17. Januar 2018 / 06:00 Uhr

Max Eberl exklusiv: "Mein Weg in Gladbach ist dann zu Ende, wenn..."

Max Eberl exklusiv: "Mein Weg in Gladbach ist dann zu Ende, wenn..."

Heiko Ostendorp
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Max Eberl ist seit Oktober 2008 Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach.
Max Eberl ist seit Oktober 2008 Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach. © imago
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Der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach spricht im SPORTBUZZER über die Baustellen bei der "Fohlenelf", eine Vertragsverlängerung mit Trainer Dieter Hecking und das Für und Wider beim Thema 50+1.

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Er gehört zu den profiliertesten Gesichtern der Bundesliga: Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach. Der 44-Jährige hat die Gladbacher in den letzten zehn Jahren vom Abstiegskandidaten zum Big Player im deutschen Fußball-Oberhaus entwickelt. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Eberl über die Entwicklung der Gladbacher, seine Pläne mit dem Traditionsklub aus Nordrhein-Westfalen und seine Entscheidung gegen den FC Bayern.

SPORTBUZZER: Herr Eberl, was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie morgens am Borussia-Park vorfahren?

Max Eberl (44): Ich sehe große Baustellen – aber zum Glück, was die Steine betrifft und nicht den Kader. (lacht)

Sind Sie stolz auf das, was gerade entsteht?

Ich habe den Klub vor 19 Jahren in der schlimmsten Phase kennengelernt: als wir gerade abgestiegen sind und wirtschaftlich mit einem Bein im Grab standen. Wenn man dann sieht, was mit dem Stadionumzug 2004 entstanden ist, mit dem Fohlencampus, mit dem Museum, das jetzt entsteht, mit dem Hotel, dem kleinen Jugendstadion, dem neuen Internat und in der Zukunft dem Lizenzhaus, dann erwischt man sich schon dabei zu denken: Hey, so schlecht können wir nicht gearbeitet haben.

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Und wo steht Borussia international?

Wir haben den großen Namen, den Borussia aufgrund seiner Historie hatte, aufleben lassen - dadurch, dass wir jetzt zweimal in der Champions League und zweimal in der Europa League dabei waren. Aus meiner Sicht wird es auf Dauer acht bis zehn Global Player geben, die wir heute schon alle kennen. Borussia ist ein Verein, der sich in den Plätzen 18 bis 30 aufhält.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie irgendwann nicht nur einen Pokal in den Händen halten wollen, sondern sicher sind, dass Sie es auch werden. Wäre der Weg dann abgeschlossen?

Mein Weg ist dann zu Ende, wenn mir jemand sagt, dass man meine Aussagen nicht mehr hören und meine Nase nicht mehr sehen kann. Wenn wir irgendwann einen Titel holen, werde ich nicht am nächsten Tag aufhören. Und auch wenn wir fünf Mal die Europa League verpassen, heißt das nicht, dass es vorbei ist.

"EIN TITEL IST DAS, WAS UNS NOCH FEHLT"

Was wäre ein Titel mit Borussia wert?

Extrem viel. Ein Titel ist das, was uns in der jüngeren Vergangenheit noch fehlt. Wir hatten Abstiegskampf, Relegation, den puren Wahnsinn in negativem Sinne und dann in positivem Sinne mit der Champions League und den Spielen gegen Barcelona oder Manchester City. Wir waren 2012 und im letzten Jahr im Pokal zweimal im Halbfinale, waren nah dran. Das zeigt, dass es möglich ist. Und daran werde ich glauben wie kein anderer. Ich möchte es diesem Verein einfach ermöglichen.

Zuletzt hatten Sie Streit mit den eigenen Fans, sagten nach Pfiffen gegen Hamburg u.a.: „Es geht mir so auf den Sack“ und „die sollen zu Bayern gehen.“

Ich habe das Gefühl, dass unsere Fans unseren Weg mittragen. Was ich vielleicht lernen muss, ist, dass man zwar den Anspruch haben kann, 100 Prozent zu erreichen, dass es jedoch unmöglich ist, 100 Prozent der Menschen zu erreichen.

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Max Eberl traut sich auch, mal gegen die eigenen Fans die Stimme zu erheben. ©
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Also bereuen Sie Ihre Aussagen nicht?

Ich bereue es nicht, nein. Für die Tonalität habe ich mich entschuldigt, aber in keinster Weise für den Grund. Das war nicht politisch, sondern menschlich. Mein Kopf war einfach voll, meine Seele war an diesem Abend berührt. Das war reine Emotionalität. Ich will und werde den Weg, den wir eingeschlagen haben, immer schützen. Wenn wir irgendwann dahin kommen, dass die Erwartungshaltung so groß ist, dass wir nicht mehr die Zeit haben, junge Spieler zu integrieren, dann sehe ich diesen alternativlosen Weg gefährdet. Und dann werden wir einen Wettbewerbsvorteil, den wir momentan vielleicht haben, verlieren. Dann haben wir ein Problem, dann werden wir nur noch einer von vielen Vereinen sein.

Wenn Sie Ihre Ex-Spieler Christensen bei Chelsea, Xhaka bei Arsenal oder ter Stegen bei Barcelona spielen sehen – blutet Ihnen dann das Herz?

Nein, das ist die höchstmögliche Auszeichnung. Wenn wir mit ter Stegen einen Champions League-Sieger stellen, dann macht uns das schon stolz. Da haben wir uns alle SMS geschrieben: „Hast Du das gesehen?“ Ein kleiner Teil von diesem Pott gehörte auch uns.

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Auch ein Teil der Entwicklung ist, dass Gladbach inzwischen zwei deutsche Nationalspieler hat. Wie wichtig ist das für die Außenwahrnehmung?

