24. Juli 2018 / 08:39 Uhr

"Lebbe geht weider": Dragoslav Stepanovic auf Stippvisite in Leipzig

"Lebbe geht weider": Dragoslav Stepanovic auf Stippvisite in Leipzig

Guido Schäfer
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Dragoslav Stepanovic hatte als Trainer auch einen Kurzauftritt in Leipzig.
Dragoslav Stepanovic hatte als Trainer auch einen Kurzauftritt in Leipzig. © Klaus-Dieter Gloger
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Er trainierte den VfB Leipzig, feierte Erfolge mit Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen. Stepanovic war und ist Kult, auch wegen seiner Sprüche. Im Interview äußert er sich über Fußball, Gott, die Welt, Alfons Berg, Leipziger Allerlei, Ralf Rangnick, Bernd Schuster und einiges mehr.

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Leipzig. Er war jugoslawischer Nationalspieler, wurde 1976 in die Weltelf berufen, kickte unter anderem für Roter Stern Belgrad, Eintracht Frankfurt und Manchester City. Als die Knie nicht mehr mitmachten, wurde aus dem Außenverteidiger Dragoslav Stepanovic der Zigarillo quarzende Kult-Trainer Stepi. In Frankfurt, Leverkusen, Bilbao, China usw. - 1998/1999 auch beim damaligen Drittligisten VfB Leipzig. Stepi, Aushängeschild der Frankfurter Eintracht, Botschafter beim hessischen Ministerium und Trainer der Hessenauswahl für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, war Stargast beim Spiel Lipsia Eutritzsch gegen Sheffield. Während des Spiels und zwei Tage später (Thema Mesut Özil) nahm sich Lebbe-geht-weider-Stepi, 69, Zeit für ein Gespräch über Fußball, Gott, die Welt, Alfons Berg, Leipziger Allerlei, Ralf Rangnick und Bernd Schuster, den er Panzer nannte. Stepi hat dem Schnurrbart zur Daseinsberechtigung verholfen und die aufgeregte Fußball-Welt beispielsweise so entschleunigt: „Kannst du nicht zubereiten Spieß, wenn Hase ist noch im Wald...“

DURCHKLICKEN: Lipsia Eutritzsch gegen den Sheffield FC

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Sie sehen jung und frisch aus. Gene, Sport, gesundes Essen?

Alles zusammen. Plus Gelassenheit und Zufriedenheit, junger Mann.

Wie ist Ihr Lebbe 2014 nach Ihrer letzten Trainerstation bei Radnički Niš weitergegangen?

Was heißt hier letzte Station? Ich bin immer noch zu haben.

Für wen, was?

Nicht mehr für Clubs, den Trainer Stepi gibt es nur noch als Nationaltrainer.

Was war die schönste Ihrer 17 Trainerstationen?

Bei der Eintracht. Das ist und bleibt mein Verein. Wenn es 1992 den Videobeweis gegeben hätte, wären wir Deutscher Meister.

16.Mai 1992, letztes Spiel in Rostock. Die Eintracht brauchte einen Sieg zur Meisterschaft.

Ja, den hätten wir auch geholt.

Stefan Böger mähte Ralf Weber in der 75. Minute um. Das war für alle ersichtlich ein Elfer.

Für fast alle.

Alfons Berg gab den klarsten Elfer der Bundesliga-Historie nicht und dachte danach über eine Auswanderung nach.

Über was der Berg hinterher nachdachte, war und ist mir egal.

Hansa hatte noch eine Mini-Chance auf den Klassenerhalt und lief sich einen Wolf.

Am Ende hatte keiner was gekonnt. Rostock ist abgestiegen und wir haben in die Röhre geguckt.

Nach dem Spiel kreierten Sie den berühmten Spruch von bleibendem Wert. Ihre Biografie heißt ,Lebbe geht weider‘, auf Ihren Autogrammkarten kann man Ihre Aufarbeitung des Rostock-Dramas auch lesen. Verfolgt Sie ,Lebbe geht weider‘?

Im positiven Sinn. Stepi und ,Lebbe geht weider‘ gehören zusammen.

Es gibt auch andere legendäre Eingebungen. Zum Beispiel Ihre serbische Abwandlung vom Bärenfell und der Verteilung desselben: ,Kannst du nicht zubereiten Spieß, wenn Hase ist noch im Wald‘.

