11. Oktober 2018 / 14:48 Uhr

Der Sonne entgegen? Der sehr junge Verein Inter Roj Wunstorf strebt nach Höherem

Der Sonne entgegen? Der sehr junge Verein Inter Roj Wunstorf strebt nach Höherem

Nicola Wehrbein
Sie drücken aufs Gaspedal: Die Fußballer von Inter Roj Wunstorf eilen in der 4. Kreisklasse von Sieg zu Sieg.
Sie drücken aufs Gaspedal: Die Fußballer von Inter Roj Wunstorf eilen in der 4. Kreisklasse von Sieg zu Sieg. © Nicola Wehrbein
Anzeige

Inter Roj Wunstorf ist einer der jüngsten Verein in der Region Hannover. Noch spielt die Mannschaft von Nusrettin Bulut in der 4. Kreisklasse, doch die Saison lässt sich gut an. Im XXL-Interview spricht Vorstandsmitglied Delal Basak über die Entwicklung des kurdisch geprägten Club.

Buzzer deine Meinung!
  • Fail
    -
    Fail
  • Läuft
    -
    Läuft
  • Krass
    -
    Krass
  • WTF
    -
    WTF
  • Kopf Hoch
    -
    Kopf Hoch
  • Peinlich
    -
    Peinlich
Anzeige

„Inter“ steht für international. Und „Roj“ ist das kurdische Wort für Sonne. Im Sommer vergangenen Jahres hat der neu gegründete Verein Inter Roj Wunstorf die Fußballbühne betreten – mit einer Männermannschaft in der 4. Kreisklasse unter der Regie von Trainer Nusrettin Bulut. Dem kurdisch geprägten Club schlug anfangs viel Skepsis entgegen.

Diese Saison nimmt Inter Roj sogar mit zwei Teams am Spielbetrieb teil. Mittelfristig soll noch ein Juniorenteam hinzukommen. Vorstandsmitglied Delal Basak spricht im Interview über Vorurteile und verbrannte Erde, Platzprobleme und Perspektiven.

Ein neuer Verein auf der Landkarte der Fußball-Region: Inter Roj Wunstorf

Zur Galerie
Anzeige

Hallo Herr Basak, auf dem Vereinswappen Ihres Klubs strahlt die Sonne. Ein Sinnbild für Ihr Projekt?

Ja, unbedingt. Einige hatten die kurdische Flagge als Vereinswappen vorgeschlagen. Aber das haben wir sofort verworfen, wir sind ja keine Nationalmannschaft. Im Gegenteil. „Inter“ steht nicht nur auf dem Papier für Internationalität, wir wollen verschiedene Nationen und Kulturen bei uns vereinen. Unser Verein ist für jeden offen. Und die Sonne ist ein positives Symbol für alle Menschen.

Und welche Nationalitäten sind bei Inter Roj am Ball?

Viele denken, wir seien ein rein kurdischer Klub und nicht offen für andere Nationalitäten. Deshalb ist es derzeit so, dass bis auf Mannschaftsbetreuer Florian Dederichs alle Vereinsmitglieder, ob Vorstand oder Aktive, kurdische Wurzeln haben. Die meisten von uns sind Deutsche mit Migrationshintergrund. Wir sind in Deutschland geboren, haben eine gute Schulbildung, gute Jobs und sind bestens integriert. Fast alle haben vorher bei anderen Klubs in Wunstorf und Barsinghausen gespielt. Auf dem Platz wird in der Regel deutsch gesprochen.

Was ist aus der Grundidee geworden, jungen Flüchtlingen eine sportliche Heimat zu bieten?

Aktuell sind drei Flüchtlinge bei uns im Team, auch dieses Trio hat einen kurdischen Hintergrund. Ursprünglich sind wir davon ausgegangen, dass es mehr junge Flüchtlinge zu uns ziehen würde. Wir hatten die Vorstellung, dass es den Menschen aus Syrien oder anderen Kriegsgebieten bei uns im Verein leichter fallen würde, sich einzuleben und einzuordnen.

