28. Dezember 2018 / 06:00 Uhr

Ex-Profi Jan Rosenthal über Bundesliga-Protz: „Die Kritik meiner Mutter war mir unangenehm“

Ex-Profi Jan Rosenthal über Bundesliga-Protz: „Die Kritik meiner Mutter war mir unangenehm“

Robert Hiersemann
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Jan Rosenthal spielte für Hannover, Freiburg, Frankfurt und Darmstadt (v.l.) in der Bundesliga.
Jan Rosenthal spielte für Hannover, Freiburg, Frankfurt und Darmstadt (v.l.) in der Bundesliga. © imago/Montage
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Nach seinem Karriereende im vergangenen Sommer gibt Jan Rosenthal im Interview mit dem SPORTBUZZER einen Einblick in die Kehrseiten des Lebens eines Bundesliga-Profis. Er gesteht: „Ich habe mich geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben.“

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Als Jan Rosenthal im Sommer überraschend seine Karriere als Fußballprofi beendete, machte er das mit einer solchen Entschlossenheit, wie er fast sein ganzes Leben lang auf dem Platz gestanden hatte. Er einigte sich mit Darmstadt 98 auf eine vorzeitige Auflösung seines eigentlich bis 2019 laufenden Vertrages und zog mit seiner Frau und seinem Kind nach Oldenburg. „Meine persönlichen Prioritäten haben sich deutlich in Richtung meiner Familie verschoben“, teilte er im Sommer mit.

200 Bundesliga-Spiele hatte der 32-Jährige da absolviert. Zehn Jahre, von der Jugend bis zu den Profis, stand der Offensivspieler bei Hannover 96 auf dem Platz, anschließend beim SC Freiburg und bei Eintracht Frankfurt, ehe er nach drei Jahren in Darmstadt einen Schlussstrich zog. Im SPORTBUZZER-Interview blickt er auf sein Fußballerleben zurück – reflektierend, aufgeräumt und sehr selbstkritisch. Er wolle bewusst etwas Abstand vom Fußballgeschäft gewinnen, sagt er. Auch wenn er wisse, „dass ich sehr wohl von meinem Beruf als Profifußballer profitiert habe“.

SPORTBUZZER: Herr Rosenthal, Sie haben nach dem Karriereende Ihr Bundesliga-TV-Abo gekündigt. Weshalb taten Sie das?

Jan Rosenthal: Ich habe während meiner Karriere berufsbedingt viele Spiele aufgezeichnet und die Bundesliga ständig verfolgt. Als ich dann vom Profi zum Erwerbslosen wurde, habe ich zusammen mit meiner Frau, die in Elternzeit ist, mal genauer geschaut, was wir für Ausgaben haben.

Das Abo sollten Sie sich doch trotzdem leisten können.

Das ist richtig, doch wir werden voraussichtlich die nächsten zwei Jahre kein richtiges Einkommen haben, da wir in Kürze ein zweites Kind erwarten, meine Frau deshalb in Elternzeit bleibt und ich in meine Ausbildung investieren muss und möchte. Ich habe das Abo gekündigt, um mich meinem neuen Lebensstandard anzupassen. Ich schaue allgemein wenig Fernsehen und finde Sky dafür verhältnismäßig teuer. Ich beschäftige mich lieber mit meiner Familie. Momente wie vor Kurzem, als wir zusammen auf dem Weihnachtsmarkt waren und meine Tochter erstmals allein Karussell gefahren ist, sind das Größte für mich.

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„Mich haben viele Dinge zunehmend genervt“

Weshalb wollen Sie Abstand gewinnen?

Mich haben viele Dinge zunehmend genervt: Der Egoismus in dem Geschäft – es geht in vielen Vereinen vorrangig um Macht, Status und nicht um die Sache an sich, also das, was dem Mannschaftserfolg dient. Und das auf allen Ebenen. Es spielt auch die extreme Schnelllebigkeit des Geschäfts mit hinein, die aus dem kurzen öffentlichen Bewertungszeitraum resultiert und der teilweisen Kapitulation der Vereine, dem gerecht zu werden. Wie soll da eine richtige Entwicklung stattfinden?

Viel ist nur Illusion.

Auch die TV-Interviews sind doch fast alle gleich, das spiegelt den ganzen Schein der Branche gut wieder. Viel Fassade, meist wenig Inhalt. Natürlich kann man nie verallgemeinern, aber vielerorts wird die eigene Welt komplett überhöht – da beziehe ich mich auch genauso mit ein. Nicht zuletzt bei all den politischen Fragen heutzutage merke ich im Nachhinein, wie ich mich geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben habe. Insgesamt als Teil dieses Systems oder wenn ich beispielsweise Freunden über die für mich relevanten Dingen in meiner Fußballwelt erzählt habe. Man denkt, man wäre sonst wie wichtig – dieser Eindruck wird einem eben auch permanent von außen vermittelt –, aber tatsächlich ist das Quatsch.

