14. September 2018 / 12:49 Uhr

Teamkollegin Welte exklusiv: So lebt Kristina Vogel mit ihrer Querschnittslähmung

Teamkollegin Welte exklusiv: So lebt Kristina Vogel mit ihrer Querschnittslähmung

Stefan Döring
Twitter-Profil
Kristina Vogel ist nach einem Trainingsunfall querschnittsgelähmt. Der SPORTBUZZER sprach mit ihrer langjährigen Teamkollegin Miriam Welte.
Kristina Vogel ist nach einem Trainingsunfall querschnittsgelähmt. Der SPORTBUZZER sprach mit ihrer langjährigen Teamkollegin Miriam Welte. © imago/Matthias Koch/VI Images
Anzeige

Miriam Welte ist nicht nur eine Weggefährtin des schwer gestürzten Bahnrad-Stars Kristina Vogel, sondern auch die beste Freundin. Im SPORTBUZZER berichtet sie, wie die 27-Jährige mit ihrem Schicksal umgeht.

Anzeige

SPORTBUZZER: Miriam Welte, Kristina Vogel beeindruckt die Sportwelt mit ihrer positiven Lebenseinstellung nach ihrer Querschnittslähmung. Hat sie dieser Optimismus überrascht?

Miriam Welte: Kristina ist wirklich so, wie sie sich am Mittwoch gezeigt hat. Natürlich sagt sie, dass ihr Schicksal mit der Querschnittlähmung scheiße ist. Klar ist auch, dass sie traurig darüber ist. Aber sie ist schon immer ein fröhlicher Mensch und schaut positiv in die Zukunft.

Was wird Kristina Vogel nun machen?

Kristina will sich bewegen und Sport treiben – auch und gerade nach diesem tragischen Unfall. Den Weg zurück in den Profisport hält sie sich aber offen. Am Mittwoch hatte Kristina im Spaß gesagt, dass sie eine zwölfte WM-Goldmedaille gewinnen möchte. Aber sie braucht Zeit, um sich zu überlegen, wohin sie will, welche Ziele sie ins Visier nimmt und für welche paralympischen Sportarten sie Talent hat. Ihr Reha-Weg ist noch lang. In dieser Zeit wird sie sich viele Gedanken machen, wohin es gehen soll.

Mehr zu Kristina Vogel

Sie ist als Bundespolizistin abgesichert. Können Sie sich Ihre langjährige Freundin im Polizeidienst vorstellen?

Ja, absolut! Kristina hat total Lust auf den Job als Polizistin. Das war damals schon in der Ausbildung so, dass sie voller Elan dabei war. Und im Ermittlungsdienst gibt es für sie jetzt sehr viele Möglichkeiten. Aber ich kann mir sie auch in anderer Funktion vorstellen. Etwa als Rednerin oder Motivatorin. Sie kann Menschen mitziehen und ihnen Mut machen.

Was macht Kristina Vogel für Sie aus?

Sie weiß immer, was sie will und das zieht sie mit allen Konsequenzen durch. Sie ordnet ihrem Ziel alles unter und arbeitet zielorientiert. Das kommt ihr im Leben zu Gute und ist typisch für eine Sportlerin.

Wie haben Sie von dem tragischen Unfall erfahren?

Ich war aufgrund von Rückenproblemen damals nicht mit in Cottbus zum Training, sondern zu Hause und wurde dort behandelt. Mein Stiefvater, der auch mein Trainer ist, war aber mit dem Team dabei. Er hatte mich angerufen. Ich wusste, dass Kristina mit dem Rettungshubschrauber nach Berlin gebracht wurde, und mir wurde bewusst, dass es etwas Schlimmeres sein muss. Als die Diagnose kam, war es ein Riesenschock für mich. Ich habe zu Hause gesessen und geweint. Warum passiert Kristina sowas? Wie kann es sein, dass ein Unfall so schlimme Folgen hat?

Die 50 größten Sportler der Geschichte

Zur Galerie
Anzeige

Sind Stürze in Ihrem Sport denn so selten?

