02. Februar 2019 / 05:50 Uhr

IOC-Präsident Thomas Bach im Interview über die Olympia-Zukunft, Doping und die Rolle des Fußballs

IOC-Präsident Thomas Bach im Interview über die Olympia-Zukunft, Doping und die Rolle des Fußballs

Frank Schober, Manuel Becker und Sebastian Harfst
IOC-Präsident Thomas Bach spricht im SPORTBUZZER unter anderem über die Zukunft der Olympischen Spiele und das Staatsdoping in Russland.
IOC-Präsident Thomas Bach spricht im SPORTBUZZER unter anderem über die Zukunft der Olympischen Spiele und das Staatsdoping in Russland. © imago/Xinhua
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Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat immer größere Mühe, Bewerber für Sommer- und Winterspiele zu finden. Der Skandal um Doping im russischen Sport wirkt nach. IOC-Präsident Thomas Bach erklärt im SPORTBUZZER-Interview, warum er trotzdem an die Zukunft der Olympischen Spiele glaubt.

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SPORTBUZZER: Herr Bach, Sie sind so viel in der Welt unterwegs, wo finden Sie ein Stück zu Hause?

Thomas Bach (65): Zum Beispiel in Berlin. Einer Stadt, die ich seit meiner Wahl am meisten vermisse. Vorher bin ich hier beruflich meist eine Woche im Monat gewesen. Da kommen schon wehmütige Gefühle auf, wenn ich wie zur Eröffnung der Handball-WM mal wieder da bin. Ansonsten fehlt mir die fränkische Küche (lacht): ein paar schöne Bratwürste oder ein gebackener heimischer Karpfen, ein schönes Glas Franken-Silvaner. Neulich hat man mich in Tokio mit einem Christstollen überrascht, um mich in weihnachtliche Stimmung zu bringen. Der war wirklich nicht schlecht, aber am Ende hat er das Heimweh noch verstärkt.

Warum tun sich Deutschland und viele andere europäische Nationen bei einer Bewerbung so schwer, Politik und Bevölkerung für Olympische Spiele zu begeistern?

Wir sehen im Moment, dass es generell sehr, sehr schwierig ist, insbesondere in diesen Zeiten der Unsicherheit und Instabilität, der Bevölkerung große Zukunftsprojekte zu vermitteln. Zudem noch mit dem großen zeitlichen Abstand, wie das bei Olympischen Spielen der Fall ist, wo sie neun Jahre vorher mit der Planung anfangen müssen. Das ist mit einer Weltmeisterschaft in einer Sportart nicht vergleichbar. Da können in Deutschland ein, zwei Jahre Planung reichen. Auch der Fußball hat es bei einer WM einfacher, weil es da keine Volksbefragungen gibt.

IOC-Präsident Thomas Bach stellte sich den Fragen von Frank Schober, Manuel Becker und Sebastian Harfst.
IOC-Präsident Thomas Bach stellte sich den Fragen von Frank Schober, Manuel Becker und Sebastian Harfst. © SPORTBUZZER
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Misstrauen der Bevölkerung gegen große Institutionen - Bach: "Wir haben alle dazu beigetragen!"

Wie in München und Hamburg kommt es vermehrt dazu, dass viele Städte einen Rückzieher machen – etwa weil die Bevölkerung dagegen stimmt. Auch in Stockholm und Mailand, den Kandidaten für die Winterspiele 2026, gibt es in der Bevölkerung und Politik gerade kritische Gegenbewegungen.

Die Kandidaturen werden zu 90 Prozent getrieben und unterstützt von der Politik und vom Sport. Vor 15 Jahren hat man gesagt: Stadtrat und Regierung sind dafür, der Sport ist dafür, Industrie- und Handelskammer sind dafür, der Tourismusverband ist dafür. Also: alles okay. Das geht. Die Meinungsführer, wie man sie vor 15 Jahren nannte, standen damals klar hinter einer Kandidatur. Heute haben Sie die Situation, dass die Stadt dafür ist, die Regierung, die Handelskammer, der Tourismus, der Sport sowieso, und dass dann die Leute sagen: Oh, wenn das Establishment so zusammenhält und dafür ist, dann muss da irgendwas faul sein.