Instagram? „Das bietet mir nichts“

Sie sind bei Facebook und Instagram den meisten Fußballern nach Ihrem Karriereende entfolgt. Weshalb taten Sie es?

Es ist nicht so, dass mich die Ergebnisse ihrer Vereine nicht mehr interessieren. Doch wenn deine Instagram-Timeline nur von deinen Fußballkollegen bespielt ist, wird es schnell langweilig: Ein Bild vor dem Spiel, „Wir kommen an, gleich aufwärmen“, dann noch ein Foto nach der Partie mit einem nichtssagenden Fazit wie „Kopf hoch, nächstes Spiel drei Punkte“. Das bietet mir nichts – weil das meiste, was an Statements interessant sein könnte, gar nicht erst rausgeht, sondern von den Vereinen glattgebügelt oder bewusst weggelassen wird, weil es dem Klub oder einem selbst in irgendeiner Form schaden könnte. Nicht falsch verstehen: Ich habe damals auch so etwas gepostet oder platte TV-Interviews gegeben. Doch ich habe zunehmend gecheckt, wie stumpf das eigentlich ist.

Erklären Sie das bitte.

Oft darfst du ja gar nicht erst kreativ sein. Denn wenn du spannende oder vermeintlich extravagante Dinge aus dem Privatleben postest, wird dir das ganz schnell um die Ohren gehauen, weil es gewisse Klischees nach sich zieht und dann auf deine Leistung projiziert wird, besonders wenn es im Verein mal nicht so läuft.

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Haben Sie ein Beispiel dafür?

Ich habe mal in der Länderspielpause – in einer Zeit, in der ich mich halt mal mehr einem Hobby gewidmet habe – gepostet, dass ich eine Vernissage habe und meine Bilder ausstelle. Die nächsten sechs Monate, damals spielten wir mit Darmstadt gegen den Abstieg, bekam ich von vielen zu hören, dass ich lieber malen als Fußball spielen soll (lacht). Das Ganze wurde also öffentlich zum Bumerang, ohne dass es den geringsten Einfluss auf meine Leistung hatte.

Bitter.

Mesut Özil wird für Lachgas an die Wand genagelt – etwas, was sogar vollkommen legal und in gewissem Maße auch nicht gesundheitsschädigend ist. Selbst daraus wird eine Negativschlagzeile, total überspitzt und auch noch auf seine aktuelle Situation bei Arsenal bezogen, obwohl das Video bereits Monate alt ist. Das finde ich traurig. Ecken und Kanten, spezielle Charaktereigenschaften oder emotionale Ausbrüche, das alles darf kaum mehr gezeigt werden, weil es dich unter Umständen sofort die Karriere kosten kann. In der Bewertung wird nahezu nur Schwarz oder Weiß gemalt. In der Politik ist es sicher noch extremer als im Fußball von der Tragweite her, aber die gefühlte Bedeutung des Fußballs ist nun mal unverhältnismäßig groß.

Haben Sie sich während der Karriere schon darüber Gedanken gemacht?

Während der Karriere mehr als danach, jetzt spüre ich diese Dinge aber deutlicher. Inzwischen führe ich ein total anonymes Leben. Nun frage ich mich manchmal, weshalb ich mit einem mattschwarzen 300-PS-Auto zum Edeka mit einem Kind auf dem Rücksitz fahre, obwohl ich doch maximal zwölf Rentnern begegne, die das eh nicht juckt. Und warum habe ich eigentlich früher so viel Wert darauf gelegt, dass 40.000 Stadionbesucher sehen, mit was für einem Auto ich zum Spiel angefahren komme?

„Man bedient das Image des Profis“

Das Statusdenken vieler Fußballer.

Doch nach der Karriere bist du in der Wahrnehmung anderer ein Niemand, deshalb ist diese Denke nun erst recht total unnötig und überflüssig.

Wie wichtig sind Statussymbole in der Bundesliga?

Groß, und es ist daher leider so, dass junge Spieler zwischen 18 und 23 Jahren – ich selbst war damals auch so – irgendwann damit anfangen, sich über Statussymbole zu profilieren. Mal eine Uhr, mal ein Auto oder die neuen teuren Klamotten. Man bedient das Image des Profis, weil genau diese Dinge Gesprächsthema in der Kabine sind. Da kommt kaum einer mit Politik oder einem Buch von Hesse an und ein anderer freut sich und sagt dir, dass er es auch gelesen hat. So was passiert in der Bundesliga nahezu nicht.

Wie wirkt sich das auf das Privatleben aus?

Wenn ich als Profi mit einer zu dicken, grell glänzenden Uhr zu meiner Mutter nach Hause gekommen bin und sie gesagt hat, dass sie das überhaupt nicht mag, dann war das schon unangenehm. Sie hat mir gesagt, dass sie es nicht gut findet, wenn ich so werde.

