01. April 2017 / 17:49 Uhr

Marco Hagemann: „Chicago sollte Schweinsteiger nicht als Messias sehen“

Marco Hagemann: „Chicago sollte Schweinsteiger nicht als Messias sehen“

Sönke Gorgos
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Marco Hagemann kommentiert seit 2015 die Major League Soccer bei Eurosport - jetzt auch mit Bastian Schweinsteiger.
Marco Hagemann kommentiert seit 2015 die Major League Soccer bei Eurosport - jetzt auch mit Bastian Schweinsteiger. © dpa/imago
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Er kommentiert seit 2015 die Major League Soccer für Eurosport, gilt als Experte im US-Fußball – am Samstag saß Marco Hagemann beim Debüt von Bastian Schweinsteiger am Mikrofon. Im Interview spricht der Reporter über die Herausforderungen, die den Weltmeister bei Chicago Fire erwarten, und die Situation des amerikanischen Fußballs.

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SPORTBUZZER: Herr Hagemann, in seiner ersten Pressekonferenz in den USA wurde Bastian Schweinsteiger gefragt, ob er mit Chicago Fire die WM gewinnen kann. Das hat für einige Lacher gesorgt. Unabhängig von diesem Patzer: Hat der Fußball in den USA den Durchbruch geschafft?

Marco Hagemann: (lacht) Es ist wohl ein Teil des amerikanischen Sport-Selbstverständnisses, dass man als bestes US-Team automatisch Weltmeister ist. Zur Frage: Ich habe meine Schwierigkeiten, so ein Superlativ heranzuziehen und würde grundsätzlich auf die Bremse drücken. Klar ist aber: Die MLS ist dabei, sich zu etablieren. Das sieht man an vielen Faktoren, zum Beispiel dem sehr guten Zuschauerschnitt. Auch das Klischee, dass nur satte Oldies nach Amerika wechseln, ist widerlegt. Es gibt viele amerikanische Talente, die hoffentlich auch mal den Sprung nach Europa schaffen.

SPORTBUZZER: Was wurde konkret verändert?

Hagemann: Ich konnte mich 2015 bei einem Versuch selbst davon überzeugen. Soccer wird an den Schulen und Universitäten immer populärer. Daran hatten auch Jürgen Klinsmann und Andi Herzog einen großen Anteil, die ja lange Nationaltrainer waren. Es wird eine Infrastruktur geschaffen, auch durch Kooperationen mit europäischen Klubs – ich nenne nur das Beispiel New York City FC und Manchester City.

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SPORTBUZZER: Schweinsteiger wurde am O’Hare Airport von Hunderten Fans empfangen. Man hat den Eindruck, dass es so einen Hype seit David Beckham nicht mehr gab.

Hagemann: Beckham war ein Türöffner. Man hat in Europa ja durch seinen Wechsel zu LA Galaxy erst realisiert, dass in Amerika überhaupt Fußball gespielt wird. Er ist dem Sport ja noch sehr verbunden, will in Miami eine eigenes Franchise etablieren. Anders als früher, als ja auch schon Stars wie Franz Beckenbauer und Pelé bei Cosmos New York gespielt haben, entstehen hier echte Strukturen. Damals war es so, dass es ein Feuerwerk gab und dann wurde ein bisschen gekickt. Das ist jetzt viel professioneller. Den Hype kann ich nachvollziehen: Die Amerikaner lieben solche Typen. Schweinsteiger ist ein Weltname, ein Führungsspieler, ein echter Star.

Die amerikanische Presse feiert den euphorischen Schweinsteiger-Empfang am Flughafen in Chicago.
Die amerikanische Presse feiert den euphorischen Schweinsteiger-Empfang am Flughafen in Chicago. © dpa/Montage
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SPORTBUZZER: Der allerdings Arbeit vor sich hat. Chicago gilt als Chaos-Franchise, war im letzten Jahr Letzter der 20 Mannschaften in Eastern und Western Conference, den beiden Staffeln. Sieht man Schweinsteiger als alleinigen Heilsbringer?