Anmerkung der Redaktion: Volksbefragungen führten nicht nur in Hamburg und München zu Ergebnissen contra Olympia. Auch im kanadischen Calgary sprachen sich die Bewohner gegen eine Bewerbung für die Winterspiele 2026 aus. Für die Sommerspiele 2024 fanden sich nur zwei Bewerber, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) offenbar nicht verprellen wollte. Deswegen darf Paris nun 2024 Gastgeber sein, Kontrahent Los Angeles erhielt dafür den Zuschlag für 2028.

Olympia 2018: Alle Goldmedaillen-Gewinner

Laura Dahlmeier gewann in Pyeongchang schon zwei Goldmedaillen. Aber wie sieht's mit den anderen Olympiasiegern aus? Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick über die bisherigen Gewinner. Zur Galerie
Laura Dahlmeier gewann in Pyeongchang schon zwei Goldmedaillen. Aber wie sieht's mit den anderen Olympiasiegern aus? Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick über die bisherigen Gewinner. ©

Sie haben von großem Misstrauen gegen große internationale Institutionen gesprochen. Wie viel hat das IOC selbst aufgrund von Skandalen in der Vergangenheit zu diesem Misstrauen beigetragen?

Wir haben alle dazu beigetragen. Nicht nur große internationale Organisationen. Reden sie mal mit deutschen Parteien über Misstrauen, das ihnen entgegengebracht wird. Was ist mit den Medien? Alle haben dazu beigetragen. Weil in der Vergangenheit keiner ohne Probleme war. Diese Anti-Establishment-Stimmung ist so genährt worden. Was wir jetzt sehen, ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über Jahre hinweg aufgestaut hat.

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Was kann man dagegen tun?

Wir müssen besser rüberbringen, dass wir mit der olympischen Agenda 2020 eine neue Seite aufgeschlagen haben. Wir haben viel unternommen, diesem Misstrauen gegenüberzutreten. Wohl wissend, dass Sie die besten Reformen unternehmen können, ohne immun zu werden gegen Fehlverhalten. Sie müssen vermitteln, dass Sie alles getan haben, was eine große Organisation unternehmen kann. Das heißt für das IOC: Wir haben ein robustes System aus Good Governance mit stärkerer Ethikkommission, verschärften Regeln und Prävention geschaffen.

Anmerkung der Redaktion: Bachs Agenda 2020 soll für Transparenz im für seinen Klüngel berüchtigten IOC sorgen, den Gigantismus der Spiele verhindern und Kosten eindämmen, unter anderem dadurch, dass bereits bestehende Wettkampfstätten anstelle von Neubauten genutzt werden sollen.

Bach: "Die Diskussion um die Kosten bei Olympischen Spielen wird oft zu stark vereinfacht geführt"

Ist es nicht ein Widerspruch zur Agenda 2020, wenn in Tokio bei den Vorbereitungen zu den Sommerspielen 2020 die Kosten explodieren?

Tokio ist geplant worden vor der Verabschiedung der olympischen Agenda 2020. Unmittelbar danach haben wir mit den Organisatoren diskutiert, wie die Agenda noch nach abschließender Planung umgesetzt werden kann. Das hat bis jetzt zu Einsparungen in Höhe von etwa 4 Milliarden Dollar geführt. Wir haben zum Beispiel empfohlen, vorhandene Sportstätten zu nutzen, statt neue zu bauen. Die Anforderungen an das Transportsystem sind reduziert worden, Technologien werden besser angewendet. Aber die Diskussion um die Kosten bei Olympischen Spielen wird – wie soll ich das diplomatisch ausdrücken – oft zu stark vereinfacht geführt.

Das haben die Sport-Stars der olympischen Winterspiele 2018 verdient:

Katharina Althaus (Skispringen) - 3500 Euro/Monat || Die 21-Jährige ist wie viele andere Athleten beim Zoll angestellt und verdient monatlich 1300 Euro. Hinzu kommen Preisgelder und ein Sponsorenvertrag.  Zur Galerie
Katharina Althaus (Skispringen) - 3500 Euro/Monat || Die 21-Jährige ist wie viele andere Athleten beim Zoll angestellt und verdient monatlich 1300 Euro. Hinzu kommen Preisgelder und ein Sponsorenvertrag.  ©

Drücken Sie es ruhig nicht diplomatisch aus.

