20. September 2018 / 15:47 Uhr

Unser Treffen mit Manuel Charr: Das verlogenste Interview des Jahres?

Unser Treffen mit Manuel Charr: Das verlogenste Interview des Jahres?

Stefan Döring
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Box-Weltmeister Manuel Charr posiert vor wenigen Tagen auf dem Dach der Lanxess-Arena, wo der WBA-Champion seinen Titel verteidigen wollte. Im Hintergrund der Kölner Dom.
Box-Weltmeister Manuel Charr posiert vor wenigen Tagen auf dem Dach der Lanxess-Arena, wo der WBA-Champion seinen Titel verteidigen wollte. Im Hintergrund der Kölner Dom. © imago/Marianne Müller
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Der SPORTBUZZER trifft Manuel Charr in Köln zum Interview. Wenige Minuten später wird bekannt, dass der Box-Weltmeister offenbar gedopt hat - mit Anabolika. Während unseres Gesprächs machte Charr einen ganz normalen Eindruck. Bleibt die Frage: War es das verlogenste Interview des Jahres?

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Es sollte ein Interview werden über seinen größten Kampf der Karriere, über seine erste Titelverteidigung als WBA-Champion im Schwergewicht. Der SPORTBUZZER trifft den Boxer Manuel Charr eine Woche vor dem Kampf in der Kölner Lanxess-Arena in seiner Heimat. Doch nur zehn Minuten nach dem Termin, bei dem er ein komplettes Training durchzog, stellt sich heraus: Alles für die Katz. Der Kampf fällt aus – Charr hat offenbar gedopt, wurde in der A-Probe positiv getestet. Mit Anabolika zum Muskelaufbau.

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Während des Interviews machte der Boxer syrischer Abstammung einen normalen Eindruck. Nichts deutete auf so eine Meldung hin. Stattdessen wurde am Tresen des Sportstudios Baaden sogar noch über den laufenden Ticketverkauf und Karten für den großen Abend am 29. September gesprochen. Eine Erkältung hatte ihn eine Woche zuvor aus dem Training genommen, jetzt war wieder alles gut, er sei bei Kräften, fühle sich bereit für das Duell gegen Fres Oquendo. Gut 45 Minuten jagt er schattenboxend durch den Ring, hört laut Hip-Hop. Er sieht beweglich aus, scheint topfit.

Nach dem Training tanzt Charr zum Pophit „Bella Ciao“ durch das Studio und witzelte: „Seit Wochen keine Disko, keine Frauen. Alles für den Kampf und den WM-Titel. Mein Eiweiß-Shake ist meine Frau.“ Er lacht viel, ist zu allen freundlich, gibt Handshakes zur Begrüßung und Küsschen zum Abschied. Umso erstaunlicher, dass um kurz vor 12 Uhr am Donnerstagmittag die Meldung über eine positive Doping-Probe kam. Dabei wollte es Charr allen zeigen. War es das verlogenste Interview des Jahres?

SPORTBUZZER: Manuel Charr, eine Woche vor der Titelverteidigung. Wie angespannt sind Sie?

Manuel Charr: Noch bin ich locker. Die Anspannung wird erst in der letzten Kampfwoche kommen, je näher der Kampf rückt. Ich bin in den letzten Trainingseinheiten, habe morgen mein Abschluss-Sparring. Ab Montag sind meine Gedanken auf Kampf eingestellt und ich werde im Tunnel sein.

Was ist in dieser Vorbereitung anders als sonst?

Meine Hüften sind fest, ich schlage härter und bewege mich besser. Ich bin leicht wie eine Gazelle. Nachdem ich beide Hüften in einer Operation neu bekommen habe, brauchte es ein wenig Zeit, bis sie ganz fest werden. Das ist jetzt der Fall. Man wird einen ganz anderen Boxer sehen.

Wie schätzen Sie Ihren Gegner Fres Oquendo ein?

Er ist ein sehr erfahrener Boxer. Er kommt aus einer sehr guten Boxschule aber ich bringe das junge Leben mit. Die Kondition wird entscheidend sein.

Kritiker sagen, der Gegner sein alt und Kanonenfutter...

Ein Kritiker hat immer was zu meckern. Ein Kampf ist ein Kampf und ich akzeptiere meinen Gegner und ich mache meinen Job. Ich mache das, was der Box-Weltverband sagt und der entscheidet, wer Pflichtherausforderer ist.

Der Kampf findet in Köln, Ihrer Heimatstadt, statt. Wie besonders ist das?

Das ist sehr besonders! Ich freue mich sehr auf das Heimspiel. Mein Wunsch, hier zu Hause zu boxen, habe ich mir erfüllt. Das ist das Beste, was mir passieren kann.

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Sie bereiten sich hier in einem kleinen Studio im Kölner Süden vor. Alles ist familiär und Old School.