Hagemann: Davor kann ich nur warnen. Chicago sollte Bastian nicht als alleinigen Messias sehen. Er wird natürlich in die Rolle kommen, dass er Führungsaufgaben übernehmen muss. Aber sein Trainer Veljko Paunovic hat die serbische U20 trainiert, weiß, dass man Strukturen von unten aufbauen muss. Schweinsteiger kommt nicht dahin und wird im Alleingang jedes Spiel gewinnen. Das sollte dem Verein aber auch klar sein. Dafür ist die Liga dann doch zu stark. Dennoch ist Schweinsteiger wichtig, als verlängerter Arm des Trainers auf dem Platz und auch, um repräsentative Aufgaben zu übernehmen. Man muss ihn zu Beginn sicherlich dosierter einsetzen, weil er lange nicht gespielt hat.

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SPORTBUZZER: Die MLS hat in den vergangenen Jahren viele Stars kommen und gehen sehen – über Beckham haben wir schon gesprochen, aber auch Frank Lampard, Andrea Pirlo und Kaka spielen oder spielten in Amerika Fußball. Wie ist denn die Bilanz der Superstars?

Hagemann: Ich will es so formulieren – es ist auch in der MLS unmöglich, die Meisterschaft im Alleingang zu gewinnen. Es braucht eine funktionierende Mannschaft, ein Star allein reicht nicht. Es ist sehr schön und auch wichtig für die Liga, dass solche Namen kommen. Das schafft Aufmerksamkeit, nicht zuletzt in Europa. Aber eine Erfolgsgarantie ist es nicht. Das hat man gerade bei Kaka gesehen, der mit Orlando die Play-offs klar verpasst hat.

„Das taktische Niveau ist noch sehr ausbaufähig“

SPORTBUZZER: Stichwort Stärke: Als wie gut ist die Liga einzuschätzen im internationalen Vergleich?

Hagemann: Ich würde die Liga nicht mit einer anderen vergleichen, da liegt man schnell daneben. Was ich beobachtet habe: Das taktische Niveau ist noch sehr ausbaufähig, die meisten Teams spielen typisch amerikanisch, also sehr offensiv, und vernachlässigen dann die Abwehr. Das wird stetig besser, auch durch Know-how europäischer und südamerikanischer Trainer wie Paunovic oder Patrick Vieira bei New York City. Nicht unterschätzen darf man die Reiserei. Wenn du in Deutschland zu einem Bundesliga-Spiel fliegst, sagen wir von Hamburg nach München, dann bist du eine Stunde unterwegs, in der Champions League sind es maximal drei Stunden. In den USA ist das meist um ein Vielfaches mehr. Und: Der frühere Chelsea-Profi Shaun Wright-Phillips hat sich nach seinem Wechsel zu den New York Red Bulls sehr darüber gewundert, wie physisch in den USA Fußball gespielt wird. Auch das ist ein Faktor.

SPORTBUZZER: Ist das nicht für Schweinsteiger schlecht? Er gilt als verletzungsanfällig – und vor allem fehlt ihm die Spielpraxis.

Hagemann: Soweit ich weiß, ist Schweinsteiger seit einiger Zeit verletzungsfrei. Er hat bei Manchester United zwar nicht gespielt, aber beständig trainiert. Ich würde sagen, dass ihm der Wechsel sehr entgegenkommt. Er hat da natürlich auch Bock drauf. Ich glaube, dass seine Frau Ana Ivanovic eine große Rolle gespielt hat. Sie hat ihre Tenniskarriere beendet, hatte aber in den USA früher ihre Trainingsbase und ist da bestens vernetzt.

SPORTBUZZER: US-Ligen gelten in anderen Sportarten als sehr ausgeglichen. Trifft das auch auf die MLS zu?

Hagemann: Ja. Ich würde nicht sagen, dass etwa die Western Conference stärker ist als der Osten. Vor der vergangenen Saison habe ich Toronto FC mit dem früheren Juve-Dribbler Sebastian Giovinco, dem Ex-Gladbacher Michael Bradley und Jozy Altidore als große Favoriten auf dem Zettel gehabt, am Ende hat sich im Finale aber überraschend Seattle durchgesetzt. Was auffällt: Die Teams sind bis auf wenige Ausnahmen unglaublich auswärtsschwach.