"Inter Roj kann einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten."

Und dass wir ihnen mit der deutschen Sprache weiterhelfen und ihnen die deutsche Kultur nahebringen können. Inter Roj kann einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten. Gerade weil wir alle in Deutschland gut Fuß gefasst haben. Aber es sind letztlich doch nur Einzelne, die daran echtes Interesse haben. Wir arbeiten in dieser Angelegenheit auch eng mit dem Integrationsbeirat Wunstorf zusammen.

Mehr Berichte aus der Region

Inter Roj hat in der ersten Saison seiner jungen Vereinsgeschichte als Dritter knapp den angepeilten Aufstieg in die 3. Kreisklasse verfehlt. Wie groß ist die Enttäuschung?

Vergangene Saison haben wir den Aufstieg nur wegen des direkten Vergleichs verpasst. Der SV Ihme-Roloven II ist, trotz einer deutlich schlechteren Tordifferenz, an uns vorbei auf den zweiten Platz gerutscht. Aber jetzt greifen wir wieder oben an. In unserem Team um Kapitän Metin Özden steckt viel Qualität.

Delil Sincar prominenter Neuzugang

Mit Delil Sincar vom 1. FC Germania Egestorf/Langreder haben wir uns prominent verstärkt. Übrigens ist Sincar gut befreundet mit Hannover-96-Shootingstar Hendrik Weydandt. Bislang haben wir alle Spiele gewonnen und stehen mit 18 Punkten auf dem dritten Platz. Es läuft also.

Und der Verein ist um eine zweite Männermannschaft in der 4. Kreisklasse Staffel 1 gewachsen.

Unmittelbar nach der Vereinsgründung im Mai letzten Jahres hatten wir einen enormen Zulauf. Damals konnten wir noch nicht einschätzen, wie viele der 40 Akteure verlässlich dabei sind – und bleiben. Deshalb hatten wir zur Saison 2017/2018 nur eine Mannschaft gemeldet. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass wir stabil auf einen Kader von etwa 35 bis 40 Spielern setzen können. Bei zwei Teams haben nun alle die Möglichkeit, zum Einsatz zu kommen.

Wie haben die Gegner auf den neuen Verein reagiert?

Ausnahmslos skeptisch. Alle Teams, die das erste Mal auf uns getroffen sind, hatten Vorbehalte. Wieder eine dieser ausländischen Mannschaften, die Ärger macht, rumdiskutiert, ihre Emotionen nicht im Griff hat und sich jede Menge Karten einhandelt – die ganze Palette. Aber diesen Stempel wollen wir uns nicht aufdrücken lassen.

"Wir bekommen viel Lob für unser Auftreten."

Und spätestens zur Halbzeit waren bei den gegnerischen Teams die Vorurteile ausgeräumt. Wir bekommen viel Lob für unser Auftreten. Dabei benehmen wir uns ganz normal. Aber das gilt dann offenbar schon als besonders. Andere Klubs haben leider viel verbrannte Erde hinterlassen.

Und wie begegnen die Schiedsrichter dem Team?

Die meisten Unparteiischen machen ihre Sache echt gut. Es gibt allerdings einzelne Schiedsrichter, vornehmlich der älteren Generation, die uns schon vor dem Anpfiff zur Seite nehmen und mit erhobenem Zeigefinger etwas in dem Sinne sagen wie: „Bei mir wird nicht gepöbelt, merkt euch das.“ Nur an uns gewandt, nicht an den Gegner.

"Uns ist klar, dass Disziplin enorm wichtig ist."

Da spielt offenbar die schlechte Erfahrung mit hinein, dass ausländische Teams oft für Unruhe sorgen. Uns ist klar, dass Disziplin enorm wichtig ist. Natürlich regen wir uns mal auf und kassieren Karten, keine Frage. Halt genau wie jede andere Fußballmannschaft auch.