Ist das Leben nach dem Karriereende eine Befreiung?

Als Profi habe ich in einer Blase gelebt und mich von Dingen stressen lassen, die nur in der Blase Wertigkeit haben. Du machst dir jeden Tag Stress, weil du funktionieren musst. Am Wochenende kannst du nicht zur Familie. Ich weiß, dass jeder Job stressig sein kann, doch als Fußballer erlebst du es extremer, weil du nur einen kurzen Zeitraum hast, um diesen Beruf auszuüben, und dir öffentlich jeder auf die Finger guckt. Und trotzdem weiß ich auch, dass ich von dieser Blase extrem profitiert habe.

„Profis vertrauen fremden Menschen häufig viel zu sehr“

Als Fußballer wird einem viel abgenommen. Wie fremdbestimmt lebt man als Profi wirklich?

Viele Spieler rutschen aus der Schule in den Profibereich und überspringen die Phase, in der man lernt, sich um sein eigenes Leben und die Finanzen zu kümmern. Meldebescheinigungen und Versicherungsbescheide gehen als Profi an dir vorbei.

Weil es Leute gibt, die das für einen machen.

Erfahrungsgemäß sind das Menschen, die dir etwas anbieten, um dich abzusichern. Im Endeffekt ist es allerdings egal, wer es ist, sie holen immer auch für sich das Beste heraus, weil sie wissen, dass es den Spieler nicht juckt, wie viel Geld er in welche Versicherung legt – und was da in den Verträgen im Kleingedruckten steht. Profis vertrauen fremden Menschen häufig viel zu sehr. Das musste ich jetzt auch spüren, als ich meine damals unterschriebenen Versicherungsverträge mit den wirklichen Marktpreisen verglichen habe (lacht).

Profis werden heute vor allem immer jünger. Ist es ein anderer Schlag Menschen als der, den Sie zu Beginn Ihrer Karriere kennengelernt haben?

Zu meinem Einstieg in der Bundesliga bei Hannover 96 musste ich mich über zwei, drei Jahre bewähren, um überhaupt eine Chance zu bekommen, mal ein Spiel zu machen. Heute gelten die jungen Spieler oft sofort als die Größten, vom Start weg. Sie werden mit Verträgen und mit Vorschusslorbeeren überhäuft, doch viele von ihnen können noch gar nicht kontinuierlich funktionieren. Natürlich sind die jungen Spieler durch die Nachwuchsleistungszentren besser ausgebildet heute – doch die Wertigkeit von dem, was sie bekommen, und dem, was sie geleistet haben, dazwischen liegt eine große Diskrepanz. Und das birgt Gefahren, die sie so gar nicht absehen können.

„Du läufst als Fußballer einem Hype hinterher“

Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten mit 19 Jahren – ohne groß darum zu kämpfen – schon solch einen Topvertrag bekommen. Wie hätten Sie sich daraufhin wohl entwickelt?

Ich weiß es nicht. Doch wie will man sich da noch steigern? Fortan läufst du als Fußballer einem Hype hinterher, den du nur sehr schwer bedienen kannst. Das kann dir in der Folge auch persönlich als Mensch sehr schaden, dann ständig diesen Ansprüchen hinterherrennen zu müssen. Da gibt es aktuell einige prominente Beispiele in der Bundesliga. Ich glaube, dass die vermeintlichen Entwicklungen im Fußball heute viel zu schnell gehen, denn sie fußen nicht auf einem stabilen Fundament.

Sie haben damit nicht mehr viel zu tun. Mit 32 Jahren wären Sie im Profigeschäft ein alter Hase, im normalen Leben sicher nicht. Was planen Sie für Ihre eigene Zukunft?

Ich würde gern in Oldenburg wohnen bleiben und möchte studieren, mein mit Mitte 20 begonnenes betriebswirtschaftliches Bachelorstudium fortführen. Anschließend könnte ich mir vorstellen, mich mit einer Idee selbstständig zu machen, doch aktuell habe ich absolut noch keine Idee (lacht).

So sahen ehemalige 96-Kicker bei ihrem Profi-Debüt aus.

<b>Gerald Asamoah:</b> Schaffte im Sommer 1999 bei Hannover 96 den Sprung von der U19 in den Profi-Kader und spielte insgesamt drei Jahre für die Roten. Im Juli 2015 beendete der Stürmer seine Karriere bei der Reserve vom FC Schalke 04 und ist seit November 2016 Teammanager der zweiten Schalker Mannschaft.  Zur Galerie
Gerald Asamoah: Schaffte im Sommer 1999 bei Hannover 96 den Sprung von der U19 in den Profi-Kader und spielte insgesamt drei Jahre für die Roten. Im Juli 2015 beendete der Stürmer seine Karriere bei der Reserve vom FC Schalke 04 und ist seit November 2016 Teammanager der zweiten Schalker Mannschaft.  ©
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