Spielervermittler 008 Erinnerungsstücke der besonderen Art: Steffen Schneekloth vor den Trikots seiner Klienten. © Pae
Spielervermittler 008

Kieler Spielerberater Steffen Schneekloth im Interview

"Der Fußball hat sich dahingehend entwickelt, dass es nur noch um höher, schneller, weiter in möglichst kurzer Zeit ohne jede Rücksichtnahme geht."

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Steffen Schneekloth ist Volljurist und gelernter Bankkaufmann. Der 53-jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. In seiner über 20-jährigen Tätigkeit als Spielerberater hat er zum Beispiel Torben Hoffmann (Freiburg, Leverkusen, 1860 München), Fin Bartels (Werder Bremen), Philipp Tschauner (Hannover 96), Raphael Schäfer (Nürnberg), Dennis Kruppke (Freiburg, Braunschweig), die Brüder Matthias (KSC, Bielefeld) und Sebastian Langkamp (Hertha BSC), Dominic Peitz (Holstein Kiel), Zlatan Bajramovic (St. Pauli, Schalke, Eintracht Frankfurt, Freiburg) sowie den Ex-Nationalspieler Christian Rahn begleitet.

Herr Schneekloth, Sie kritisieren eine Branche, in der Sie lange Jahre erfolgreich gewirkt und gutes Geld verdient haben. Warum?

Steffen Schneekloth: Für mich krankt das System Profifußball insgesamt. Dem Fußball öffnen sich durch das ständig steigende TV-Geld immer neue Dimensionen. Das lockt Profit-Macher und Investoren. Diesen Akteuren ist der Fußball an sich egal. Hauptsache, sie können ihr Geschäft machen.

Welche Rolle spielen dabei die Spielerberater?


Als ich 1996 begonnen habe, in dieser Branche tätig zu sein, gab es bundesweit etwa 20 tätige Berater. Das alte Spielervermittler-Reglement sah eine Hinterlegung eines Betrages von 200000 Schweizer Franken bei der Fifa in Zürich vor. Oder alternativ den Nachweis einer Berufshaftpflichtversicherung in entsprechender Höhe. 2007 änderten die Fifa und mit ihr die nationalen Verbände diese Verpflichtung und führten stattdessen eine Lizenzierung von Spielervermittlern ein. Seit dem 1. April 2015 gibt es gar keine Vorgaben mehr. Mit der Zahlung einer Registrierungsgebühr in Höhe von 500 Euro an den DFB und der Abgabe eines polizeilichen Führungszeugnisses kann in Deutschland jeder Agent im Fußball werden.

Eine Kapitulation vor der Realität?


Das ist eine Interpretationsmöglichkeit. Fakt ist: Heute gibt es allein in Deutschland mehr als 500 tätige Berater oder solche, die sich so nennen. Darunter finden sich auch ehemalige Klempner, Schrotthändler, Diskotheken-Betreiber, Pizzabäcker und Fanartikel-Verkäufer! Dabei ist die Anzahl der zu betreuenden Fußballspieler in diesem Zeitraum nahezu unverändert geblieben. Damals hatten nur Nationalspieler und Top-Bundesligaspieler einen Berater. Die Spieler waren Anfang bis Mitte 20. Die sportliche Entwicklung dieser Akteure war absehbar. Heutzutage schmückt sich jeder U15-Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren der Profivereine und nahezu jeder Viertliga-Kicker mit einem Berater. Und gerade bei Kindern ist die sportliche Entwicklung nur sehr bedingt bis überhaupt nicht vorhersehbar. Aber heute sprechen Berater schon Kinder und Jugendliche im Alter von 13 bis 14 sowie deren Eltern an. Immer häufiger wird dabei mit Geld- und Sachleistungen geködert. Normalität ist ein Paar der neuesten Fußballstiefel als geringste Vorleistung. Dazu bin ich nicht bereit. Das entspricht nicht meinem Berufs-Ethos.

Besteht die Gefahr, dass Teenager in so jungen Jahren nur allzu schnell die Bodenhaftung verlieren?


Inwieweit bereits 14-Jährige eines Beraters bedürfen, erschließt sich mir in keiner Weise. Das führt dazu, dass Kinder und Jugendliche zu sportlich unnötigen Vereinswechseln gedrängt werden. Hierbei spielen allerdings auch die Profivereine sowie der überzogene Ehrgeiz der Eltern eine unrühmliche Rolle. Leidtragender ist beispielsweise der Drittligist Holstein Kiel. Den Störchen werden Jahr für Jahr Talente abgeworben. Dabei ist das Kieler Nachwuchsleistungszentrum derart professionell ausgestattet, dass es für ein Talent kaum einen Unterschied macht, ob es bei Holstein oder einem Erst- oder Zweitligisten weiter ausgebildet wird. Wenn ein Talent die sportlichen und persönlichen Voraussetzungen für den Profibereich, insbesondere meine ich hier die Bundesliga, mitbringt, wird er meiner Überzeugung und Erfahrung nach auch über die Nachwuchsarbeit von Holstein Kiel sein Ziel erreichen. Am Ende entscheidet über Bundesliga oder Dritte beziehungsweise Vierte Liga nicht die Fußball-Künste allein, sondern vor allem die Persönlichkeit des Spielers. Berater bieten sich den Talenten und deren Eltern ausschließlich aus dem Grund an, um sie an sich zu binden und mit ihnen im Optimalfall in späteren Jahren das große Geld zu verdienen.

Schwingt bei Ihren Worten die Verbitterung eines Sozialromantikers mit?