Ich trainiere hier mit ganz normalen Menschen. Das zeigt mir eins: Es geht von der Straße zu den Sternen. So habe ich auch angefangen. Ich bin ein Hoffnungsträger für die Jugendlichen und ich gebe den Menschen hier Hoffnung. Jeder, der hier reinkommt, kann mit mir sprechen. Ich bin immer freundlich und soziale Bindung ist mir wichtig. Ich bin der Manuel von nebenan. So lange wir uns auf menschlicher Ebene gut behandeln, ist das gut. Ich mache meinen Job.

Bei dem Kampf wollen Sie unter deutscher Flagge auflaufen...

Natürlich! Was kann ich dafür, wenn die Politik versagt? Ein Stück Papier entscheidet nicht darüber, was ich im Herzen fühle. Ich boxe für das Land – mit Freude. Wenn ich nicht unter deutscher Flagge boxen würde, wären viele Deutsche enttäuscht und auch Flüchtlinge. Die würden dann sagen, es lohnt sich nicht für das Land einzutreten. Ich mache konsequent mein Ding und glaube nur an mich. Lass die Leute über sich reden, wie sie wollen.

"Ich bin ein Flüchtlingskind"

Sie wollen für gelungene Integration stehen. Mesut Özil stand es in der Fußball-Nationalmannschaft. Dann kam das Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Auch Sie haben ihn mal getroffen...

Ich bin ein Flüchtlingskind! Ich habe mich bei ihm einen WBC-Gürtel überreicht, aus Dankbarkeit, was er und sein Land für Flüchtlinge leisten. Vier Millionen Syrer leben in der Türkei. Ich will mich auch mit Angela Merkel treffen und sich bei ihr stellvertretend bei dem ganzen Land bedanken. Es geht um Dankbarkeit. Außerdem reden wir zu viel über andere Länder. Wir haben hier genug Probleme. Warum bauen wir nicht Deutschland auf. Viele Kinder haben kein Geld? Warum helfen wir diesen Menschen nicht? Menschlichkeit ist wichtig!

Ist daher der WM-Kampf auch wichtig, weil dadurch erfolgreiche Integration ausgedrückt wird?

Ich bin das beste Beispiel für Integration. Ich bin seit 29 Jahren Deutscher – ohne Pass. Trotzdem stehe ich für dieses Land. Ich habe meine Titel – schon als Kickboxer – immer für dieses Land gewonnen. Erst als ich den WBA-Titel geholt habe, hat keine mehr akzeptiert, dass ich Deutscher bin. Das hat mich gekränkt. Aber ich habe mir gedacht: Ich bin deutsch, fühle mich deutsch. Ich will ein Vorbild für Flüchtlinge sein. Jeder der mich kennt: Ich halte mein Wort.

Nach der erfolgreichen Titelverteidigung – kommt der Kampf gegen Anthony Joshua, den Superchampion der WBA?

Es gibt die „Road to undisputed“. Joshua, Fury, Wilder und ich könnten uns dort treffen. Aber dafür gibt es das Management, das sich darum kümmert. Jeden, den du von den großen Namen schlägst – dann hast du es geschafft. Ich bin der reguläre WBA-Champion, Joshua ist der Papier-Champion. Ich bin bereit für jeden großen Kampf. Ich habe nie einen großen Kampf vermieden, habe gegen Klitschko und Ustinow gekämpft. Ich habe vor niemandem mehr Angst. Was soll mich erschüttern?

In der Woche vor dem Kampf haben Sie viele Termine. Ist ein Boxer auch Schauspieler?

Natürlich. Ist showtime. Du bist Entertainer, ein Künstler als Boxer. Boxen ist ein Gespräch zwischen Menschen ohne Wörter.

"Ich habe meine Lebenseinstellung geändert"

Wie viel Provokation gehört dazu?

Ich will niemanden provozieren. Ich habe meine Lebenseinstellung geändert. Ich urteile nicht über Dinge, die ich nicht beeinflussen kann. Ich respektiere Menschen und ich lerne alles und jeden persönlich kennen.

Ihr WM-Kampf läuft nur bei Sky gegen Bezahlung. Ist das deutsche Boxen am Boden?

Es gibt keine Fördergelder mehr. Alle deutschen TV-Sender sind ausgestiegen. Ohne die Gelder kann man keinen Boxstall aufbauen und keine Jugendarbeit betreiben. Man verdient nur Geld durch Sponsoring. Aber es müssen erst einmal Leute bereit dazu sein, zu investieren. Der Kampf gegen Oquendo wird mein vierter Kampf umsonst. Ich lebe nur durch Sponsoren. Dafür bin ich denen und meinem Investor sehr dankbar. Man muss einfach seinen Weg gehen.

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