Dann sage ich: Es werden zu viele Milchmädchenrechnungen aufgemacht. Ein Problem ist: Jeder spricht bei Olympischen Spielen über Kosten, keiner spricht über Einnahmen. Sehen Sie etwa den Bau des olympischen Dorfs: Das ist ein Wohnungsbauprojekt für Tausende von Wohnungen, welches Sie nicht zu 100 Prozent einem Olympiabudget zuschlagen und in 17 Tagen auf null abschreiben können. Dies ist doch offensichtlich.

Aber die Kostenfrage betrifft nun mal die Menschen in Stadt, Region und Land.

Richtig. Deshalb darf man zunächst einmal auch die Einnahmen nicht aus den Augen verlieren. In einer Studie wurden die Finanzierungen der letzten zehn Olympischen Spiele untersucht. Das Ergebnis: Für eine faire Bewertung muss man klar trennen zwischen dem Organisationsbudget und dem Investitionsbudget. Die Studie besagt auch, dass im Organisationsbudget bei neun von zehn Spielen zumindest eine schwarze Null geschrieben wurde. In Pyeongchang hat das Organisationskomitee 55 Millionen Dollar Gewinn verbucht. Die Studie weist zudem nach, dass die Einnahmen im Vorfeld wesentlich mehr unterschätzt als die Ausgaben überschätzt werden. Wenn Sie jetzt – etwa am Beispiel Tokio – auf das Investmentbudget schauen, dann wird da das olympische Dorf zu 100 Prozent reingerechnet. Dann braucht Japan ein Katastrophenwarnsystem – und das rechnet dann irgendein Beamter ins Olympiabudget, weil es bis zu den Spielen kommen soll. Es ist aber natürlich kein Kostenfaktor der Spiele.

"Die Magie der Spiele muss wieder transportiert werden"

Wie kann es ein Land dann schaffen, dass die Menschen Olympische Spiele wollen?

Indem man die Kosten nicht als alleiniges Kriterium nimmt. Alle Analysen zu einem Nein in der Bevölkerung, die wir gemacht haben, zeigen, dass es am Ende immer drei Gründe dagegen sind: Kosten, Kosten und Kosten. Es gibt ein allgemeines Misstrauen. Aber die Skepsis macht sich fest an den Kosten. Wenn die Gegner einer Kandidatur nach ihren Motiven gefragt werden, dann sind neun von zehn dieser Motive finanzieller Natur. Und dann führt das anfangs angesprochene Misstrauen noch dazu, dass gesagt wird: „Das halten die sowieso nicht ein, das wird zehnmal teurer.“ Die eben genannte Studie hat jedoch gezeigt: Ja, es gibt bei olympiabedingten Infrastrukturmaßnahmen Kostensteigerungen, aber diese sind nicht höher als Kostensteigerungen bei vergleichbaren Infrastrukturmaßnahmen. Die Leute glauben das jedoch nicht. Darf ich Ihnen ein Beispiel nennen?

IOC-Präsident Bach lobt Olympia-Vorbereitungen in Tokio

Bitte.

Der Oppositionsführer in Calgary hat das auf den Punkt gebracht. Als seine No!-Bewegung die Abstimmung gewonnen hatte, ist er nach seiner Analyse gefragt worden. Und da hat er einen Satz gesagt: „Wir haben genug davon, dass das Establishment uns sagt, was wir machen sollen und was nicht.“ Das heißt: Da kommt der Name Olympia in der Begründung für die Ablehnung der Spiele nicht mal vor. Das ist dieses Misstrauen, das es auch Olympischen Spielen so schwer macht.

Wie realistisch sind dann Spiele in Deutschland? Immerhin gibt es eine Initiative für 2032 im Ruhrgebiet, auch über Spiele 2036 in Berlin wurde schon geredet.