SPORTBUZZER: Ist die Struktur der Liga vergleichbar mit Europa?

Hagemann: Nicht wirklich. Die Saison hat gerade erst angefangen, startet im März und dauert 34 Spieltage. Auch das ist härter als gedacht, denn anschließend kommen im Bestfall noch die Play-offs mit zwei Halbfinals, einem Conference-Finale und dem Endspiel um den MLS Cup. Man muss als Spieler also aufpassen, dass man nicht schon im Urlaubsmodus ist, wenn im Herbst die heiße Phase der Saison ansteht. Die Play-offs muss Chicago aber erst mal erreichen, das wird schwierig genug. Sie haben ja erwähnt, dass sie im Vorjahr weit weg waren.

SPORTBUZZER: Sie kommentieren auch die Premier League für DAZN. Haben Sie verstanden, warum Schweinsteiger 2014 zu ManUnited gewechselt ist? Zuletzt wurde er dafür kritisiert, auch von Michael Ballack.

Hagemann: Es kam für mich nicht wirklich überraschend. Ich wusste, dass er es lange im Hinterkopf hatte, mal in England zu spielen. In der ersten Saison hat er unter Louis van Gaal relativ beständig gespielt, aber seine Verletzungsprobleme haben ihm zu schaffen gemacht. Die Voraussetzungen waren deshalb besonders schwierig. Dennoch war es für ihn großartig, mal für einen internationalen Weltverein zu spielen.

SPORTBUZZER: Unter José Mourinho hat er keine Rolle mehr gespielt.

Hagemann: Es war legitim von Mourinho, sich auf andere Spieler festzulegen – allen voran Michael Carrick. Es war in der Außendarstellung allerdings sehr unglücklich, auch wenn Schweinsteiger sich außerordentlich professionell verhalten hat.

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SPORTBUZZER: Er hatte zu den Fans ein überragendes Verhältnis aufgebaut. Wird ihm das in Chicago gelingen? Und wie ticken US-Fußballfans?

Hagemann: Fußball ist in den USA ein Familienausflug. In Portland wird bei jedem Tor der Timbers ein Baumstamm zersägt, in Seattle kommen regelmäßig über 40.000 Fans in Stadion – in LA ist das ähnlich. Die Stimmung ist immer ausgelassen, es gibt auch einige Derbys. Du erlebst das ganze klimatische Spektrum: An einem Wochenende spielst du bei 30 Grad im Schatten in Orlando, am nächsten bei Schnee und Frost in Salt Lake City. Und das in ganz unterschiedlichen Stadien: Kleine, neue Fußballarenen wechseln sich mit riesigen Football-Arenen ab. Das dürfte für Schweinsteiger aber kein Problem sein, immerhin kennt er die großen Stadien aus Europa.

SPORTBUZZER: Im Sendezentrum von Eurosport hat man über den Wechsel sicher gejubelt, oder? Immerhin überträgt der Sender zwei Spiele pro Wochenende live und die Play-offs komplett. Schweinsteiger dürfte für geniale Einschaltquoten sorgen.

Hagemann: (lacht) Es ist super, dass ein Deutscher in der MLS spielt, auch für Eurosport. Aber auch für die deutschen Fans. Wir sind doch spätestens beim WM-Finale alle zu Schweinsteiger-Fans geworden.

SPORTBUZZER: Zum Abschluss der kleiner Hagemann-Check: Wie wird das Abenteuer Chicago für Schweinsteiger ausgehen?

Hagemann: (lacht) Wenn ich eine Glaskugel hätte! Es ist schwierig. Es ist für ihn wichtig, erst mal anzukommen, gute Spiele zu machen, die Mannschaft anzuführen. Ich hoffe, dass ihm Eigentümer, Trainer und Fans Zeit geben. Es wird nicht von null auf hundert gehen, man muss ihm Zeit geben. Ich gönne ihm einen schönen Karriereabschluss und eine wunderbare Zeit. Auch wenn’s schwierig ist: Ein Titel wäre toll.

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