VfL-Trainer Andries Jonker VfL-Trainer Andries Jonker © dpa
VfL-Trainer Andries Jonker

"Der VfL Wolfsburg versucht, vernünftig zu sein": Trainer Andries Jonker im XXL-Interview

Der VfL Wolfsburg ist zurück aus dem Trainingslager. Im großen Interview spricht VfL-Trainer Andries Jonker über Mario Gomez, Neuzugänge, die Bundesliga und den niederländischen Fußball. 

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Am Sonntagabend ging für den VfL Wolfsburg das erste Trainingslager in Bad Ragaz zu Ende. Im Interview sprach der niederländische VfL-Coach Andries Jonker dort über die neue Saison, den Fußball in seiner Heimat, die Chancen von Mario Gomez auf die WM 2018, ein Comeback von Louis van Gaal - und den Stellenwert der Fußball-Bundesliga.

In der vergangenen Saison schafften Sie mit dem VfL Wolfsburg erst in der Relegation den Klassenverbleib. Was ist denn Ihre Hoffnung für die nächste Saison?

Es ist zu früh, um diese Frage zu beantworten. Wir haben jetzt schon viele Neuzugänge. Ich halte es nicht für unmöglich, dass sich auch noch was tun könnte in der Mannschaft. Aber eines ist klar: keiner hat Lust auf eine Wiederholung des Abstiegskampfes und der Relegation.

Sie haben in Ihrer Karriere viel gemacht. Sie waren Chefcoach in verschiedenen Ländern, Co-Trainer, Sportdirektor, zuletzt Jugendkoordinator beim FC Arsenal. Ist Wolfsburg vielleicht die bisher spannendste Aufgabe für Sie?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Vereine wie Bayern München oder der FC Barcelona, wo ich auch schon gearbeitet habe, haben eine ganz andere Dimension als Wolfsburg. Aber eigentlich ist es egal, wo du arbeitest, du willst überall deine Leistung abrufen. In diesem Sinne ist Wolfsburg nicht mehr oder weniger spannend als andere Clubs.

Inwiefern ist Wolfsburg denn anders als Bayern oder Barcelona?

Da sind so viele Dinge, die unterschiedlich sind, das ist nicht in einem Satz zu beantworten. Aber wenn du bei so einem Verein wie Bayern oder Barça arbeitest, ist der Gewinn der Meisterschaft das Mindestziel. Es gibt da einfach keine Frage nach dem Saisonziel, weil jeder das weiß.

Sie haben bisher noch keinen neuen Kapitän bestimmt. Wer außer Mario Gomez würde dafür überhaupt in Frage kommen?

Da kommt jeder in Frage. Ich möchte nur keinen Torhüter als Kapitän. Ich habe noch reichlich Zeit, darüber nachzudenken. Mario ist natürlich eine Option. Bis zum 10. August werde ich bekanntgeben, wer Kapitän wird.

VfL-Trainer Andries Jonker im Gespräch mit seinem Assistenten Fredrik Ljungberg. VfL-Trainer Andries Jonker im Gespräch mit seinem Assistenten Fredrik Ljungberg. © imago/Geissner

Welchen Stellenwert hat Mario Gomez für die Mannschaft? 

Einen großen. Wir hatten mit Borja Mayoral letzte Saison einen Spieler, der wenig gespielt hat. Da habe ich ihn mal gefragt, wie er sich angesichts der geringen Einsatzzeiten fühlt. Borja meinte dann: „Trainer, ich habe damit zu kämpfen und bin enttäuscht. Aber am Ende sitze ich auf der Bank, weil mit Mario Gomez eine Legende spielt.“ Das sagt eigentlich alles, dass ein ausländischer, junger Spieler Mario als Legende bezeichnet. Auch die anderen Spieler schauen zu ihm auf. Mario zahlt das mit einer sehr positiven Präsenz und seiner Leistung zurück.

Gomez' großer Traum ist die WM 2018. Mit Lars Stindl, Timo Werner oder Sandro Wagner hat Bundestrainer Joachim Löw nun eine breite Auswahl im Angriff. Könnte das für Gomez zum Problem werden?