Das ist zunächst einmal eine Frage für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Die treibenden Kräfte hinter der Bewerbung müssen die Bevölkerung rechtzeitig einbeziehen und überzeugen. Wir als IOC können nur auf die Agenda 2020 verweisen, um Kosten zu reduzieren. Aber mit ihr kann man auch zeigen, worum es bei Olympia wirklich geht: um Sport, um die Athleten, um die Tatsache, dass Olympia das einzige Ereignis ist, dem es nach wie vor gelingt, die gesamte Welt an einem Ort zusammenzubringen. Die Magie der Spiele muss wieder transportiert werden.

Was kann das IOC selbst dafür tun, dass nicht nur die Kostenfrage diskutiert wird, sondern das Potenzial für eine Bewerbung gesehen wird?

Die nächsten Olympiagastgeber Tokio 2020, Paris 2024 und Los Angeles 2028 haben bereits in der Vergangenheit bewiesen, wie sie diese olympische Magie entfachen können. Die größte Unterstützung ist die olympische Agenda 2020. Deren Anwendung sehen wir jetzt gerade in Paris und Los Angeles. Die Projekte in diesen beiden Städten spiegeln die Agenda 2020 wider. So können Kosten durch die Nutzung existierender Sportstätten gespart werden. In Paris sind bereits 85 Prozent der notwendigen Infrastruktur vorhanden, in Los Angeles über 90 Prozent.

Das sagt IOC-Präsident Thomas Bach über das russische Staatsdoping

Wie weit fühlen Sie sich in der Umsetzung der Agenda 2020?

Da sind wir sehr weit gekommen, weiter, als wir vermutet hätten. Aber diese Fortschritte werden von vielen noch nicht ausreichend bemerkt. Solche Reformen benötigen Zeit. Erstmals werden wir die Ergebnisse 2024 in Paris in vollem Umfang sehen. Wir haben den Olympic Channel geschaffen, für Geschlechtergerechtigkeit gesorgt, die größte Programmreform der letzten Jahrzehnte unternommen. Deren Ergebnisse werden wir bereits in Tokio sehen mit den fünf neuen Sportarten Surfing, Climbing, Skateboard, Karate und Baseball/Softball. Wir haben unsere gesamte Good Governance umgestellt mit vollkommen transparenten Bilanzen und einem Jahresbericht, aus dem Sie alles entnehmen können bis hin zu den Tagegeldern der IOC-Mitglieder und meiner Aufwandsentschädigung (225 000 Euro pro Jahr, d. Red.). Da sehen Sie auch, dass wir 90 Prozent unserer Einnahmen in den Sport zurück investieren.

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Die Affäre um das Staatsdoping in Russland war dem olympischen Gedanken nicht gerade zuträglich – auch in Sachen Transparenz. Wie groß schätzen Sie den Willen Russlands ein, sich wirklich glaubwürdig am Anti-Doping-Kampf zu beteiligen?

Das Thema ist in den Händen der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Es ist ein laufendes Verfahren, das ich nicht im Detail kommentieren kann. Es geht hier um den Zugang zu den Daten des Labors in Moskau. Wir haben Vertrauen in die unabhängige Compliance-Kommission, die bei der Wada angesiedelt ist, dass sie aus der Analyse der Daten aus Moskau die richtigen Schlüsse zieht und Empfehlungen ausspricht. Entscheidend ist, dass die Daten übermittelt werden und dass dann den Athleten Gerechtigkeit widerfahren kann, sprich die internationalen Verbände aufgrund dieser Daten Untersuchungen einleiten und gegebenenfalls sanktionieren können. Das IOC war bereits in der Lage, dies zu tun, weil die Proben von Olympia von uns zehn Jahre lang aufbewahrt werden. So konnten wir alle Proben russischer Athleten von Vancouver 2010, London 2012 und Sotschi 2014 nachtesten. Mit den Daten aus dem Moskauer Labor könnten nun auch die internationalen Fachverbände Dopingfälle nachverfolgen, die in der Datenbank enthalten sind.

Das heißt, Sie können derzeit nur abwarten?

Wir haben ja schon mit der schärfsten Reaktion geantwortet, mit den schärfsten Sanktionen, die uns zur Verfügung stehen, nämlich dem Ausschluss des russischen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) von den Olympischen Winterspielen. Obwohl dem russischen NOK in keinem der Untersuchungsberichte irgendetwas vorgeworfen wird.

