08. Dezember 2017 / 18:19 Uhr

HSV-Boss Heribert Bruchhagen im Interview: "Wir sind KEIN Chaos-Klub!"

HSV-Boss Heribert Bruchhagen im Interview: "Wir sind KEIN Chaos-Klub!"

Sebastian Harfst
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Heribert Bruchhagen ist seit Dezember 2016 Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV. Im Interview mit dem SPORTBUZZER äußert er sich unter anderem über das Juwel Jann-Fiete Arp
Heribert Bruchhagen ist seit Dezember 2016 Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV. Im Interview mit dem SPORTBUZZER äußert er sich unter anderem über das Juwel Jann-Fiete Arp © imago
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Vom Rentner zum Bundesliga-Boss: Vor einem Jahr wird Heribert Bruchhagen Vorstandschef beim Hamburger SV. Das exkusive SPORTBUZZER-Interview über Visionen nach einem Jahr beim HSV, den 17-jährigen Hoffnungsträger Jann-Fiete Arp, die Bundesliga – und ihre Rolle in Europa.

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Eigentlich hatte Heribert Bruchhagen beruflich schon fast mit der Fußball-Bundesliga abgeschlossen. Nach mehr als 13 Jahren als Vorstandsvorsitzender bei Eintracht Frankfurt war er im Sommer 2016 in Rente gegangen. Um kaum ein halbes Jahr später, am 14. Dezember 2016, dem Ruf des kriselnden Hamburger SV zu folgen – und dort als Vorstandsboss anzuheuern.

Ein Schritt, den der 69-Jährige auch ein Jahr später nicht bereut.

Herr Bruchhagen, Sie könnten die Bundesliga gemütlich von zu Hause aus verfolgen ...

Ich hatte im Juli 2016 nach dreizehneinhalb Jahren bei Eintracht Frankfurt einen würdevollen Abschied. Eigentlich hatte ich geglaubt, dass mein Engagement in der Bundesliga damit beendet ist. Ich war aber in den Neunzigerjahren schon Manager beim HSV, habe meine Mitgliedschaft beim HSV immer weitergeführt. Auch meine Kinder leben in Hamburg. Und als mich dann die Nachfrage des HSV-Aufsichtsrats erreicht hat, habe ich mich doch sehr gefreut. Klar, es sah alles andere als gut aus, ist aber gut gegangen (der HSV war in akuter Abstiegsgefahr, als Bruchhagen übernahm, d. Red.). Mein Glück war, dass der Verein von meinen Vorgängern so gut strukturiert wurde.

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Dabei gilt der HSV als Chaosklub …

Der Begriff Chaosklub ist nicht gerechtfertigt. Grund dafür sind, neben dem sportlich unbefriedigenden Abschneiden der letzten Jahre, viele Störfeuer aus dem Umfeld des Vereins. Für mich ist klar: Ich war Vorstandsvorsitzender bei Eintracht Frankfurt, deswegen werde ich mich nicht mehr über Eintracht Frankfurt äußern. Das gehört sich nicht.

Sie haben das Engagement beim HSV als eine Art Pflichtaufgabe bezeichnet. Kann man solch einen Job nur aus Pflichtgefühl machen?

Der Reiz der Bundesliga spielt mit. Obwohl ich Spiele schon sehr angespannt verfolge, weil ich weiß, wie viel Verantwortung auf dem grünen Rasen liegt. Andererseits gibt es nichts Schöneres. Hätte man mir damals auf unserem Dorfplatz prophezeit, dass ich mal 30 Jahre in der Bundesliga tätig bin … Da ist ein Traum in Erfüllung gegangen, auch wenn es zu einer Karriere als Spieler in der 1. Bundesliga nicht gereicht hat. Ich habe einen wunderbaren Beruf – mit all den Aufgeregtheiten.

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Bruchhagen über Kühne: "Wenn mir seine Äußerungen zu weit gingen, dann habe ich mich gewehrt"

Können Sie diese Aufgeregtheiten spielerischer betrachten, weil Sie schon alles gesehen haben?

Zumindest schaffe ich es, mir ein gewisses Rollenspiel aufzuerlegen, mich unaufgeregt zu verhalten und eine gewisse Souveränität auszustrahlen.

Haben Sie den Schritt zum HSV jemals bereut?

Nein. Entscheidend ist, was sportlich passiert ist. Und sportlich sind wir in der Rückrunde Siebter geworden. Der Abstieg ist vermieden worden, diesem Ziel war alles unterzuordnen.

Auch brisante Interviews Ihres Investors Klaus-Michael Kühne können Ihr Fazit nicht schmälern?