Es gibt nur Erfolg, wenn du Tore schießt. Und Mario schießt immer Tore.

Ein anderer Offensivspieler, der zuletzt mit dem VfL in Verbindung gebracht wurde, ist Nicolai Müller vom HSV. Würde Ihnen dieser Spieler gefallen?

Das ist ein interessanter Spieler, wie unser Sportdirektor Olaf Rebbe sagt. Das ist doch eine wunderbare Aussage, oder? (lacht)

Sie haben bereits wieder einiges für neue Spieler ausgegeben obwohl die vergangene Saison mit der verpassten Qualifikation für den Europapokal alles andere als ideal lief. Ist es ein großer Vorteil gegenüber anderen Clubs, dass Sie mit VW ein Weltunternehmen im Rücken haben?

Andere Vereine nehmen auch viel Geld in die Hand. Schalke oder Gladbach machen das doch auch, das macht die ganze Bundesliga. Nur wir sind dann immer die Ausnahme. Ich denke, dass der VfL im Moment versucht, ganz vernünftig zu sein. Ich habe das Gefühl, dass man sich in der Öffentlichkeit sehr mit den Ausgaben vom VfL Wolfsburg beschäftigt. Aber dann lese ich, dass Gladbach 17 Millionen Euro für Matthias Ginter bezahlt. Das ist doch auch Geld, oder?

Jonker über Auftaktgegner Dortmund

Dem Nationalteam in Ihrer niederländischen Heimat geht es gar nicht gut. Die vergangene EM wurde verpasst, auch die WM 2018 droht ohne die Niederlande stattzufinden. Stimmt Sie das nachdenklich?

Ich denke, die Nationalmannschaft ist am Ende das Ergebnis der Arbeit des nationalen Verbandes KNVB und einiger Umstände. Louis van Gaal und ich haben 2001 für den KNVB den letzten Plan gemacht. Und in den 15 Jahren danach ist nichts mehr passiert. Es wird Zeit für einen neuen Plan. Andererseits gehen immer mehr holländische Talente schon im Alter von 16 oder 17 ins Ausland. Das ist nur gut für die Geldbeutel von Beratern, Eltern und Spielern, aber der Entwicklung der Spieler ist damit nicht geholfen. Aber wir kommen wieder zurück. Trotz des fehlenden Plans und der genannten Umstände kommen wieder zahlreiche Talente nach. Das kann noch zwei, drei Jahre dauern. Aber die Talente sind so groß und es gibt so viele davon, das kannst du nicht stoppen.

Wäre das auch nochmal was für Sie, Nationaltrainer der Niederlande zu werden? 

Wenn ich eine Sache in meiner Karriere gelernt habe, dann ist das, nie etwas auszuschließen. Aber im Moment denke ich keine Sekunde darüber nach.

Das sind die Neuzugänge des VfL Wolfsburg

In Deutschland gibt es derzeit so viele Talente wie vielleicht nie zuvor. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Weil Deutschland genau das hat, was den Niederlanden fehlt: einen Plan. Ich habe mich bei den Bayern oft mit Matthias Sammer unterhalten, was er in seiner Zeit als Sportdirektor beim DFB gemacht hat, als der deutsche Fußball vor Jahren noch in einer Krise war. Er hat sich damals schlau gemacht in großen Fußballländern wie Spanien, Frankreich oder Holland. Er wollte die deutschen Werte behalten, aber aus dem Ausland mitnehmen, was ihn weiterbringt. Sowas bringt keine Ergebnisse schon im nächsten Jahr, aber in fünf bis zehn Jahren trägt es Früchte. Und jetzt funktioniert es.

Sie haben lange mit Louis van Gaal zusammengearbeitet und sind nach wie vor mit ihm in Kontakt. Seit der Trennung von Manchester United 2016 ist er ohne Job. Sein Karriereende hat er aber dennoch offen gelassen. Werden wir ihn nochmal auf der Trainerbank sehen?

Das weiß man bei ihm nie. Louis macht sich schon seit vielen Jahren Gedanken darüber, definitiv aufzuhören. Er hat alles gewonnen, was man gewinnen kann im Vereinsfußball. Die Frage ist natürlich, was für ihn noch eine Herausforderung ist? Er hat schon öfter gesagt, dass er aufhört. Darum würde es mich nicht überraschen, wenn er nochmal was macht. Aber es kann auch sein, dass diesmal wirklich Schluss ist.