Dennoch sagen Kritiker, Sie seien zu weich gewesen, man hätte alle russischen Sportler ausschließen müssen.

Das wäre der vollkommen falsche Weg gewesen. Wir stehen für Gerechtigkeit für jeden einzelnen Athleten. Kein Athlet der Welt soll bestraft werden für ein Missverhalten seiner Funktionäre, an dem er nicht beteiligt war. Vielleicht wirkt da in mir die eigene Athletenvergangenheit nach, aber es ist unsere feste Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht auf individuelle Gerechtigkeit hat.

Anmerkung der Redaktion: Nach den Winterspielen in Sotschi 2014, bei denen die Gastgeber Platz eins im Medaillenspiegel belegten, wurde ausgehend von ARD-Recherchen ein System staatlich gelenkten Dopings in Russland aufgedeckt. Unter anderem waren Proben im Moskauer Anti-Doping-Labor manipuliert worden.

Doping erlauben? "Das wird es mit mir nicht geben"

Sollten beim Thema Doping nicht ordentliche Gerichte die Sportgerichtsbarkeit ersetzen? In China wurden jüngst Haftstrafen für Dopingsünder vorgeschlagen.

Die Lage ist deutlich: Keine Entscheidung eines nationalen Gerichts hat unmittelbar einen internationalen Effekt. Das heißt, wenn heute ein Athlet in Deutschland wegen Dopings vor Gericht bestraft würde, könnte er morgen in einem anderen Land starten. Er könnte sein Startrecht woanders sogar einklagen. Auch das Warten auf ein Urteil ist so eine Sache, wenn es durch die Instanzen geht. Es kann nicht darum gehen, die Sportgerichtsbarkeit, die international wirkt, die auch schneller ist, durch nationale Gerichtsbarkeiten zu ersetzen. Das würde zu einer vollkommenen Ungerechtigkeit bei der Anwendung unter den Athleten führen. Land X würde etwas anders beurteilen als Land Y. Und die Frage, ob der Richter im Amtsgericht Tiergarten die gleiche Auffassung vom Antidoping hat wie der District-Richter in Memphis/Tennessee – das steht in den Sternen.

Vor fast 94 Jahren feierten die Olympischen Winterspiele ihr Debüt im französischen Chamonix. Damals beschränkte sich die Eröffnungsfeier noch auf einen kleinen Einmarsch der rund 300 Athleten.  Zur Galerie
Vor fast 94 Jahren feierten die Olympischen Winterspiele ihr Debüt im französischen Chamonix. Damals beschränkte sich die Eröffnungsfeier noch auf einen kleinen Einmarsch der rund 300 Athleten.  ©

Sie haben gesagt, Doping werde immer passieren. Es sei ein Kampf, den man nicht gewinnen könne. Haben Sie kapituliert?

Sie müssen das ganze Zitat nehmen. „Wir müssen diesen Kampf Tag für Tag führen, aber wir müssen realistisch sein, dass der Tag nicht kommen wird, an dem es heißt: Jetzt müssen wir nicht mehr kämpfen. Von heute an sind alle Athleten nur noch clean.“ Es ist aber auch keine Option, Doping zu erlauben. Das wird es mit mir nicht geben.

Thema Transparenz und Misstrauen. Inwieweit schaut man da als IOC auch auf den Weltfußballverband Fifa. Tauscht man sich aus? Auch Sie mit Fifa-Präsident Gianni Infantino?

Wir stehen in Kontakt. Was ich in allen Sportkonferenzen immer wieder gebetsmühlenartig vor mir hertrage, ist: Was einen von uns betrifft, betrifft am Ende alle.

Bach: Die besondere Rolle des Fußballs ist "gerechtfertigt durch die Begeisterung der Menschen"

Wie beurteilen Sie dann, dass es der FIFA offenbar um immer mehr geht: mehr Einnahmen, mehr Turniere, mehr Geld durch TV-Rechte?