Im Bahnradsport gibt es eher wenige Stürze und die gehen meistens glimpflich aus. Das Schlimmste, was uns passieren kann, sind eigentlich Abschürfungen und ein Schlüsselbeinbruch. Im Vergleich zu den Radsportlern auf der Straße passiert uns wirklich wenig. Im gesamten Radsport passieren auf der Bahn wahrscheinlich die glimpflichsten Unfälle. Deshalb ist es immer noch sehr schwer zu begreifen, wie das bei Kristina passieren konnte.

Sind Sie seit dem Unfall von Kristina Vogel vorsichtiger auf der Bahn unterwegs?

Ich bin vorsichtig und habe im Training oft den Kopf oben und beobachte alles um mich herum und blicke mich regelmäßig um. Ich bin ja auch schon einige Male gestürzt und dann verhält sich ein Sportler ohnehin anders. Seit dem Unfall rufe ich mir das immer wieder ins Gedächtnis.

Und im Wettkampf?

Da kann ich nicht vorsichtig sein, sonst könnte ich nicht erfolgreich sein und meine Leistung bringen. Ich habe schon bewiesen – auch nach dem Unfall von Kristina -, dass ich erfolgreich sein kann.

Wie groß ist der sportliche Verlust von Kristina Vogel für Sie persönlich? Sie waren äußerst erfolgreich zusammen.

Dass sie nicht mehr dabei ist, ist ein großer Verlust für mich – sportlich und menschlich. Wir haben viele Erfolge zusammen gefeiert und waren elf Jahre zusammen unterwegs und haben uns das Zimmer geteilt. Kristina ist eine richtige Freundin und wir haben viel zusammen erlebt. Wir waren auch abseits der Bahn ein unglaublich gutes Team. Wir haben uns gegenseitig vertraut, geholfen und wieder aufgebaut, wenn es mal nicht so lief. Es ist schmerzhaft, dass sie nicht mehr dabei ist.

Nun müssen die jungen Sportlerinnen um Pauline Grabosch und Emma Hinze einspringen...

Die Jungen müssen sich etablieren, aber sie sind sehr motiviert und sie haben alle großen Ehrgeiz. Sie haben sogar gesagt, dass sie nun auch immer für Kristina fahren werden. Emma Hinze hatte mir zum Beispiel bei den European Championships in Glasgow gesagt, dass sie Kristina und mich nicht enttäuschen wolle. Sie hat sich selbst enormen Druck gemacht, ist im Wettkampf dann super stark gefahren und wir haben eine Medaille gewonnen.

Mehr vom SPORTBUZZER

"Wir haben noch viel Arbeit vor uns"

Ist bis zu den nächsten Olympischen Spielen Spielen 2020 in Tokio genug Zeit, um sich zu etablieren?

Wir haben noch viel Arbeit vor uns und in zwei Jahren kann viel passieren. Wir wollen uns entwickeln und sportliche Fortschritte machen. Ich denke aber noch nicht an Tokio. Das ist noch sehr weit weg.

Wie hat sich nach dem Unfall von Kristina Vogel Ihre Rolle im Team geändert?

Es hat sich nicht viel verändert. Ich gebe meine Erfahrung gern weiter, habe das aber auch schon vorher gemacht. Ich finde das schön, dass sich die jungen Fahrerinnen an mir orientieren und ich freue mich, wenn ich ihnen helfen kann. Die Erfahrung von Kristina fehlt aber schon manchmal.

Sie waren elf Jahre lang zusammen unterwegs, sind enge Freundinnen. Wie halten Sie das nun aufrecht?

Es ist natürlich etwas schwierig, da ich in Kaiserslautern lebe und Kristina aktuell in Berlin in der Klinik ist. Aber es gibt ja genug moderne Kommunikationsmittel, die es leicht machen Kontakt zu halten. Ich werde sie auch sicher ein paar Mal besuchen – vor allem wenn ich zum Trainingslager in Frankfurt/Oder bin.

Wie geht es für Sie persönlich nun weiter?

Im Oktober, November und Dezember finden vier Wettbewerbe für die Olympia-Qualifikation in London, Kanada, Berlin und London statt. Da werde ich am Start sein und um meine Startberechtigung für die Spiele in Tokio fahre.

Die aktuellen TOP-THEMEN

Mehr Fußball vom Sportbuzzer

Anzeige
Sport aus aller Welt