06. Februar 2018 / 15:53 Uhr

Olympia 2018: Claudia Pechstein – Sportlegende und Streitfigur

Olympia 2018: Claudia Pechstein – Sportlegende und Streitfigur

Markus Beims
Claudia Pechstein bei ersten Trainingsrunden auf der Bahn in Südkorea.
Claudia Pechstein bei ersten Trainingsrunden auf der Bahn in Südkorea. © dpa
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Unsere Goldhoffungen für Pyeongchang: Claudia Pechstein möchte bei ihren siebten Olympischen Spielen noch einmal angreifen - ganz unumstritten ist die Eisschnelllauf-Legende aber nicht.

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Bei den Olympischen Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang wird Claudia Pechstein einmal mehr Sportgeschichte schreiben. Die deutsche Eissschnellläuferin feiert während der Spiele nicht nur ihren 46. Geburtstag, zugleich nimmt Pechstein zum siebten Mal an Olympischen Winterspielen teil. Die Berlinerin ist überdies mit neun olympischen Medaillen – davon fünfmal Gold – die erfolgreichste deutsche Wintersportathletin bei Olympischen Spielen überhaupt.

Anfänge im Eiskunstlauf

Als die dreijährige Claudia Pechstein im Jahr 1975 im Berliner Sportforum erstmals auf Schlittschuhen steht und begeistert das Element Eis für sich entdeckt, herrscht um sie herum noch der Kalte Krieg der Supermächte. Die in Berlin-Marzahn Aufwachsende probiert sich zunächst im Eiskunstlauf, doch Ende 1982 raten ihr die Trainer, zum Eisschnelllauf zu wechseln und dort ihre Talente in Erfolge umzumünzen. Im Februar 1985 feiert Pechstein ihren ersten nationalen Sieg über 1500 Meter bei der Kinder- und Jugendspartakiade der DDR. International macht sie erstmals 1988 auf sich aufmerksam: Bei der Junioren-WM gewinnt sie die Silbermedaille im Mehrkampf.

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​Olympiadebüt 1992 in Frankreich

Nach der politischen Wende gelingt Claudia Pechstein auch im wiedervereinigen Deutschland der Sprung in die nationale Spitze. Bei den deutschen Einzelstreckenmeisterschaften im März 1991 belegt sie über 3000 und 5000 Meter jeweils Rang zwei. Im folgenden Winter qualifiziert sich Pechstein mit starken Leistungen im Weltcup für die Olympischen Winterspiele 1992 in Albertville/Frankreich. Dort gewinnt die Berlinerin überraschend die Bronzemedaille über die 5000-Meter-Distanz und vervollständigt den deutschen Dreifach-Triumph. Pechstein steht am Anfang einer langen und erfolgreichen Karriere. Was in den kommenden Jahrzehnten folgt, ist deutsche und internationale Sportgeschichte. Alle Einzeltitel Pechsteins aufzulisten, hat bereits so manchen Sport-Almanach zum Überquellen gebracht.

​Erstes Olympia-Gold 1994 in Norwegen

Bei den XVII. Olympischen Winterspielen 1994 im norwegischen Lillehammer erringt Pechstein über 5000 Meter ihre erste Goldmedaille, nachdem sie ihre persönliche Bestzeit im Finallauf um stolze 20 Sekunden unterboten hatte und legt mit Bronze über 3000 Meter nach. Vor der Abschlussfeier wird sie daraufhin zur deutschen Fahnenträgerin erkoren. Auch bei den folgenden Olympischen Winterspielen 1998, 2002 und 2006 reiht sich Pechstein mindestens je einmal in die Liste der Goldmedaillengewinnerinnen ein. 2002 in Salt Lake City/USA gewinnt sie gar zweimal Gold (3000/5000 Meter). Nach ihrer zweijährigen Dopingsperre von 2009 bis 2011 feiert Pechstein ihr Comeback und nimmt 2014 in Sotchi/Russland zum sechsten Mal an Olympia teil. Dort wird ihr ein Medaillenerfolg allerdings knapp verwehrt. In ihren Paradedisziplinen über 3000 und 5000 Meter wird die Deutsche Vierte und Fünfte. 2018 in Südkorea wird Pechstein zum siebten Mal bei Olympischen Winterspielen starten.

WM-Medaillen in Serie

Im Jahr 1992 startet Pechstein erstmals bei einer Mehrkampf-WM, 1996 gewinnt sie bei der Einzelstrecken-WM erstmals Gold. Bis zum Jahr 2017 gewinnt Pechstein insgesamt 42 WM-Medaillen, davon sechsmal Gold. Elf EM-Medaillen (dreimal Gold) sowie 58 nationale Medaillen (33-mal Gold) „ergänzen“ die schier unglaubliche Erfolgsliste.

