10. Oktober 2018 / 04:51 Uhr

Holstein Kiel setzt auf neue digitale Möglichkeiten

Holstein Kiel setzt auf neue digitale Möglichkeiten

Redaktion Sportbuzzer
Fabian Wohlgemuth ist seit Juni 2018 Sportdirektor der KSV Holstein.
Fabian Wohlgemuth ist seit Juni 2018 Sportdirektor der KSV Holstein. © Uwe Paesler
Anzeige

Scouting, Strategie, Analyse: Moderner Fußball als Spiel der Daten

Buzzer deine Meinung!
  • Fail
    -
    Fail
  • Läuft
    -
    Läuft
  • Krass
    -
    Krass
  • WTF
    -
    WTF
  • Kopf Hoch
    -
    Kopf Hoch
  • Peinlich
    -
    Peinlich
Anzeige

Der Ball ist rund, das Spiel dauert 90 Minuten – und es ist digital. Ein Tanz aus Algorithmen und Metriken. Der Fußball ist heutzutage ein Spiel der Millionen Daten. Erfasst von großen Anbietern, verarbeitet von zugeschnittenen Programmen. Wer in ihnen richtig liest, kann sich auf dem Platz, auf dem Transfermarkt oder in der Leistungsdiagnostik entscheidende Vorteile verschaffen. Der gläserne Spieler ist Wirklichkeit. Elf Datenpakete müsst ihr sein.

Projensdorf im Oktober. Die Blätter fallen von der Eiche vor der Geschäftsstelle von Holstein Kiel. Der Herbst ist da. Doch drinnen ist Frühjahrsputz: Die sportliche Führung sattelt gerade um auf ein neues System. „Um zum Start der neuen Saison voll im Thema zu sein, wollen wir es jetzt Schritt für Schritt einführen“, sagt Sportdirektor Fabian Wohlgemuth und zeigt auf den großen Bildschirm an der Wand seines Büros. Darauf: eine Übersicht der Leistungen der Software „Sports One“ von SAP.

Die Nationalmannschaft nutzt sie, die meisten Bundesligisten. Und bald auch Holstein Kiel. Der Vorteil: Die digitale Plattform bündelt alles, was moderne Fußballvereine brauchen. Ein eigenes Messenger-System, individualisierte Videosequenzen für jeden Spieler, Leistungsdaten, die weit über die klassischen Statistiken hinausgehen – und das natürlich alles bequem übers Smartphone abrufbar. Der Fußball 2018 ist digital. Auf dem Platz stehen noch echte Menschen aus Fleisch und Blut. Doch unter ihnen zirkuliert an mächtiger Ozean aus Daten.

„Wir nutzen sie tagtäglich“, sagt Wohlgemuth. Es fange bei der Messung der Herzfrequenz an, „und hört damit auf, dass wir den 17-jährigen Linksverteidiger aus Georgien über mehrere Tausend Kilometer Entfernung live beobachten können.“ Gerade im Spielerscouting hat die Digitalisierung nicht weniger als eine Revolution angestoßen. Eine Schwemme an Tools existiert auf dem Markt, mit denen Spieler rund um den Globus analysiert werden können. Instatscout etwa, oder Wyscout.

Wohlgemuth führt es anhand eines Spielers aus der belgischen Liga vor. Wie bei einem Managerspiel ist alles mit wenigen Klicks verfügbar. Heatmaps, die Aufschluss über die Positionierung des Spielers auf dem Feld geben. Laufleistung, Passschärfe, Transfererlöse, Vertragslaufzeiten. Und natürlich die Verletzungshistorie. Alles unterfüttert mit unzähligen Videosequenzen.

„Im Idealfall ist man vor Ort und schaut sich das Spiel persönlich an“, sagt Wohlgemuth über das Vorgehen bei der Spielerbeobachtung. „Weil die personellen Ressourcen grundsätzlich begrenzt sind, treffen wir aber eine Vorauswahl anhand der Vergleichsportale und des Bildmaterials.“ Den Kaderplanern entgeht heute also nichts mehr. Der gläserne Spieler ist längst Wirklichkeit. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt der Störche-Sportdirektor und meint: Der Spieler gibt seine persönlichen Daten digital preis, und bekommt im Gegenzug womöglich irgendwo einen lukrativen Vertrag.

Wie digital ist Holstein Kiel

Besonders die Kaderplanung ist zum Spiel der Daten geworden. Parameter eingeben, ein Mausklick – und schon spuckt das Programm auf Basis eines Algorithmus’ eine Liste potenzieller Neuzugänge aus, die bei anderen Vereinen vielleicht durchs Scouting-Raster gefallen sind. Am Ende steht der ideale Kader. Oder nicht?