Das ist von mir?

Ja.

Passt auf keine Autogrammkarte.

Vorm Rostock-Spiel wurde über einen Einsatz des 37-jährigen Eintracht-Veteranen Charly Körbel diskutiert. Warum kam es nicht zu Körbels 622. Bundesliga-Einsatz?

Charly war mein Co-Trainer, wollte spielen und helfen. Ich habe zu ihm gesagt: ,Charly, ich weiß, dass du dieses eine Spiel in den Beinen hast. Ich weiß, dass uns deine Erfahrung helfen kann. Aber du hast zwei Jahre nicht gespielt, Charly. Wenn wir mit dir verlieren, bringen die uns in Frankfurt beide um‘.

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Andy Möller, Anthony Yeboah, Uwe Bein – war das die beste Eintracht-Mannschaft aller Zeiten?

Hundertprozentig. Und Uwe war der beste Fußballer, den ich trainiert habe. Er spielte Pässe, die man nicht lernen kann. Da mussten Andy oder Tony nur noch den Fuß oder sonstwas hinhalten.

Sie konnten ausnehmend gut mit Stars.

Konnte ich. Im Fußball kann man nicht alle gleich behandeln. Wenn ein 20-Jähriger im Training weniger machen will, gibt es einen Tritt in den Hintern. Bei Uwe Bein, Rudi Völler oder Bernd Schuster war das anders. Die waren alle über 30.

Und waren kampferprobte Veteranen, die es auch ohne tägliches Training konnten.

Ja. Montag und Dienstag hatten sie frei, Mittwoch und Donnerstag wurde trainiert, Freitag noch ein paar Standards – das reichte für diese wunderbaren Fußballer.

Ihre letzte Station als Spieler war 1982 bei Wormatia Worms in der zweiten Liga. Dort nahm Sepp Stabel keine Rücksicht auf Ihre nicht mehr elastischen Beine.

Ich musste irgendwann eins gegen eins über den halben Platz hetzen. Mit meinen 33 Jahren und kaputten Knien. Ich bin dann hin zu Stabel und hab‘ gesagt: ,Leck mich am Arsch, ich höre auf‘!

Als Bayer-Coach verpassten Sie Bernd Schuster den Spitznamen Panzer. Weil der blonde Engel so bullig war oder Ihnen auf die Ketten ging?

Weil alles an ihm abprallte, ihn nichts erschütterte. Bernd spielte zehn Fehlpässe hintereinander, wollte trotzdem weiter jeden Ball und kam nie auf die Idee, den elften Pass sicher zu spielen. Und irgendwann kamen zwei, drei Pässe an, die man nur noch reindrücken musste. Bernd war nicht schnell, aber schlau und technisch unglaublich. Ja, Bernd war mein Panzer. Ich habe ihn nur ein einziges Mal ausgewechselt. Danach nie wieder.

Die WM in Russland hat dem Ballbesitz-Fußball einen Platz im Museum zugewiesen. Zurecht?

Gott sei Dank, bei dem ewigen Ballgeschiebe ist man ja eingeschlafen. Weltmeister ist die Mannschaft geworden, die in den entscheidenden Momenten und Zonen da war, die schnelle, mutige Jungs im eins gegen eins hatte. Zum Beispiel Mbappé.

Ist Joachim Löw noch der Richtige?

Ja. 2014 war er Weltmeister und jetzt ist er nur noch Bademeister? Nee, nee, das geht mir zu schnell.

Stichwort Erdogate: Hätte Löw Gündogan und Özil daheim lassen sollen?

Dann hätte jeder hinterher gesagt, mit den beiden wären Deutschland Weltmeister geworden. Viele waren in Russland einfach ohne Form. Hummels, Müller, auch Özil. Und die Atmosphäre in einer Mannschaft ist auch extrem wichtig. Die hat nicht gestimmt.

Der Ablauf der Özil-Erdogan-Affäre in Zitaten

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Mesut Özil ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Unausweichliche Konsequenz?

Mir tut das leid, das Ganze hat keinen Gewinner. Alle haben Fehler gemacht, das Krisenmanagement war überhaupt nicht gut. Laut Uli Hoeneß hat Özil 2014 seinen letzten Zweikampf gewonnen und zuletzt jahrelang „Dreck’ gespielt. Ich habe Mesuts Spiel lange Jahre genossen, er war nie das Zweikampf-Monster, wie ihn Herr Hoeneß gern sehen wollte. Spieler wie Mesut laufen immer Gefahr, dass man ihnen mangelhafte Einstellung vorwirft, weil bei ihnen alles leichter als bei anderen aussieht.