Die Spielstätte von Inter Roj, der Jahnsportplatz, ist in einem wirklich katastrophalen Zustand.

Da fühlen wir uns von der Stadt Wunstorf ziemlich allein gelassen. Bislang haben die Gespräche nichts gebracht. Bei trockenem Wetter ist der Platz wie Beton. Regnet es, stehen wir im Matsch. Es kam vor, dass ein Schiedsrichter die Partie mittendrin unterbrochen hat, damit wir Löcher stopfen.

Grenzwertige Platzverhältnisse

Eigentlich dürfte dieser Platz aufgrund des hohen Verletzungsrisikos nicht als Fußballplatz zugelassen werden. Wir hatten schon zwei Kreuzbandrisse und Schürfwunden ohne Ende. Die Gegner bieten uns regelmäßig an, bei ihnen zu spielen, also das Heimrecht abzutreten. Und wegen des fehlenden Flutlichts ist ein Training im Winter unmöglich.

Die Bilder der Saison 2018/2019 in Hannovers Amateurfußball:

Zur Galerie

Gibt es keine Alternative?

Die Stadt hat uns den Platz des TSV Mesmerode als Alternative vorgeschlagen. Das wäre auch eine Super-Sache. Zumal die Mesmeroder nur eine Mannschaft im Spielbetrieb haben. Aber dann hieß es plötzlich, es gebe Probleme mit der Kabinennutzung.

"Gefühlt will uns dort keiner so richtig."

Uns wurde statt der Kabine ein etwa vier Quadratmeter kleiner Abstellraum angeboten, mit nur einer Dusche. Wir haben eine Containerlösung angeregt. Aber gefühlt will uns dort keiner so richtig.

Eine vernünftige Heimstätte wäre ein Wunsch für die Zukunft. Was noch?

Wir möchten ein Nachwuchsteam aufbauen, gerne eine Bambini-Truppe. Bei uns laufen viele fußballbegeisterte Kids rum. Einige tragen schon stolz unser Trikot. Aber die Kinder sind alle in unterschiedlichen Altersklassen. Für ein Team braucht es gleichaltrige Spieler. Wer also Lust hat ... Der Aufstieg der ersten Mannschaft ist ein großes Ziel. Und wir würden gern in einigen Jahren die Wunstorfer Stadtmeisterschaft ausrichten. Um uns zu zeigen. In der Begegnung zwischen Menschen lassen sich eventuell bestehende Vorbehalte doch am besten ausräumen.

Ein Blick in die Geschichte:

Die Region Hannover hat schon mehr als ein Dutzend Vereine mit internationalem Ursprung hervorgebracht. Wegbereiter war der 1975 aus der Taufe gehobene SV Damla Genc, der es bis in die Niedersachsenliga schaffte, ehe er den Spielbetrieb zur Saison 2016/2017 aus finanziellen Gründen einstellen musste. In diesem Sommer verschwand dann auch Inter Burgdorf von der Fußballlandkarte, weil sich der wie Inter Roj Wunstorf kurdisch geprägte Klub nur neun Jahre nach seiner Gründung dem SC Langenhagen anschloss.

Andere Klubs erleben hingegen gerade ihre Blütezeit. Der SV Iraklis Hellas beispielsweise machte im Juni mit dem Aufstieg in die Landesliga den größten Erfolg seiner 39-jährigen Vereinsgeschichte perfekt. Immerhin schon auf fast 25 Jahre kann Inter Rojs Lokalrivale Türkspor Wunstorf zurückblicken. Mit dem 2018 gegründeten SV Bosna Sandzak gibt es aber auch einen Klub, der noch jünger ist als der Verein mit der Sonne im Wappen.

Die aktuellen TOP-THEMEN

Mega-Sale: SPORTBUZZER-SHOP

Mehr Fußball aus der Region

Mehr Fußball vom Sportbuzzer

Anzeige
Sport aus Hannover
Sport aus aller Welt