10. März 2018 / 23:24 Uhr

Kein DFB-Debüt: Bundestrainerin lädt VfB Lübeck-Talent aus

Kein DFB-Debüt: Bundestrainerin lädt VfB Lübeck-Talent aus

Jürgen Rönnau
Diesmal gestrauchelt: Gloria Adigo (unten)
Diesmal gestrauchelt: Gloria Adigo (unten) © 54°/Koenig
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Schule erteilt Gloria Adigo keine Lehrgangsteilnahme wegen verweigerter Skifahrt

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Am Ende gibt es nur Verlierer

Im Sport geht es um Sieg und Niederlage, um gewinnen und verlieren. In dieser Geschichte um die 15-jährige Gloria Adigo vom VfB Lübeck, wohl eines der größten Talente im deutschen Mädchenfußball, hätte es viele Sieger geben können: die Spielerin selbst natürlich, ihren Verein, ihre Schule, den Landesverband SHFV. Am Ende aber gibt es nur Verlierer. Denn statt wie erhofft am kommenden Mittwoch ihr Länderspiel-Debüt für Deutschland zu geben, zog der DFB am Freitag die Einladung für Gloria zurück – weil die Freigabe ihrer Schule fehlte.

Lübecker Gymnasium legt Veto ein

„Gloria ist am Boden zerstört, wir sind alle sehr enttäuscht“, sagt Vater Dinalo Adigo, selbst früher Nationalspieler für Benin, Profi in Reutlingen und Offenbach, aktuell Trainer von Anker Wismar - und seit fast 20 Jahren im Lübecker Raum zu Hause. Er kann kein Verständnis dafür aufbringen, dass der Gymnasiastin von ihrer Schule, der Lübecker Oberschule zum Dom (OzD), keine Freigabe für den DFB-Lehrgang erteilt wurde. Adigo ist erzürnt: „Dabei hat das Mädchen immer die Knochen für die Schule hingehalten, die OzD ist stolz, wenn sie im Zusammenhang mit Gloria positiv erwähnt wird, an der ’Wall of Fame’ im Flur zur Mensa hängen Fotos von ihr als Mitglied der siegreichen Senatsstaffeln – und jetzt lassen sie sie nicht zur Nationalmannschaft fahren. Und alles nur, weil sie nicht mit ihrer Klasse zur Skifahrt gefahren ist . . .“

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Verletzungsgefahr? Adigo verweigerte Skifahrt

So einfach aber liegt der Fall nicht. Auf LN-Nachfrage nennt OzD-Schulleiter Oliver Schaefer die Begründung für die Nichtfreistellung: „Gloria hat gegen die Schulpflicht verstoßen, indem sie nicht an der Klassenfahrt teilgenommen hat.“ Und weiter: „Solche Fahrten sind regulärer Unterricht, da kann weder die Schülerin, noch die Eltern entscheiden, ob man daran teilnimmt.“ Seit mehr als 60 Jahren wird diese Fahrt ins alpine Skigebiet von Saalbach (Österreich) von OzDern durchgeführt – Skilaufen und vor allem Teambuilding stehen im Vordergrund.

Landestrainer lobt "außerordentliches Talent"

Bereits im November 2017 hatte Gloria erklärt, sie wolle die Reise, die jetzt gerade vom 23. Februar bis zum 9. März stattfand, nicht mitmachen. Sie habe Angst, sich zu verletzen. Hintergrund: Ein Jahr zuvor hatte sie sich in einem Punktspiel ihrer VfB-C-Jugendmannschaft (sie ist das einzige Mädchen in der männlichen C-Jugend) einen Kreuzbandriss zugezogen, der sie neun Monate außer Gefecht gesetzt hatte. VfB-Jugendkoordinator Duke Williams: „Da habe ich Verständnis, dass sie alpinen Skisport meiden möchte.“ Landestrainer Dieter Bollow sieht das ähnlich, weist zudem darauf hin, dass Profifußballern in der Regel sogar vertraglich alpines Skilaufen untersagt sei, wegen der Verletzungsgefahr. Beide loben Gloria überdies als außerordentliches Fußballtalent, das zudem charakterlich einwandfrei sei – stets eher zurückhaltend auftrete.