Wenn Jungs bei uns Nationalspieler werden, ist das für uns ein weiterer Punkt auf der Visitenkarte, wenn wir um neue Spieler werben. Wir haben drei Schweizer, die bei der WM dabei sein werden, einen Belgier, einen Dänen und – so wie ich es sehe – mit Matthias Ginter und Lars Stindl zwei Deutsche, die sehr große Chancen haben. Wenn wir sieben Spieler dabei hätten, wäre das ein Wort.

Was ist realistischer: Dass Gladbach einem Spieler mal zehn Millionen Gehalt bietet oder dass man 40 Mio. oder mehr an Ablöse zahlt?

Beides ist gefühlt sehr weit weg. Dennoch erscheint es mir logischer, dass wir diese Ablöse zahlen als das Gehalt.

Wann werden Sie den Vertrag mit Dieter Hecking verlängern?

Ich glaube, Kontinuität ist ein Wort, was bei uns nicht nur gesagt, sondern gelebt wird. Ich bin mit dem ersten Jahr von Dieter sehr zufrieden. Er hat uns in der schwierigen Phase übernommen, nach 16 Spielen mit 16 Punkten und dann im Kalenderjahr 56 Punkte aus 34 Spielen geholt – das ist eine große Leistung. Zudem passt Dieter mit seiner Art und Weise prima zu Borussia. Sehr authentisch, sehr klar. Mit einem klaren Plan, klarer Ansprache, einer Vision, wie er es haben möchte. Und er baut immer wieder junge Spieler ein. Dass wir in die neue Saison gehen mit einem Vertrag bis 2019 schließe ich aus. Wir wollen verlängern, aber das wird nicht in den nächsten Wochen passieren. Um die Sommerpause herum ist genug Zeit, das in Ruhe zu besprechen.

In der Hinrunde blamierten sich die deutschen Klubs in Europa – beängstigende Entwicklung oder Momentaufnahme?

Für mich derzeit noch eine Momentaufnahme. Wir sollten nicht zu schwarz malen, aber auch nicht naiv darüber hinwegschauen. Wir hatten seit dem Start der Europa League 17 unterschiedliche Teilnehmer, Spanien beispielsweise nur neun. Aus meiner Sicht müssen wir alle das Gefühl wieder vermitteln, dass wir den deutschen Fußball in Europa würdig vertreten wollen. Es kann nicht sein, dass man im Mai mit Champagnerduschen den Einzug nach Europa feiert und dann ein paar Monate später sagt: Oh Gott, oh Gott. Ich kann für uns sprechen: Das haben wir nicht ein einziges Mal gesagt!

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Würde es helfen, wenn 50+1 fallen würde?

Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass auch dann die Vereine viel Geld generieren würde, die heute schon viel Geld generieren. Ich bin dafür und wir als Klub sind dafür, 50+1 zu erhalten und lieber strategische Partner zu finden, wie es beispielsweise Bayern vorbildlich macht. Ob es das Allheilmittel wäre, 50+1 zu kippen, um den Wettbewerb spannender zu machen, bezweifle ich. Dafür muss man nur nach England schauen. Dort haben die ersten sechs Klubs alle Investoren und trotzdem führt ManCity die Tabelle mit 15 Punkten Vorsprung an.

Hand aufs Herz: Glauben Sie, dass 50+1 kippen wird?

Ich befürchte es. Aus meiner Sicht wäre es kein gutes Zeichen. Es gibt ja schon jetzt 12, 13 Klubs, die Anteile verkauft haben. Wir gehören zu denen, die noch komplett „rein“ sind. Ich sage Ihnen mal etwas.

Bitte.

Wenn jemand käme, mir 40 Millionen Euro geben und sagen würde: damit musst Du in die Champions League kommen, sonst musst du verkaufen, würde ich das Geld nicht haben wollen.

Was würde sich für Borussia ändern, sollte 50+1 kippen?

Von der Vereinsphilosophie nichts, denn wir würden es beibehalten. Obwohl ich glaube, dass wir interessant wären für Investoren. Aber die Frage ist ja, ob man das will, dass einem Herr Sowieso von Firma xy nach einem verlorenen Spiel das Messer an den Hals hält oder sagt, dass wir einen Spieler verkaufen müssen. Ich möchte da nicht hinkommen. Ich möchte selbst- und nicht fremdbestimmt sein.

​"DER VIDEOBEWEIS SOLL BLEIBEN"

Ein anderes Thema, was die Liga bewegt, ist der Videobeweis. Wie stehen Sie mit etwas Abstand dazu?

Ich bin dafür, dass der Videoassistent bleiben soll. Aber ich würde mir wünschen, dass die ganzen Problematiken, die zum größten Teil hausgemacht waren, einfach wieder auf den Ausgangspunkt zurückgeführt werden. Es muss die Verantwortung beim Schiedsrichter auf dem Platz bleiben und nur bei ganz klaren Fehlentscheidungen, darf der Assistent eingreifen. Es darf nicht sein, dass Hätte-, Wäre-, Könnte-Entscheidungen aus Köln getroffen werden. Wenn wir an diesen Tag zurückgehen, gibt es noch eine Chance. Wenn wir weiterwurschteln, dann nicht. So wie es zuletzt lief, waren die Schiris die ärmsten Schweine, weil es keine Linie mehr gab.

Letzte Frage: Wie oft haben Sie noch über ihre Entscheidung, das Angebot des FC Bayern abgelehnt zu haben, nachgedacht?

Ich habe darüber nachgedacht, das gebe ich offen zu. Aber ich bin immer wieder zum gleichen Entschluss gekommen – dass ich für mich eine sehr, sehr gute und richtige Entscheidung gefällt habe.

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