JVA-Kicker Yilmaz (l.) spielt seit über 20 Jahren Fußball und absolviert gerade eine Umschulung zum Automobilkaufmann. JVA-Kicker Yilmaz (l.) spielt seit über 20 Jahren Fußball und absolviert gerade eine Umschulung zum Automobilkaufmann. © Benjamin Feller
JVA-Kicker Yilmaz (l.) spielt seit über 20 Jahren Fußball und absolviert gerade eine Umschulung zum Automobilkaufmann.

Kicken gegen Knastis: So läuft ein Amateurspiel gegen Häftlinge ab

Kreis Havelland: Das Duell auf dem Kunstrasenplatz im Potsdamer Kirchsteigfeld warf im Vorfeld eine Menge Fragen auf.

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Im Vorfeld gab es viele Fragezeichen. Die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Düppel in Zehlendorf standen Mittwochabend vor ihrem ersten Großfeld-Fußball-Spiel. Wie würden sie sich verkaufen? Auf der anderen Seite warteten die Kicker der Ü32-Mannschaft von Juventas Crew Alpha aus Potsdam. Wie würde es sein, gegen verurteilte Straftäter zu spielen? Und was sollte Zuschauer erwarten? Ein von Polizisten umstellter Kunstrasenplatz am Kirchsteigfeld?

Nach 90 Minuten und einem 5:3-Erfolg der Alpha-Elf waren alle schlauer und um einige Vorurteile ärmer. „Für uns war es ein ganz normales Spiel“, meinte Jan Ullmann, Kapitän des Gastgebers. „Es war eine total faire Partie. Wir freuen uns auf eine Revanche“, sagte der 35-Jährige. Gerade für die Häftlinge war es ein Erlebnis, das sie unbedingt wiederholen wollen.

Siezen gehört zu den Regeln

Auf 18 Spieler konnte David Schneider am Mittwoch bauen. Er ist das Bindeglied. Durch ihn kam das ungewöhnliche Testspiel zustande. Der 34-Jährige, der früher als Stürmer für Babelsberg 03 II und Blau-Weiß Beelitz aktiv war, arbeitet als Justizvollzugsbeamter in Düppel und hat vor einem Jahr eine Fußball-AG ins Leben gerufen. Die Vorfreude auf das Duell mit einer „richtigen“ Mannschaft war riesig, die Begeisterung den Kickern unterschiedlichster Nationalitäten anzumerken.

JVA-Auswahltrainer David Schneider. JVA-Trainer David Schneider. © Benjamin Feller

Der einzige Unterschied zu einer regulären Partie war der, dass sich Trainer Schneider und seine Spieler siezten: „Das gehört zu unseren Regeln.“ Sein Schützling Yilmaz, dessen Nachname nicht genannt werden soll, organisierte aus der Abwehr das Geschehen der JVA-Auswahl. „Für uns war das eine super Abwechslung“, berichtete der 33-Jährige. Er spielt seit über 20 Jahren Fußball und trägt aktuell das Trikot eines Spandauer Kreisligisten. Dass er ein verurteilter Verbrecher ist, spielt in der Kabine keine Rolle. Wie seine Teamkollegen (die ganze Strafpalette von einem Kurzzeit-Inhaftierten bis zu einem lebenslänglich verurteilten Gefangenen wird ausgenutzt) sitzt er im offenen Vollzug. Tagsüber kann er seinem Job nachgehen, Zeit mit der Familie verbringen.

Individuelle An- und Abreise

„Das sind alles Inhaftierte, die ihre längste Haftzeit im geschlossenen Vollzug hinter sich haben und jetzt in der Integrationsphase sind“, so Schneider. Die Chance, sich außerhalb der Gefängnismauern zu resozialisieren, muss sich erarbeitet werden. „Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Die Gefangenen sind auf Flucht- und Missbrauchsgefahr geprüft“, erklärte er. Ein Polizeiaufgebot zur Sicherung gab es deshalb am Rande des Fußballspiels auch nicht.

Die Spieler reisten selbstständig zum Spiel an und ab. Yilmaz, der aufgrund diverser Straftaten seit knapp fünf Jahren einsitzt und noch zehn Monate Haft vor sich hat, musste 23 Uhr wieder in der Justizvollzugsanstalt sein. Um 7 Uhr begann seine Ausgangszeit. „Ich absolviere eine Umschulung zum Automobilkaufmann und habe mir den offenen Vollzug durch Gespräche mit Sozialarbeitern und dem Einhalten der Regeln erarbeitet“, erzählte der Rechtsfuß.

Auf ihn und alle anderen Häftlinge war David Schneider stolz. Sie verkauften sich sehr ordentlich – sportlich und in ihrem ganzen Auftreten. Wer es vorher nicht besser gewusst hätte, wäre von einem ganz normalen Testspiel ausgegangen. „Für weitere Freundschaftsspiele sind wir immer ansprechbar. Bei unserem Tag der offenen Tür am 19. Mai kann uns zudem jeder besuchen und hinter die Fassade schauen“, sagte Schneider und hofft, so weitere Berührungsängste abbauen zu können.

Region/Brandenburg Kreis Havelland Juventas Crew Alpha Juventas Crew Alpha Ü 32 (Altherren)

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