Ich glaube nicht, dass wir solch eine tolle Rückrunde ohne die Neuzugänge hingelegt hätten. Diese Transfers waren aber nur durch das Engagement von Herrn Kühne möglich. Und das zeigt, dass Herr Kühne in der Vergangenheit mehr als wichtig war für den HSV. Wenn mir seine Äußerungen zu weit gingen, dann habe ich mich gewehrt. In der persönlichen Begegnung ist Herr Kühne sehr höflich und verständnisvoll. In seinen Interviews kommt manchmal die Emotionalität hinzu. Darauf muss man sich einstellen.

SPORTBUZZER-Redakteur Sebastian Harfst im Gespräch mit HSV-Boss Heribert Bruchhagen.
SPORTBUZZER-Redakteur Sebastian Harfst im Gespräch mit HSV-Boss Heribert Bruchhagen. © Sportbuzzer

"Das Meckern über den HSV ist leider schon ein bisschen zur Mode geworden"

Wird der HSV von außen zu negativ gesehen?

Ein Beispiel: Als wir 3:1 gegen Stuttgart gewonnen haben, gleichzeitig unsere U21 die Regionalliga Nord angeführt hat und am selben Tag unsere U19 und U17 Tabellenführer waren, hatte ich das Ziel, dies mal in den Vordergrund zu stellen. Es ist nicht gelungen. Warum? Weil es zeitgleich Diskussionen über die Besetzung des Aufsichtsrats gab. Wir müssen damit leben, dass es um uns herum immer wieder Geschichten gibt, die nicht zielführend für den Sport sind. Wir sind von Medien umschwirrt, haben aber gleichzeitig einen Zuschauerschnitt von 50000. Das eine wäre ohne das andere nicht möglich. Das Meckern über den HSV ist leider schon ein bisschen zur Mode geworden. Auch weil man sich nicht genug mit den Gegebenheiten in der Bundesliga auseinandersetzt.

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Wie meinen Sie das?

In den nächsten zehn Jahren werden bis auf die international spielenden Klubs zehn Vereine mit Tradition zwischen Mittelfeld und Abstiegskampf pendeln. Die Entwicklung ist frappierend. Wo sind Köln und Freiburg in der letzten Saison gelandet – und wo stehen sie jetzt? Die internationalen Fernsehgelder sind riesig, die Schere ist immer weiter auseinandergegangen.

Sind für einen Verein wie den HSV trotzdem Visionen erlaubt?

Unsere Vision ist Kontinuität. Denn Kontinuität zieht Vernunft und letztlich auch sportlichen Erfolg nach sich.

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Zu hohe Erwartungshaltung beim HSV? "Sehe meine Aufgabe auch darin, die Realität zu schildern"

Das wollen aber alle.

Ja, aber glauben Sie mir, mit welcher Konsequenz ich diesen Weg durchhalte! Berechenbarkeit und Kontinuität sind auch Visionen. Nicht immer nur diese herbeigerufenen Tabellenplätze. Bei Wirtschaftsunternehmen mag es stimmen, dass nur Großes erreicht, wer sich große Ziele setzt. Im Fußball ist das nicht so. Es ist doch absurd. Bis auf Bayern setzt sich jeder Verein Ziele, die höher sind als die Leistung der vergangenen Saison. Das geht aber nicht. Und so können die meisten ihre Ziele gar nicht erreichen. Aber sagen Sie mal vor der Saison: „Wir waren letzte Saison in der Relegation, wir wollen wieder in die Relegation.“ Was meinen Sie, was da los ist. Wir sind also genötigt, uns hohe Ziele zu setzen. Und deswegen sehe ich meine Aufgabe hier in Hamburg auch darin, die Realität zu schildern.

Großes Lob an Fiete Arp

Welche Zwänge zieht das nach sich? Planen Sie zweigleisig?

Das ist unsere Pflicht. Am 15. März müssen wir die Planungen für die 2. Liga bei der DFL einreichen. Und es wäre ja fahrlässig, wenn wir den Zweitligafall nicht bearbeiten würden.

Sie müssen Ihren Verein rational betrachten – in der emotionalen Umgebung des Fußballs. Wie schaffen Sie das?

Einen Tod muss man sterben. Ich habe mich für die rationale Betrachtung entschieden. Das zieht Fragen nach sich: „Wo bleibt denn da die Vision? Wo bleibt denn da die Emotionalität?“ Glauben Sie mir: Auch für mich ist es auf der Tribüne manchmal kaum auszuhalten. Ich muss deswegen aber nachher nicht in Pressekonferenzen meine Emotionen rausblasen. Ich schütze mich selbst, indem ich rechts von mir Bernd Wehmeyer (HSV-Klubmanager, d. Red.) sitzen habe und links von mir Bernhard Peters (Direktor Sport, d. Red.). In diesem Umfeld bin ich mit meinen Gedanken geschützt.

