22. September 2018 / 06:00 Uhr

Nürnberg-Trainer Michael Köllner: "Greifen Trainer heute zweimal daneben, sind sie weg"

Nürnberg-Trainer Michael Köllner: "Greifen Trainer heute zweimal daneben, sind sie weg"

Stefan Döring
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Michael Köllner ist Aufstiegstrainer des 1. FC Nürnberg. Im Interview mit dem SPORTBUZZER kritisiert er unter anderem, dass junge Trainer zu schnell unter Beschuss stehen.
Michael Köllner ist Aufstiegstrainer des 1. FC Nürnberg. Im Interview mit dem SPORTBUZZER kritisiert er unter anderem, dass junge Trainer zu schnell unter Beschuss stehen. © imago
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Er ist Trainer, Denker, Ausbilder: Nürnberg-Coach Michael Köllner hat eine besondere Geschichte und besondere Ideen. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über das deutsche Nachwuchs-Problem, seinen Glauben und sagt, warum der 1. FC Nürnberg erstklassig bleibt.

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Seine Geschichte ist ungewöhnlich im Profifußball. Michael Köllner, Trainer des Bundesliga-Aufsteigers 1. FC Nürnberg, machte erst bei der Bundeswehr eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer, wurde Sportfachwirt und landete nach seiner Trainerausbildung beim DFB, wo er für anderthalb Jahrzehnte Nachwuchsteams trainierte. Erst im März 2017 wagte der heute 48-Jährige den Sprung in den Profibereich und wurde Trainer der Franken. Mit Erfolg: In seiner ersten kompletten Saison gab es den Aufstieg des „Club“. Köllner im Interview vor dem Spiel der Nürnberger gegen Hannover 96 am Samstag (15.30 Uhr - hier alle Infos).

SPORTBUZZER: Herr Köllner, Sie haben bei Ihrem Antritt gesagt, der 1. FC Nürnberg muss wiedererkennbar sein. Ist er das heute?

Michael Köllner (48): Ich hoffe (lacht). Wir haben eine klare Idee, die wir durch alle Jugendmannschaften bis zu den Profis ziehen. Unsere Art des Fußballs hat einen Wiederkennungswert. Es geht nicht um Systeme, sondern um Spielprinzipien. Wir wollen einen attraktiven und offensiven Fußball spielen. Den Fans soll es gefallen.

„Ich brauche das Gefühl, was einen Verein ausmacht“, sagten Sie mal. Was macht den „Club“ aus?

Die Historie! Der „Club“ wird nicht umsonst der „Ruhmreiche“ genannt. Zudem die Verwurzelung in der Region und die Art und Weise, wie wir wahrgenommen werden. Wir sind ein Verein mit einer riesigen Schlagkraft.

Sie machen öffentliches Training, schreiben Autogramme, während sich andere Vereine abschotten. Warum?

Ich versuche den Spielern beizubringen, dass sie die Fans wahrnehmen müssen. Da ist es selbstverständlich, dass wir Autogramme schreiben oder Fotos machen. Das ist unser Weg, weil wir Identifikation mit uns und dem Verein wollen. Das funktioniert nur, wenn wir das leben.

SPORTBUZZER-Redakteur Stefan Döring im Gespräch mit Nürnberg-Trainer Michael Köllner.
SPORTBUZZER-Redakteur Stefan Döring im Gespräch mit Nürnberg-Trainer Michael Köllner. © SPORTBUZZER
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"Die Spieler sind besser, wenn sie überzeugt von dem sind, was sie tun"

Der Jugendfußball prägt Ihre Karriere. Wie viel Glauben und Überzeugung steckt in der Arbeit mit Talenten?

Es geht nur mit Glauben und Überzeugung. Als Jugendtrainer war ich allerdings etwas eingeschränkter, weil wir meistens nur abends trainieren konnten und die Schule genauso im Fokus stand wie der Fußball. In allen Altersbereichen ist es wichtig, dass die Spieler erkennen, dass alles, was wir uns erarbeiten, aufeinander aufbaut. Das muss ich mit einer hohen Glaubwürdigkeit rüberbringen. Es geht ja darum, die Spieler fähig für ein Fußballspiel zu machen.

In Ihrer Biografie schreiben Sie, dass Sie damals als Spieler Entscheidungen Ihrer Trainer hinterfragt haben. Wünschen Sie sich das von Ihren Spielern auch?

