11. Oktober 2018 / 15:21 Uhr

Landessportbund Bremen empfiehlt Hastedter TSV das Insolvenzverfahren

Landessportbund Bremen empfiehlt Hastedter TSV das Insolvenzverfahren

Jörg Niemeyer
Pleite HTSV - Hastedter Turn- und Sportverein
Wie lange gehört die Sporthalle am Jakobsberg noch dem Hastedter TSV? © Christina Kuhaupt
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Nach gründlicher Prüfung haben der LSB und die Sportbehörde Bremen dem HTSV den Gang zum Amtsgericht empfohlen - doch der Vorsitzende Günther Müller hofft noch immer auf die Rettung

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„Ich werde erst dann zum Gericht gehen, wenn ich erkenne, dass es keine andere Möglichkeit gibt.“ Das hatte Günther Müller, der Vorsitzende des Hastedter TSV, am Montag dieser Woche nach einem Gespräch mit dem Präsidenten des Landessportbundes Bremen (LSB), Andreas Vroom, gesagt. Am Mittwochmorgen waren die ohnehin geringen Chancen weiter gesunken, dass der Klub den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens noch vermeiden könnte. „Der Karren steckt zu tief im Dreck“, sagte Vroom. Er hatte am Montag versprochen, sich umgehend noch einmal für den HTSV einzusetzen, doch nach gründlicher Prüfung der vorliegenden Hastedter Zahlen und nach nochmaliger Rücksprache mit der Sportsenatorin Anja Stahmann (Die Grünen), dem zuständigen Staatsrat Jan Fries (Die Grünen) und dem Sportamtsleiter Christian Zeyfang gibt es für den LSB-Chef nur einen Weg: „Ich habe Günther Müller gesagt, dass aus unserer Sicht der Gang zum Amtsgericht notwendig ist.“

Getreu seiner Aussage vom Montag ist Günther Müller am Mittwoch trotzdem noch nicht zum Gericht gegangen. „Ja“, sagte er, „es sieht im Moment so aus, dass das unvermeidbar ist. Aber eine Sache habe ich noch laufen.“ Was das für eine Sache ist, sagte er zwar nicht. Doch klar war: Er hatte den Kampf um den Fortbestand des Hastedter TSV immer noch nicht aufgegeben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagte der 83-Jährige. Ein Zitat, das meistens dann verwendet wird, wenn es keine echte Hoffnung mehr gibt. Vielleicht, so Müller, falle an diesem Donnerstag die Entscheidung über die Zukunft seines Vereins.

Wie mehrfach berichtet, hat die vereinseigene Halle am Jakobsberg den 157 Jahre alten HTSV in den Ruin getrieben. Der Verein konnte die teuren Renovierungsarbeiten der vergangenen Jahre – unter anderem für ein neues Dach, eine neue Beleuchtungs- und eine neue Heizungsanlage – sowie die daraus entstehenden Folgekosten zuletzt nicht mehr aufbringen, weil sein Mitgliederbestand seit 2014 um mehr als 400 Personen auf nunmehr etwa 570 geschrumpft ist. Angesichts der dramatischen finanziellen Lage des HTSV sei eine geordnete Überführung der Sporthalle in den Besitz von Immobilien Bremen nicht mehr infrage gekommen, sagte LSB-Chef Vroom.

Eine derartige Überführung dauere aus organisatorischen und rechtlichen Gründen mindestens zwölf, möglicherweise sogar 18 Monate, in denen der HTSV für den laufenden Unterhalt einen hohen fünfstelligen Euro-Betrag flüssig haben müsse. Aktueller Stand am Mittwoch war jedoch, dass der HTSV dieses Kalenderjahr mit mehr als 30 000 Euro Verlust und ohne Geldgeber abschließen wird. Dieses Ergebnis würde eine geordnete Hallenüberführung an die Stadt unmöglich machen – es sei denn, Günther Müller gelingt mit fremder Hilfe doch noch die entscheidende Wende.

Die Bremer Sportbehörde bedauerte „die leider fehlende Überlebensfähigkeit des Vereins“ und steht in engem Kontakt zum LSB, um für die Herausforderungen Lösungen zu finden. „Wichtig ist, dass die Aktiven weiter Sport treiben können und die für den Schulsport unverzichtbare Halle weiter von diesem genutzt werden kann“, sagte Anja Stahmann. Die Sportpolitische Sprecherin der SPD und ehemalige LSB-Präsidentin Ingelore Rosenkötter schlug die Einrichtung eines Fonds vor, „mit dem städtische und vereinseigene Anlagen bei Bedarf gerettet werden können“. Die Haushaltslöcher hätten so einen Fonds in den letzten 15 Jahren nicht zugelassen.

Nach Meinung des Sportpolitischen Sprechers der CDU, Marco Lübke, zeige der Fall des Hastedter TSV, „wie dramatisch die Situation in den Sportvereinen ist“. Er habe in jüngerer Vergangenheit etwa 15 Vereine besucht und jedes Mal feststellen müssen, dass die Klubs ein Problem mit zurückgehenden Mitgliederzahlen haben. „Das ist ein gesellschaftliches Problem“, sagte Lübke, „der soziale Mehrwert eines Vereins wird nicht mehr gewürdigt.“ Da müsse es dringend von staatlicher Seite Hilfe geben.

Das sieht Cindi Tuncel, der Sportpolitische Sprecher der Linken-Fraktion in der Bürgerschaft, genauso. „Von der Halle profitieren nicht nur Vereinsmitglieder“, sagte er mit Verweis auf die Nutzung durch Schulen. Tuncel warf der Stadt vor, aus Kostengründen den Bau eigener Hallen zu unterlassen und lieber eine private Halle anzumieten. „Das, was dem HTSV das Genick zu brechen droht, ist die vereinseigene Halle.“ Wohl wahr.

LSB-Chef Vroom leitete aus dieser Tatsache zwei Gründe ab, warum aus seiner Sicht der Gang zum Amtsgericht unvermeidbar sei: erstens die Schuldenfalle, in der der HTSV stecke, und zweitens die perspektivische Vereinsentwicklung. Letztere sei schon deshalb problematisch, weil der Großteil der Mitglieder dem Hastedter TSV zum Jahresende die Kündigung ausgesprochen hat. Vroom erinnerte daran, dass er die Schwierigkeit der Belastung durch vereinseigene Sportstätten schon lange betont hatte. „Meine Mahnungen und Warnungen an die Vereine, Verbände und Politiker sind dringender und realer als mir lieb sind“, sagte er – betroffen vom Schicksal der Hastedter und überhaupt nicht glücklich darüber, dass die Entwicklung beim HTSV ihn in seiner Einschätzung bestätigt.

„Es zeigt sich, dass Wachsamkeit und Kompetenz in einer Vereinsführung unerlässlich sind“, sagte Vroom. Den Vereinen legte der LSB-Präsident nahe, die Beratungsangebote des Landessportbundes zu nutzen. „Wir müssen feststellen, dass der organisierte Sport nun mal kein Selbstläufer ist.“ Unabhängig von Ingelore Rosenkötter, formulierte Vroom seine Forderungen zugunsten der bremischen Vereine. Ganz oben auf der Liste: mehr Geld für Energiekostenzuschüsse, mehr Geld für allgemeine Sportförderung und bei Bedarf von Vereinen die Übernahme einer Sportstätte durch Immobilien Bremen. Der HTSV jedoch kann sich nur noch selbst helfen.

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