Wie haben Ihnen die Kroaten bei der WM gefallen?

Sie haben eine top WM mit Klasse und Mentalität gespielt.

In der kroatischen Kabine wurde Liedgut mit Nähe zum faschistischen Ustascha-Regime geschmettert.

Das ist das Allerletzte, das gehört sich nicht.

Sie haben den Fußballer Jürgen Klopp 1989 aus der Sindelfinger Versenkung und zu Rot-Weiß Frankfurt geholt. Wurde nicht sofort eine Traumehe zwischen Ihnen beiden.

Ich hatte Kloppo in Sindelfingen beobachtet. Da ist er am linken Verteidiger vorbeigerannt wie an einem geparkten Trabi. Als er bei uns war, ging nix mehr bei ihm.

Und Sie haben ihn in die zweite Mannschaft gesteckt.

Er kam nach ein paar Monaten wieder zur Ersten und hat uns mit 14 Toren zum Titel geschossen. Aber das mit der zweiten Mannschaft nimmt er mir heute noch übel.

Wie erinnern Sie sich an Ihre Zeit beim VfB Leipzig?

Ich kam sieben Spiele vorm Saisonende und hatte den Auftrag, alle sieben Spiele zu gewinnen. Das habe ich. Chemnitz hatte aber noch ein Spiel mehr und ist aufgestiegen. Für die neue Saison hatte mir Ralph Burkei (VfB-Präsident; Red.) fünf Millionen D-Mark für neue Spieler versprochen und mir das vertraglich zugesichert. Als ich mir den Vertrag mit meinem Berater genauer angesehen habe, war da zwar Burkeis Unterschrift, es mussten aber zwei aus dem Präsidium unterschreiben. Ich habe den Vertrag zerrissen und Leipzig war kurz später Geschichte.

Stepanovic auf der Trainerbank des VfB Leipzig mit Assistent Achim Steffens.
Stepanovic auf der Trainerbank des VfB Leipzig mit Assistent Achim Steffens. © LVZ-Archiv

Ist seit 2016 wieder Bundesliga-Standort.

Vor allem dank Ralf Rangnick. Wir haben 1983 zusammen die Fußball-Lehrer-Lizenz gemacht. Ralf war seiner Zeit immer schon voraus, hat die Vierer-Kette eingeführt, ist mit Ulm, Hannover, Hoffenheim und Leipzig aufgestiegen. Er will immer alle und alles besser machen, verlangt viel, ist erfolgreich.

Zum gläsernen Profi gehören nicht nur in Leipzig morgendliche Blutentnahmen. Muss auch das sein?

Nicht wegen Trinkgelagen. Es geht um Verletzungsvorbeugung.

Als sie noch kickten, wurde nach dem Spiel der eine oder andere Äppelwoi gebechert.

Dettmar Cramer (Frankfurt-Trainer; Red.) ließ mal am Tag nach dem Spiel die Besoffenen gegen die Nüchternen spielen. Ich muss ihnen wohl nicht sagen, wer gewonnen hat.

2019 übernimmt Julian Nagelsmann Rangnicks Job. Ein Jahr Warten auf Godot, ein sich ewig ziehendes Vorspiel.

Das gab es früher nicht. Wenn man einen Vertrag unterschrieben hat, hat man sofort angefangen. Hoffenheim könnte mit dieser Konstellation Probleme bekommen.

Niko Kovac hat Ihre Eintracht Richtung München verlassen. Wie groß ist der Trennungsschmerz?

Diese einmalige Chance hat sich Niko erarbeitet und die musste er nutzen.

Nimmt er den betreuungsaufwändigen Ante Rebic mit nach München?

Glaube ich nicht. Die Eintracht wird es aber schwer haben, ihn zu halten. Wenn ein großes Angebot mit 40, 50 Millionen Euro Ablöse und dreifachem Gehalt kommt, kann man einem Spieler schlecht sagen: ,Du bleibst mal schön bei uns‘.

Grüße nach Leipzig. Und immer dran denken: Lebbe geht weider.

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