Im Fall der Skifahrt aber blieb sie bei ihrer Ablehnung. Schaefer: „Dabei haben wir ihr alle Türen geöffnet, haben ihr noch zwei Tage vor der Abreise gesagt. ’Komm mit, wir kriegen das hin’ – und wir haben ihr das Angebot gemacht, sich nicht einen Tag auf Skier stellen zu müssen.“ Dem widerspricht Vater Adigo: „Das stimmt nicht – warum hätten wir sonst ein Attest vorgelegt?“ In der Tat folgte, als sich keine Einigung abzeichnete, ein ärztliches Gutachten, das den Kreuzbandriss als Grund anführte, Gloria sei vom Skilaufen zu befreien. Die OzD akzeptierte dies nicht. Und als die Einladung vom DFB zum Länderspiellehrgang in Mönchengladbach vom 11. bis zum 15. März inklusive eines Länderspiels gegen Belgien die Schule erreichte, erteilte das Gymnasium keine Freigabe – mit der bekannten Erklärung.

Schule fordert auch "moralische Pflichten" ein

Im Gespräch allerdings wies Schulleiter Schaefer darauf hin, Gloria habe zuvor schon „moralische Pflichten“ verletzt. Gemeint sind schulische Sportwettkämpfe, an denen sie im Gegensatz zu früher nicht mehr uneingeschränkt teilgenommen habe. Schaefer: „Wir sind eine vom Landessportverband zertifizierte ’Kooperationsschule Talentförderung’, verpflichten uns, Talente für Maßnahmen freizustellen. Die betroffenen Schülerinnen und Schüler haben ihrerseits aber auch die Pflicht, sich sportlich für ihre Schule zu engagieren. Da gibt es einen ungeschriebenen Kodex bei uns.“

Bundestrainerin Bettina Wiegmann macht Hoffnung

Schließlich schien die Sache um Gloria zu eskalieren. Fast zehn zunehmend emotionale Gespräche mit den Eltern fanden in der Schule statt, die DFB-Schulkoordinatorin Bettina Jonen versuchte zu vermitteln – die OzD blieb bei der Freigabeverweigerung. Dinalo Adigo fasste sogar den Entschluss, seine Tochter auf eigene Faust zum Lehrgang zu schicken: „Wir sind verzweifelt, ich übernehme die volle Verantwortung.“ Heute sollte Gloria zum Lehrgang reisen, am Mittwoch hätte er sie persönlich abgeholt. Doch in letzter Minute durchkreuzte der DFB diesen Plan. Am Freitagnachmittag rief Bettina Jonen bei Adigo an, zog die Einladung für Gloria zurück. Die 15-Jährige sei schulpflichtig, ohne Freigabe seien dem DFB rechtlich die Hände gebunden. Noch am Abend rief Bundestrainerin Bettina Wiegmann bei den Adigos an, versuchte Gloria zu trösten. Sie werde eine neue Chance erhalten.

Nächste Chance schon Ende März

Die könnte sehr bald kommen. Denn vom 21. bis zum 25. März findet in Duisburg die „deutsche Meisterschaft“ der Landesverbände statt, bei der die DFB-Trainerin intensiv sichten wird. SHFV-Trainer Dieter Bollow hat schon angekündigt, dass „Gloria als eine unserer Besten“, natürlich eine Einladung bekommen werde. Allerdings: Auch hier ist wieder eine Freigabe der Schule erforderlich. OzD-Chef Schaefer ist um Ausgleich bemüht. „Wir sind nicht nachtragend, Gloria ist weiter eine gute, förderwürdige Schülerin“, sagt er. „Ich denke, wir können in Ruhe alles mit ihr und den Eltern besprechen.“

Die Adigos im Portrait findet ihr unten in der Bildergalerie

Vater Dinalo hat die Leidenschaft für den Fußballsport erfolgreich an seine Kinder weitergegeben. Auch seine beiden Töchter Birel und Gloria, sowie die Söhne Ryan und auch der kleine Noah scheinen, eine große Portion an Talent mitzubringen.

Dinalo Adigo betreut die erste Mannschaft von Anker Wismar seit Sommer 2013. Zur Galerie
Dinalo Adigo betreut die erste Mannschaft von Anker Wismar seit Sommer 2013. ©
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