Als das Buch Moneyball im Jahr 2003 auf den Markt kam, wurde erstmals eine breitere Öffentlichkeit auf das Thema Datenanalyse im Sport aufmerksam. Die später mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmte Geschichte erzählt die Ereignisse der Moneyball Years im Baseball, als die Oakland Athletics unter ihrem General Manager Billy Beane ab 1997 auf Basis sogenannter Sabermetrics eine Reihe von Spielern verpflichteten, die nach gängigen Statistiken eher mittelmäßig veranlagt waren. Oakland, seinen Konkurrenten finanziell eigentlich unterlegen, erreichte nun regelmäßig die Playoffs.

Moneyball hinterließ auch im Fußball nachhaltig Eindruck. „Man dachte: Wenn wir statistische Daten erheben, dann erschaffen wir über Algorithmen irgendwann den Bauplan für die perfekte Fußballmannschaft“, sagt Wohlgemuth, spricht aber auch den wunden Punkt an: „Fußball lebt von Emotionen, von der Mannschaftsdynamik und den vorhandenen Charakteren. Daten allein sind nur ein Teil des Puzzles.“

Doch dieses Puzzleteil passt geschmeidiger denn je. Ähnlich den Sabermetrics werden immer neue Metriken im Fußball geschaffen, die das Spiel neu vermessen. Das von den Ex-Profis Stefan Reinartz und Jens Hegeler entwickelte Packing etwa, das Aufschluss über die mit einer Ballaktion überspielten Gegenspieler gibt. Oder die Expected Goals. Auf Grundlage unzähliger Spieldaten geben Prozentwerte an, wie wahrscheinlich ein Torerfolg in einer bestimmten Abschlussposition ist. Von der Eckfahne tendiert der Wert gen Null, rund um den Strafraum schnellt er nach oben. So ergibt sich ein xG-Wert für jeden Abschuss, sowohl für jeden Spieler als auch fürs Team. Holstein Kiel hatte etwa gegen Union Berlin (0:2) einen Wert von errechneten 1,4 Toren, gegen Darmstadt (4:2) lag der tatsächliche Wert hingegen deutlich über dem zu erwartenden (1,8).

Das mag man als nette Ergänzung abtun, Vereine wie der dänische Erstligist FC Midtjylland richten auf solche Metriken und digitale Erkenntnisse konsequent ihre Kader- und Spielplanung aus. Mit Erfolg: Midtjylland holte 2015 und 2018 die Meisterschaft und ließ die finanzstarke Konkurrenz um Bröndby IF und den FC Kopenhagen hinter sich.

Das tägliche Arbeiten auf Basis von Daten erfordert große fußballerische Intelligenz der Spieler. Fabian Wohlgemuth jedenfalls hegt Zweifel, ob das Modell dauerhaft Schule macht: „Sind alle unsere Spieler in der Lage, das zu verstehen, wenn wir ihnen taktische Algorithmen mit an die Hand geben? Ist es denn nicht die Kunst, die Spieler zu finden, die von Haus aus fußballerische Intuition mitbringen?“

Und bei dieser Kunst komme es weiterhin auf Dinge an, die kein Datenpaket der Welt leisten könne. „Der Faktor Mensch ist nach wie vor der wichtigste. Auch in 100 Jahren werden wir Verantwortliche mit einem guten Näschen brauchen, um Punkte einzufahren und die richtigen Spieler zu verpflichten“, sagt Fabian Wohlgemuth. „Ein erfahrener Trainer wird am Ende wahrscheinlich die bessere Entscheidung treffen als derjenige, der sich nur an Statistiken entlanghangelt.“

Doch die Datenströme sind da. Die Algorithmen werden Tag für Tag verfeinert. Das digitale Netz breitet sich bis in die entlegensten Winkel der Erde aus. Und die Technologie ist drauf und dran, die nächste Revolution einzuleiten. „In vier Jahren könnte es tatsächlich so sein, dass du als Spieler mit der Virtual-Reality-Brille auf den Trainingsplatz gehst und dir die taktisch beste Variante vorgegeben wird“, sagt Wohlgemuth. Augmented Reality könnte das nächste große Ding im Fußball sein. Oder etwas ganz anderes. Denn alles scheint möglich.

Mehr zu Holstein Kiel

Diese Spieler haben Holstein Kiel in der Vergangenheit geprägt:

Fiete Sykora war über Jahre hinweg (2009-2015) Stammspieler bei Holstein Kiel. In 158 Spielen erzielte der Stürmer 43 Tore. Zur Galerie
Fiete Sykora war über Jahre hinweg (2009-2015) Stammspieler bei Holstein Kiel. In 158 Spielen erzielte der Stürmer 43 Tore. ©
Anzeige
Die aktuellen TOP-THEMEN

Mehr Fußball aus der Region

Mehr Fußball vom Sportbuzzer

Anzeige
Sport aus Kiel
Sport aus aller Welt