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Die größten Konkurrentinnen Pechsteins sind zunächst Gunda Niemann-Stirnemann und schließlich Anni Friesinger. Das Verhältnis zwischen Pechstein und Friesinger ist von Beginn an nicht das beste. So hat Friesinger in einem Interview behauptet, im Osten werde ein „engstirniges Trainingssystem“ (10.3.2001, Hamburger Abendblatt) praktiziert, während in Inzell dagegen eine sehr familiäre Atmosphäre herrsche. Pechstein reagiert vor Olympia 2002 sehr verletzt angesichts dieser Äußerungen: „Diese Aussagen empfanden wir Athleten aus dem Osten als anmaßend. Wie kann sie darüber urteilen, wo sie doch nie mit uns trainiert hat?“ (2.2.2002, Hbg. Abl.). In einem weiteren Interview nach Olympia 2002 äußert sich Pechstein zu ihrem Verhältnis zu Anni Friesinger: „Anni und ich, wir respektieren uns. Aber es ist nicht so, dass ich mit ihr Kaffee trinken gehen möchte“ (17.3.2002, FAS). Pechstein legt nach ihren zwei Olympia-Goldmedaillen 2002 ihr „Image einer verkniffenen DDR-Athletin“, die „durch eher reizlose Bemerkungen“ aufgefallen sei (DER SPIEGEL, 8/2002) endgültig ab.

Kampf um Gerechtigkeit nach Dopingsperre

Ihre größte Herausforderung findet Claudia Pechstein nicht auf dem Eis, sondern nach ihrer Dopingsperre im Jahr 2009 beim mehrjährigen Gang durch die gerichtlichen Instanzen. Die Mehrkampf-WM 2009 im norwegischen Hamar wird zum großen Wendepunkt in der Karriere Pechsteins. Als Drittplatzierte muss sie, so heißt es anfangs offiziell, nach den ersten beiden Rennen wegen einer fiebrigen Erkältung aufgeben. Wenige Tage später teilt die Internationale Eislaufunion (ISU) mit, bei Pechstein sei ein erhöhter Wert von jungen Blutkörperchen (Retikulozyten) festgestellt worden. Die ISU verhängt daraufhin eine zweijährige Dopingsperre. Die Berlinerin avanciert damit unfreiwillig zur ersten Athletin, die ohne Vorliegen einer positiven Dopingprobe aufgrund von Indizien gesperrt wird. Pechstein beteuert jedoch ihre Unschuld und kündigt den Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS an. Der Rechtsstreit vor verschiedenen Gerichten zieht sich über Jahre hin. Selbst nach dem Ablauf der Dopingsperre im Jahr 2011 und dem erfolgreichen Comeback auf der Einsschnelllaufbahn kämpft Pechstein weiter für ihre Rehabilitierung.

Der „Fall Pechstein“ beschäftigt nicht nur die Gerichte, auch Sportmediziner sind unterschiedlicher Meinung. Pechsteins Argument, dass es sich bei ihr um ein natürliches Anwachsen der Retikulozyten handelt, wird unterschiedlich bewertet. Der Heidelberger Anti-Dopingspezialist Professor Werner Franke erklärt: „So etwas gibt es in der Natur nicht“ (Hbg. Abl., 26.11.2009.). Der Kölner Dopinganalytiker Professor Wilhelm Schänzer hingegen kommt zu einer anderen Einschätzung: „Der Beweis ist aus meiner Sicht nicht erbracht“ (FR, 26.11.2009).

Bis heute wird der „Fall Pechstein“ kontrovers diskutiert. Die Meinungen gehen nach wie vor auseinander. Ungeachtet dessen setzt Pechstein mit ihrer siebten Olympiateilnahme einen weiteren Meilenstein auf ihrer langen und überaus erfolgreichen Karriere. Die gelernte Industriekauffrau, die seit 1993 der Bundespolizei angehört, wird mit oder ohne Medaille ein weiteres Kapitel olympischer Sportgeschichte schreiben. „Ich bin stolz und überrascht, was mein alter Körper noch hergibt“ (FAZ, 22.10.2017), zeigt sich Pechstein amüsiert und kämpferisch zugleich.

Kurz-Steckbrief:

Geb.: 22.02.1972

in: Ost-Berlin (damalige DDR)

größte Erfolge: 9 Olympia-Medaillen (fünfmal Gold), 42 WM-Medaillen (sechsmal Gold)

Hobbys: Eishockey, Formel 1

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