Ich hoffe, dass meine Spieler nicht alles hinterfragen (lacht). Ich glaube aber, dass meine Spieler sehr kritikfähig sind und stark reflektieren. Davon profitieren wir alle, auch wenn wir über Inhalte diskutieren. Die Spieler sind besser, wenn sie überzeugt von dem sind, was sie tun. Ab und zu kommen Spieler zu mir und wollen über bestimmte Dinge reden. Dann diskutieren wir das und es hilft uns allen.

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Sie sind kein Ex-Bundesliga-Spieler und gehören auch nicht zur jungen Trainergeneration.

Ich bin seit mehr als 27 Jahren Trainer und hatte viele Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. Das können Trainer heute nicht mehr. Greifen sie zweimal daneben, sind sie weg. Viele streben heute zu schnell in Leistungszentren und in den Profifußball. Dort herrscht jedoch ein gewisser Druck, durch den man Situationen unter Umständen nicht mehr mit der nötigen Gelassenheit und Kompetenz begegnet.

Deshalb ist der Glaube für Köllner so wichtig

Nach dem WM-Debakel wurde viel über die Ausbildung und Spezialisierung gesprochen. Gibt es beim DFB Probleme?

Ich habe mich nach dem WM-Titel 2014 aus dem Talentförderprogramm des DFB verabschiedet, war von Beginn des Ausbaus des Talentfördersystems bis zum Titel beteiligt. Einen Fehler darf man nie machen: Den Blick dafür verlieren, was schlecht ist, wenn gerade alles gut läuft. In Jugendleistungszentren arbeiten vorwiegend junge Trainer, die für ihre Vereine wichtige Arbeit machen. Aber wenn alle jung sind, geht viel verloren. Ich glaube, dass uns die richtige Mischung verloren geht. Es wird zu schnell spezialisiert und nur noch in eine Richtung trainiert. Dabei müssen junge Spieler von unterschiedlichen Trainern eine ganze Bandbreite von Inhalten lernen. Das fällt dem deutschen Fußball gerade etwas auf die Füße, weil einige wichtige Faktoren verloren gingen, welche Spieler zu Persönlichkeiten machen. Das Ganzheitliche geht im Fußball verloren.

Der Glaube spielt in Ihrem Leben eine große Rolle, Sie waren als Schüler auf einem katholischen Internat. Wie hat diese Zeit ihr Leben geprägt und wie prägt es Sie heute?

Jeder Mensch sollte nach gewissen moralischen und ethischen Vorgaben leben. Die zehn Gebote sind für mich Grundprinzipien. Sie haben Einfluss auf mein Leben, und ich glaube, dass jeder Mensch Leitplanken in seinem Leben braucht, damit es nicht ausufert. Das versuche ich, in der Mannschaft einzubringen. Die Jungs sollen über den Tellerrand hinausblicken und sich mit der Frage beschäftigen, was der Sinn des Lebens ist. Jeder soll seine eigenen Antworten finden. Und die Religion kann da eine Antwort sein.

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Köllner: Deshalb bleiben wir drin

Sie waren einmal mit Ihrer Mannschaft im Kloster, im Sommer besuchten Sie einen Friedhof. Warum?

Jeder kann für sich persönlich etwas aus solchen Aktionen mitnehmen und kommt auf diesem Wege zumindest mal mit diesen Themen in Berührung. Ich möchte, dass die Spieler ihren Horizont erweitern, außerdem ist es eine Art Bildung. Und Bildung hat bisher niemandem geschadet.

Sie waren Zahnarzthelfer bei der Bundeswehr. Wünschen Sie sich den ruhigen Job manchmal zurück?

Nein, in keiner Sekunde. So wie es ist, bin ich wunschlos glücklich. Wie der liebe Gott mich hierhergeführt hat – da kann ich mich nicht beschweren.

Sind Sie von dem Weg des 1. FC Nürnberg in der Liga überzeugt?

Das bin ich, aber wir bleiben allesamt realistisch, denn wir sind im Vergleich mit den 17 anderen Bundesligisten die kleinste Mannschaft. Daher müssen wir jeden Tag zu 100 Prozent unseren Job erledigen und selbst das gibt uns nicht die Garantie, dass wir die Klasse halten. Aber ich weiß, dass meine Spieler eine riesige Qualität haben, dass wir alle gemeinsam jeden Tag alles geben, dass wir auf den Rückhalt unserer Fans bauen können und deshalb bleiben wir drin.


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