Man muss zunächst mal anerkennen: Fußball ist die populärste Sportart der Welt und auch die emotionalste. Da zähle ich mich als Fußballfan mit dazu. Daher ist die besondere Rolle des Fußballs gerechtfertigt durch die Begeisterung der Menschen. Der Fußball tritt jeden Tag in Erscheinung, Olympische Spiele, olympischer Sport nicht. Es wird für den Fußball darauf ankommen, seine Verwurzelungen in der Bevölkerung zu bewahren, dass nicht der Schritt gemacht wird zum reinen Unterhaltungsgeschäft. Dass es Sport bleibt im besten Sinne. Das Rad sollte nicht überdreht werden.

Anmerkung der Redaktion: Fifa-Boss Infantino dringt auf eine neue Klub-WM und eine globale Champions League. Hinter diesen Wettbewerben soll ein 25-Milliarden-Dollar-Angebot von nicht namentlich bekannten Investoren stecken.

Aber besteht die Gefahr des Überdrehens nicht gerade jetzt?

Bei der Frage habe ich mich schon mal verschätzt. Es ist lange her, als die Entwicklung einsetzte, dass in Bundesliga-Mannschaften mehr und mehr Spieler aus anderen Ländern kamen. Da habe ich gesagt, der Fußball müsse aufpassen, dass er nicht seine Identität verliert und dass die Anbindung an die Region nicht verloren geht. Da lag ich total daneben. Im Gegenteil. Wir haben eine Entwicklung nach oben erlebt. Deswegen bin ich bei solchen Voraussagungen vorsichtig.

Wenn Sie drei Wünsche hätten – welche wären das?

Ich wünsche mir sehnlichst Olympische Spiele in Deutschland. Was kann es Schöneres geben, als Olympische Spiele in seinem Heimatland? Es wird leider nicht mehr während meiner Amtszeit passieren, aber das würde der Freude, sie hier zu sehen, keinen Abbruch tun. Vielleicht wäre die Freude sogar noch größer, wenn ich ein solches Ereignis ganz gelassen erleben könnte.

Was noch?

Der Wunsch nach einem dopingfreien Sport steht noch vor Spielen in Deutschland. Außerdem: Dass das Solidaritätsmodell im Zusammenhang mit der Finanzierung und Organisation der Olympischen Spiele nicht nur erhalten bleibt, sondern gestärkt wird. Nur so können wir es ermöglichen, dass die gesamte Welt bei Olympischen Spielen zusammenkommt, dass sich Athleten aus allen 206 Nationalen Olympischen Komitees gleichermaßen vorbereiten und qualifizieren können. Und dass insbesondere auch Athleten aus weniger populären Sportarten diese Förderung weiterhin genießen können.

Bach trifft Entscheidung über Wiederwahl nach Olympia in Tokio

Wie lange wollen sie noch IOC-Präsident bleiben?

Ich bin gewählt bis 2021 und hätte dann die Möglichkeit, noch einmal anzutreten für weitere vier Jahre. Die Entscheidung muss und werde ich nach den Olympischen Spielen in Tokio treffen.

Wenn man das Misstrauen in der Bevölkerung sieht, die schwierige weltpolitische Lage, die Konkurrenz von anderen Formaten, die schwierigere Suche nach Ausrichtern: Wird es in 50 Jahren noch Olympische Spiele geben?

Ja. Wir haben ja schon gesprochen über Interessenten für die Spiele 2032 und 2036 – daran sehen Sie die Kraft der Idee der Spiele. Wir beobachten das auch im Verhältnis mit unseren Partnern in Wirtschaft und Fernsehen, wo wir schon jetzt wesentliche Verträge geschlossen haben – bis 2032. Und das mit einem sehr gesunden Wachstum.

Dann glauben Sie also, dass der Vater der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, stolz auf Sie wäre?

Der wird sich wahrscheinlich manchmal im Grab umdrehen, wenn er die Geschlechtergerechtigkeit sieht oder Skateboarding bei Olympischen Spielen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er das goutieren würde. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass gerade in diesen unsicheren, fragilen Zeiten die Olympischen Spiele wichtiger sind denn je. Denn Olympia ist das einzige Ereignis, dem es noch gelingt, die ganze Welt an einen Ort zu versammeln, wo alle die gleichen Regeln akzeptieren und wo wir Mauern einreißen und Brücken bauen.

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