Nachdem Jonker mit dem FC Volendam die geplanten Wiederaufstieg in Ehrendivisie verpasste, trennten sich im Jahr 2000 die Wege. Der Coach zog sich kurzzeitig aus dem Profi-Fußball zurück, eher ihn Louis van Gaal 2002 als Co-Trainer zum FC Barcelona holte. Das Engagement des niederländischen Duos war aber nach knapp einem Jahr wieder vorbei. VfL-Trainer Andries Jonker im Gespräch mit Louis van Gaal. ©

Er wurde oft als schwierig im Umgang beschrieben. Sie kennen ihn gut. Ist er wirklich schwierig, oder was ist er für ein Mensch?

Er hat eine Meinung. Die Meinung ist sehr stark. Und viele Leute ziehen sich danach zurück, weil er sehr offen sagt, was er denkt. Aber er ist auch sehr offen für deine Meinung. Er hört zu und macht sich Gedanken. Aber er fragt immer nach Argumenten. Dann hört er dir auch richtig zu und du kannst gut mit ihm diskutieren. Er wird immer fragen: warum meinst du das, warum ist das so, warum denkst du so?

Mit Peter Bosz ist ein anderer Landsmann von Ihnen seit kurzem Trainer von Borussia Dortmund. Wie gut kennen Sie ihn?

Er hat wie ich zuvor auch im unteren und mittleren Bereich gearbeitet. Peter Bosz ist Trainer in Dortmund geworden, weil er es geschafft hat, mit einer sehr, sehr jungen Mannschaft von Ajax Amsterdam das Finale der Europa League zu erreichen. Er hat immer und überall für gepflegten Offensivfußball gestanden. Er hat das wirklich mit großer Überzeugung überall gemacht. Egal ob die Mannschaft klein, groß oder mittel war. Und es freut mich sehr, dass er jetzt mit diesem Job in Dortmund belohnt wurde und ich hoffe, dass er 32 Spiele gewinnt (lacht).

Eine Karriere in Bildern: Das ist Ignacio Camacho.

Sie haben schon zahlreiche Ligen in Ihrer Karriere gesehen. Was zeichnet die Bundesliga im Vergleich zu anderen Ligen aus?

Der Samstagnachmittag, die Stadien. Schöne, gepflegte, große, volle Stadien, wo der Fußball lebt. Das lässt sich mit keinem Land vergleichen. In Spanien zum Beispiel gibt es viele kleine Stadien, da ist einfach weniger los. In England ist das auch so. Und wenn man dann sieht, dass am vorletzten Spieltag Frankfurt gegen Wolfsburg vor 50 000 Leuten stattfindet – das ist unvorstellbar. Das gibt es nirgendwo auf der Welt, diese Fußballbegeisterung. Wenn man dann mittendrin ist, das ist so herrlich.

Obwohl der Samstagnachmittag so schön ist, wird der Spieltag immer mehr aufgesplittet. Unter anderem wird in der neuen Saison mehrfach am Montag gespielt. Wie finden Sie das?

Ohne die Fans würde es unsere Jobs nicht geben. Wir müssen alles machen, damit die Fans zufrieden sind mit dem Produkt. So lange das der Fall ist, ist alles gut. Aber die Funktionäre dürfen es nicht zu weit treiben. In Spanien wird in der ersten Liga manchmal am Sonntag um 12.30 Uhr gespielt. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Auch in Holland wird zu solchen Zeiten gespielt, das passt den Holländern nicht.

Wurde es auch in der Bundesliga schon etwas zu weit getrieben?

In Deutschland sind - egal ob Freitag, Samstag oder Sonntag - viele Spiele ausverkauft. Auch das Topspiel der 2. Liga am Montag ist oft ausverkauft. Was also jetzt in Deutschland gemacht wird, das ist in Ordnung. Aber es darf am Ende nicht sein, dass die Leute nicht mehr ins Stadion kommen.

dpa

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