Von Verbitterung kann keine Rede sein. Aber die Entwicklung dieser Branche hat dazu geführt, dass ich an dieser Tätigkeit keine Freude mehr habe. Vor 20 Jahren war man als Berater gleichzeitig Vermittler. Man hat persönlich bei Trainern oder Managern angefragt, die Qualitäten eines Spielers beschrieben und dann nachgehakt, ob Interesse an einer Verpflichtung bestehe. Denn es gab seinerzeit in fast keinem Verein ein funktionierendes Scouting-System. Heute drückt jeder Trainer oder Sportdirektor von der Ersten bis zur Vierten Liga und im Jugendleistungsbereich auf den Knopf seines Laptops und kann sich durch die diversen Scouting-Programme selbst ein detailliertes Bild eines jeden Spielers machen. Damit ist eine vermittelnde Tätigkeit quasi obsolet geworden.

Was ist an diesem Status quo infrage zu stellen?

Grundsätzlich nichts. Ich stelle aber die Gegenfrage: Worin besteht denn die Leistung des Beraters? Der sollte doch versuchen, für seinen Klienten die bestmögliche vertragliche Gestaltung gegenüber dem aufnehmenden Verein zu erreichen. Damit wäre er ausschließlich auf Seiten des Spielers tätig. Somit müsste er auch von dem Spieler für seine Tätigkeit vergütet werden. In der Realität wird der Berater jedoch von dem Verein honoriert, der mit dem Spieler den Arbeitsvertrag schließt. Das passiert, indem zwischen Berater und Verein eine vertragliche Hilfskonstruktion gewählt wird, der zufolge der Verein den Berater beauftragt, ihm einen Spieler zu vermitteln, der die sportlichen Anforderungen für die angedachte Position erfüllt. Doch von einer Vermittlung kann nicht die Rede sein, da der Verein ja bereits im Vorfeld wegen des betreffenden und ihm bekannten Spielers den Berater kontaktiert hat. Diese Art der Vertragsgestaltung dient ausschließlich der Legitimation der vereinbarten Provisionszahlung an den Berater (Anm. der Redaktion: üblich sind zehn Prozent des Jahres-Brutto-Grundgehaltes des Spielers. Das durchschnittliche Einkommen eines Erstliga-Profis wird auf 1,5 Millionen Euro per anno).  Stehen sich hier überhaupt Leistung – Tätigkeit des Beraters
für den Spieler – und Gegenleistung – Provisionszahlung des Vereins an den Berater – in einem gegenseitigen Austauschverhältnis gegenüber? Ich meine eher nicht.

Das Transfergeschäft als protegierter Selbstbedienungsladen für Berater?

Das könnte man so sehen. Noch fragwürdiger wird es, wenn die Vereine sogar Vätern von Spielern Provisionen dafür zusagen, dass der Vater dem Verein den Arbeitsvertrag mit dem Sohn angeblich vermittelt und/oder ihn bewogen haben soll, den Arbeitsvertrag bei dem Verein, bei dem er unter Vertrag steht, zu verlängern oder bei einem anderen Verein neu zu unterschreiben. Hier erhält der Vater eine Provision, obwohl er für den Klub gar keine Leistung erbracht hat. Gegebenenfalls ist den Klubvertretern gar nicht bewusst, was es rechtlich bedeutet, eine Nichtleistung mit einer Provisionszahlung zu honorieren. Unter strafrechtlichen Gesichtspunkten könnte man hier durchaus an
den Tatbestand der Untreue denken.

Starker Tobak …

… in der Tat. Eine noch größere Selbstbedienungsmentalität entfaltet sich, wenn die Berater zunächst längerfristige Arbeitsverträge zwischen Verein und Spieler sowie gleichzeitig Ausstiegsszenarien vereinbaren, an denen sie dann über die normale Provision hinaus finanziell nicht unerheblich beteiligt sind. Entwickelt sich der Spieler, hat der Berater gar
kein Interesse mehr daran, dass der Spieler den Vertrag mit seinem Arbeitgeber erfüllt, sondern versucht, ihn schnellstmöglich anderenorts unterzubringen. In der geschilderten Konstellation vertritt ein Berater gleichzeitig vier
verschiedene Interessenlagen: Er ist für den Spieler, für den abgebenden und den aufnehmenden Verein sowie für sich selbst tätig. Raten Sie mal, welches Interesse für viele Berater das wichtigste ist. Aus meiner Sicht ist diese Konstellation rechtlich höchst bedenklich. Auf diese Weise wurden dem Fußball-Kreislauf in Deutschland im vergangenen Jahr gut 120 Millionen Euro durch Provisionszahlungen entzogen – Tendenz steigend.

Warum reagieren die Vereine nicht?

Die Top-Klubs fürchten, im europäischen Wettstreit nicht die Spieler zu bekommen, die sie verpflichten möchten. Daher können die Vereine diese Interessenkollision nicht allein lösen. Aus meiner Sicht müsste ein Schulterschluss zwischen Fußball-Verbänden, Vereinen und Politik, gemeinsam mit der Finanzverwaltung, geübt werden, um die bestehende Praxis rechtlich sauber abzubilden.

Ist Resignation der Antrieb zu Ihrem Berufsausstieg?


Ich bin eher desillusioniert. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich nachhaltig etwas ändert. Der Fußball hat sich dahingehend entwickelt, dass es nur noch um höher, schneller, weiter in möglichst kurzer Zeit ohne jede Rücksichtnahme geht. Dadurch gehen dem Fußball Identifikation und Glaubwürdigkeit verloren. Ich kann mich beruhigt aus diesem Geschäft zurückziehen, das nicht mehr meins ist. Mit allen Spielern, die mir über die Jahre die Treue gehalten haben, bin ich freundschaftlich verbunden und helfe ihnen auf Wunsch auch weiterhin bei rechtlichen Fragestellungen.

Region/Kiel

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