anpfiff ist alles im Fluss. „Das bedarf extremer Aufmerksamkeit.“ Seine Spieler müssten immer wach sein. „Das braucht Zeit, die Abläufe müssen in Fleisch und Blut übergehen.“ Und das geht am besten im Training. „Wir nutzen viele Spielformen mit vielen Regeln, Provokationsregeln. Veränderte Abläufe, um die Jungs vom Kopf her noch wacher zu machen“, erklärt Walter. Das goldene Rezept: Überforderung. „Wenn ich im Training überfordere durch viel Druck auf engen Räumen unter Zeitdruck, wird es im Spiel einfacher.“

Und, wo steht die Mannschaft?

„Mit dem Übertrag bin ich bisher zufrieden“, sagt Walter. Es brauche Zeit. „Wir sind jetzt an dem Punkt, dass es im Ballbesitz schon ganz gut klappt, wir es technisch aber noch nicht ganz sauber ausführen können.“ Da müsse man noch hinkommen. Ballannahme, Ballmitnahme, Passspiel, eins gegen eins. Und: „Wir müssen noch weiter in die Offensive denken.“ Der Trainer lebt es vor. Innovativ, radikal.

​Stimmt ab! Wie schlagen sich die Störche im nächsten Spiel?


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