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Für lange nicht gekannte Emotionen sorgt ihr Sturmjuwel Jann-Fiete Arp. Können Sie den Fans versprechen, dass er bis 2019 bleibt?

Davon bin ich überzeugt. Aber ich habe schon ähnliche Situationen erlebt. Nehmen wir Sonny Kittel bei Eintracht Frankfurt. Wir wurden deutscher B-Jugendmeister, er bekam die Fritz-Walter-Medaille, spielte mit 17 Jahren in der Bundesliga – und heute nach schweren Verletzungen in der 2. Bundesliga. Das soll nicht die Prognose für Fiete Arp sein. Ich habe aber schon zu viel erlebt. Festzuhalten bleibt, dass uns diese Geschichte Fiete Arp rundweg guttut. Gleichzeitig müssen wir das richtige Maß finden. Ich vertraue da voll auf den Trainer und auf den Jungen mit seinem Berater Jürgen Milewski. Der hat gesagt, dass Fiete selbst entscheidet, welchen Weg er gehen will.

Und Sie tun alles für seinen Verbleib?

Ich kann nicht in die Glaskugel schauen, aber bis 2019 bin ich mir da ziemlich sicher. Wir sind uns der Bedeutung, solch einen Spieler in unseren Reihen zu haben, bewusst. Name, Aussehen, Herkunft – wenn wir ein Marketing-Institut beauftragen würden, ein Bild des idealen HSV-Spielers zu zeichnen: Es käme genau auf diesen Typus. Wir machen das Mögliche.

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"Jeder weiß, dass ich das gerne mache"

Inwieweit beruhigen Sie in dieser Hinsicht die finanziellen Möglichkeiten Ihres Investors?

Der HSV muss auch aus eigenen Kräften in der Lage sein, einen solchen Spieler zu halten. Es kommt auch viel auf die Emotionalität an. Wenn wir nach dem reinen Geldmarkt gingen, hätten wir keine Chance.

Wie lange wollen Sie denn Ihren Weg noch in Diensten des HSV gehen?

Jeder weiß, dass ich das gerne mache. Ich sehe das entspannt. Im Augenblick habe ich genug damit zu tun, unsere Mannschaft mit Jens Todt und unserem Trainer so zu formen, dass sie stabil ist.

Die Schere in der Bundesliga klafft auseinander. Trotzdem sagen Sie, die Bundesliga sei ein tolles Produkt. Wie sehr lenken Nebenschauplätze wie die Diskussionen um den Videobeweis oder 50+1 von diesem Produkt ab?

Vom rein Sportlichen lenkt das natürlich ab. Wir gehen aber sowieso immer mehr in Richtung Entertainment. Als ich vor 30 Jahren mal auf Schalke angefangen habe, haben 50 Prozent der Zuschauer den „Kicker“ gelesen. Ich behaupte, dass es heute höchstens noch 15 Prozent sind. Auf Schalke wusste früher jeder Zuschauer, dass der Halblinke nicht mit rechts flanken konnte. Alle hatten eine enge Beziehung zum Fußball. Es war klarer, die Wahrheiten im Fußball waren einfacher. Heute geht es mehr und mehr um Emotionalität, um das Gemeinschaftserlebnis in behaglicher Atmosphäre. Das Publikum hat sich zum Teil gewandelt.

"Ich weiß nur, dass 50+1 die Bundesliga dahin gebracht hat, wo sie heute ist. Nämlich zur – in der Gesamtbetrachtung – besten Liga der Welt"

Es mehren sich Stimmen, die sagen, dass der Gipfel überschritten ist.

Prognosen sind schwierig im Fußball. 1992 habe ich im Ligaausschuss zu Protokoll nehmen lassen, dass, wenn wir einer Live-Konferenzschaltung bei Premiere zustimmen, in fünf Jahren die Bundesliga-Stadien leer sind. Falscher konnte ich nicht liegen. Anderes Beispiel: Als Roger Van Gool damals als erster Spieler für eine Millionensumme in die Bundesliga gewechselt ist, hieß es: „Jetzt haben die vollständig den Verstand verloren.“ Heute wechselt ein Spieler für 222 Millionen Euro. Dazu kann ich nur sagen, dass die Spreizung, die den nationalen Wettbewerb vorhersehbar macht, nun auch die Champions League erreicht.

Braucht die Bundesliga deswegen das Ende von 50+1?

Ich weiß nur, dass 50+1 die Bundesliga dahin gebracht hat, wo sie heute ist. Nämlich zur – in der Gesamtbetrachtung – besten Liga der Welt. Ich vermag jedoch nicht einzuschätzen, welche Rückschlüsse gezogen werden, wenn die Bundesliga sportlich demnächst zurückfallen sollte.

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